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Was ich noch erzählen wollte

Tanz in den Herbst

22.09.2009  09:05 Uhr

Was ich noch erzählen wollte...

Tanz in den Herbst

von Annette Behr

Tanzen ist Hingabe und Leidenschaft. Sich rhythmisch zur Musik zu bewegen, trainiert zudem den Körper. Im Herbst beginnen vielerorts neue Tanzkurse.

»Wenn sie zufällig ins Drehen kommen, nicht aufhören«, ermuntert der charmante Tanzlehrer lächelnd seinen Anfängerkurs. Die zehn Paare haben gerade mit einem Standardtanzkurs begonnen und wiegen sich bereits in der zweiten Tanzstunde im Dreivierteltakt. Schon Kleinkinder bewegen sich rhythmisch zur Musik. Leider werden die frühkindlichen Talente oft nicht gefördert und verkümmern im Laufe vieler Lebensjahre hinter Schreib- und Verkaufstischen. Das Rhythmusgefühl lässt sich aber relativ flott durch einen Tanzkurs wieder beleben. Ob beim Standardtanz, lateinamerikanischen oder choreografischen Tanzen: Jeder findet seinen Tanz – mit oder ohne Partner. Vorbei sind die Zeiten der verstaubten strengen Tanzschulrituale.

Dirty Dancing

Über den Aufschwung des Tanzsports freuen sich Tanzschulen und -lehrer. Seit der prominenten Tanzshow »Let’s Dance« bieten sie für Jung und Alt klassische Tänze wie Walzer, Fox Trott, Tango, Jive oder Cha-Cha-Cha in Grundkursen und für Fortgeschrittene jeden Levels an. Der Einstieg ist überall möglich. Durch die Filmklassiker »Dirty Dancing« und »Saturday Night Fever« erleben die einstigen Nischentänze wie Mambo und Salsa einen zusätzlichen Boom. Die Jugendlichen von damals sind heute erwachsen und eifern John Travolta und Co. nach.

Wer noch keinen Tanzpartner hat, findet ihn vielleicht in den Börsen der Tanzschulen. Da das Paartanzen viel Taktgefühl erfordert und Nähe schafft, empfiehlt es sich, vor dem Kurs rechtzeitig nach einem geeigneten Kandidaten zu suchen. Dann kann das Dahinschweben über das Pakett losgehen.

Auf dem Parkett

»Tanzen ist ein Telegramm an die Erde mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft«, sagte einst der wunderbare Tänzer Fred Astaire. So leicht und schwungvoll zu schweben wie er, die Arme und Beine elegant zur Musik zu bewegen, erfordert viel Training und Leidenschaft. Vor allem aber Lust und Laune an der Bewegung zu toller Musik. Dem einen liegt der schnelle Rhythmus im Blut, der andere bevorzugt den langsamen Walzer oder den Foxtrott. Die Schrittfolge dieser beiden Klassiker ist überschaubar, und auf so mancher Party oder Disko kann man mit diesen Tänzen recht gut glänzen. Wer ohne einen festen Partner tanzen möchte, kommt bei Country-Musik mit den amerikanischen Tänzen »Square Dance« oder »Line Dancing« auf seine Kosten. Tänze wie »Flamenco«, »Afro-Tanz« oder »Bauchtanz« rufen Urlaubserinnerungen wach oder versetzen in Ferienlaune.

Mehr als ein Hobby

Eins haben alle Tänze gemeinsam: Sie verbinden die Menschen, die gemeinsam Spaß haben an Schritten und Drehungen zu schöner Musik. Bereits der Bischof Aurelius Augustinus (354 bis 430) forderte seine Zeitgenossen auf, sich zur Musik zubewegen: »Ich lobe den Tanz, denn er befreit den Menschen von der Schwere der Dinge ..., der alles fordert und fördert, Gesundheit und klaren Geist und eine beschwingte Seele. O Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.« Die holländische Tänzerin und Spionin Mata Hari verglich den Tanz mit einem Gedicht und »jede seiner Bewegungen mit einem Wort.«

Damit jeder seinen eigenen Rhythmus und einen himmlischen Tanzstil findet, bieten alle Schulen Schnupperstunden und Workshops zum Kennenlernen an. Tanzen ist viel mehr als ein Zeitvertreib, meint auch Monika Keller, die seit mehr als 30 Jahren eine Tanzschule in Berlin leitet. »Der Tanz ist Balsam für die Seele; schließlich wird in geselliger Runde und nicht im stillen Kämmerlein getanzt.« Seit Jahren steigen die Teilnehmerzahlen in den Tanzschulen. »Die Jugendlichen widmen sich begeistert dem Video-Clip-Dancing, Jumpstyle oder Disco-Fox, während die etwas ältere Generation sich häufig auf die Gesellschaftstänze besinnt«, sagt Keller.

Zusätzlich zu den Schulen gibt es in Deutschland mehr als 2000 Tanzsportvereine. Oft unterhalten sie eigene Tanzstudios und Clubheime, so dass der Weg zum Training in aller Regel kurz ist. Bei der Wahl des Vereins oder der Tanzschule sollten Interessierte darauf achten, dass ausgebildete Tanzlehrer die Kurse durchführen. Denn nur so ist auch garantiert, dass nach sportwissenschaftlichen Erkenntnissen trainiert wird. 

Choreografien sind nicht jedermanns Sache. Aber wer die Schrittfolge einmal abgespeichert hat, tanzt zur Musik wie von selbst. »Das Tanzen trainiert die Koordinationsfähigkeit, die Konzentration und die Balance«, bestätigt Dr. Kirstin Reinhard. Die Ärztin beim AOK-Bundesverband hält das Tanzen für den idealen Sport bis ins hohe Alter, denn Tanzen beugt Haltungsschäden vor, stärkt die Rückenmuskulatur und die Gelenke. Es kräftigt das Herz-Kreislauf-System und ist ein toller Fatburner. Beispielsweise verbrennt der Körper bei einer Stunde Salsatanz bis zu 300 Kalorien. Wer etwas für seine Kondition tun möchte, muss allerdings mindestens zweimal in der Woche eine Stunde tanzen. 

Immer neue Ideen

Zum Leidwesen mancher Frauen hören sie die Frage »Darf ich bitten?« viel zu selten. Viele Männer sind richtige Tanzmuffel und wollen sich abends nicht von der Couch wegbewegen. Diese Marktlücke hat beispielsweise Roland Waizenberger erkannt. Er gründete die Agentur »Be my Dancer«. Jede Frau kann sich hier ihren eigenen Tänzer aussuchen und mieten. Die Tänzer (und Tänzerinnen) mit gepflegtem Äußeren und Stil tanzen aus Leidenschaft. Wer möchte, bringt noch eine Freundin mit, denn zwei Frauen können sich einen Tänzer teilen. 

»Tücher statt Partner« lautet dagegen die Devise von Oliver Seefeldt. Diese rhythmische Bewegungsidee hatte der Tanztrainer vor einigen Jahren. Er bietet »Ladys Dance« für Dancing Queens ab 55 Jahren an. Alle Tänze basieren auf ähnlichen Schrittfolgen, die Bewegungen der Hände werden durch Stangen, Bänder oder Tücher unterstützt. Diese Tanzart trainiert vor allem die Koordination. Das rhythmische Setzen der Füße, einzig aus Lust an der Bewegung, verschafft ein gutes Lebensgefühl.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
blaubehr(at)gmx.de