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Ernährung

Richtig essen, damit die Medizin gut wirkt

21.09.2009
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Ernährung

Richtig essen, damit die Medizin gut wirkt

von Ursula Sellerberg

Dass sich manche Antibiotika nicht mit Milch vertragen, ist inzwischen vielen Menschen bekannt. Aber wissen Patienten auch, dass sie bestimmte Tabletten nicht mit Grapefruitsaft, Alkoholika, Tee oder Kaffee einnehmen dürfen? Darüber hinaus sind weitere wichtige Wechselwirkungen zwischen Arzneistoffen und Fett, grünem Gemüse, Käse oder Lakritz zu beachten.

Was macht die Beratung zu Wechselwirkungen von Arzneistoffen mit Nahrungsmitteln so schwierig? Erstens interagieren nicht alle Arzneistoffe einer Indikation mit Nahrungsmitteln gleich stark. Beispielsweise stört Milch die Resorption mancher Antibiotika, anderer nicht. Zweitens stehen manche Wechselwirkungen nicht im Beipackzettel. Informieren PTA oder Apotheker den Patienten über eine Interaktion, die dieser im Beipackzettel nicht wiederfindet, könnte ihn das verunsichern. Und drittens sind nicht alle Wechselwirkungen mit Lebensmitteln in der ABDA-Datenbank aufgeführt, zum Teil deshalb, weil einige Lebensmittel von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich zusammengesetzt sind, zum Beispiel Hefeextrakt. 

Deshalb müssen PTA oder Apotheker im Einzelfall entscheiden, welche Hinweise sie dem Patienten mit auf den Weg geben. Was Patienten beachten müssen, hängt außerdem davon ab, wie lange die Therapie dauert und wie gut informiert der Patient bereits ist. Eins ist klar: Einen rigorosen Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel halten die meisten Patienten nicht lange durch.

Milch und Milchprodukte enthalten viel Calcium. Auch einige Mineralwässer sind calciumreich, und so mancher Fruchtsaft wird extra damit angereichert. Mehrwertige Kationen wie Calcium, Magnesium, Zink, Eisen oder Aluminium verringern die Wirksamkeit bestimmter Medikamente.

Oft stört die Milch

Mit Antibiotika aus der Gruppe der Tetracycline und Gyrasehemmer bilden zweiwertige Kationen Komplexe. Dadurch vermindern sie deren antibakterielle Wirkung und begünstigen die Entwicklung von Resistenzen. Bereits ein Schuss Milch im Kaffee kann ausreichen, um die Wirkung mancher Arzneistoffe zu beeinträchtigen. Bei diesen Substanzen ist der Patient auf der sicheren Seite, wenn er mindestens zwei Stunden Pause zwischen der Einnahme seines Medikamentes und einer Mahlzeit mit einem calciumreichen Getränk, Käse oder Jogurt einlegt. 

Auch die Wirksamkeit von Präparaten mit Schilddrüsenhormonen kann Calcium stören. Deshalb sollten Patienten diese Arzneimittel mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück mit einem Glas Leitungswasser einnehmen. Weil Schilddrüsenhormone meist lebenslang substituiert werden, wäre es nicht ratsam, dem Patienten zum Frühstück alle Milchprodukte zu verbieten. 

Kontrolliert der Arzt regelmäßig die Werte der Schilddrüsenhormone im Blut des Patienten und sind diese in Ordnung, spricht nichts gegen Kaffee mit Milch oder ein Frühstück mit Käse. Denn dann scheint der Arzt bei der Wahl der Hormondosis die Resorptionsverminderung durch Calcium berücksichtigt zu haben.

Milch und andere calciumhaltige Nahrungsmittel können auch die Wirkung einiger Bisphosphonate stören. Im Beratungsgespräch sollten PTA oder Apotheker Osteoporose-Patienten erklären, dass sie die Tabletten besser mit Leitungswasser statt Mineralwasser und vor dem Frühstück einnehmen. Die Kombination mit Calciumpräparaten ist möglich, wenn sie diese zeitversetzt erst zum Mittag- oder Abendessen schlucken.

