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Haarausfall bei Frauen

Spieglein, Spieglein, wo ist die Pracht?

21.09.2009  22:13 Uhr

Haarausfall bei Spieglein, Spieglein, wo ist die Pracht?

von Edith Schettler

Wunderbares Haar hatten alle: Rapunzel, Schneewittchen, Kleopatra, Kaiserin Sissi und Marilyn Monroe. Frisuren spielten zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine wichtige Rolle. Entsprechend tief im Denken verwurzelt ist der Zusammenhang zwischen Schönheit und Haarpracht. So bedeutet Haarausfall für viele Frauen gleichzeitig den Verlust ihrer Attraktivität.

Tatsächlich macht es die Gesellschaft den Frauen nicht leicht: Nachgewiesenermaßen haben es attraktive Menschen viel einfacher, erfolgreich zu sein. Deshalb setzen Frauen alles daran, ihren Kopfschmuck so lange wie möglich schön zu erhalten. Sie empfinden es dann als Katastrophe, wenn sich ihre Haare lichten. Dünner werdendes Haar bei Männern akzeptiert die Gesellschaft viel eher als bei Frauen. Auch wenn viele Haarausfall oft nur als ein kosmetisches Problem abtun, leiden die betroffenen Frauen meist ziemlich schwer darunter. So betrachtet kann Haarausfall also durchaus Krankheitswert besitzen.

Haare sind biegsame, zugfeste Hornfäden mit einem Durchmesser von 5 bis 200 mm. Sie wachsen täglich im Durchschnitt um 0,4 mm und haben eine Lebensdauer von zwei bis sechs Jahren. Demnach könnte das Kopfhaar der Menschen also eine Länge von rund 90 cm erreichen, bevor es ausfällt. In dieser Wachstumsphase, der Anagenphase, befinden sich etwa 85 Prozent der Haare. Daran schließt sich eine Übergangsphase von ein bis zwei Wochen an, in der die Haarwurzel schrumpft. Etwa 1 bis 2 Prozent aller Haare befinden sich in dieser sogenannten Katagenphase. Der Rest der Haare, zwischen 8 und 14 Prozent, ist in der drei bis vier Monate dauernden Telogen- oder Ruhephase. Dann stellt der Haarfollikel die Stoffwechselaktivitäten ein und bereitet das Ausfallen des Haares vor. Bei einer Menge von 100 000 Kopfhaaren ist der tägliche Verlust von bis zu 100 Stück also ganz normal. Aus demselben Haarfollikel wächst dann innerhalb von drei Monaten ein neues Haar nach, sodass sich Haarverlust und -wachstum in etwa die Waage halten.

Kritische Verlustquote

Überwiegt der Verlust an Haaren, spricht der Fachmann von Alopezie. Häufig raten Dermatologen ihren Patienten zunächst, die täglich ausgefallenen Haare zu zählen, da etliche Frauen den Verlust oft dramatischer empfinden, als er tatsächlich ist. Erst wer über einen längeren Zeitraum deutlich mehr als 100 Haare täglich verliert und wenn das Haar immer dünner wird, liegt eine Form des krankhaften Haarausfalls vor.

An der am weitesten verbreiteten Form, der androgenetischen Alopezie, leiden vor allem Männer. Deren Ursache ist die erblich bedingte Überempfindlichkeit der Haarwurzeln auf Androgene. So entsteht nach und nach das typische Muster der männlichen Glatze mit Geheimratsecken und Tonsur. Bei Frauen mit androgenetischer Alopezie dünnt sich das Haar in der Scheitelregion aus.

Daneben spielen zwei andere Formen der Alopezie eine wichtige Rolle, zum einen die Alopezia areata. Sie wird auch als kreisrunder Haarausfall bezeichnet. Die Erfolgsaussichten für eine Therapie sind recht gut, obwohl die Ursache unbekannt ist. Weil die Haarfollikel bei dieser Erkrankung aber nicht zerstört werden, können etwa zwei Drittel aller Betroffenen durch eine topische Immuntherapie auf vollständige Heilung hoffen, Die Alopezia areata ist aber kein ausschließlich weibliches Phänomen, sie kann auch bei Männern und Kindern auftreten.

Die dritte Form des krankhaften Haarausfalls ist die diffuse Alopezie. Dabei dünnen die Haare auf dem gesamten Kopfbereich aus. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Häufig kommt es durch die Hormonumstellung nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren zu gehäuftem Haarausfall, aber auch Infektionen, Stoffwechselstörungen, Stress, Blutverlust, Eisen-, Zink-, Kupfer- und Eiweißmangel, Strahlenbelastung, Vergiftungen oder Medikamente können Auslöser sein. Eine Störung der Schilddrüsenfunktion (Über- oder Unterfunktion) kann ebenso wie eine übertriebene Schlankheitsdiät Alopezie zur Folge haben.

