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Abnehmen

Wie die Pfunde purzeln

25.04.2016
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Von Kornelija Franzen / Es ist wieder so weit: Pünktlich zum Frühjahrsbeginn wollen viele dem Winterspeck zu Leibe rücken. Etliche Zeitungen und Zeitschriften preisen vermeintlich neue und zuverlässige Abnehmkuren an. Doch was hilft tatsächlich beim Abnehmen und wovon sollten PTA und Apotheker besser abraten?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mahnt: Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist zu dick – Tendenz steigend. Mit jedem überschüssigen Kilogramm steigt die Wahrscheinlichkeit metabolische oder kardiovaskuläre Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel­störungen oder Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Aber zum Beispiel auch die Entstehung von Gelenkarthrosen, Gicht, Schlaf-Apnoen und vieler weiterer Leiden wird durch Übergewicht (Body-Mass-Index ≥ 25 kg/m2, siehe Kasten), vor allem aber durch Fettleibigkeit (Adipositas, BMI ≥ 30 kg/m2) begünstigt.

Untersuchungen belegen, dass insbesondere viszerales Fettgewebe dem Körper langfristig schadet. Dieses Bauchfett umgibt die inneren Organe und ist, anders als das subkutane Fettgewebe an Gesäß und Hüfte, besonders stoffwechselaktiv. Neben Fettgewebs­hormonen (Adipokine) werden dort auch entzündungs­fördernde Stoffe ausgeschüttet. Diese spielen eine zentrale Rolle bei der Ausbildung metabolischer und kardio­vaskulärer Komplikationen. In Anlehnung an die entstehende Körpersilhouette wird die Tendenz, Fettgewebe im Bauchbereich anzusammeln, als »Apfelform« bezeichnet, während der Begriff »Birnenform« eine bevorzugte Fettspeicherung an Gesäß, Hüfte und Oberschenkeln kennzeichnet. Die aktuelle interdisziplinäre Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas spricht einem Taillenumpfang von mehr als 80 cm bei Frauen beziehungsweise mehr als 94 cm bei Männern ein erhöhtes Krankheitsrisiko zu.

Body-Mass-Index (BMI): Körpergewicht (kg)/Körpergröße2 (m2)

Untergewicht: < 18,5

Normalgewicht: 18,5 – 24,9

Übergewicht: ≥ 25

Adipositas: ≥ 30

Taillenumpfang (cm): 

erhöhtes Gesundheitsrisiko:

Frauen ≥ 80, Männer ≥ 94

stark erhöhtes Gesundheitsrisiko:

Frauen ≥ 88, Männer ≥ 102

Keine Null-Diäten

Übergewicht entsteht, wenn mehr Nahrungsenergie – Einheit: Kilocalorien kcal oder Kilojoule (1 kcal = 4,186 kJ) – aufgenommen wird, als durch Grundumsatz und Bewegung verbraucht wird. Der Grundumsatz entspricht der Energie, die notwendig ist, um lebenswichtige Organfunktionen und eine konstante Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Im Umkehrschluss bedeutet das: Gewichtsabnahme kann nur funktionieren, wenn mehr Energie verbraucht als zugeführt wird, die Energiebilanz also negativ ist. Das klingt zunächst recht einfach. Doch die Erfahrung zeigt, dass der Körper seine Fettdepots nur höchst widerwillig auflöst. Reduziert man die Energiezufuhr auf null oder begrenzt sie auf weniger als 1000 kcal pro Tag, etwa beim Fasten oder bei drastisch kalorienreduzierten Diäten (very-low-calorie diets, VLCD), so leitet der Körper ein Notprogramm ein. Dieser Hungerstoffwechsel ist gekennzeichnet durch eine Herabregulation des Grundumsatzes und die Einleitung kataboler Prozesse. Zunächst werden dabei die Glykogenspeicher geleert. Anschließend wird Energie aus dem Muskel- und Bindegewebsabbau genutzt. Erst nach etwa vier Tagen gewinnt die Fettverbrennung merklich an Bedeutung.

