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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im September 2008

16.09.2008
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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im September 2008

von Sven Siebenand

Einige neue Arzneisubstanzen sind in den vergangenen Wochen in den Handel gekommen. Darunter ein Antibiotikum und ein Mittel gegen das hereditäre Angioödem, eine seltene Krankheit. Menschen mit einer überaktiven Blase hilft der Neuling Fesoterodin.

Obwohl in Deutschland bis acht Millionen Menschen unter Blasenschwäche leiden, wird die Krankheit in der Öffentlichkeit wenig thematisiert. Erhöhter Harndrang und eine gesteigerte Harnfrequenz sowie plötzliche Inkontinenz sind typische Symptome der überaktiven Blase.

 

Das neue Mittel bei überaktiver Blase

Mit dem verschreibungspflichtigen Arzneistoff Fesoterodin (Toviaz®, Pfizer) steht seit September eine neue Therapieoption für Patienten mit hyperaktiver Blase zur Verfügung. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt einmal täglich 4 mg. Je nach individuellem Ansprechen kann die Dosis auf 8 mg erhöht werden. Die Patienten müssen die Retardtabletten zu oder unabhängig von den Mahlzeiten ganz hinunterschlucken. PTA oder Apotheker sollten die Patienten darauf hinweisen, dass sich die volle Wirksamkeit von Fesoterodin erst nach zwei bis acht Wochen einstellt.

 

Der neue Arzneistoff ist ein Muskarin-Rezeptorantagonist. Die Hemmung der Rezeptoren in der Blase entspannt die Muskeln, die den Harn aus der Blase drücken. Dadurch beugt der neue Wirkstoff auch unerwünschtem Harnlassen vor.

 

Knapp 30 Prozent der Patienten klagten während der Fesoterodintherapie über Mundtrockenheit. Andere häufige Nebenwirkungen wie trockene Augen, Verstopfung und Dyspepsie beruhen auf der anticholinergen Wirkung der neuen Arzneisubstanz.

 

Patienten mit Colitis ulcerosa, einem schweren Leberleiden sowie einem nicht ausreichend behandelten oder unbehandelten Engwinkelglaukom dürfen Fesoterodin nicht einnehmen. Der neue Arzneistoff sollte nicht mit Substanzen, die das Enzym CYP3A4 induzieren wie Johanniskraut, kombiniert werden. Andersherum darf die Tageshöchstdosis an Fesoterodin nur 4 mg betragen, wenn der Patient gleichzeitig Arzneimittel einnimmt, die dieses Enzym stark blockieren wie Ketoconazol.

 

Das neue Antibiotikum Doripenem

Vor allem für Krankenhausapotheken und auch krankenhausversorgende Apotheken dürfte das neue Antibiotikum Doripenem (Doribax® 500 mg Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung, Janssen-Cilag) von Interesse sein. Es wird zur Behandlung erwachsener Patienten mit einer sogenannten nosokomialen Lungenentzündung eingesetzt. Nosokomial bedeutet, dass sich der Patient im Krankenhaus infiziert hat. Dies schließt auch Lungenentzündungen ein, die durch ein Beatmungsgerät verursacht wurden. Weitere Indikationen sind schwer zu behandelnde Infektionen im Bauchraum und komplizierte Infektionen des Harntraktes. Doripenem wirkt auch gegen Pseudomonas aeruginosa, einen gefährlichen Keim in Krankenhäusern. Das Beta-Lactam-Antibiotikum Doripenem gehört zu den Carbapenemen. Carbapeneme hindern die Bakterien am Aufbau ihrer Zellwand, was letztlich zum Zelltod führt.

 

Die Standarddosis des verschreibungspflichtigen Wirkstoffes beträgt 500 mg alle acht Stunden. Jede Infusion dauert in der Regel eine Stunde. Bei manchen Patienten sind jedoch auch vierstündige Infusionen notwendig. Je nach Art und Schweregrad der Infektion und in Abhängigkeit davon, wie der Patient auf Doripenem anspricht, liegt die Behandlungsdauer zwischen 5 und 14 Tagen. Da das Mittel vorwiegend über die Nieren ausgeschieden wird, muss bei Patienten mit mittelschweren bis schweren Nierenfunktionsstörungen die Dosis reduziert werden.

 

Doripenem darf nicht angewendet werden bei Patienten mit einer starken Allergie gegen Beta-Lactam-Antibiotika, also auch gegen Penicilline und Cephalosporine. Vor Beginn der Behandlung sollte sich der Arzt deshalb darüber informieren, ob der Patient bereits früher einmal auf Antibiotika überempfindlich reagiert hat. Tritt eine allergische Reaktion während der Doripenembehandlung auf, muss die Therapie sofort abgebrochen werden. Eine anaphylaktische Reaktion erfordert die sofortige Notbefallbehandlung.

 

Die in Studien am häufigsten beobachtete Nebenwirkung war Kopfschmerz, zudem traten häufig Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Durchfall, Hautauschlag und Juckreiz sowie erhöhte Leberwerte auf.

