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Hörverlust

Wie bitte?

22.09.2009  10:15 Uhr

Hörverlust

Wie bitte?

von Iris Priebe

Die meisten Menschen finden es selbstverständlich, dass sie gut hören. Schätzen lernt man sein Gehör erst, wenn es den Dienst versagt. Immanuel Kant beschrieb den Verlust so: »Nicht sehen können, trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen.« Wie ändert sich der Alltag der Betroffenen und gehen Apothekenmitarbeiter auf Schwerhörige richtig zu?

Das Gehör nimmt rund um die Uhr Geräusche auf und ermöglicht den Menschen, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Ob bellende Hunde, lachende Kinder, eine zufallende Tür oder ein heranfahrendes Auto: Diese Geräusche liefern Informationen, sorgen für Orientierung oder warnen vor Gefahr. Außerdem regulieren die Ohren das Gleichgewichtsgefühl des Menschen. Doch ihre vielleicht wichtigste Aufgabe ist es, dass Babys die Muttersprache erlernen und die Menschen miteinander verbal kommunizieren können.

Ich höre was, was Du nicht hörst

Schwerhörige verstehen ihren Gesprächspartner nur unzureichend und puzzeln sich einen Teil des Gehörten zeitversetzt zusammen. Daher reagieren sie beispielsweise nicht sofort auf Fragen. Solche Situationen können zu Missverständnissen führen, sodass sich Hörgeschädigte im Umgang mit anderen Menschen unsicher fühlen.

Beim Sprechen drücken Menschen immer auch Gefühle aus. Stimmungen und Betonungen nehmen Schwerhörige häufig nicht wahr und spüren daher nicht, was ihr Gesprächspartner ihnen »zwischen den Worten« tatsächlich mitteilt. Dies macht zwischenmenschliche Beziehungen für sie schwierig und führt oft zu Problemen am Arbeitsplatz und im Privatleben.

Das Ohr besteht aus dem äußeren, dem Mittel- und dem Innenohr. Das äußere Ohr hat zum einen die Aufgabe, das Trommelfell zu schützen. Zum anderen fängt die Ohrmuschel Schallwellen ein, die über den Gehörgang auf das Trommelfell auftreffen. Diese Membran zählt bereits zum Mittelohr. Sie wird durch ankommende Schallwellen in Schwingungen versetzt. Hinter ihr liegen die Gehörknöchelchen. Sie heißen Hammer, Amboss und Steigbügel, weil sie diesen Gegenständen ähnlich sehen. Ihre Aufgabe ist es, die Vibrationen des Trommelfells mechanisch an das ovale Fenster weiterzuleiten. Deshalb sind sie über Gelenke miteinander verbunden, wobei der Hammer an der Innenseite des Trommelfells haftet und der Steigbügel am ovalen Fenster. Das ovale Fenster wiederum ist eine Membran, die das Mittelohr vom Innenohr trennt. Der Raum um die Gehörknöchelchen herum heißt Paukenhöhle. Der Luftdruck zwischen dieser und dem Nasen-Rachen-Raum wird über die Eustachische Röhre ausgeglichen. Diese öffnet sich zum Beispiel beim Schlucken und Kauen. Während eines Schnupfens kann sie allerdings durch entzündete Schleimhäute zuschwellen und dadurch das Hören beeinträchtigen. Ebenfalls zum Mittelohr gehört ein weiterer Knochen, der Warzenfortsatz. Auch in seiner Nähe liegen lufthaltige Hohlräume, die mit der Paukenhöhle verbunden sind und bei einer Erkältung oder Mittelohrentzündung entsprechend verstopfen können. Der empfindlichste Teil des Innenohrs ist die Schnecke. In ihr werden die Bewegungen des ovalen Fensters mittels Sinneszellen in elektrische Impulse umgewandelt. Diese leitet der Hörnerv an das Gehirn weiter. Im Innenohr sitzt außerdem das Gleichgewichtsorgan.

Das Gehirn sortiert

Würde der Mensch alle Töne, Laute und Geräusche gleichberechtigt wahrnehmen, wäre verständliches Hören kaum möglich. Daher verarbeitet das Gehirn die Nervensignale aus dem Ohr und filtert je nach Wichtigkeit Geräusche heraus. So registrieren Menschen Alltagsgeräusche wie den summenden Kühlschrank, den Lüfter eines PCs oder das Ticken einer Uhr nach einiger Zeit kaum mehr, während sie sofort bemerken, wenn frühmorgens vor ihrem Schlafzimmerfenster ein Vogel zwitschert oder eine Person das Zimmer betritt.

