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Selbstmedikation bei Verstopfung

Den Darm in Bewegung setzen

11.10.2007
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Selbstmedikation bei

Den Darm in Bewegung setzen

Christiane Eickhoff, Berlin

Viele Betroffene sind verunsichert, wenn ihr Darm plötzlich träge wird. Darüber, was »normaler« Stuhlgang ist, spricht niemand gerne. Auch wissen einige oft nicht genau, wann und wie sie eingreifen sollen. Welches Abführmittel eignet sich für welchen Fall? Wie werden die Abführmittel richtig angewendet? In der Apotheke erwarten die Betroffenen eine fachkundige Antwort auf diese Fragen.

Das Symptom Verstopfung kann viele Ursachen haben. Mit Feingefühl müssen PTA oder Apotheker die erste Hürde überwinden, damit sie mit dem Patienten über ein häufig tabuisiertes Thema ins Gespräch kommen. Das gelingt am leichtesten durch Fragen, am besten in einer Beratungsecke, damit kein anderer Apothekenkunde zuhören kann. Da die meisten Abführmittel rezeptfrei sind, gehört das Thema zu einem der wichtigsten in der Apotheke. Nach einer Umfrage des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte leiden etwa 10 Prozent der Männer unter Obstipation, bei den Frauen sogar 25 Prozent.

Neben Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sind auch der Fehlgebrauch von Abführmitteln und die Grenzen der Selbstmedikation Themen, über die PTA und Apotheker den Kunden informieren und beraten sollten. Oftmals stellen sie im Gespräch fest, dass sie auch noch Vorurteile ausräumen müssen, beispielsweise in Bezug auf die Häufigkeit der Stuhlentleerung. Als »normal« gilt eine Stuhlfrequenz von dreimal täglich bis zu zwei- bis dreimal pro Woche.

Um die Situation des Patienten besser einschätzen zu können, bieten sich eine Reihe von Fragen an, zum Beispiel: Seit wann bestehen die Beschwerden? Wann war der letzte Stuhlgang? Wie ist die Stuhlbeschaffenheit? Falls es die Zeit des Patienten zulässt, sollten PTA oder Apotheker ihn zu weiteren Symptomen befragen oder ob er andere Arzneimittel einnimmt. Weiterhin wichtig ist die Information, ob er bereits etwas unternommen oder einen Arzt konsultiert hat. Relevante Punkte bei der Ursachenforschung sind auch die Lebensumstände, zum Beispiel die Ernährung und sportliche Aktivitäten.

Der folgende Kasten enthält Beispiele für Ursachen einer Verstopfung. Auch Störungen des Nervensystems, hormonelle Einflüsse in der Schwangerschaft oder bei einer Hypothyreose können die Kolon-Passage des Darminhaltes verlangsamen und zu einer Obstipation führen.

Ursachen einer Obstipation (Beispiele)

  • Zu geringe Ballaststoffaufnahme
  • Zu geringe Flüssigkeitszufuhr
  • Bewegungsmangel
  • Situative Obstipation, ausgelöst zum Beispiel durch Reisen, Stress, Ortswechsel
  • Unerwünschte Arzneimittelwirkung, zum Beispiel bei Antiepileptika, Antidepressiva, Antiarrhythmika, Anionenaustauschern wie Colestyramin, Antihypertonika, dabei insbesondere Clonidin und Verapamil, Diuretika sowie Codein und Opiate
  • Den Darm verengende Prozesse (zum Beispiel Tumorobstruktion)
  • Schwangerschaft
  • Begleitsymptom verschiedener Erkrankungen, zum Beispiel Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Hämorrhoiden, Depression
  • Laxantienmissbrauch

PTA oder Apotheker sollten auch an die wichtigsten Arzneimittel denken, die eine Obstipation auslösen können. Nimmt der Patient ein obstipierendes Arzneimittel ein, sollte er über die Zusammenhänge aufgeklärt und gebeten werden, mit dem Arzt sein Problem zu besprechen.

Lebensgewohnheiten und Ernährung

Außerdem können Stress, mangelnde körperliche Bewegung, ungewohnte Ernährung, eine fremde Umgebung auf Reisen oder auch ein Krankenhausaufenthalt eine Obstipation hervorrufen. Sollte Stress der Auslöser sein, können Entspannungsmaßnahmen helfen. Grundsätzlich gilt: Jeder sollte sich ausreichend Zeit für den Toilettenbesuch nehmen. Gerade morgens ist der Darm sehr aktiv, deshalb sollte man den Tag ohne Hetze beginnen. Bei vielen Menschen löst die morgendliche Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser bereits die Entleerung aus.

PTA oder Apotheker sollten die Patienten unbedingt darauf hinweisen, dass sie mindestens zwei Liter pro Tag trinken. Am besten Wasser oder ungesüßte Getränke wie Kräutertees. Diese Empfehlung gilt vor allem für ältere Patienten, da mit dem Alter das Durstempfinden nachlässt.