Für den Körper sind Null- und Radikaldiäten belastend und gefährlich. Sie sollten daher ausschließlich unter fachkundiger Aufsicht erfolgen. Neben einem massiven Muskelabbau und einer unzureichenden Vitamin- und Mineralstoffversorgung drohen Kreislaufschwäche bis hin zum Kollaps sowie durch Kaliumverluste ausgelöste Herzrhythmusstörungen. Ein weiterer Kritikpunkt: In puncto Ernährung findet kein Umdenken statt. Die Anwender lernen nicht, wie sie es zukünftig besser machen können. Nach Abschluss der Diät kehren sie zu ihren ursprünglichen Ernährungsgewohnheiten zurück. Unglücklicherweise steigt der Grundumsatz nur langsam wieder an und die Jo-Jo-Falle schnappt zu: Jeder Bissen zu viel füllt erneut die mühselig geleerten Fettdepots.

Gesundes Essen und Bewegung

Eine Wunderwaffe gegen überschüssige Pfunde gibt es nicht. Einzig die Kombination aus gesunder, ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung hilft. Häufig sollten daher vor allem viel frisches Obst und Gemüse, Kohlenhydrate wie in Getreide, Kartoffeln oder Reis ,Milch und Milchprodukte in Maßen sowie Fisch auf dem Speiseplan stehen. Fleisch, Wurstwaren und Eier sollten seltener verzehrt werden. Auch das Trinken sollte nicht vergessen werden: Zwei bis drei Liter Wasser oder ungesüßte Tees sind ideal. Fertiggerichte und Naschereien sind aufgrund ihrer zumeist hohen Energiedichte gepaart mit geringem Nährwert am besten ganz wegzulassen.

Je nach Alter, Gewicht und körperlicher Aktivität benötigen Frauen täglich etwa 1800 bis 2500 kcal, Männer 2300 bis 3100 kcal. Ein effektiver Weg, überflüssige Pfunde abzunehmen, besteht darin, täglich etwa 500 kcal einzusparen. Dies entspricht einem wöchentlichen Gewichtsverlust von 0,5 kg (7x 500 kcal= 3500 kcal; 1 kg Fettgewebe = 7000 kcal). Um nicht in den Hungerstoff­wechsel zu rutschen, sollte die Energiezufuhr 1200 kcal pro Tag nicht unterschreiten.

Um das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel zu schärfen, aber auch um eigene Ernährungsfehler aufzudecken, können PTA und Apotheker ihren Kunden dazu raten, ein Ernährungstagebuch zu führen. Ebenfalls hilfreich ist neben der Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) die sogenannte ChipListe®. Sie bietet den Vorteil, dass sie Lebensmittel in Portionen/Chips von etwa 100 kcal einteilt. Ein lächelnder Chip symbolisiert ein gesundes Lebensmittel, während minderwertigen Nahrungsmitteln ein grimmiges Konterfei zugeordnet ist. Bewegungs-Chips geben Auskunft da­rüber, mit welchen Tätigkeiten 100 kcal verbraucht werden können. Sport hilft beim Abnehmen. Das heißt nicht, dass täglich exzessiv trainiert werden muss. Zwei- bis dreimal pro Woche eine halbe Stunde Ausdauersport genügt. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die auf lange Sicht Erfolg bringen: Mehr zu Fuß und mit dem Fahrrad erledigen und das Auto öfter mal stehen lassen. Ein Schrittzähler kann selbst Bewegungsmuffel spielerisch zu mehr Aktivität motivieren.

