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Homöopathische Arzneimittel

Verschütteln und Verreiben

25.04.2017  09:50 Uhr

Von Verena Arzbach, Karlsruhe / Homöopathische Arzneimittel unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihres Wirksamkeits­prinzips und ihrer Anwendung von allopathischen Medikamenten. Es gibt auch einige Besonderheiten, die bei ihrer ­Herstellung zu beachten sind. Zu Besuch bei der Deutschen ­Homöopathie-Union (DHU) in Karlsruhe, einem der größten ­Hersteller homöopathischer Arzneimittel.

Typisch für die Homöopathie ist die Vielfalt der Mittel: Insgesamt kennt die alternativmedizinische Heilkunde rund 2000 unterschiedliche Stoffe pflanzlichen, tierischen und mineralischen Ursprungs, aus denen Dilutionen, Tabletten oder Globuli produziert werden. Die DHU verarbeitet rund 1400 Grundstoffe. »Bei uns sind 13 000 Fertigarzneimittel permanent auf Lager. Pro Jahr werden circa 90 Tonnen Urtinkturen, 110 Tonnen Globuli und 200 Tonnen Tabletten und Verreibungen hergestellt, dazu kommen 70 Tonnen Dilutionen«, informiert Pressesprecher Dr. Wolfgang Kern bei einem Rundgang im Werk in Karlsruhe. Nicht mitgerechnet sind rund 70 000 Sonderanfertigungen, die auf Wunsch von Patienten oder Therapeuten ab einer Chargengröße von einer Packung hergestellt werden.

Ein Großteil der Ausgangsstoffe für die Herstellung homöopathischer Arzneimittel sind ganze Pflanzen oder Pflanzenteile. »Rund 600 verschiedene Pflanzenarten baut das Unternehmen selbst in eigenen ökologischen Arzneipflanzenkulturen, der Terra Medica®, in der Nähe von Karlsruhe an«, berichtet Kern. In großen Mengen würden dort etwa Sonnenhut (Echinacea), Kreuzkraut (Cineraria maritima), Ringelblume (Calendula officinalis) und Passionsblume (Passiflora incarnate) angepflanzt. Aussaat, Pflege und Ernte seien größtenteils Handarbeit.

Nach der Ernte durchlaufen die Blüten, Blätter und Wurzeln – laut Kern rund 60 Tonnen pro Jahr – im Unternehmen zunächst den Bereich Pharmakognosie. Dabei werden Proben entnommen und nach den Kriterien des Homöopathischen beziehungsweise Europäischen Arzneibuchs geprüft. Anschließend wird das Pflanzenmaterial maschinell zerkleinert und in einer Alkohol-Wasser-Mischung eingelegt (Mazeration). Dieser Ansatz zieht 10 bis maximal 30 Tage, danach werden die Pflanzenteile abgepresst. Die so entstandene Urtinktur ist der Ausgangsstoff für die homöopathischen Verdünnungsreihen.

Ähnliches Leiden

Der Begriff Homöopathie leitet sich aus dem Griechischen ab: homois bedeutet »ähnlich«, pathos »leiden«, zusammengesetzt also »ähnliches Leiden«. Entwickelt und wesentlich geprägt wurde die Lehre vor rund 200 Jahren von dem Arzt Dr. Samuel Hahnemann (1755–1843). Er glaubte, dass eine Substanz, die bei Gesunden bestimmte Symptome hervorruft, in potenzierter Form Patienten helfen kann, die die gleichen Symptome bei einer Krankheit zeigen (Simile-Prinzip).

Dynamische Potenzen

Ein Grundsatz der homöopathischen Herstellungsvorschriften ist die Potenzierung, bei der die Ausgangssubstanz verdünnt und anschließend verschüttelt oder verrieben wird. Diese Verdünnung und Verschüttelung werden bei jedem Potenzierungsschritt durchgeführt. Der Theorie zufolge wird die Substanz dabei dynamisiert, das heißt, die Wirksamkeit der Stoffe soll durch die Potenzierung verstärkt werden und auf den Trägerstoff übergehen. Die Urtinktur (Symbol Ø) wird dazu schrittweise mit einem Alkohol-Wasser-Gemisch verdünnt. Wie diese Herstellungsschritte ablaufen müssen, regelt verbindlich das Deutsche Homöopathische Arzneibuch (HAB), ein Teil des Deutschen Arzneibuchs. Auch das Europäische Arzneibuch enthält in seinem homöopathischen Teil weitere Vorschriften.

