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Selbstmedikation

Strategien gegen Erkältungviren

21.09.2009  22:07 Uhr

Selbstmedikation

Strategien gegen Erkältungsviren

von Andrea Gerdemann

Erwachsene leiden im Durchschnitt zwei- bis fünfmal pro Jahr an einer Erkältung, Kindergartenkinder sogar bis zu achtmal. Damit sind Schnupfen und Husten die häufigsten Erkrankungen der Menschen und auch am weitesten verbreitet.

Erkälteten machen unterschiedliche Beschwerden das Leben schwer: Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, entzündete Nasenschleimhäute, Kopf- und Gliederschmerzen sowie eventuell Fieber und Husten. In der Regel ist eine Erkältung nach einer Woche überstanden; so lange braucht das Immunsystem, um die Virusvermehrung zu stoppen. 

Ausgelöst werden die Beschwerden durch einen der 200 möglichen Virustypen, am häufigsten durch Rhino-, Entera- und Corona-Viren. Übertragen werden diese per Tröpfcheninfektion beim Niesen oder Husten. Im Wesentlichen unterscheidet man zwei Formen der Erkältung: den Nasen-Rachen-Infekt und den grippalen Infekt. Beim Nasen-Rachen-Infekt ist die Rachenschleimhaut entzündet. Der Patient klagt vor allem über Schnupfen und (mehr oder weniger starke) Halsschmerzen, fühlt sich aber ansonsten relativ wohl.

Die Beschwerden beim grippalen Infekt sind deutlich stärker, denn auch die Schleimhäute in der Luftröhre sind entzündet. Der grippale Infekt ähnelt der »echten« Grippe mit Symptomen wie Abgeschlagenheit, Fieber, Gliederschmerzen und Husten.

Beide Formen der Erkältung können Patienten in der Selbstmedikation behandeln. Allerdings müssen PTA oder Apotheker durch Befragung der Patienten klären, dass keine Grippe vorliegt, die durch Influenza-Viren ausgelöst wird. Patienten mit einer Influenza-Virus-Infektion gehören in die Hand des Arztes. Sie birgt neben dem deutlich schwereren Verlauf häufig die Gefahr der bakteriellen Superinfektion in sich, die dann mit einem Antibiotikum behandelt werden muss.

Die Symptome eines grippalen Infektes verlaufen in der Regel zeitlich versetzt: Zu Beginn treten meist Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und das typische Frösteln auf. In der Regel kommt es anschließend, oft auch zeitlich überlappend, zum Schnupfen. Zunächst brennt und kitzelt die Nase, dann folgt häufiger Niesreiz und schließlich läuft die Nase ständig. In vielen Fällen begleiten Kopf- und Gliederschmerzen über mehrere Tage die genannten Symptome. Etliche Patienten fühlen sich matt und abgeschlagen, einige entwickeln sogar Fieber. Die einwöchige Erkältungsperiode endet häufig mit einem Reizhusten, der sich manchmal auch zu einem festsitzenden Husten entwickeln kann.

Vorbeugende Maßnahmen 

Vor Erkältungskrankheiten schützt am besten ein intaktes Immunsystem, das die Viren und eventuell auch die Bakterien gar nicht erst aktiv werden lässt. Sinnvollerweise sollte jeder einige prophylaktische Maßnahmen vor Beginn oder auch während der Erkältungszeit in den Herbst- und Wintermonaten durchführen. Hierzu gehören beispielsweise 

  • eine gesunde Ernährung mit ausreichender Zufuhr von Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen sowie ausreichend Flüssigkeit (Faustregel: 2 Liter täglich trinken),
  •  viel Bewegung an der frischen Luft (auch wenn es kalt und feucht ist, kann man sich passend anziehen, um nach draußen zu gehen),
  • Kneipp-Anwendungen (Wechselbäder der Arme und Beine),
  • Saunabesuche (Vorsicht bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen),
  • die Befeuchtung der Schleimhäute durch Nasenspülungen mit einer Nasendusche oder auch die regelmäßige Anwendung von meerwasserhaltigen Nasensprays (Unterstützung des Selbstreinigungsprozesses der Luftwege),
  • ausreichend Schlaf, das heißt mindestens sieben bis acht Stunden pro Nacht. 

