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Verstopfung

Großes Problem auch für die Kleinen

22.09.2009  10:04 Uhr

Verstopfung

Großes Problem auch für die Kleinen

von Christina Jäger

Verstopfung ist keine Frage des Alters. Leiden kleine Kinder unter Obstipation, müssen die Eltern schnell handeln. Sonst könnte der Grundstein für ein lebenslanges Leiden gelegt werden. Zur Therapie gehören neben der Ernährungsumstellung und Änderung von Lebensgewohnheiten auch Arzneimittel.

Einigen Kindern bereitet es Probleme, wenn sie keine Windeln mehr tragen, sondern Töpfchen oder Toilettensitz benutzen sollen. Die neue Situation ist ungewohnt. Manchmal fehlt auch die nötige Zeit und Ruhe, in der die Kleinen ungestört auf dem Töpfchen sitzen. Manche Kinder halten aus Angst den Stuhl zurück. Dadurch verhärtet sich der Stuhl, und der nächste Toilettenbesuch wird ziemlich schmerzhaft. Nun meiden die Kinder die Toilette erst recht. Im Extremfall bilden sich Analfissuren, was die Schmerzen noch verstärkt. Die größer werdende Füllung erweitert den Enddarm, sodass die kleinen Patienten den natürlichen Entleerungsdrang nicht mehr spüren. Aus diesem Teufelskreis finden die Kinder meist nicht ohne therapeutische Hilfe heraus. Sofortiges Handeln ist nötig, damit die akute Verstopfung nicht zur chronischen Obstipation oder sogar zur Koprostase (Kotstauung im Darm) wird. 

Eine Verstopfung entsteht auch, wenn sich Kinder falsch ernähren mit viel Weißbrot, zu viel Süßigkeiten und Schokolade. Daher sollten die Eltern ihren Kleinen Süßes nur in Maßen genehmigen. Ein striktes Verbot bewirkt dagegen oft genau das Gegenteil: Die Kinder vertilgen dann bei Freunden Süßigkeiten in großen Mengen.

Auch wenn sich Kinder an anderes Essen gewöhnen müssen, beispielsweise auf Reisen, im Kindergarten oder in der Schule, kann sich eine Obstipation einstellen. Bei Säuglingen verursacht manchmal die Umstellung von Muttermilch auf Fertignahrung Verstopfung.

Ein weiterer Trend verstärkt das Problem: Viele Kinder bewegen sich zu wenig. Statt Sport zu treiben oder draußen mit Freunden zu toben, verbringen ältere Kinder ihre Freizeit häufig sitzend vor dem PC oder Fernseher.

Manche Eltern wissen nicht, dass Medikamente, zum Beispiel mit Codein, Opiaten oder Eisensalzen, zur Verstopfung führen können. Ferner können angeborene neurologische und muskuläre Defekte oder auch Stoffwechselerkrankungen wie die Hypothyreose oder Diabetes Gründe für die Obstipation sein.

Patienten mit »Morbus Hirschsprung« fehlen Nervenzellen im Darm (Aganglionose), die für dessen Weitstellung verantwortlich sind. Die Darmsegmente, in denen die Nervenzellen fehlen, verengen sich. Obstipation ist die Folge. Angeborene organische Defekte können Eltern als Ursache der Verstopfung ausschließen, wenn ihr Kind auch Zeiten der »normalen Darmentleerung« hat.

Eltern beruhigen

Eltern neigen manchmal dazu, vorschnell eine Obstipation bei ihrem Kind zu diagnostizieren. Fakt ist: Jeder Mensch, also auch jedes Kind verstoffwechselt unterschiedlich schnell. Daher gehört es zu den Aufgaben der PTA oder des Apothekers, durch Befragen der Eltern abzuklären, ob tatsächlich eine Verstopfung vorliegt. Ändern sich Lebensumstände oder Gewohnheiten, ist das Kind krank oder durchlebt es eine psychisch turbulente Phase, kann sich seine Verdauung ändern. Hier sollten PTA oder Apotheker gemeinsam mit den Eltern überlegen, welche Umstände die Verstopfung bewirkt haben könnten. Möglicherweise klärt sich das Problem auch ohne Therapie, und besorgte Eltern lassen sich beruhigen.