Handarbeit und Hightech

Bei der DHU laufen die meisten Verarbeitungsschritte maschinell in hoch spezialisierten Produktionsanlagen nach den europäischen Richtlinien zur guten Herstellungspraxis (Good Manufacturing Practice, GMP). Doch bestimmte Arbeitsschritte, darunter die Verschüttelung, werden auch heute noch nach den Original-Vorschriften Hahnemanns per Hand ausgeführt. »Bei jedem Potenzierungsschritt schlägt ein Mitarbeiter den Behälter mit der Dilution mindestens zehn Mal auf eine Unterlage aus Leder«, erklärt Kern.

Je mehr Verdünnungsschritte, desto wirksamer ist das Mittel aus homöopathischer Sicht. Die niedrigen Potenzen sind die D-Potenzen; hier wird im Verhältnis 1:10 verdünnt (1 Teil Urtinktur und 9 Teile Lösungsmittel). Bei den höheren C-Potenzen sind es Verdünnungsschritte im Verhältnis 1:100 (1 Teil Urtinktur und 99 Teile Lösungsmittel) und bei den Hochpotenzen LM oder Q 1: 50 000 (1 Teil Urtinktur und 49 999 Teile Lösungsmittel). Die Zahl hinter dem jeweiligen Buchstaben bezeichnet die Anzahl der Potenzierungsschritte: Bei einer D-12-Zubereitung wurde also ausgehend von der Ursubstanz zwölf Mal im Verhältnis 1:10 verdünnt und verschüttelt. Bei jedem Potenzierungsschritt wird nach HAB ein neues Gefäß benutzt. Bei dieser sogenannten Mehrglasmethode müssen die verwendeten Gefäße nach Vorschrift mindestens ein Drittel mehr Rauminhalt haben als die aufgenommene Menge an Flüssigkeit.

Feste und unlösliche Substanzen werden in ähnlicher Weise mittels Verreibung (Trituration) verarbeitet. Die Ausgangssubstanz (Symbol O) wird dazu je Potenzierungsschritt dreimal mit Lactose jeweils eine Stunde verrieben bis die im HAB vorgeschriebene Teilchengröße erreicht ist. Bei der DHU finde dies in Mühlen statt, ähnlich einem Mörser, erläutert Kern. Dort wird analog zur flüssigen Potenzierung ein Teil Ausgangsstoff mit 9 beziehungsweise 99 Teilen Lactose verrieben und anschließend zu Tabletten gepresst.

Die Urtinkturen können auch zu Salben, Zäpfchen, Ampullen, Gelen, Lotionen und der bekanntesten homöopathischen Darreichungsform, den Globuli, weiterverarbeitet werden. Die rund 2 mm großen Streukügelchen bestehen aus Saccharose und werden mit der Lösung der entsprechenden Potenz imprägniert. Dazu werden 100 Teile Zuckerkügelchen in Dragierkesseln mit einem Teil Dilution benetzt. /

Die Geschichte der DHU

Die Homöopathie verbreitete sich schon zu Samuel Hahnemanns Lebzeiten Mitte des 19. Jahrhunderts. Apotheker stellten damals die entsprechenden Mittel her, allerdings in recht unterschiedlicher Qualität. Der Leipziger Apotheker Dr. Willmar Schwabe (1839–1917) entwickelte daher Methoden und Verfahren, um eine gleichbleibende Qualität der homöopathischen Arzneimittel zu gewährleisten. 1866 gründete Schwabe in Leipzig sein eigenes Unternehmen – die »Homöopathische Centralofficin Dr. Willmar Schwabe«, der Vorläufer der Unternehmensgruppe Schwabe. Er stellte Essenzen und Tinkturen nach den Lehren Hahnemanns her, die er zur Weiterverarbeitung an Apotheken verkaufte. 1872 veröffentlichte er in mehreren Sprachen die »Pharmacopoea Homoeopathica Polyglottica« mit Arbeitsanleitungen zur Herstellung homöopathischer Arzneimittel. Das Werk diente als Grundlage für das 1934 erschienene, noch heute gültige Deutsche Homöopathische Arzneibuch. Schwabes Sohn und Nachfolger setzte in den 1920er-Jahren dann verstärkt auf Phytopharmaka. Nach dem Krieg verlegte das Unternehmen im Jahr 1946 seinen Sitz von Leipzig nach Karlsruhe. 1961 trennte der Konzern die beiden Geschäftsbereiche Phytopharmaka und Homöopathie: Gemeinsam mit der Firma Madaus wurde die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) gegründet. Madaus verkaufte allerdings acht Jahre später seine DHU-Anteile wieder an Schwabe. Heute ist die DHU ein mittelständisches Unternehmen mit mehr als 400 Mitarbeitern in Karlsruhe. Die Produktion hat zwei Schwerpunkte: die Homöopathie sowie die Biochemie nach Dr. Wilhelm Schüßler.

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