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Entzündliche rheumatische Erkrankungen

Ernährung für Rheumapatienten

11.10.2007
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Entzündliche rheumatische Erkrankungen

Ernährung für Rheumapatienten

Gudrun Heyn, Basel

Mit der richtigen Ernährung den Verlauf vonchronischen Erkrankungen bessern zu können, ist ein Wunschtraum vieler Betroffener. Bei Patienten mit entzündlichem Rheuma scheint dies zugelingen. Eine Schlüsselrolle in dem Krankheitsgeschehen nimmt die Arachidonsäure ein. Reduziert man sie in der Nahrung, sollen Patienten sogar nicht steroidale Antirheumatika einsparen können.

Rheuma ist der Oberbegriff für mehr als 450 unterschiedliche Erkrankungen mit verschiedenen Ursachen. Allen gemeinsam ist eine Störung des Stütz- und Bewegungsapparates, wobei die Patienten unter schmerzhaften und dauerhaften Bewegungseinschränkungen leiden. »Viele dieser Erkrankungen sind durch Ernährung beeinflussbar«, sagte Professor Dr. Olaf Adam vom Walther-Straub-Institut für Ernährungsmedizin der Universität München auf einer Fachveranstaltung des Instituts Danone für Ernährung in Basel. Hierzu gehören vor allem Erkrankungen aus der großen Gruppe des entzündlich-rheumatischen Formenkreises wie die rheumatoide Arthritis, der Morbus Bechterew und die Fibromyalgie.

In ganz unterschiedlichen Gelenken des Körpers kommt es bei den Betroffenen immer wieder oder andauernd zu Entzündungsprozessen mit Schmerzen, Schwellungen, Rötungen und Überwärmungen. Dabei ist das Immunsystem gewissermaßen außer Kontrolle geraten, und der Körper setzt eine seiner wichtigsten Abwehrmaßnahmen, die Entzündung, ein, obwohl er keinen Feind bekämpfen muss. Fast immer liegt bei den Patienten eine genetische Disposition vor, doch damit die Krankheit zum Ausbruch kommt, braucht es zumeist noch einen zusätzlichen Auslöser. Für Morbus Bechterew ist dies nachgewiesen. So kann beispielsweise schon zehn Jahre vor den ersten Gelenkbeschwerden eine Klebsiellen-Infektion im Darm die Entzündungskaskade in Gang setzen. Später greift das Immunsystem ohne erkennbaren Grund körpereigene Substanzen an.

Gelenkzerstörung aufhalten

Allein an der häufigsten rheumatisch-entzündlichen Erkrankung, der rheumatoiden Arthritis, leidet in der Bundesrepublik Deutschland rund 1 Prozent der Bevölkerung. Nur mit einer besonders sorgfältigen und langfristigen Therapie kann bei diesen Patienten auf Dauer die Zerstörung von Gelenkinnenhaut, der Knorpel, Knochen und Sehnen verhindert werden. Gelingt dies nicht, droht den Erkrankten, dass sie die befallenen Gelenke nicht mehr bewegen können.

Enthalten die Mahlzeiten der Betroffenen Arachidonsäure im Übermaß, kann sich der Krankheitsverlauf noch deutlich verschlechtern. Arachidonsäure ist eine mehrfach ungesättigte Fettsäure, die der Körper in geringen Mengen aus der essenziellen Linolsäure bildet. Der größte Teil der Omega-6-Fettsäure wird jedoch mit der Nahrung aufgenommen. Dabei kommt Arachidonsäure ausschließlich in tierischen Produkten vor, beispielsweise in Fleisch, Eiern und Milcherzeugnissen.

Tierische Produkte meiden

Im Durchschnitt nimmt jeder Deutsche 300 bis 400 mg der Fettsäure täglich zu sich. Wünschenswert sind jedoch nur 50 mg pro Tag, denn freie, also nicht in Zellen eingebaute Arachidonsäure wird über Lipoxygenasen und Cyclooxygenasen in entzündungsfördernde Botenstoffe umgewandelt. Hierzu gehören beispielsweise stark wirksame Entzündungsmediatoren wie die Leukotriene sowie die entzündungsfördernden und schmerzverstärkenden Prostaglandine.

