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Magere Models

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

23.04.2018  13:57 Uhr

Von Judith Schmitz / Studien belegen, dass die Ideale der ­Modebranche das Körperbewusstsein junger Frauen und Mädchen negativ beeinflussen. Was man dagegen tun kann und wie Verantwortliche damit umgehen.

Auf den Laufstegen in Paris und Italien gilt in der Regel: je dünner, desto schöner­, desto besser. Designer ließen meist zu dünne Models ihre Mode vorfüh­ren und vermittelten damit ein falsches Bild von Jugend und Attrak­tivität, kritisiert Pressefotografin Simone Kuhlmey, die unter anderem bei der Berliner Fashion Week fotografiert, im Gespräch mit PTA-Forum. Neu sind solche­ Mager­models nicht. »Twiggy war das gefragteste Model­ der 1960er-Jahre, mit dem der Trend zur Schlankheit kam. Nach Jahrhunderten rund­licher, barocker Frauenformen ist es prinzipiell auch nichts Schlechtes, ein neues Ideal zu finden«, sagt Stefanie Koch, Designerin aus Berlin­, im Gespräch mit dieser Zeitschrift.

Was das Schönheitsideal für viele junge­ Frauen in der Modebranche bedeutet, verdeutlicht das ehemalige Model­ Kera Rachel Cook in einem Gastbeitrag auf www.stern.de. »Seit ich 15 bin, war ich essgestört. Fressphasen wechselten sich ab mit Nulldiäten, ich hatte Suizidgedanken. All das nur, weil eine Modelagentur sagte, ich müsse abneh­men. Als ich vor fünf Jahren bei »Germany’s Next Topmodel« nach der zweiten Runde rausflog, aß ich noch weniger.«

Das Erscheinungsbild des Körpers habe enorme Macht bekommen, so Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vor­sitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). An sich sei dies nicht unmenschlich oder falsch. Roth-Sackenheim wertet es als Zeitphänomen. Problematisch werde es, wenn das Perfektionieren des Erschei­nungsbilds einen krankhaft hohen Stellenwert im Leben einnehme, wenn etwa die Ess- und Gewichtskontrolle zu einer Art Ersatzreligion würden.

Martina Hartmann von »Dick und Dünn«, einem Berliner Beratungs­zentrum für Essstörungen, berichtet im Gespräch mit PTA-Forum, dass sie aus der Modebranche als Antwort auf die Frage, warum Designer dürre Models buchen, Folgendes hört: Weil die Kunden das so wollen. Frauen wollten nicht die Realität, nicht ihresgleichen vor Augen­ sehen, sondern von einer schöneren­ Welt träumen. »Über Jahrzehnte hat man uns indoktriniert, dass dick gleich ungesund ist, und hat rundli­chere Frauen in der Werbung mit Charakterzügen wie lustig, schrullig, doof besetzt«, so Hartmann.

Surreale Werbewelt

»Täglich werden wir mit Werbebotschaften so massiv beschossen, dass es für den Einzelnen eine gewaltige Arbeit bedeutet, sich davon abzugrenzen«, sagt Hartmann. Die Werbung läuft auf sämtlichen Kanälen, von Zeitschriften über TV-Formate und online, hier beson­ders ungefiltert in den sozialen Medien durch Influencer. »Haupt­sächlich werden Produkte von dürren Mädchen vorgeführt, auch wenn jetzt gerade eine Welle von Plus-size-Models mit Größe 38 angerollt kommt – eine Frechheit, normalgewichtige Mädchen als plus size zu vermarkten«, mokiert sich Hartmann. Eine Zehnjährige könne solche Bilder nicht richtig verarbeiten. Sie erkenne nicht, dass viele Fotos nicht der Realität entsprechen, sondern per Photoshop manipuliert wurden, damit die Taille noch schmaler und die Beine noch länger erscheinen. Und so prägten solche Bilder das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen mit.

Die deutsche Teilstudie der WHO- Erhebung »Health Behaviour in School-aged Children« (HBSC) von 2013/2014 kommt zu dem Ergebnis, dass die Körper­wahrnehmung unter den 5800 befragten Schülern im Alter von 11, 13 und 15 Jahren vielfach verzerrt ist. Mädchen seien kritischer mit ihrem Körper, bezeichneten sich häufiger als ein wenig beziehungsweise viel zu dick (42,3 Prozent der Mädchen, 25,6 Prozent der Jungen) und praktizierten zum Zeitpunkt der Be­fragung häufiger eine Diät als Jungen. Nur 16,6 Prozent der Jugendlichen schätzten sich dagegen als ein wenig oder viel zu dünn ein.

Einfluss auf Essstörungen

Für eine Studie haben das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und der Bundesfachverband Essstörungen im Jahr 2015 insgesamt 241 Patienten (Frauen mit Magersucht und Bulimie, weit über die Hälfte war unter 21 Jahre alt) zur Rolle von Fernsehsendungen im Kontext von Essstörungen befragt. Fast ein Drittel der Betroffenen gab dabei an, die TV-Reihe »Germany’s Next Topmodel« habe die eigene Krankheitsentwicklung entscheidend beeinflusst. Ein weiteres Drittel sieht einen »leichten Einfluss« der Sendung auf den Krankheitsverlauf. 85 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Show Essstörungen verstärken kann.