Bei leichter Obstipation reicht oft eine Ernährungsumstellung auf ballaststoffhaltigere Nahrungsmittel aus. Besonders ballaststoffreich sind Getreideprodukte (insbesondere Vollkornprodukte), grüne Blattsalate, Obst und Gemüse. Trockenobst enthält ebenfalls reichlich Ballaststoffe und ist daher als kleine Zwischenmahlzeit gut geeignet.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die Aufnahme von täglich mindestens 30 Gramm Ballaststoffen. Diese Menge erreicht beispielsweise jeder, der am Tag 200 Gramm Vollkornbrot und 200 Gramm Kartoffeln sowie 250 Gramm Gemüse oder Obst isst. Ballaststoffe können jedoch nicht als »Allheilmittel« gelten, denn nicht alle Patienten mit Obstipation profitieren von einer Ernährungsumstellung.

Ballaststoffe erhöhen durch ihr Wasserbindungsvermögen das Volumen des Darminhaltes und lösen so den Defäkationsreflex aus. Zusätzlich wirken sie sich günstig auf die Darmflora aus. Die Verdauung unterstützen außerdem vergorene Milchprodukte wie Joghurt oder Buttermilch. Die enthaltene Milchsäure regt die Darmperistaltik an und fördert so die Verdauung.

Ballaststoffe und Trinken

Ballaststoffpräparate aus der Apotheke enthalten vor allem indischen Flohsamen, Leinsamen und Weizenkleie. Die Präparate wirken mit Verzögerung: Mit der Wirkung können die Patienten erst nach sechs bis zwölf Stunden rechnen. Mit nur 10 Prozent Fettanteil ist indischer Flohsamen ein kalorienarmer Vertreter dieser Gruppe. Wirksam ist eine Menge von ein- bis viermal täglich einem Esslöffel (12 bis 40 Gramm). Leinsamen ist mit 40 Prozent Fettanteil recht kalorienreich. Als wirksame Dosis gilt die Menge von zwei- bis dreimal täglich einem Esslöffel (30 bis 75 Gramm). Bei Weizenkleie liegt die wirksame Tagesdosis bei 10 bis 30 Gramm pro Tag, wobei die Patienten immer mit 10 Gramm täglich beginnen sollten und anschließend die Dosis innerhalb von ein bis zwei Wochen auf 20 bis 30 Gramm erhöhen können.

Tipp für die Praxis: Zur Einnahme von Ballaststoffpräparaten müssen die Patienten mindestens ein großes Glas Wasser trinken. Anderenfalls können die Ballaststoffe nicht ausreichend quellen und wirken. Eine zu geringe Flüssigkeitsmenge erhöht das Risiko, dass die Ballaststoffe den Darm verkleben und im schlimmsten Fall zu Darmverschluss führen.

Können die Ernährungsumstellung und mehr Bewegung die Obstipation nicht beheben, kann der Patient ein Laxans einnehmen. Vorab müssen PTA oder Apotheker sicher stellen, dass keine Kontraindikation vorliegt (siehe Kasten). Ist dies nicht der Fall, spricht nichts gegen die kurzfristige Anwendung eines Abführmittels. Kurzfristig bedeutet: für die Dauer von einer bis zwei Wochen. 

Grenzen der Selbstmedikation (Beispiele)

  • Kinder unter sechs Jahren
  • Schwangere und Stillende
  • Chronische Verstopfung
  • Verdacht auf Laxantienmissbrauch
  • Unklare, akute Schmerzen
  • Einnahme obstipierender Arzneimittel
  • Gastrointestinale Symptome wie Übelkeit oder Erbrechen
  • Schleim oder Blut im Stuhl
  • Magen-Darm-Entzündungen
  • Darmverschluss
  • Teerstuhl

Wirkung durch Osmose

Osmotisch wirkende Abführmittel halten Wasser im Darm zurück, wodurch der Stuhl erweicht. Zu dieser Gruppe gehören die Zucker Lactulose und Lactilol, die Zuckeralkohole Mannitol und Sorbitol, Polyethylenglykole (Macrogol) sowie die salinischen Abführmittel Glaubersalz und Bittersalz. Auch zu diesen Wirkstoffen müssen die Patienten ausreichend trinken.

Zucker und Zuckeralkohole werden durch die Darmbakterien unter anderem zu Essig- und Milchsäure abgebaut. Hierdurch wird die Darmtätigkeit zusätzlich angeregt. Die Wirkung tritt nach acht bis zehn Stunden ein. Da Lactulose nicht resorbiert wird, findet sie vielfach Anwendung bei Schwangeren, Stillenden und Kindern. Als unerwünschte Wirkungen kommt es vor allem zu Magen-Darm-Problemen.

Ab und zu fragen Patienten in der Apotheke nach Bittersalz (Magnesiumsulfat) oder Glaubersalz (Natriumsulfat). Diese Salze eignen sich nicht für die wiederholte Einnahme, sie sollten nur noch einmalig im Rahmen einer Fastenkur angewandt werden.