Auch Eisenionen interagieren mit vielen Nahrungsmitteln, zum Beispiel mit Kaffee oder Tee, Milchprodukten, Alginaten oder Phytin aus Weizenkleie. Vermutlich liegt einigen dieser Interaktionen ebenfalls eine Komplexbildung zugrunde, die die Resorption der Eisenkationen verschlechtert. Eisenpräparate nehmen Patienten daher am besten ein bis zwei Stunden vor oder nach einer Mahlzeit mit einem Glas Orangensaft ein. Das darin enthaltene Vitamin C fördert die Eisenaufnahme.

Fettes Essen bremst Schmerzmittel

Fettreiche Mahlzeiten liegen lange im Magen. Wer zu einer fetten Speise wasserlösliche Arzneimittel schluckt, verzögert dadurch ihren Wirkungseintritt. Das gilt beispielsweise für Schmerztabletten. Dagegen steigert Fett die Aufnahme fettlöslicher Arzneisubstanzen. Das betrifft die Antimykotika Griseofulvin und Itraconazol sowie das Virustatikum Ganciclovir.

Die meisten Wirkstoffe werden nach der Resorption im Darm auf ihrem Weg durch die Leber durch Leberenzyme abgebaut. Diesen Prozess nennen Fachleute First-pass-Effekt. Nach einer Mahlzeit sind die Enzyme allerdings so stark ausgelastet, dass mehr Arzneistoff die Leber unverändert passiert. Daher wirken der Betablocker Propanolol oder die Retinoide Acitretin und Isotretionin direkt nach dem Essen eingenommen deutlich stärker, weil das Essen den First-pass-Effekt verringert. 

Stärker wirksam durch Grapefruit

Saft und Fruchtfleisch der Grapefruit (Citrus paradisi) enthalten Naragenin. Dieser Naturstoff hemmt das Enzym Cytochrom P450 3A4, kurz CYP3A4, in der Darmwand. Die Blockade kann mehrere Tage anhalten. Das heißt konkret: Wer Grapefruitsaft trinkt oder eine Grapefruit isst, erhöht dadurch die Konzentration vieler Arzneistoffe im Blut und verstärkt deren Wirkung. Daher sollten Patienten komplett auf Grapefruit-Produkte verzichten, wenn sie Calcium-Antagonisten wie Nifedipin, Felodipin oder Statine wie Simvastatin, Atorvastatin einnehmen. Auch Immunmodulatoren wie Ciclosporin oder Tacrolimus können mit Grapefruitsaft interagieren. Die ABDA-Datenbank listet weitere Arzneistoffe, bei denen diese Wechselwirkung zu erwarten ist. Bei Orangensaft sind diese Zusammenhänge bisher nicht ausreichend untersucht.

Orale Antikoagulanzien wie Phenprocoumon hemmen die Blutgerinnung, indem sie in die Vitamin-K-abhängige Bildung der Gerinnungsfaktoren eingreifen. Wer reichlich Vitamin K isst, verringert die Wirkung der Arzneimittel. Vitamin K ist in grünem Gemüse wie Spinat, Kohlgemüsen sowie Salat enthalten. Der komplette Verzicht auf Rosenkohl und Co. ist nicht nötig und schränkt die Lebensqualität der Patienten unnötig ein. Die Patienten sind besser beraten, möglichst jeden Tag die gleiche Menge an Gemüse und Salat zu essen. Eine abrupte Umstellung der Ernährung, zum Beispiel durch Diät- oder Obsttage, kann die Blutgerinnung durcheinander bringen.

Eher theoretische Fälle

Obwohl einige Wechselwirkungen theoretisch möglich sind, spielen sie im Alltag kaum eine Rolle. Beispiel Gerbstoffe: Einige Hersteller von Neuroleptika empfehlen, ihre Arzneimittel nicht zusammen mit Kaffee oder Tee einzunehmen. Dieser Rat beruht auf einem Laborexperiment: Im Reagenzglas bilden Neuroleptika mit Gerbstoffen schwer lösliche Niederschläge. Mehrere klinische Studien ergaben jedoch keine verminderte Bioverfügbarkeit. 