 

Das neue Orphan Drug Icatibant

Mit Icatibant (Firazyr® 30 mg Injektionslösung, Jerini AG) steht seit Anfang September in Deutschland das erste Medikament zur subkutanen Behandlung akuter Attacken des hereditären Angioödems (HAE) zur Verfügung. Diese potenziell lebensbedrohliche Erkrankung ist durch unvorhersehbare und wiederkehrende Schwellungen im Gesicht, an Händen und Füßen, im Kehlkopfbereich sowie im Bauchraum gekennzeichnet. Hereditär bedeutet, dass die Erkrankung genetisch bedingt ist. 

 

Bisher ist HAE bei etwa 10.000 Patienten in Europa und den USA diagnostiziert worden. Die Dunkelziffer dürfte höher sein: Schätzungen zufolge sind in der EU und den USA insgesamt bis zu 75000 Menschen betroffen. Trotzdem gilt die Krankheit als selten, sodass das neue Mittel von der europäischen Arzneimittel-agentur EMEA den sogenannten Orphan-Drug-Status erhalten hat.

 

Der Leidensdruck von HAE-Patienten ist hoch: Attacken an Händen, Füßen und im Gesicht können sehr entstellend sein, während Attacken im Bauchbereich mit äußerst starken Schmerzen verbunden sind, weil die Darmwand anschwillt. Lebensbedrohlich sind Attacken im Rachen- und Kehlkopfraum, denn das Anschwellen der oberen Atemwege kann zum Erstickungstod führen. Mehr als die Hälfte der Patienten erleidet im Laufe des Lebens einen solchen Zwischenfall. Manchmal muss der Notarzt das Leben des Patienten durch einen Luftröhrenschnitt  oder eine Intubation retten.

 

Während einer HAE-Attacke spielt das Gewebshormon Bradykinin eine tragende Rolle. Bradykinin sorgt dafür, dass sich die Blutgefäße erweitern und die Kapillaren durchlässiger werden. Die Folge: Blutplasma tritt ins Gewebe aus, Schwellungen und Schmerzen entstehen. Der neue Wirkstoff wirkt als Bradykinin-Antagonist, indem es den Bradykinin-B2-Rezeptor hemmt. 

 

Die Arzneisubstanz steht in Form einer Fertigspritze zur Verfügung, die nicht intravenös, sondern subkutan in die Bauchfalte gespritzt werden kann. Bei mehr als 10 Prozent der Patienten traten nach der Injektion Rötungen, Schwellungen, Wärmegefühl, Brennen, Juckreiz und Schmerzen auf. Die Gabe erfolgt durch medizinisches Personal. Icatibant ist nicht zur Selbstverabreichung bestimmt.

 

Neues Komplexsalz der ASS

Ein weitere Neueinführung im September sind die Viatris® Brausetabletten der Firma Meda Pharma mit 100 mg Carbasalat-Calcium, einem Komplex des Calciumsalzes der Acetylsalicylsäure (ASS) und Harnstoff. Eine Brausetablette enthält insgesamt 78 mg ASS. Wie andere niedrig dosierte ASS-Präparate hemmt auch Viatris die Thrombozytenaggregation und verhindert so einen Folge-Infarkt bei Patienten, die bereits einen Herz- oder Hirninfarkt erlitten haben.

 

Die antithrombotische Wirkung von Carbasalat-Calcium beruht darauf, dass letztlich die Bildung der Substanz Thromboxan A2 in den Blutplättchen gehemmt wird, sodass diese sich nicht mehr zusammenlagern können. Dieser Effekt ist dauerhaft und hält gewöhnlich über die gesamte Lebensdauer eines Thrombozyten (sieben bis zehn Tage) an.

 

Patienten nehmen in der Regel am ersten Tag zwei Brausetabletten, danach täglich ein bis zwei. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollen das Arzneimittel nicht erhalten. Eine Kontraindikation besteht beispielsweise bei Patienten mit einem Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür und/oder Magen-Darm-Blutungen. Vorsichtsmaßnahmen sind unter anderem bei Patienten zu treffen, die gleichzeitig Antikoagulantien einnehmen. Auch bei Patientinnen mit sehr starker Menstruationsblutung sollte das Mittel nur mit Vorsicht angewendet werden. Ferner sollten Patienten vor operativen Eingriffen das Präparat absetzen, da der Arzneistoff die Blutungszeit verlängert. Über die Dauer dieser Unterbrechung wird der Arzt von Fall zu Fall entscheiden, im Normalfall beträgt sie eine Woche. In der Fachinformation des Präparates sind zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln aufgezählt. Auf gar keinen Fall darf Carbasalat-Calcium mit dem Wirkstoff Methotrexat (verwendet in Dosen größer als 15 mg/Woche) kombiniert werden.

 

Sehr häufig kommt es unter Carbasalat-Calcium zu Magenbeschwerden. Zu den häufig beobachteten Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Durchfall und die verlängerte Blutungszeit. Letztere kann noch mehrere Tage nach Absetzen des Mittels anhalten, was bei geplanten Operationen bedacht werden sollte. 

 

Weitere Neulinge im Monat September sind das Antibiotikum Rifaximin (Xifaxan®, Norgine B. V.) gegen Reisedurchfall und das Antiepileptikum Lacosamid (Vimpat®, UCB Pharma). Die beiden Substanzen werden in der kommenden Ausgabe des PTA-Forums vorgestellt.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
Siebenand@govi.de