Rheumapatienten können daher ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. »Sie brauchen nur weitgehend auf tierische Nahrungsmittel zu verzichten«, sagte Adam. Keine Lösung sei eine vegetarische Kost. Studien hätten ergeben, dass Ovo-Lactovegetarier, die sich auch von Eiern, Milchprodukten und Milch ernähren, genauso viel Arachidonsäure zu sich nehmen wie Fleischesser. Erfolgreicher schnitt die lactovegetabile und am besten die vegane Kost ab.

Allerdings müssen reine Veganer, also Menschen, die auf alle vom Tier stammenden Lebensmittel verzichten, mit Nährstoffmangel rechnen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt bereits Ovo-Lactovegetarier und Lactovegetarier vor der Unterversorgung mit Nährstoffen, vor allem zu Zeiten eines hohen Nährstoffbedarfs wie bei Schwangeren, Stillenden oder Kleinkindern.

Professor Adam empfahl daher, sich arachidonsäurearm, vegetarisch orientiert zu ernähren und den Anteil von speziellen Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung zu erhöhen.

»Eicosapentaensäure aus Fischölen kann das Schlüsselenzym zur Biosynthese der Prostaglandine, die Cyclooxygenase, ebenso hemmen wie Acetylsalicylsäure und andere nicht steroidale Antirheumatika (NSAR)«, sagte der Ernährungsmediziner. Bei dieser Supplementierung bleiben jedoch die typischen Nebenwirkungen der Cyclooxygenasehemmer aus. Eicosapentaensäure blockiert noch zusätzlich das Enzym Lipoxygenase, die zur Bildung von Leukotrienen aus Arachidonsäure benötigt wird.

14 doppelblinde, placebokontrollierte Studien bestätigten die positive Wirkung von Fischöl, so Adam. Bei den Patienten besserten sich mindestens zwei klinische Parameter. Außerdem sank der Verbrauch von Cortison-haltigen Arzneimitteln und NSAR. Weitaus bessere Ergebnisse wurden jedoch bei den Studienteilnehmern erzielt, bei denen die eicosapentaensäurereiche Kost mit einer arachidonsäurearmen Ernährung kombiniert wurde. Rund 32 Prozent der NSAR, die die Patienten sonst benötigten, konnten so in einer Studie an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingespart werden.

Diät erfordert Geduld

Allerdings könne es bis zu drei Monaten dauern, bis sich das Immunsystem auf die veränderten Ernährungsbedingungen einstellt und die Entzündung herunterfährt, betonte Adam. Die Patienten leiden dann deutlich weniger unter schmerzhaften Gelenken, und auch die Schwellungen gehen zurück. Doch Vorsicht: Diese Ernährung ist kein Ersatz für medikamentöse Maßnahmen. Auch sprechen keineswegs alle Rheumatiker auf die Nahrungsumstellung an. Bei der Fibromyalgie beispielsweise waren es nur ein Drittel der Patienten.

Um den Arachidonsäurespiegel möglichst niedrig zu halten, sei eine lacto-vegetabile Kost mit zwei Fleischmahlzeiten und zwei Eiern in der Woche sowie einem halben Liter fettreduzierter Milch pro Tag empfehlenswert. Das bedeutet aber auch, auf Wurst, fetten Käse und Sahne zu verzichten. Den Anteil an Eicosapentaensäure in der Nahrung könne man beispielsweise durch den Verzehr von fettem Fisch steigern. Zur antientzündlichen Ernährungstherapie sehen Experten derzeit etwa 300 mg Eicosapentaensäure pro Tag als ausreichend an. Dies entspricht etwa einem Matjesfilet in der Woche. Doch in der Anreicherungsphase sollten Rheumapatienten etwa ein Gramm Eicosapentaensäure täglich zu sich nehmen, was etwa drei Matjesfilets in der Woche entspricht. PTAs und Apotheker können den Patienten aber auch hoch angereicherte Fischölkapseln empfehlen.

Alpha-Linolensäure, eine Vorstufe der Eicosapentaensäure, ist zudem in bestimmten Speiseölen enthalten. So tragen daher Raps-, Lein- und Walnussöl zu einer Omega-3-Fettsäure-reichen Ernährung bei. Doch nicht bei jedem Patienten wird die Vorstufe in die antientzündliche Eicosapentaensäure umgewandelt. Adam empfiehlt Rheumapatienten deshalb zur Sicherheit eine Blutuntersuchung, bevor sie verstärkt Alpha-Linolensäure-reiche Öle in ihren Speiseplan einbauen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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