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Diuretika in der Selbstmedikation

Bakterien hinausspülen

16.09.2008
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Diuretika in der

Bakterien hinausspülen

von Andrea Hämmerlein

Viele Arzneipflanzen wirken mild diuretischund unterstützen daher die antibiotische Therapie von Harnwegsinfekten. Neben der Durchspülungstherapie bei Entzündungen der Harnwege finden Teeaufgüsse oder Pflanzensäfte außerdem einen sinnvollen Einsatz zurVorbeugung von Harnsteinen sowie bei der Ausschwemmung von Wassereinlagerungen im Körper.

Zu den Diuretika gehören alle Arzneistoffe und -pflanzen, die die Harnausscheidung verstärken. Bewirken die Arzneisubstanzen, dass mit dem Wasser auch gleichzeitig mehr Elektrolyte ausgeschwemmt werden, heißen sie Saluretika oder Natriuretika. Alle synthetischen Diuretika zählen zu dieser Gruppe, unabhängig von ihrem Wirkmechanismus. Diese Arzneistoffe unterliegen der Verschreibungspflicht. Ihre Hauptanwendungsgebiete sind die Therapie des Bluthochdrucks sowie die Ausschwemmung von Wassereinlagerungen (Ödemen) im Körper. 

Pflanzliche Aquaretika

Doch auch eine Reihe nicht verschreibungspflichtiger Phytotherapeutika wirkt diuretisch. Pharmakologische Versuche legen nahe, dass diese Arzneipflanzen weniger die Elektrolyt-, sondern eher die Wasserausscheidung fördern, insbesondere wenn die Patienten gleichzeitig mehr trinken. Daher werden einige pflanzliche Urologika auch als Aquaretika-Drogen bezeichnet. Sie erhöhen vermutlich die Durchblutung der Niere sowie die Filtrationsrate. Als Anwendungsgebiete der pflanzlichen Aquaretika nennt die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA), dem heutigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): 

  • zur Durchspülung bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege sowie Nierengries und 
  • zur Vorbeugung von Harnsteinen und Nierengries.

Neben ihrem diuretischen Effekt wirken aquaretische Arzneipflanzen zusätzlich oft antibakteriell und antientzündlich sowie in manchen Fällen auch krampflösend. Daher eignen sie sich zur Durchspülungstherapie unter anderem bei brennenden Schmerzen beim Wasserlassen (Dysurie), Reizblase, Blasenirritation ohne Infekt, leichten Harnwegsinfekten sowie zur Rezidivprophylaxe beziehungsweise Nachbehandlung nach einer Antibiotikatherapie. Die Durchspülungstherapie verdünnt den Urin und verhindert darüber hinaus, die Auskristallisation von Steinen im Bereich der ableitenden Harnwege und damit Nierenkoliken. 

Für die genannten Indikationen bewährt haben sich unter anderem Birkenblätter, Brennnessel-, Goldruten- und Schachtelhalmkraut (siehe auch die Kurzporträts). Die Tabelle auf derselben Seite enthält Beispiele harntreibender Arzneipflanzen. Zum einen bereiten die Patienten aus den Arzneidrogen individuell einen Tee oder kaufen einen Fertigtee. Daneben bieten einige Hersteller auch Frischpflanzensäfte (zum Beispiel Florabio Birkensaft) und Elixiere (Weleda-Birkenblätterelixier) an.

Kurzbeschreibungen einiger häufig verwendeter pflanzlicher Urologika

Birkenblätter (Betulae folium)

Einsatz zur Durchspülungstherapie der Harnwege bei bakteriellen, entzündlichen und krampfartigen Erkrankungen, unter anderem Urethritis, Cystitis. Die diuretische Wirkung beruht wohl in erster Linie auf dem Gehalt an Flavonoiden. 

Brennnesselkraut (Urticae herba)

Einsatz zur Erhöhung der Harnmenge und zur unterstützenden Behandlung von Beschwerden beim Wasserlassen. Die Droge enthält Flavonoide und Phenolcarbonsäuren wie die seltene Kaffeoyläpfelsäure, außerdem ungesättigte Fettsäuren und lösliche Silikate. Die aquaretische Wirkung beruht vermutlich auf dem hohen Mineralstoffgehalt der Droge, die entzündungshemmende Wirkung auf den Fettsäuren und der Kaffeoyläpfelsäure.

Goldrutenkraut (Solidaginis herba)

Einsatz zur Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, bei Blasen- und Nierenentzündungen, bei Nierensteinen und -grieß. Die Droge enthält Flavonoide, Saponine, Gerbstoffe und ätherisches Öl. Goldrutenkraut wirkt diuretisch, schwach krampflösend und entzündungshemmend.

Schachtelhalmkraut, Zinnkraut (Equiseti herba)

Die Droge wird zur Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß eingesetzt. Die diuretische Wirkung beruht zumindest teilweise auf den enthaltenen Flavonoiden. 

Unkomplizierte Harnwegsinfekte

Schätzungsweise 80 Prozent aller Entzündungen der Harnwege sind einfache Harnwegsinfekte. Diese gehören zu den häufigsten Erkrankungen in der Praxis niedergelassener Ärzte. Eine Entzündung der unteren Harnwege wird als Cystitis bezeichnet. Die Entzündung erstreckt sich meistens auf Harnröhre (dann Urethritis genannt) und Harnblase (Cystitis im engeren Sinne). Verursacher eines Harnwegsinfekts sind fast immer aufsteigende Darmbakterien. Besonders häufig betroffen sind Frauen. Das Risiko einer Schmierinfektion ist bei Frauen durch die anatomische Nähe von After und Harnröhre groß, und durch die kurze Harnröhre gelangen die Darmbakterien leicht in die Blase. Doch auch ältere Männer erkranken häufiger, wenn eine vergrößerte Prostata den Harnabfluss behindert. 