Gut verträgliches Präparat

Seit einigen Jahren hat sich Macrogol (wie Movicol®, Macrogol Stada und Laxatan®) bewährt. Das synthetische Polyethylenglykol bindet eine definierte Menge Wasser und erweicht so den Stuhl. Im Gegensatz zu den anderen osmotisch wirksamen Laxantien entzieht Macrogol dem Körper aber keine Flüssigkeit. Weitere Vorteile sind die gute Wirksamkeit auch bei hartnäckigen Fällen von Verstopfung und die Tatsache, dass die Substanz aufgrund des hohen Molekulargewichtes nicht resorbiert wird. Magen-Darm-Beschwerden werden bei Macrogol seltener beobachtet als nach Ballaststoff- oder Lactuloseeinnahme.

Zu den antiabsorptiv und hydragog wirkenden Laxantien gehören die pflanzlichen Anthranoide, Rizinusöl und die Diphenole. Sie blockieren die Natrium-Kalium-abhängige ATPase und hemmen so die Resorption von Wasser und Natriumionen aus dem Darm. Außerdem erhöhen sie die Durchlässigkeit der Tight-junctions. Das sind Membranproteine, die die Zellzwischenräume abdichten. Dadurch fördern sie den Einstrom von Wasser und Elektrolyten in das Darmlumen.

Anthranoide sind in Aloe, Faulbaumrinde, Sennesblättern und -früchten, Rhabarberwurzel und Kreuzdornbeeren enthalten. Viele Patienten denken, pflanzliche Arzneimittel seien besonders nebenwirkungsarm. Daher besteht grundsätzlich die Gefahr des Missbrauchs.

In-vitro-Untersuchungen, die auf ein kanzerogenes Risiko einiger Anthranoide hindeuten, konnten in vivo nicht bestätigt werden. Für die Sennoside liegen umfangreiche Untersuchungen vor, sodass hier keine Bedenken bestehen. Epidemiologische Studien ergaben, dass Obstipation und Langzeit-Laxantiengebrauch das Risiko für Kolonkarzinome erhöhen. Es konnte aber gezeigt werden, dass etwa die Hälfte des Gesamtrisikos, an Kolonkarzinom zu erkranken, vermutlich ausschließlich auf schlechte Ernährungsgewohnheiten, das heißt, ballaststoffarme, fleisch- und fetthaltige Kost, zurückzuführen ist.

Synthetische Diphenole

Bei den synthetischen Substanzen Bisacodyl (wie Dulcolax®) und Natriumpicosulfat (wie Laxoberal®) ist die kurzfristige Anwendung in der Regel unproblematisch. Gelegentlich treten Magenunverträglichkeiten auf, insbesondere wenn die Patienten gleichzeitig Milch trinken, Antazida, H2-Blocker oder Protonenpumpenhemmer einnehmen. Bisacodyl wirkt nach oraler Gabe nach sechs bis zehn Stunden. Daher empfiehlt sich die Einnahme vor dem Schlafengehen, sodass am nächsten Morgen mit der Entleerung gerechnet werden kann. Bisacodylzäpfchen wirken innerhalb von 30 bis 60 Minuten.

Natriumpicosulfat wirkt nach drei bis sechs Stunden. Da der Wirkstoff auch in Tropfenform angeboten wird, ist eine individuelle Dosierung möglich. Diese Applikationsform eignet sich auch für Patienten, die nach und nach ohne Abführmittel auskommen sollen. In einem solchen Fall verringern die Betroffenen zunächst die tägliche Tropfenzahl um jeweils einen Tropfen pro Dosis. Danach setzen sie die Einnahme tageweise aus: Die Applikation erfolgt dann nur noch jeden zweiten Tag, dann jeden dritten Tag usw.

Laxantienfehlgebrauch

Beim Dauergebrauch von Laxantien besteht grundsätzlich die Gefahr einer Gewöhnung, nur die Quellstoffe bilden eine Ausnahme. Ursache ist der Wasser- und Salzverlust durch die längere Anwendung. Insbesondere der Kaliummangel macht den Darm träge, der Defäkationsreflex nimmt ab, und die Obstipation wird verstärkt. Der Patient braucht erneut Abführmittel, und das Problem nimmt zu. Deshalb setzen Hersteller dem Macrogol Elektrolyte zu.

Dennoch ist es falsch, jeden Dauergebrauch mit einem Missbrauch gleichzusetzen. Ein Dauergebrauch kann medizinisch durchaus indiziert sein. Ein Missbrauch liegt nur dann vor, wenn der Patient Abführmittel ohne Notwendigkeit oder in zu hoher Dosierung einnimmt. Bei vielen Patienten liegt auch ein Fehlgebrauch vor, weil sie zu wenig über die Darmfunktion und normale Stuhlgewohnheiten wissen. In diesen Fällen ist Aufklärung erforderlich.

Das Ziel jeder Behandlung einer Verstopfung ist es, den natürlichen Regulationsmechanismus wieder herzustellen. Das Thema betrifft viele Patienten und beeinträchtig oft stark ihr Befinden und damit ihre Lebensqualität. Mit viel Fingerspitzengefühl, ausreichender Zeit und Diskretion können PTA oder Apotheker diesen Patienten helfen, ihr Problem erfolgreich zu lösen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
c.eickhoff(at)abda.aponet.de