Viele Köpfe – viele Therapien

So vielfältig wie die Ursachen sind auch die Therapiemöglichkeiten. Verursacht eine Grunderkrankung den Haarausfall, muss diese natürlich vorrangig behandelt werden. Kommen Medikamente als Auslöser in Frage, kann der Arzt die Therapie ändern. Bekannt ist Haarausfall als Nebenwirkung von Zytostatika, Chloroquin, gestagenbetonten Kontrazeptiva und Antikoagulanzien. Liegt ein nachgewiesener Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen vor, dann sollte dieser behoben werden. Grundsätzlich dauert die Therapie der Alopezie mindestens so lange, bis das Haar die Anagen- und Katagenphase überwunden hat und wieder nachwächst. Das bedeutet eine minimale Therapiedauer von vier Monaten und erfordert damit viel Geduld von der Patientin, vor allem wenn nicht gleich der erste Behandlungsversuch Früchte trägt.

Spielen hormonelle Vorgänge eine Rolle, kann der Arzt entsprechende Hormonpräparate verordnen. Häufig führt schon der Wechsel der »Pille« zu einem Erfolg. Frauen mit androgenetischem Haarausfall profitieren von antiandrogenhaltigen Kontrazeptiva mit dem Wirkstoff Cyproteron. Dieser kann mit Östrogenen, zum Beispiel Ethinylestradiol, kombiniert werden. Aber auch Kombinationen von Chlormadinon oder Dienogest mit Ethinylestradiol oder Mestranol können helfen. Der Wirkstoff Alfatradiol wirkt allein oder in Kombination mit dem entzündungshemmenden Dexamethason und der schuppenlösenden Salicylsäure bei äußerlicher Anwendung als Haarwasser.

Neues Indikationsgebiet

Die Arzneisubstanz Minoxidil war zuerst als blutdrucksenkendes Medikament auf dem Markt. Als markanteste Nebenwirkung trat eine reversible Hypertrichose (übermäßige Behaarung) im Gesicht auf. Findige Entwickler nutzten diese Nebenwirkung für die Markteinführung eines neuen Arzneimittels gegen Alopezie. Minoxidil kann die Patientin als zweiprozentige Lösung rezeptfrei in der Apotheke kaufen (zum Beispiel Regaine® Frauen Lösung) und muss diese regelmäßig auf die Kopfhaut auftragen. Bricht sie die Therapie ab, geht der Effekt auf das Haarwachstum nach etwa drei Monaten verloren.

Ein orthomolekularer Therapieansatz lohnt sich besonders, wenn die Frauen unter einem Mangel an Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen leiden. Verschiedene Hersteller bieten Nahrungsergänzungsmittel mit einer Mischung aus Biotin, B-Vitaminen, Niacin, den Vitaminen C und E, L-Cystein, Methionin, Gammalinolensäure und den Mineralstoffen Eisen und Zink sowie Kupfer an (wie in Pantovigar®). Andere Präparte enthalten Gesamtextrakt aus Hirsefrüchten, Cystin und Calciumpantothenat (wie Priorin®). Die ausreichend hohe Dosierung der Vitalstoffe, die sich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung orientieren sollte, ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie, die mindestens über drei bis sechs Monate fortgeführt werden muss. 

PTA und Apotheker sollten in der Beratung darauf hinweisen, dass Zink immer mit Vitamin B6 kombiniert werden sollte, weil die Verwertung von Zink im Körper abhängig von Vitamin B6 ist.

Eine homöopathische Therapie sollte dem erfahrenen Heilpraktiker überlassen bleiben, weil in der Apotheke die Möglichkeiten für eine professionelle Anamnese meist nicht vorhanden sind. Zum Einsatz kommen beispielsweise Thallium sulfuricum (bei kreisrundem Haarausfall oder Haarausfall nach Erschöpfungszuständen) oder Ustilago maydis (bei fettiger Kopfhaut).