Allerdings sind die Gründe für Ess­störungen bei Kindern und Jugendlichen vielfältig, weiß Hartmann. Neben dem Einfluss aus der Mode- und Diätbranche spielten unter anderem auch eine genetische Komponente und famil­iäre Krisen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung oder Umzüge eine Rolle, ebenso Gewalt­erfahrungen, Mobbing und der gefühlte ge­sellschaftliche Druck, immer perfekt sein zu müssen, ob in Schule, beim Sport oder eben beim Essen und Gewicht. Prägend sei auch, was die Eltern dem Kind vorlebten. »Wer dünn ist, hat sich im Griff, so die Botschaft«, ergänzt Psychiaterin Roth-Sackenheim.

Anzumerken ist, dass nicht jeder Untergewichtige eine Essstörung hat und nicht alle Menschen mit einer Essstörung untergewichtig sind. Zahlen zur Häufigkeit von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen für die gesamte Republik sind nicht verfügbar. Die 2007 veröffentlichten Daten der KiGGS-Basiserhebung des Robert-Koch-Instituts zeigten bei 22 Prozent der 7500 befragten 11- bis 17-Jährigen ein auffälliges Essver­halten, am häufigsten bei 14- bis 17-jährigen Mädchen. Allerdings können mit dieser Erhebungsmethode nur Verdachtsfälle gefunden, keine Diagnosen gestellt werden. Nach einer Studie aus 2013 (DEGS1) leiden 1,1 Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren unter Magersucht. Offizielle Zahlen seien nur wenig repräsentativ, da nur die Erkrankten erfasst würden, die in Behandlung seien, sagt Hartmann. Die Dunkelziffer sei höher, schließt sie aus ihrer Beratungstätigkeit.

Seit Mai 2017 verlangen französische Behörden, dass Models ein Attest vorle­gen, demzufolge ihr Gewicht den Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 nicht unterschreitet. Seit Oktober 2017 müssen in Frankreich außerdem retuschierte Model­fotos gekennzeichnet werden. Die Branchenriesen haben sich zudem zu einem Verhaltenskodex verpflichtet, beschreiben darin etwa Arbeitsbe­dingungen zum Wohl der Models. Bereits seit Anfang 2007 gibt es auch in Italien ein ähnliches Manifest der Mode­branche: Es sollen keine Models unter 16 Jahren beschäftigt werden, außerdem sollen diese ebenfalls ein entsprechendes Normalgewicht-Attest vorlegen. Diese Anforderungen sind aller­dings nicht bindend.

2008 hatte auch die deutsche Mode- und Textilindustrie eine Charta unterzeichnet. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schrieb im Vorwort, mit der Natio­nalen Charta setze die Mode- und Textilbranche ein deutliches Signal. »Für ein gesundes Schönheits- und Schlankheitsideal – und gegen Mager­models auf dem Laufsteg und in Modekatalogen. Die Branche nimmt damit ihre Verant­wortung in der Gesellschaft und gegen­über Jugend­lichen wahr. Ich erwarte, dass die Selbstverpflichtung mit kon­kreten Maßnahmen durch die Unter­nehmen der Branche umgesetzt und mit Leben gefüllt wird.«

Auf der Seite der Designer hat sich seitdem allerdings nicht viel getan, doch gesellschaftlich findet allmählich ein Umdenken statt. Deutsche Politiker werben 2018 wieder für gesetzliche Regelun­gen zum Schutz vor Magersucht. Die Pressefotografin Simone Kuhl­mey hat den Saal verlassen, als bei Schauen nur dürre Models liefen. Die Designerin Stefanie Koch entwirft Mode für alle Größen, und Exmodel Kera Rachel Cook hält Vorträge an Schulen zu Essstörungen und Schönheitswahn. /

Tipps zur Prävention von Essstörungen

  • Machen Sie sich selbst die Beeinflussung durch Mode- und Nahrungsmittelindustrie bewusst.
  • Sprechen Sie mit Kindern und Jugend­lichen und sensibilisieren Sie sie dafür, dass Modefotos nicht die Wirklichkeit wiedergeben und oftmals­ bearbeitet wurden.
  • Leben Sie gesunde Ernährung vor, nehmen Sie in der Familie Mahl­zeiten gemeinsam ein.
  • Bei Verdacht auf eine Essstörung: Suchen Sie professionelle Hilfe.
  • Lernen Sie, Ihren Körper sowie weibliche Rundungen zu schätzen.
  • Bestärken Sie Kinder in ihrem Selbstwert- und Körpergefühl.
  • Weiterführende Literatur: »Warum seh’ ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen.« Eine Buchpublikation des Inter­natio­nalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen und der Selbsthilfeorganisation ANAD, gratis zum Download unter www.izi.de.