Eine eher seltene Wechselwirkung besteht mit Lakritz. Wer über einen längeren Zeitraum große Mengen Lakritz isst, der verliert den Mineralstoff Kalium, was unter anderem zu erhöhtem Blutdruck, Ödemen und Muskelschwäche führt. Diese Effekte treten ab etwa 50 Gramm Lakritz täglich auf, wenn die Sorte reich an Glycyrrhizin (100 Milligramm pro Tag) ist. Für Glycyrrhizin-arme Lakritzsorten scheint das nicht zuzutreffen. Allerdings ist der Gehalt an Glycyrrhizin auf den Verpackungen meist nicht deklariert. Durch einen Kaliumverlust können sich theoretisch Wechselwirkungen mit Diuretika oder Herzglykosiden einstellen. Ein Kaliummangel würde die Wirkung der Herzglykoside wie Digitoxin oder von Diuretika wie Furosemid verstärken.

Reifer Käse, eingelegte Heringe, Salami, Bier oder Wein enthalten meist große Mengen Tyramin. Tyramin entsteht bei längerer Lagerung der Lebensmittel aus der Aminosäure Tyrosin. Tyramin wiederum baut das Enzym Monoaminoxidase (MAO) im menschlichen Körper ab. 

Cheese-Effekt durch Tyramin

Nimmt ein Patient MAO-Hemmer wie Moclobemid oder Selegilin ein, kann der Körper das Tyramin nicht mehr verstoffwechseln. Tyramin wirkt als indirektes Sympathomimetikum und steigert den Blutdruck, führt zu Übelkeit oder Kopfschmerzattacken. Im schlimmsten Fall steigt oder fällt der Blutdruck zu schnell. Fachleute nennen diese Wechselwirkung Cheese-Effekt (engl. cheese = Käse). Sie kann auch zeitverzögert einsetzen. Patienten, die MAO-Hemmer einnehmen, sollten daher tyraminhaltige Lebensmittel möglichst meiden. Frisch zubereitete Speisen beinhalten in der Regel kaum Tyramin.

Wer Medikamente einnimmt, sollte alkoholische Getränke generell mit Vorsicht genießen. Wichtigste Botschaft an die Patienten ist aber: Auf keinen Fall sollten sie ihre Tabletten weglassen, weil sie Alkohol trinken möchten. 

Alkohol beeinflusst die Wirkung vieler Arzneistoffe, indem er ihre Kinetik verändert. Im Ergebnis wirken die Substanzen schwächer oder auch stärker. In manchen Fällen nimmt auch die Rauschwirkung des Alkohols erheblich zu. Bei regelmäßigem Konsum bildet der Körper allerdings verstärkt Alkohol abbauende Enzyme. Diese mischfunktionellen Oxidasen bauen teilweise auch Arzneistoffe ab, zum Beispiel das Antiepileptikum Phenytoin, das dann schwächer wirkt. Dagegen verstärkt Alkohol die Wirkung zentral dämpfender Wirkstoffe wie Benzodiazepine oder Antihistaminika. Schon bei geringem Alkoholgenuss kommt es zu Konzentrationsstörungen, was zum Beispiel beim Autofahren fatal enden kann. Alkohol verstärkt auch die Blutzucker senkende Wirkung des Antidiabetikums Metformin. Daher ist maximal ein Glas Wein zum Essen erlaubt. Große Mengen Alkohol in Kombination mit Metformin steigern das Risiko einer Lactacidose. Symptome dieser seltenen Stoffwechselstörung sind Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen, die Patienten können ins Koma fallen. 

Totales Alkoholverbot 

Die Alkoholdehydrogenase (ADH) baut Alkohol in einem ersten Schritt zu Acetaldehyd ab, das wiederum die Aldehyddehydrogenase (ALDH) zu Acetat umwandelt. Hemmen Medikamente die ALDH, reichert sich Acetaldehyd im Körper an mit höchst unangenehmen Folgen: Übelkeit, Kopfschmerzen, Atemnot, Herzrasen oder Blutdruckabfall. Diese Reaktionen ähneln denen von Disulfiram, einem Entwöhnungsmittel für Alkoholabhängige. Daher sprechen Mediziner vom Disulfiram-Effekt. Gefährdet sind Patienten, die Metronidazol, Ketoconazol oder Griseofulvin einnehmen. Sie sollten auf keinen Fall die Arzneistoffe mit Alkohol kombinieren, auch nicht mit kleinen Mengen. 

Weitere Wechselwirkungen mit Alkohol listet die ABDA-Datenbank auf. Wer Patienten im Beratungsgespräch über diese Interaktionen informiert, erreicht zweierlei: Er erhöht den Erfolg der Arzneimitteltherapie – und das Vertrauen des Patienten in PTA und Apotheker.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de