Zu etwa 80 Prozent verursacht Escherichia coli akute, unkomplizierte Harnwegsinfekte, zu einem geringeren Teil Staphylokokken oder Enterobakterien wie Proteus und Klebsiella-Spezies. Falsche Anal- und Intimhygiene sowie Geschlechtsverkehr, vor allem unter Verwendung spermizider Gele und Suppositorien, begünstigen ebenfalls einen Infekt. Wegen des zweiten Zusammenhangs nennen Mediziner Harnwegsinfektionen junger Frauen auch »Honeymoon-Cystitis«.

Heftige Beschwerden

Typische Symptome eines Harnwegsinfektes sind brennende Schmerzen beim Wasserlassen (Dysurie), häufige Entleerung kleiner Harnmengen (Pollakisurie), Schmerzen im Unterbauch, eventuell auch im Nierenbereich, selten tritt auch Fieber auf. Die Betroffenen fühlen sich häufig sehr krank. 

Die Therapie richtet der Arzt nach dem Ausmaß der Erkrankung. Bei starken, mehrere Tage anhaltenden Beschwerden verordnet er Antibiotika, um ein Aufsteigen der Infektion in die oberen Harnwege und eine Chronifizierung zu verhindern. Leichte Beschwerden klingen oft innerhalb weniger Tage von selbst ab. 

Zur Unterstützung im Rahmen der Selbstmedikation können PTA oder Apotheker den Patienten die Durchspülungstherapie mit pflanzlichen Aquaretika empfehlen. Während der Durchspülungstherapie mit Phytopharmaka sollten die Patienten mindestens zwei Liter pro Tag trinken. Patienten mit Ödemen aufgrund einer eingeschränkten Herz- und Nierentätigkeit dürfen keine Durchspülungstherapie durchführen. Die vermehrte Flüssigkeitszufuhr würde ihren Organismus zu stark belasten.

Harntreibende Phytopharmaka (Beispiele)

Deutsche Bezeichnung (Arzneibuchname)

Birkenblätter (Betulae folium)
Bohnenschalen (samenfreie) (Phaseoli pericarpium)
Brennnesselkraut und -blätter (Urticae folium/herba)
Färberginsterkraut (Genistae herba)
Goldrutenkraut (Solidaginis herba)
Hauhechelwurzel (Ononidis radix)
Liebstöckelwurzel (Levistici radix)
Löwenzahn (Taraxaci herba cum radice)
Orthosiphonblätter (Orthosiphonis folium)
Petersilienkraut (Petroselini herba)
Queckenwurzelstock (Graminis rhizoma)
Schachtelhalmkraut (Equiseti herba)
Spargelwurzelstock (Asparagi rhizoma)
Wacholderbeeren (Juniperi pseudo-fructus)

Vorsicht bei Kindern und Schwangeren

Ebenfalls abzuraten ist Menschen mit einer bekannten Überempfindlichkeit beziehungsweise Allergie gegen eine bestimmte Arzneipflanze, zum Beispiel mit einer Birkenpollenallergie. Schwangere und Stillende sowie Kinder unter 12 Jahren sollten pflanzliche Urologika wegen fehlender Untersuchungen ebenfalls nicht anwenden. Die Grenzen der Selbstmedikation mit pflanzlichen Urologika sind erreicht bei Patienten mit starken Schmerzen und Fieber. In diesen Fällen können die Arzneipflanzen jedoch immer unterstützend zur Antbiotikatherapie eingesetzt werden.

Möglich ist der Einsatz pflanzlicher Aquaretika in der Selbstmedikation außerdem bei Frauen, die zum Beispiel im Rahmen des Zyklus, beim prämenstruellen Syndrom sowie zu Beginn der Menopause über Ödeme, vor allem in den Beinen, klagen. Auch in diesen Fällen lindern pflanzliche Diuretika die Beschwerden. Sinnvoll ist die Behandlung mit pflanzlichen Aquaretika außerdem bei Patienten mit leichten Ödemen aufgrund einer chronisch venösen Insuffizienz sowie mit statischen Ödemen beziehungsweise Inaktivitätsödemen. Diese treten beispielsweise bei übergewichtigen Menschen aufgrund mangelnder Bewegung auf. Patienten mit Ödemen sollten sich zunächst grundsätzlich an ihren Arzt wenden, damit dieser die Ursachen abklärt. Der Einsatz von Aquaretika zur Blutreinigung oder Entschlackung entbehrt dagegen jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und ist unsinnig. 

Missbräuchliche Anwendung 

In großen Mengen und langfristig angewendet schaden pflanzliche Entwässerungsmittel. Niemand sollte sie daher beispielsweise zur Gewichtsreduktion über einen längeren Zeitraum einnehmen. Bei Dauergebrauch  kann der verstärkte Wasserverlust auch zu Störungen im Elektrolythaushalt führen. Dadurch wird möglicherweise auch die Wirkung anderer Medikamente, zum Beispiel von Herzmitteln, abgeschwächt. Im Rahmen der Selbstmedikation sollten PTA oder Apotheker den Patienten darauf hinweisen, dass er pflanzliche Aquaretika nur vorübergehend und in der empfohlenen Dosierung anwendet.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
A.Haemmerlein(at)abda.aponet.de