Beratung in der Apotheke

Wer trotz aller prophylaktischer Maßnahmen an einer Erkältung erkrankt, kann nur die Symptome behandeln. Da die Symptome je nach Patient individuell verschieden auftreten und meist nicht alle Symptome gleich stark ausgeprägt sind, müssen PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch klären, worunter der Erkältete am meisten leidet. In Kasten 1 sind mögliche Fragen zur Erfassung der Symptome aufgeführt. Je nach geschildertem Beschwerdebild werden PTA oder Apotheker dem Erkälteten die jeweils geeigneten Arzneimittel empfehlen.

Kasten 1: Mögliche Fragen zur Erfassung der Symptome (Beispiele)

  • Welche Beschwerden machen Ihnen am meisten zu schaffen? Abgeschlagenheit, deutliche Leistungsminderung, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Glieder- oder Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Schmerzen und ein trockener Hals, Schluckbeschwerden, Husten oder Schnupfen? Haben Sie Fieber?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden?
  • Sind Allergien bekannt?
  • Haben Sie bereits ein Arzneimittel ausprobiert und wenn ja, mit welchem Erfolg?

Quelle: nach Braun/Schulz, Selbstbehandlung, 5. Erg.-Lfg. 2001, Govi

Bei einigen Beschwerdebildern beziehungsweise Situationen verbietet sich eine Selbstmedikation, so etwa bei

  • Verdacht auf Influenza
  • Verdacht auf (Stirn-, Nasen-) Nebenhöhlenbeteiligung (Schmerzen in der Stirn oder im Augenbereich, die sich beim Bücken, Heben oder Husten verstärken)
  • lang anhaltendes (länger als 2 bis 3 Tage) beziehungsweise hohes Fieber (über 39°C)
  • eitriger oder blutiger zähschleimiger Auswurf sowie Beläge im Mund-Rachen-Raum
  • bekannte obstruktive Lungenerkrankung oder Asthma bronchiale
  • Verdacht auf eine Mittelohrentzündung
  • grippeartige Symptome nach einem Zeckenbiss
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Säuglinge und Kleinkinder je nach Schwere der Erkrankung

Lutschtabletten oder Spray

Häufig kündigen Halsschmerzen (Kratzen, Trockenheitsgefühl und Schluckbeschwerden) eine Erkältung an. Für die Behandlung eignen sich Lutschtabletten, Gurgellösungen und Rachenspray. Der Vorteil der Lutschtabletten ist die länger anhaltende Befeuchtung. Sprays sollten PTA oder Apotheker nur bei Beschwerden im vorderen Rachenraum empfehlen. Lutschtabletten enthalten meist antimikrobiell wirksame Substanzen wie Chlorhexidin. Häufig sind sie mit Lokalanästhetika wie Lidocain kombiniert. Eine Kombination mit einem Antibiotikum wie Bacitracin ist nicht sinnvoll, da zum einen der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis fehlt und zum anderen Erkältungen und somit auch die begleitenden Halsschmerzen in der Regel durch Viren ausgelöst werden. Gegen Viren sind Antibiotika unwirksam.

Bei der Abgabe von Lutschtabletten, Gurgellösungen oder auch Rachensprays sollten PTA oder Apotheker den Patienten folgende Hinweise zur korrekten Anwendung geben:

  • Lutschtabletten gleichmäßig über den Tag verteilt anwenden (dabei die Höchstdosis beachten).
  • Lutschtabletten langsam in den Wangentaschen zergehen lassen.
  • Bei Diabetikern den Zuckergehalt der Lutschtabletten beachten.
  • Mit der Gurgellösung möglichst lange gurgeln und dann ausspucken.
  • Die Wirkzeit der Arzneimittel lässt sich verlängern, wenn man 30 Minuten nach Anwendung von Lutschtabletten, einer Gurgellösung oder auch eines Rachenspray nichts isst oder trinkt.

Rhinologika lokal oder oral

Leidet der Patient unter einer laufenden oder verstopften Nase und ist abgeklärt, dass dies keine allergische Reaktion ist, können PTA oder Apotheker lokale und orale Rhinologika empfehlen. Lokale Rhinologika enthalten in der Regel alfa-Sympathomimetika wie Xylometazolin, Oxymetazolin, Tramazolin oder auch Tetryzolin. Der Hauptunterschied zwischen den Wirkstoffen besteht in der Wirkdauer. Alle Substanzen wirken an der Nasenschleimhaut lokal vasokonstriktorisch: Sie lassen die Nasenschleimhäute abschwellen und verringern die Schleimsekretion. 