Die Autoren der Fachliteratur zum Thema Obstipation nennen folgende Intervalle für die »normale Häufigkeit« des Stuhlgangs (siehe auch Kasten). Im Normbereich liegen

  • Stillkinder, wenn sie achtmal am Tag bis hin zu einmal pro Woche entleeren, 
  • Flaschenkinder, wenn sie ein- bis dreimal am Tag entleeren,
  • Kleinkinder, wenn sie ein- bis zweimal pro Tag bis alle zwei Tage Stuhlgang haben, 
  • Schulkinder, wenn sie ein- bis zweimal pro Tag entleeren.

Definition chronische Obstipation

Nach der Leitlinie »Obstipation im Kindesalter« der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) liegt dann eine chronische Verstopfung vor, wenn die Beschwerden länger als zwei Monate andauern. Von den nachfolgenden Symptomen müssen zwei erfüllt sein (nach Rom III Kriterien):

  • weniger als drei Stuhlentleerungen pro Woche,
  • mehr als eine Episode pro Woche mit Stuhlschmieren,
  • Stuhlmengen im Rektum und Abdomen tastbar,
  • gelegentliche Entleerung großer Stuhlmassen,
  • Rückhaltemanöver,
  • schmerzhafter und harter Stuhl.

Ein wichtiges Kriterium für Obstipation ist die Stuhlbeschaffenheit. Beschreiben die Eltern den Stuhl als hart, knollig oder trocken, bereitet der Stuhlgang den Kindern Schmerzen oder müssen sie lange angestrengt pressen, liegt meist Obstipation vor. Ein weiteres Zeichen für Obstipation ist das Kotschmieren, das heißt in der Unterhose befinden sich häufig braune Stuhlspuren. Belastet die Obstipation das Kind psychisch stark, kann dies zu nächtlicher Stuhl-Inkontinenz oder Bettnässen führen.

Im Beratungsgespräch müssen PTA oder Apotheker also nach der Stuhlbeschaffenheit, Stuhlfrequenz, der Dauer der Beschwerden, weiteren Symptomen, der Einnahme von Medikamenten und nach dem Alter des Kindes fragen. Grundsätzlich gilt: Ist das Kind unter sechs Jahren, müssen die Eltern den Arzt aufsuchen. Leidet das Kind an starker Übelkeit, Bauchschmerzen, stark aufgeblähtem Abdomen, Blut im Stuhl oder Fieber, müssen PTA oder Apotheker den Eltern von der Selbstmedikation abraten, egal wie alt das Kind ist.

Medikamente helfen

Ist die Selbstmedikation zu verantworten, stehen für die Therapie eine Reihe verschiedener Arzneimittel, aber auch nicht medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung. Speziell für Kinder zugelassen ist das verschreibungspflichtige Movicol® Junior aromafrei Pulver zur Herstellung einer Lösung. Für Kinder ab zwei Jahren ist es zur Behandlung der chronischen Obstipation zugelassen und für Kinder ab fünf Jahren zur Behandlung der Koprostase. Je nach Indikation und Alter des Kindes setzt der Arzt die Dosierung fest. Als Nebenwirkung kann leichte Diarrhö auftreten, häufig verursacht durch zu hohe Dosen. Blähungen, Übelkeit und Bauchschmerzen sind ebenfalls als unerwünschte Wirkungen möglich. 

