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Naturheilkunde

Erfahrungsmedizin auf dem Vormarsch

10.10.2007
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Naturheilkunde

Erfahrungsmedizin auf dem Vormarsch

Christiane Berg, Hamburg

Patienten greifen heute verstärkt nach Alternativen zur Schulmedizin. Das ergab die Pascoe-Studie 2007 in Kooperation mit dem Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren in Köln.

Der Direktor des Institutes, Professor Dr. Josef Beuth, stellte auf einer Pressekonferenz Ergebnisse der Befragung von 1 056 Bundesbürgern vor. Danach bevorzugen 80,9 Prozent der Bevölkerung Methoden der Naturheilkunde und Alternativ- beziehungsweise Komplementärmedizin als Primärmedizin. 91,8 Prozent erwarten neben einer besseren Wirksamkeit auch weniger Nebenwirkungen als nach der Einnahme chemisch-synthetischer Arzneimittel.

Etwa ein Drittel der interviewten Studienteilnehmer hält sich hinsichtlich des Einsatzes besonderer Therapierichtungen wie der anthroposophischen Medizin, der Homöopathie oder der Phytotherapie für »gut« oder »sehr gut« informiert. Die höchste Beratungskompetenz schrieben die Befragten Ärzten (66,3 Prozent) und Apothekern (52,7 Prozent) zu. Die Befragung zeigte des Weiteren, dass die Teilnehmer Phytos & Co. am häufigsten aus Apotheken (28,6 Prozent) bezogen, mit einigem Abstand folgen Reformhäuser (12,1 Prozent), Drogeriemärkte (11,5 Prozent), Supermärkte (6 Prozent), Heilpraktiker (3,9 Prozent), das Schlusslicht bildeten die Internetapotheken mit 2,2 Prozent. 76,3 Prozent der Befragten erklärten, sie würden für gute Qualität von Naturarzneien mehr Geld ausgeben.

»Die Ergebnisse der Erhebung untermauern das offensichtlich hohe Vertrauen der Menschen in »ganzheitliche« Medizin, weil ihre Vertreter die Krankheit nicht nur mit größerer Nachhaltigkeit betrachten, sondern bewusst auch auf das Prinzip der Eigenverantwortung der Patienten setzen«, so Beuth. Daraus ergäben sich auch mögliche Ansatzpunkte für die Schulmedizin. Diese müsse dem Menschen und dem informierten Patienten stärker Rechnung tragen.

Mehr private Kommunikation

Die Pascoe-Studie wird durch repräsentative Langzeituntersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach gestützt. »Immer mehr Menschen greifen zu Naturheilmitteln«, bestätigte Dr. Edgar Piel, Repräsentant des Meinungsforschungsinstitutes. Im Krankheitsfall oder bei Befindlichkeitsstörungen hätten sich 1970 nur 52 Prozent der Bevölkerung der »grünen« Medizin bedient, so seien es heute mehr als 70 Prozent, so Piel. 38 Prozent der Bevölkerung schätzen die Gefahren durch Nebenwirkungen der Medikamente der Schulmedizin als »groß« ein. Im Unterschied dazu beurteilen 82 Prozent der Anhänger naturheilkundlicher Therapieverfahren die Gefahr durch Nebenwirkungen von Naturmedizin als »gering«. 

Als Grund für die zunehmende Neigung der Bundesbürger zur komplementären Medizin nannte Piel die Stärkung der »kleinen privaten Kommunikationsnetze«. Begünstigt werde die wachsende Wertschätzung durch den verstärkten Trend zur Selbstmedikation. Während Patienten den Arzt früher auch schon bei leichten Befindlichkeitsstörungen aufsuchten, hat sich gemäß Allensbacher Umfragen inzwischen bei zwei Dritteln der Bevölkerung die Auffassung durchgesetzt, dass »man nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gehen muss«. Während 1978 nur 44 Prozent der Bundesbürger diese Ansicht vertraten, sind es heute 66 Prozent.

Vorrangig von Frauen geschätzt

Der Referent betonte, dass die Naturheilmittel vor allem als Mittel zur Vorbeugung und Stärkung des  Immunsystems an Bedeutung gewonnen hätten. Ende der 1980er Jahre seien Naturheilmittel zur Prävention nur von 24 Prozent der Bevölkerung genutzt worden. Heute setze jeder dritte Bundesbürger (33 Prozent) neben Wasseranwendungen nach Kneipp, Bewegungs- und Diättherapien oder Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen vorbeugend pflanzliche, homöopathische oder anthroposophische Mittel ein. Piel informierte, dass bei ernsthaften Erkrankungen allerdings nur 4 Prozent der Verfechter der Naturmedizin ausschließlich deren Kraft vertrauen.

Auch Professor Dr. Volker Fintelmann, Vorstand der Carl Gustav Carus Akademie Hamburg e.V , bestätigte den kontinuierlichen Aufwärtstrend beim Gebrauch von Naturheilmitteln. »Der Patient wird immer autarker. Der Trend zur Eigenverantwortung hat sich verstärkt, wobei Frauen eine höhere Affinität zu Naturmedizin haben«, sagte er. Fintelmann begrüßte die zunehmende Autonomie der Menschen auch im Arzt-Patienten-Gespräch. Er ist davon überzeugt, dass Erfahrungsmedizin in Zukunft Expertenmeinung dominieren wird.

 

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