Für die Anwendung ist eine dem Alter entsprechende Dosierung wichtig. Daher sind extra Darreichungsformen und Dosierungen für Säuglinge und Kleinkinder im Handel. Darüber hinaus sollte der Patient darauf hingewiesen werden, dass er Nasensprays oder -tropfen mit alfa-Sympathomimetika nicht über einen längeren Zeitraum anwenden darf, da ansonsten die Gefahr einer Arzneimittel-Rhinitis besteht. Die generelle Empfehlung lautet: Abschwellende Nasensprays oder -tropfen sollten nicht länger als eine Woche ohne Unterbrechung eingesetzt werden. Die permanente Gefäßverengung schädigt die Nasenschleimhaut, so dass diese ständig wieder anschwillt, sobald die Wirkung des Arzneistoffs nachlässt. Die Arzneimittel-Rhinitis endet leicht in einer Abhängigkeit, bei der der Patient nicht mehr ohne sein Nasenspray auskommen kann. Kontraindiziert sind die alfa-Sympathomimetika bei Patienten mit Engwinkelglaukom, Rhinits sicca (trockene Schleimhäute) sowie schweren organischen Herz- und Gefäßveränderungen. 

Reicht die Befeuchtung der Nasenschleimhaut aus, können PTA oder Apotheker Nasentropfen oder -sprays mit physiologischer Kochsalzlösung oder isotonisiertem Meerwasser empfehlen. Die Befeuchtung unterstützt den Selbstreinigungsprozess der Nase und verflüssigt das Sekret. Kasten 2 führt die wichtigsten Abgabehinweise bei Nasentropfen beziehungsweise -sprays auf.

Kasten 2: Abgabehinweise bei Nasentropfen und -sprays

  • Bei der Anwendung von Nasentropfen oder -sprays auf die richtige altersgerechte Dosierung achten.
  • Vor der Applikation die Nase säubern.
  • Die Nasenschleimhäute immer befeuchten, keine fett- oder ölhaltigen Präparate anwenden.
  • Ein Sprühstoß pro Nasenloch reicht.
  • Die Wirkung der arzneistoffhaltigen Nasensprays und -tropfen beginnt nach 2 bis 3 Minuten und erreicht ihr Maximum nach 10 Minuten. Also nicht zu früh einen weiteren Sprühstoß nehmen.
  • Konservierte Nasentropfen und -sprays sind 6 Monate nach Anbruch, unkonservierte 6 Wochen nach Anbruch haltbar.
  • Nasentropfen oder -sprays, die die Nasenschleimhaut (nur) befeuchten, mehrmals täglich anwenden, die wirkstoffhaltigen alle 8 Stunden.
  • Wirkstoffhaltige Nasentropfen oder -sprays nur über einen kurzen Zeitraum von ein bis zwei Wochen anwenden.

Fieber und Schmerzen

Zur Behandlung von Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen stehen Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen zur Verfügung. Coffeinhaltige Kombinationspräparate, die lange Zeit als problematisch eingestuft wurden, haben ihren Nutzen gerade bei Kopfschmerzen, insbesondere Spannungskopfschmerz oder auch Migräne, erwiesen. Nachgewiesen ist, dass der Zusatz von Coffein die Wirkung von ASS oder Paracetamol schneller eintreten lässt und die Analgetikamenge reduziert werden kann. Paracetamol hat sich als gutes Analgetikum und Antipyretikum bewährt und kann sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen und Senioren eingesetzt werden. 

Bei Patienten mit einer Überempfindlichkeit oder einer Lebererkrankung ist Paracetamol kontraindiziert. Bei ASS und Ibuprofen steht der analgetische Effekt im Vordergrund. ASS darf nicht bei Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden, Asthma, Allergien, bei Kindern (Gefahr des Reye-Syndroms), während der Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden. Schwangere und Stillende sollten ebenfalls kein Ibuprofen einnehmen. Ibuprofen und ASS können zu gastrointestinalen Beschwerden, Blutungen und Ulzera führen. Bei einer kurzfristigen oder gelegentlichen Einnahme ist dieses Risiko allerdings gering. Geben PTA oder Apotheker eins der drei Analgetika ab, sollten sie klären, ob der Patient orale Antikoagulanzien oder andere Thrombozytenaggregationshemmer nimmt. Alle drei Substanzen können mit diesen interagieren, wobei die Wechselwirkung bei ASS am stärksten ausgeprägt ist. Auf Alkohol sollten Patienten bei Einnahme von Paracetamol und Ibuprofen verzichten. 

