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Multiresistente Erreger

Die Natur rächt sich

23.04.2018  13:57 Uhr

Von Elke Wolf, Gießen / Der Kampf gegen bakterielle Erreger und deren zunehmende Resistenzentwicklung ist eine der größten Herausforderungen der Medizin. Ist es so, wie Louis Pasteur im 19. Jahrhundert prognostiziert hat: »Werden die Mikroben immer die Sieger sein«? Dr. Markus Schimmelpfennig vom Gesund­heitsamt Kassel gab bei einer Fortbildungsveranstaltung Em­pfeh­lungen zum richtigen Umgang mit Antibiotika.

Mittlerweile gibt es Hochlevel-Resistenzen verschiedenster bakterieller Erreger in allen Teilen der Welt. »Wenn wir nicht dringend gegensteuern, dann können selbst kleine Bagatell-Infektionen wieder problematisch werden, so wie wir das aus der Prä-Antibiotika-Ära kennen«, prognostizierte Schimmelpfennig auf einer Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Hessen.

Er beruft sich dabei auf die Weltgesundheitsorganisation WHO, laut der multiresistente Erreger zu den größten gesundheitlichen Bedrohungen der Gegenwart zählen. »Zwar ist das Problem der Multiresistenz viel älter als die Menschheit, weil schon lange, bevor der Mensch die Erde betrat, Mikroorganismen im Konkurrenzkampf um die besten Habitate standen. Aber der Mensch hat das Problem mit der Einführung der Antibiotika in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts multipliziert.«

Die regelrechte Züchtung multi­resistenter Erreger, wie die Menschheit sie betreibe, habe zudem globalen Charakter. »Denn multiresistente Keime, die irgendwo auf der Welt entstehen, gelangen ruckzuck in jeden anderen Teil der Welt, im internationalen Luftverkehr häufig keine Frage von Tagen, sondern von Stunden. Die WHO spricht in diesem Zusammenhang von »One World – One Health«.

Der leichtfertige Umgang mit antimikrobiellen Substanzen hat dazu geführt­, dass derzeit nur rund ein Viertel aller weltweit produzierten Antibiotika zu kurativen Zwecken am Menschen eingesetzt wird. Drei Viertel werden in der weltweit zunehmenden industriellen Tierproduktion verbraucht. Schimmelpfennigs Schlussfolgerung: »Wir brauchen vor allem einen rationaleren Einsatz von vorhandenen und neu zu entwickelnden Antibiotika in der Tiermast. Wir werden das Resistenzproblem nicht lösen können, ohne den agrikulturellen Sektor inklusive der Veterinärmedizin miteinzubinden.«

Landwirtschaft im Fokus

So forderte der Mediziner neue Antibiotika, die so stark metabolisiert werden, dass die Metabolite keine Wirkung mehr haben. Heute gelange ein Großteil der noch antimikrobiell wirksamen Antibiotika-Abbauprodukte in die Umwelt, das Trinkwasser und die Ackerböden, sodass sie etwa auch in das Wurzelwerk von Nutzpflanzen eingebaut werden, wie eine deutsche Studie jüngst am Beispiel von Porree bestätigte.

In Deutschland werden derzeit 800 Tonnen Antibiotika pro Jahr in der Tiermedizin eingesetzt. Das seien zwar knapp die Hälfte weniger als noch vor sieben Jahren, informierte der Mediziner, aber dennoch gebe es diverse Missstände­ anzuprangern. So ist »Prophylaxe mit Antibiotika im Tierstall hierzulande nicht erlaubt«, informierte Schimmelpfennig. « Ist aber ein Tier von 1000 erkrankt, dürfen die restlichen 999 Kühe mit Antibiotika in der sogenannten Meta­phylaxe behandelt werden.« Das sei Augenwischerei.

»Alles in allem entsteht ein ungeheurer Selektionsdruck zur ›Züchtung‹ multiresistenter Erreger«, erklärte Schimmelpfennig in seinem Vortrag. Der Beweis: Bis zu 80 Prozent deutscher Mastschweine aus der Massentierhaltung seien mittlerweile MRSA-positiv. Mehr als 50 Prozent des deutschen Geflügels aus der Massentierhaltung seien Träger ESBL-bildender Bakterien. Diese bilden spezielle Betalactamasen, die sie eine Antibiotika-Attacke meist unbeschadet überstehen lassen. »Wir spielen den Bakterien in die Karten. Die anthropo-zoonotische Schnittmenge ist sehr groß, die Weitergabe an Resistenzen nur eine Frage der Zeit.« Schätzungen gingen davon aus, dass mittlerweile 10 Prozent der Deutschen ESBL-Träger sind, ohne es zu wissen.

Selektionsdruck nehmen

Im Kampf gegen die steigenden Resistenzzahlen empfahl Schimmelpfennig eine bessere Hygiene: »Jeder Soldat der US-Marine­ auf einem Kriegsschiff muss sich fünfmal am Tag die Hände waschen. Das senkte die Rate respiratorischer Infekte­ um die Hälfte.« Außerdem sollte der Zugang für alle Menschen zu sanitären Anlagen und eine hygienische Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung sichergestellt sein. »650 Millionen Inder haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. Deshalb verrichten sie ihre Notdurft im Park. Fäkal­keime sind dort allgegenwärtig.« Als weitere Maßnahmen nannte er Schutzimpfungen und eine verbesserte Infektionskontrolle in Gesundheitseinrichtungen. »12 000 Tote aufgrund nosokomialer Infektionen stehen hierzulande 3500 Verkehrstoten gegenüber. Erstere werden gar nicht wahrgenommen.«

Beim Thema Infektionskontrolle in Deutschland legte Schimmelpfennig den Finger in die Wunde. »Die Sünden der Vergangenheit, die aufgrund politischer Fehlweichenstellungen getroffen wurden, holen uns erbarmungslos ein. Der Staat hat sich aus der Verantwortung gezogen und bestimmte Dinge kaputt gespart. An derzeit 37 medizinischen Fakultäten hierzulande besteht nur noch an 12 ein Lehrstuhl für Hygiene. Der Rest wurde abgewickelt. Auch gibt es in ganz Deutschland nur 84 Ärzte, die primär Krankenhaus­hygieniker sind. Damit ist Hygiene bei der Vielzahl an Krankenhäusern nicht ordentlich zu machen.«

Und auch die Mono- und Oligopolstellungen in der weltweiten Pharmaindustrie tragen nach den Aussagen Schimmelpfennigs zur Vermehrung des Resistenzproblems bei. So werde etwa der überwiegende Anteil an Antibiotika in Indien produziert, wobei sich besonders die Stadt Hyderabad her­vorgetan habe. Zwar hinge innerhalb der Produktionsstätten das TÜV-Zertifikat des TÜV Hamburg. »Aber außerhalb der Produktionsmauern ist der Umweltschutz gleich Null. Dort werden Antibiotikarestbestände aus der Produk­tion tonnenweise in die Umgebung gekippt, und zwar ohne jegliche Klärung und Filterung. So entsteht um die Produk­tionsfirma ein Areal von mehreren Kilometern, das Antibio­tika-verseucht ist und zum reinsten Zuchtlabor für multiresistente Keime wird«, schilderte der Fachmann die Verhältnisse in der indischen Pharmaproduktion. »Das sind Marktstrukturen, die uns nicht egal sein dürfen. Dumpingpreise haben immer mit Qualitätsmängeln zu tun. Doch gute Produkte und gute Leistung dürfen­ und müssen gutes Geld kosten.« /