PTA-Forum online
Schwangerschaft

Stressfrei ist gut für Mutter und Kind

10.10.2007  09:09 Uhr

Schwangerschaft

Stressfrei ist gut für Mutter und Kind

Gudrun Heyn, Basel

Risikofaktoren für Fehl- und Frühgeburten gibt es viele. Dass Stress dazugehört, ist eine altbekannte Lebenserfahrung. Im Unterschied zu früher können Wissenschaftler heute die feine Beziehung zwischen Körper und Seele auf molekularbiologischer Ebene nachweisen. Alle werdenden Mütter sollten sich daher auch regelmäßig Ruhepausen gönnen, um das Leben des Ungeborenen nicht zu gefährden.

Wenn Frauen im ersten Drittel ihrer Schwangerschaft unter starker seelischer Anspannung stehen, steigt die Gefahr, ein untergewichtiges Kind auf die Welt zu bringen. In manchen Fällen verursacht der Stress gar eine Fehlgeburt. Dies zeigt eine noch unveröffentlichte Studie an der Berliner Charité. Die Berliner Ärzte versuchten nicht nur, die seelische Situation von über 1000 Schwangeren mit Hilfe eines Fragebogens zu erfassen, sondern analysierten auch deren Blut.

Jede Schwangerschaft ist ein kleines Wunder. Eigentlich müsste das mütterliche Immunsystem mit heftigen Abwehrmaßnahmen auf den Fetus reagieren, denn das Ungeborene ist zur Hälfte durch das Erbgut des Vaters bestimmt und enthält deshalb auch körperfremde Antigene. Doch in der Gebärmutterschleimhaut herrscht ein besonders »fremdenfreundliches« Klima. Gesteuert durch schwangerschaftsschützende Hormone wie das Progesteron sind dort antientzündliche Zytokine in der Überzahl, und auch die für die Immunabwehr zuständigen T-Zellen regulieren ihre Aktivität herunter.

Was bei Organtransplantierten nur mit Hilfe von Immunsuppressiva gelingt, ist in der Schwangerschaft somit selbstverständlich: Abstoßungsreaktionen sind die Ausnahme und nicht die Regel. Seelischer Druck bringt dieses sensible Gleichgewicht jedoch aus dem Lot. In der Berliner Studie erlitten 56 der 1089 Frauen eine Fehlgeburt (Abort). Und: Dieselben Frauen hatten sich im Fragebogen als besonders gestresst eingestuft. Auch im Tiermodell ist die Wirkung von Stress nachweisbar. So steigt bei trächtigen Mäusen die Zahl der Fehl- oder Frühgeburten von 10 auf 40 Prozent, wenn die schwangeren Tiere in ihren Käfigen beispielsweise unangenehmem Lärm ausgesetzt werden. Als zusätzliche Risikofaktoren für einen Abort ergab die Studie ein Alter über 33 und ein niedriges Gewicht mit einem BMI (Body-Mass-Index) unter 20.

Mehr Zytokine im Blut

Dank moderner Untersuchungsmethoden können Forscher heute auf stofflicher Ebene viel besser als noch vor Jahren nachvollziehen, wie sich Stress auf Zellen auswirkt. In nur wenigen Tropfen Blut lassen sich beispielsweise bis zu 30 verschiedene Zytokine bestimmen. Mit ihrer Hilfe steuern viele Zellarten das Verhalten und die Eigenschaften anderer Zellen. Bei psychischer Anspannung ändert sich die Konzentration dieser Proteine im Blut: Sie werden teils vermehrt, teils vermindert gebildet. Heute ist bekannt, dass momentaner Stress etwa bei einem Fallschirmsprung ebenso wie permanenter Stress beispielsweise bei Arbeitslosigkeit oder einer Scheidung sowohl das endokrine System (Hormone) als auch das Immunsystem und das nervöse System beeinflusst.