(Reiz-)husten

Eine Erkältung endet häufig mit trockenem Reizhusten, den die Patienten mit Hustenstillern wie Dextromethorphan oder auch Pentoxyverin behandeln können. Dextromethorphan ist in seiner Struktur dem Codein ähnlich (Opioidderivat), besitzt aber keine analgetischen und narkotischen Eigenschaften. Es senkt die Hustenreizschwelle zentral im Hustenzentrum. Pentoxyverin hemmt sowohl das Hustenzentrum im Stammhirn als auch sensible Rezeptoren im Bronchialtrakt. Beide Substanzen können müde und schläfrig machen, daher sollten die Patienten auf alkoholische Getränke verzichten. In seltenen Fällen können Magen-Darm-Beschwerden als unerwünschte Arzneimittelreaktion auftreten. Hustenstiller werden normalerweise circa 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen eingenommen, bei trockenem Reizhusten auch bis zu drei- bis viermal täglich. Als pflanzliche Antitussiva eignen sich zum Beispiel Eibischwurzel, Spitzwegerichkraut oder Huflattichblätter. 

Begleitende Maßnahmen

Menschen mit einem grippalen Infekt sollten größere körperliche Anstrengungen sowohl im Beruf als auch beim Sport vermeiden. Viele Patienten empfinden Linderung der Beschwerden, wenn sie mit Kamille- oder auch Salbeidampf inhalieren. Der Patient sollte darauf achten, dass die Räume, in denen er sich aufhält, gut gelüftet sind und die Luft nicht zu trocken ist. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (circa 2 Liter am Tag), heiße Getränke mit Honig, warme Halswickel sowie Rauchverzicht können insbesondere bei Halsschmerzen hilfreich sein. Weiterhin können heiße Bäder, eine vitaminreiche Ernährung und Einreibungen mit ätherischen Ölen in halbfesten Darreichungsformen auf Hals, Brust und Rücken empfohlen werden. 

Fallbeispiel aus der Apotheke 

Ein Mann, etwa 50 Jahre alt, klagt in der Apotheke über starke Glieder- und Kopfschmerzen. Da er auch leichtes Fieber und Halsweh hat, bittet er um ein Grippemittel. In der vergangenen Nacht habe er wegen seiner verstopften Nase kaum geschlafen. Er fragt, ob er nicht etwas einnehmen könne, damit er wenigstens die nächste Nacht durchschlafen kann, zumal er sich sehr elend und schlapp fühle.

Da er mit ASS bereits gute Erfahrungen gemacht hat, soll er gegen seine Kopf- und Gliederschmerzen als Einzeldosis 500 bis 1000 mg ASS einnehmen, jedoch maximal 3 g am Tag. Seine Halsschmerzen könne er mit Lutschtabletten und reichlicher Flüssigkeitszufuhr, zum Beispiel heißem Tee, lindern.

Damit er in der Nacht wieder frei atmen kann, empfiehlt ihm die PTA, drei bis vier Tage lang jeweils vor dem Zubettgehen (bei Bedarf auch tagsüber) ein vasokonstriktorisches Nasenspray anzuwenden.

An allgemeinen Maßnahmen empfiehlt sie ihm noch außerdem, körperliche Anstrengungen zu vermeiden und sich in gut gelüfteten Räumen mit einer ausreichenden Luftfeuchtigkeit aufzuhalten. Wichtig sei auch eine vitaminreiche Ernährung und sich warm zu halten.

Als Rat gibt sie ihm abschließend mit auf den Weg: Sollten die Beschwerden länger als 3 bis 4 Tage andauern, sich gar verschlimmern, das Fieber über 39°C steigen oder ein eitriger Belag im Rachen auftreten, muss er einen Arzt aufsuchen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
andrea(at)gerdemann.info

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