Der Versuch einer Therapie mit Schüßler-Salzen lohnt sich immer. Das klassische Salz ist Nr. 11 (Silicea), von dem die Patientin täglich bis zu 15 Tabletten lutschen sollte. Die Wirkung unterstützen außerdem Nr. 1 (Calcium fluoratum) und Nr. 21 (Zincum chloratum). Der Effekt der Behandlung lässt sich noch steigern, indem äußerlich ein biochemisches Haarwasser aus Nr. 1, Nr. 5 (Kalium phosphoricum), Nr. 6 (Kalium sulfuricum), Nr. 8 (Natrium chloratum) und Nr. 11 zum Einsatz kommt. Für dieses Haarwasser löst die Patientin von jedem Mittel drei bis fünf Tabletten in Wasser auf und massiert die Lösung eine Viertelstunde vor der Haarwäsche in die Kopfhaut ein oder lässt den Brei als Haarpackung längere Zeit einwirken.

Der Markt für Präparate gegen Haarausfall ist für Laien nahezu unüberschaubar. Oft versuchen dubiose Hersteller, mit dem großen seelischen Druck der betroffenen Frauen schnelle Geschäfte zu machen. Nach einem Blick auf die Zusammensetzung diverser Mittel können PTA und Apotheker häufig erkennen, dass die Produkte statt der Haare nur die Kassenbestände der Hersteller wachsen lassen. Vorsicht ist immer dann geboten, wenn Firmen mit Erfahrungsberichten einzelner Kundinnen, vielleicht sogar mit Vorher-Nachher-Fotos, das Produkt aggressiv bewerben. Als ebenso sichere Zeichen für unlautere Werbung gelten, wenn ausländische Institute mit Professoren, von denen nie jemand gehört hat, zitiert werden oder wenn der Wirkstoff in exotischen Kulturen schon jahrtausendelang benutzt und jetzt endlich für die westliche Welt entdeckt wurde.

PTA und Apotheker sollten ihre Kundinnen über diese wertlosen und überteuerten Angebote aufklären. Wer fachkundige Hilfe bei der Beurteilung von Nahrungsergänzungsmitteln sucht, kann sich auch an die jeweilige Apothekerkammer wenden.

Beratung erfordert viel Fingerspitzengefühl

Spricht die Kundin ihr Problem selbst an, erleichtert sie dadurch die Beratung. Was aber ist zu tun, wenn die Frau zwar sichtbar Haarausfall hat, jedoch das Thema nicht darauf bringt? Wie kommt man als PTA oder Apotheker mit Betroffenen ins Gespräch, ohne die Patientin oder Kundin vor den Kopf zu stoßen? 

»Haarausfall beeinträchtigt das Selbstwertgefühl sehr. Nur wenige Kundinnen reden von sich aus darüber«, weiß Apothekerin Monika Hagenhoff aus Dortmund. Seit vielen Jahren führt sie regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für PTA und Apotheker durch. Neben Fachwissen vermittelt die Referentin Tipps, wie man Frauen mit Haarausfall sensibel berät. »Für den sensiblen Umgang mit den Kundinnen können wir zwar Tipps geben, aber kein Patentrezept. Jede Beratung verläuft individuell.«

Wichtig sei, sich einen Blick auf die Gesamtsituation der Patientin zu verschaffen. Ein möglicher Anknüpfungspunkt kann ein Rezept vom Arzt sein. Hagenhoff rät: »Bekommt eine Patientin über längere Zeit starke Rheumamittel, sollten wir sie über Haarausfall als mögliche Nebenwirkung der Medikamente informieren.« Reagiert die Frau auf die Ansprache erleichtert, sollte man das Gespräch diskret in einer Beratungsecke weiterführen. 

Auch wenn eine Patientin erstmalig ein Medikament bekommt, das Haarausfall verursacht, sollte die PTA die mögliche Nebenwirkung nennen. »Ich empfehle Brustkrebs-Patientinnen nach einer Chemotherapie Präparate wie Pantovigar® einzunehmen, die das Haarwachstum von der Wurzel an aktivieren«, sagt die Apothekerin. Der Kundin müsste man erklären, wie das jeweilige Produkt nutzt und wie lange die Therapie dauert.

Auch Aktionstage erleichtern den Einstieg in ein Gespräch. Dabei kann die Apotheke Expertenvorträge anbieten, ihr Schaufenster passend dekorieren oder Produkte geschickt platzieren. Interesse wecken auch Kooperationen, beispielsweise die Zusammenarbeit mit einem Friseur. »Wir planen gerade eine Aktion mit einer Friseurin, die sich auf Haarschnitte für dünnes Haar spezialisiert hat«, berichtet Hagenhoff. „Und eine Visagistin gibt Schminktipps bei durchscheinender Kopfhaut.«

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
e_schettler(at)freenet.de