Als arzneilich wirksamen Bestandteil enthält Movicol® Junior Macrogol 3350, ein Polyethylenglykol (PEG) mit einem mittleren Molekulargewicht von 3350 Dalton. Polyetylenglykol gehört zu den osmotisch wirksamen Laxanzien. Das gleichzeitig mit der Arznei eingenommene Wasser bindet an das Polyethylenglykol, erhöht so das Darmvolumen und erweicht den Stuhl. Die Füllung des Darms löst einen Reiz auf die Darmwände aus. Resultat ist eine wellenförmige Bewegung des Darms, die den Stuhl Richtung Enddarm schiebt. PEG wird unverändert ausgeschieden. Viele Fertigarzneimittel enthalten zusätzlich Elektrolyte, um einer Elektrolytverschiebung entgegenzuwirken. 

Sorbitollösung, zum Beispiel in Microklist®, ist ebenso osmotisch wirksam. Klistiere wirken innerhalb von 5 bis 20 Minuten. Bei der Anwendung eines Klistiers ist darauf zu achten, das Klistier zusammengedrückt aus dem After des Kindes zu entfernen, da ansonsten der Darminhalt in das Klistier gesogen werden kann. Je nach Alter des kleinen Patienten werden unterschiedliche Füllmengen des Klistiers benötigt. PTA oder Apotheker sollten die Eltern bitten, die Dosierungsangaben im Beipackzettel zu beachten. Bei Kindern unter drei Jahren dürfen sie den Tubenhals von Microklist® nur bis zur Hälfte einführen. In seltenen Fällen tritt leichtes Brennen als Nebenwirkung auf. 

Lactulose ist ein Disaccharid aus Fructose und Galactose und ist Bestandteil verschiedener oraler Lactulose-Sirupe. Lactulose wirkt osmotisch, unterstützt aber zusätzlich noch die Tätigkeit der Darmbakterien. Diese vergären Lactulose zu Milch- und Essigsäure, die ihrerseits die Peristaltik anregen. Als Nebenwirkungen können häufig zu Therapiebeginn Blähungen, Bauchschmerzen und Übelkeit auftreten. Die Wirkung der Lactulose setzt nach zwei bis zehn Stunden ein, bei zu niedriger Dosis erst nach ein bis zwei Tagen.

Bevor PTA oder Apotheker ein Präparat mit Lactulose empfehlen, müssen sie die Eltern fragen, ob eine erbliche Fructose-Intoleranz beim Kind bekannt ist. Insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern besteht sonst die Gefahr von Hypoglykämien, Nieren- und Leberschäden.

Mit dem Wirkstoff Glycerol, zum Beispiel in Glycilax® Zäpfchen , Nene-Lax Zäpfchen oder in Babylax® Klistier, können Eltern den harten Stuhl erweichen. Glycerol bindet Wasser, macht den Stuhl gleitfähiger und bewirkt so eine schmerzfreie Darmentleerung. Eingesetzt werden Zäpfchen und Klistiere häufig bei Patienten mit Analfissuren und Hämorrhoiden. Die Wirkung setzt in circa 20 bis 30 Minuten ein. Als Nebenwirkungen können lokale Reizungen der Darmschleimhaut auftreten.

Der Tipp lautet: Nach Einführung des Zäpfchens die Pobacken des Kindes zusammengepresst halten. So kann das Kind das Suppositorium nicht wieder herauspressen und das Zäpfchen gut wirken.

Eine Alternative zu Glycerol-Zäpfchen sind Suppositorien, die Kohlendioxid freisetzen. Wirkstoffe sind die beiden Salze Natriumhydrogencarbonat und Natriumdihydrogenphosphat in Lecicarbon® Zäpfchen. Die Salze sind in der Zäpfchenmasse homogen verteilt, kommen aber durch das Schmelzen des Zäpfchens bei Körpertemperatur miteinander in Berührung. Bei dieser Reaktion entsteht Kohlensäure, die in Kohlendioxid und Wasser zerfällt. Die aufsteigenden kleinen Kohlendioxid-Blasen stimulieren die Nervenenden, die Impulse an die Muskeln weitergeben, sodass sie kontrahieren. Durch die einsetzende Peristaltik wird der Kot weitertransportiert und drückt auf den Ringmuskel. Nach 15 bis 30 Minuten tritt die Wirkung ein. Sollte es dann zu keiner Entleerung gekommen sein, können die Eltern ein zweites Zäpfchen verabreichen. Als Nebenwirkung kann lokal leichtes Brennen auftreten.