Formuladiäten helfen

Aller Anfang ist schwer – um den Gewichtverlust zu Beginn einer Diät anzukurbeln, können PTA und Apotheker zur Einnahme von Formula-Präparaten (zum Beispiel Almased®, apoday®Slim) raten. Wohlgemerkt: Auch hier ist langfristig die Umstellung auf ein gesundes Essverhalten zwingend. Die Zusammensetzung und der Energiegehalt von Formuladiäten sind einheitlich festgeschrieben. Bei sachgemäßer Anwendung ist eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen gewährleistet, die Grenze zum Hungerstoffwechsel wird nicht unter­schritten. Formula-Präparate weisen einen erhöhten Eiweißanteil auf, der vor Muskelabbau schützt und länger satt macht – ein wesentlicher Pluspunkt für Therapietreue und Durchhaltevermögen. In der Regel werden ein bis drei Mahlzeiten durch einen Formula-Shake (enthält 200 bis 300 kcal) ersetzt.

Fettresorption hemmen

Der Arzneistoff Orlistat blockiert die Fettresorption im Dünndarm um bis zu 30 Prozent und sorgt auf diese Weise für eine Gewichtsreduktion. Unter dem Handelsnamen Alli® kann der Lipasehemmer im Rahmen der Selbstmedikation zur Behandlung von Übergewicht beziehungsweise Fettleibigkeit ab einem BMI von 28 kg/m2 empfohlen werden. Die maximale Therapiedauer beträgt sechs Monate. PTA und Apotheker sollten ausdrücklich auf die Einhaltung einer fettarmen Diät hinweisen. Ansonsten drohen unangenehme Fettstühle in Verbindung mit Bauchkrämpfen und Blähungen. Durch die verstärkte Fettausscheidung kann es zu einer mangelhaften Versorgung mit fettlöslichen Vitaminen kommen. Um dem entgegenzuwirken, können die Anwender vorsorglich Multivitaminpräparate (zum Beispiel Orthomol®, Centrum®) einnehmen. Kontraindiziert ist die Substanz bei gleichzeitiger Einnahme von oralen Antikoagulanzien, Ciclosporin A, Amiodaron, hormonellen Kontrazeptiva, Schilddrüsenhormonen und Antiepileptika.

Das Medizinprodukt Formoline L112® hemmt ebenfalls die Fettresorption, wenngleich weniger effektiv. Das Biopolymer Chitosan, gewonnen aus den Schalen von Krustentieren, bindet einen Teil der Nahrungsfette, die daraufhin unverändert wieder ausgeschieden werden.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Ende 2015 veröffentlichten Metaanalyse. Diese konnte nicht bestätigen, dass fettarme Kostformen anderen Diäten überlegen sind. Entscheidend für den Abnehmerfolg ist einzig eine hypokalorische Ernährung. Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass der durch fettresorptionshemmende Stoffe erzielte Gewichtsverlust auch schlichtweg einer geringeren Gesamtkalorienzahl geschuldet sein könnte.

Neues Antiadipositum

Der Wirkstoff Liraglutid ahmt die Wirkung des Hormons Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) nach. Er führt zu einer vermehrten Insulinausschüttung, verzögert die Magenentleerung und verstärkt das Sättigungsgefühl. Als Antidiabetikum (Victoza®) ist der Wirkstoff bereits zugelassen. Seit April dieses Jahres kann es unter dem Handelsnamen Saxenda® ab einem BMI von 30 beziehungsweise 27 kg/m2, wenn bereits gewichtsbedingte Begleiterkrankungen vorliegen, als Antiadipositum verordnet werden. Die Gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten allerdings nicht.

Fazit

Die beste Methode, überschüssiges Gewicht abzubauen und dauerhaft schlank zu bleiben, beruht auf einer gesunden, vollwertigen Kost und regelmäßiger Bewegung. Die über die Ernährung zugeführte tägliche Gesamtkalorienzahl darf den individuellen Bedarf nicht überschreiten. Fettreduzierte oder mit Süßstoff versetzte Lebensmittel sind keine Alternative zu frischem Obst und Gemüse. Tierexperimente bestätigen, dass Zuckeraustauschstoffe vielmehr zu Glucose-Intoleranz führen und damit die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Diabetes Typ 2 und Übergewicht steigern können./