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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im September 2009

21.09.2009  21:50 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im September 2009

von Sven Siebenand

Zwei neue Wirkstoffe sind in den vergangenen Wochen auf den Markt gekommen. Der erste Neuling wird zur Behandlung von Patienten mit einem anomal niedrigen Natriumspiegel im Blut eingesetzt, vom zweiten profitieren an bestimmten Blutkrebsformen Erkrankte, die sich einer Stammzelltransplantation unterziehen lassen müssen.

Bei bestimmten Erkrankungen kann es notwendig werden, den Patienten eigene Stammzellen zu übertragen. Mediziner sprechen in diesem Fall von einer autologen Stammzelltransplantation. Diese soll dazu beitragen, nach einer besonders aggressiven Chemotherapie das Knochenmark zu regenerieren, damit es wieder alle Blutzellen bilden kann. Dazu werden vor der Chemotherapie eigene Stammzellen aus dem Blut des Patienten gesammelt, die dem Körper nach der Behandlung wieder zugeführt werden. Im Gegensatz dazu stammen bei einer allogenen Stammzelltransplantation die Stammzellen von einem Fremdspender.

Stammzell-Mobilisierungsfaktor

Mit Plerixafor (Mozobil® 20mg/ml Injektionslösung, Genzyme) ist seit September ein neues Orphan Drug (ein Arzneimittel für seltene Erkrankungen) auf dem Markt. Der neue Arzneistoff wird bei der Gewinnung von Stammzellen für die Transplantation bei Patienten mit bestimmten Blutkrebsarten (zum Beispiel mit Lymphomen oder multiplem Myelom) eingesetzt. Von dem neuen Wirkstoff profitieren insbesondere die Patienten, die unter den derzeitigen Standard-Verfahren nicht genügend Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut abgeben können. Nach der Injektion von Plerixafor werden die Stammzellen aus dem Blut gewonnen und bis zur Transplantation eingefroren.

Plerixafor wird mit dem Hormon Granulozyten-Kolonie stimulierenden Faktor (G-CSF) kombiniert verabreicht. G-CSF wird vier Tage lang allein gespritzt, bevor der neue Wirkstoff hinzukommt. Plerixafor wird den Patienten sechs bis elf Stunden vor jeder Blutentnahme zur Gewinnung der Stammzellen subkutan injiziert. Das kann an bis zu sieben aufeinanderfolgenden Tagen geschehen, wenn auch die notwendige Zellzahl oft schon früher nach ein bis vier Tagen erreicht wird. Die empfohlene Tagesdosis beträgt 0,24 mg pro kg Körpergewicht.

Plerixafor setzt Stammzellen aus dem Knochenmark frei, sodass diese ins Blut abgegeben und im Anschluss mittels Apherese (einer Art Blutwäsche) gewonnen werden können. Das gelingt, indem der Wirkstoff die Aktivität des sogenannten CXCR4-Chemokinrezeptors hemmt. Dieses Protein trägt normalerweise dazu bei, dass die Stammzellen im Knochenmark bleiben. 

Die in Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen von Plerixafor waren Durchfall, Übelkeit und Reaktionen an der Injektionsstelle. Schwangere sollten die neue Substanz nicht erhalten, das Stillen sollte während der Behandlung unterbrochen werden.

Mehr Natrium im Blut durch Tolvaptan

Tolvaptan (Samsca® 15 und 30 mg Tabletten, Otsuka Pharma) ist seit Anfang September auf dem deutschen Markt. Das Arzneimittel ist zugelassen zur Behandlung von Erwachsenen mit Hyponatriämie, die durch das sogenannte »Syndrom der inadäquaten Sekretion des antidiuretischen Hormons« (SIADH) verursacht wird. SIADH tritt infolge zu hoher Konzentrationen des Hormons Vasopressin auf. Dadurch wird Wasser im Blut zurückgehalten, die Urinausscheidung verringert und das Blut verdünnt. Schließlich sinkt der Natriumspiegel. Das kann zu Konzentrations-, Gedächtnis- oder Gleichgewichtsstörungen führen.

Tolvaptan wird als Vasopressin-2-Rezeptor-Antagonist bezeichnet, da es einen Rezeptor blockiert, an den Vasopressin normalerweise bindet. So verhindert der neue Arzneistoff die Wirkung des Vasopressins, und Wasser wird nicht mehr zurückgehalten. 

Der verschreibungspflichtige Wirkstoff sollte anfangs in einer Dosis von 15 mg pro Tag eingenommen werden. Später kann der Arzt die Dosis auf maximal 60 mg pro Tag erhöhen, um einen angemessenen Natriumspiegel im Blut und die Blutmenge einzustellen. PTA und Apotheker sollten die Patienten darauf hinweisen, die Tabletten unzerkaut mit einem Glas Wasser zu schlucken.

Tolvaptan erhöht die Urinproduktion. Der dadurch bedingte Wasserverlust kann Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Durst auslösen. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten während der Therapie mit Tolvaptan ausreichend trinken. 

Der Wirkstoff tritt mit einigen Arzneimitteln in Wechselwirkung. Laut Fachinformation ist bei gleichzeitiger Verabreichung von CYP3A4-Hemmern, zum Beispiel Ketoconazol, Makrolid-Antibiotika und Diltiazem, Vorsicht geboten. Auch auf Grapefruitsaft sollten Patienten verzichten, denn dieser könnte die Tolvapan-Wirkung verstärken. Andersherum können CYP3A4-Induktoren wie das Tuberkulose-Mittel Rifampicin und Barbiturate die Wirkung von Tolvaptan stark abschwächen. Auch hier ist Vorsicht geboten.

Die häufigsten Nebenwirkungen von Tolvaptan sind Durst und Übelkeit. Der Wirkstoff ist unter anderem kontraindiziert bei Patienten mit Anurie (Unvermögen, Urin auszuscheiden), sehr niedrigen Blutmengen und Hypernatriämie (anomal hohe Blutnatriumspiegel) oder bei Patienten ohne Durstgefühl. Er darf auch nicht bei Schwangeren oder Stillenden zum Einsatz kommen.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
siebenand(at)govi.de