Schritt für Schritt 

Bei einer schweren Obstipation orientieren sich Ärzte an der sogenannten »4-Säulen-Therapie«. Die erste Säule steht für die Aufklärung des Kindes. Spielerisch und mit Hilfe von Bildern erklärt der Arzt dem Kind, warum es wichtig ist, den Darm regelmäßig zu entleeren. Auf diese Weise versucht er bei seinem kleinen Patienten Verständnis für die Bedeutung des Stuhlgangs zu wecken.

Die zweite Säule steht für die medikamentöse Behandlung. 

Die dritte Säule beschreibt die Erhaltungstherapie, das heißt, nach einer schweren oder chronischen Obstipation oder gar Koprostase setzt der Arzt die Medikamente nach wenigen Darmentleerungen nicht gleich wieder ab. Er reduziert lediglich die Dosierung. Ohne diese Prophylaxe wäre die Gefahr eines Rückfalls zu groß. Der Darm braucht noch kurzfristig medikamentöse Unterstützung, bevor er seine normale Tätigkeit wieder aufnehmen kann.

Die vierte Säule ist das Toilettentraining. Dabei werden die Kinder angehalten, nach jeder großen Mahlzeit aufs Töpfchen zu gehen. So wird der Toilettengang durch die Hauptmahlzeiten ritualisiert. Außerdem lernen die Kinder sich Zeit für das Töpfchen zu nehmen. Wichtig ist, dass sie den Gang zur Toilette nicht als nötiges Übel erleben, das sie in Hetze erledigen müssen. Sie könnten zum Beispiel ihre Micky-Maus-Hefte auf dem Klo lesen oder eine andere beliebte Lektüre. Noch ein Tipp für die Eltern: Stellen Sie kleinen Kindern eine Fußbank zum Abstützen der Füße vor die Toilette oder kaufen Sie ihnen einen kleineren Toilettensitz. So sitzen die Kinder angenehm auf der Toilette, und zudem wird der anorektale Winkel flacher, was die Entleerung vereinfacht. Das Toilettentraining eignet sich für Kinder ab zwei Jahren. Schulkinder können ein Stuhlprotokoll führen. Kindern, die ihre Beckenbodenmusku-latur verkrampfen, hilft ein geeignetes Beckenbodentraining, das manche Arztpraxen anbieten.

Gute Ratschläge

PTA und Apotheker sollten im Beratungsgespräch nicht medikamentöse Tipps geben, entweder unterstützend zur medikamentösen Therapie oder als alleinige Maßnahme. Oft sind relativ banale Ratschläge Gold wert. So wirken beispielsweise getrocknete Pflaumen, Feigen und Aprikosen abführend, ebenso reichliches Trinken (Wasser, Fruchtsaftschorlen, Früchtetee), Sauermilchprodukte, Probiotika, ballaststoffreiche Ernährung, Rohkost sowie ungeschältes Obst. Außerdem bringt Bewegung manchen trägen Darm auf Trab. Ein Glas kaltes Wasser oder frisch gepresster Orangensaft morgens auf nüchternen Magen getrunken, regt den Darm an.

Häufig empfehlen Hebammen jungen Eltern, den Bauch ihres Säuglings im Uhrzeigersein zu massieren und zum Schluss zum linken Oberschenkel, sprich zum Mastdarm, auszustreichen. So folgt diese beruhigende und relaxierende Massage dem anatomischen Verlauf des Darms. Nach diesen Hilfestellungen sollten die Kinder schnell wieder in ihren Rhythmus finden.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
JaegerChristina(at)web.de 

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