In der Stressforschung haben die neuen Untersuchungsmöglichkeiten einen regelrechten Boom ausgelöst. Durch den Blick auf Körperprozesse können Psycho-Neuroimmunologen nun erklären, warum bestimmte Krankheiten im engen Zusammenhang mit erhöhter Stresswahrnehmung stehen. Dazu gehören Haut- und Darmerkrankungen, Asthma und Schwangerschaftskomplikationen sowie die Tuberkulose in Japan, die dort gehäuft bei nervösen Patienten auftritt.

Mäuse unter Lärmstress

In Tierstudien haben Wissenschaftler herausgefunden, welche stofflichen Auswirkungen psychischer Druck auf Schwangere haben kann. Bei Labormäusen führt Lärm zu einem Anstieg von Stresshormonen wie den Corticotropin Releasing Hormonen (CRH). In der Gebärmutterschleimhaut kurbelt CRH die Produktion entzündungsfördernder Zytokine an.

Gleichzeitig sinkt der Progesteronspiegel, zum einen wird weniger Progesteron gebildet, zum anderen sogar vermehrt abgebaut. »Für den Erhalt der Schwangerschaft ist dies keine förderliche Situation«, sagte Professorin Dr. Petra Arck von der Berliner Charité auf einer Fachveranstaltung des Instituts Danone für Ernährung in Basel.

Die beschriebenen Prozesse gelten jedoch nicht nur für Versuche unter Laborbedingungen, auch in freier Wildbahn lässt sich die feine Beziehung zwischen psychischer Anspannung, Zytokinen, Hormonen und Fehlgeburten beobachten. So bringen Elchkühe im Yellowstone-Nationalpark in den USA umso weniger Nachkommen auf die Welt, desto mehr Wölfe sich in ihrer Nähe befinden. Ihr Progesteronspiegel verändert sich deutlich in der Stresssituation. Die Berliner Studie ergab bei den werdenden Müttern vergleichbare Zusammenhänge. Bei denjenigen Schwangeren, die ihr Kind verloren, waren die Progesteron-Werte bereits fünf Wochen vor dem Abort charakteristisch erniedrigt. »Der Spiegel des Immunsteroids ist ein verlässliches Indiz für Stress«, kommentierte Arck die Studienergebnisse. Starke psychische Anspannung muss aber nicht in jedem Fall zu einer Fehlgeburt führen. Stress könne auch bewirken, dass die Kinder bei der Geburt durch ein geringes Gewicht auffielen oder später vermehrt unter atopischer Dermatitis litten, so Arck. Obwohl es derzeit noch nicht möglich ist, genaue Grenzwerte für einen normalen Progesteronspiegel anzugeben, hält die Psycho-Neuroimmunologin es für sinnvoll, die Bestimmung des Hormonwertes in die Vorsorgeuntersuchung von Schwangeren mit aufzunehmen. Erfasst der Gynäkologe zudem noch weitere Risikofaktoren wie das Alter und den BMI, kann er leicht feststellen, ob ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind besteht.

Besonders stark gefährdeten Schwangeren kann er durchaus helfen. Gaben die Forscher den gestressten Mäusemüttern ein Progesteronderivat, sank die Gefahr für eine Abstoßungsreaktion wieder auf das Normalniveau. Für Frauen mit einem niedrigen Progesteronspiegel und weiteren Risikofaktoren ist daher die Verordnung eines Progesteronderivats eine mögliche Therapie.

Unterschiedliches Stressempfinden

Stress bedeutet für jeden etwas anderes. Dennoch empfindet jeder Mensch ein Missverhältnis zwischen Anforderungen und seiner Fähigkeit, diese Anforderungen zu bewältigen, egal ob es um Hausarbeit oder berufliche Herausforderungen geht. Zur Vorsorge sollte sich jede Schwangere daher täglich entspannen. Dies gilt insbesondere für das erste und das letzte Schwangerschaftsdrittel, denn während dieser Zeit sind die Frauen besonders stressanfällig.

PTA oder Apotheker können Schwangere auf diese Zusammenhänge hinweisen und daran erinnern, dass bereits ganz einfache Mittel Stresshormone reduzieren und den Progesteronspiegel stabilisieren. »So sollte man die wohltuende Wirkung eines Entspannungsbades nicht unterschätzen«, empfahl Arck.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
gheyn(at)gmx.de