Anders ergeht es Schwerhörigen. Ihnen entgehen zahlreiche leise, wunderbare oder auch wichtige Geräusche. Hörgeschädigte nehmen Worte häufig nur gedämpft wahr. Ein schwerhöriger Mensch, der mit dem Rücken zur Tür steht, bemerkt eine eintretende Person oft gar nicht. Spricht diese den Schwerhörigen an, erschrickt er entweder oder er reagiert überhaupt nicht, weil die Person zu leise spricht. Die Situation spitzt sich dann zu, wenn der Schwerhörige seine Schwierigkeiten verschweigt und seine Mitmenschen im Unklaren lässt. Dann sind Konflikte programmiert: Die unverstandene Person macht dem Schwerhörigen Vorwürfe. Der wiederum versteht nicht, womit er sein Gegenüber verärgert hat. Langfristig können solche Missverständnisse in die soziale Isolation führen.

Auch im Berufsleben bereitet eine Hörminderung oft Probleme. Worte, die sich sehr ähneln, versteht der Hörgeschädigte falsch und handelt daher für seine Kollegen völlig unverständlich. Im Extremfall verliert er sogar den Arbeitsplatz.

Vielfältige Ursachen

Schwerhörigkeit hat verschiedene Ursachen. Am leichtesten zu beheben ist sie, wenn ein Pfropf aus Ohrenschmalz den Gehörgang verschließt. Er entsteht vor allem durch unsachgemäße Anwendung von Wattestäbchen. Viele Menschen reinigen damit nicht nur das äußere Ohr, sondern dringen damit tief in den Gehörgang ein. Dadurch drücken sie den Ohrenschmalz immer mehr zusammen, sodass mit der Zeit ein fester, dichter Schmalzpfropf entsteht. Der lässt Schallwellen kaum noch durch. Außerdem können angeborene Missbildungen die Schallübertragung vermindern. Den Pfropf entfernen Ohrenärzte mit Druck und warmem Wasser. Für die Selbstmedikation sind spezielle Lösungen wie Audispray®, Otowaxol® und Ohrenspritzen im Handel.

Auch Schäden oder krankhafte Prozesse im Mittelohr können Schwerhörigkeit verursachen. Zum Beispiel wenn die Gehörknöchelchen die Bewegung des Trommelfells nicht richtig übertragen oder das ovale Fenster beschädigt ist. Bei der Otosklerose verknöchern zunehmend die elastischen Teile des ovalen Fensters einschließlich der Gehörknöchelchen und büßen an Beweglichkeit ein. Schließlich können sie die Schwingungen des Trommelfells nicht mehr weiterleiten. Zwar ist bis heute nicht eindeutig geklärt, was die Otosklerose ausgelöst, auffällig ist jedoch, dass sie vorwiegend familiär auftritt. Außerdem leiden Frauen doppelt so häufig darunter wie Männer. Oft verstärkt sich die Schwerhörigkeit während einer Schwangerschaft. Orale Kontrazeptiva stehen unter Verdacht, sie zu begünstigen. Das legt die Vermutung nahe, dass Hormone das Gehör negativ beeinflussen. Die Behandlung der Otosklerose ist schwierig. Derzeit ist die Operation der Otosklerose die einzige Möglichkeit, das Hören zu bessern.

Liegt die Ursache für Schwerhörigkeit im Mittelohr, bezeichnen Mediziner sie als Schallleitungsschwerhörigkeit. Dagegen sprechen sie von Schallempfindungsschwerhörigkeit, wenn im Innenohr Schäden bestehen, zum Beispiel wenn die Sinneszellen der Schnecke durch Lärm abgestorben sind. Dabei ist es unwichtig, ob der Schwerhörige den Lärm ursprünglich als angenehm wie laute Musik oder als unangenehm wie einen Presslufthammer empfand. Die Sinneszellen kompensieren Lärmstress nur schlecht. Je mehr Sinneszellen zugrunde gehen, desto schlechter hört der Mensch. Zuerst fallen die Zellen für die hohen Frequenzen aus, später sind die Zellen für die tiefen Töne betroffen. Entsprechend verläuft auch der normale Alterungsprozess des Gehörs: Alte Menschen können tiefe Stimmen besser hören als hohe. Doch inzwischen sind auch viele Jugendliche durch Disco- und Konzertbesuche, lautes Musikhören zu Hause und ihre MP3-Player innenohrgeschädigt. Da einige Berufsgruppen, vor allem im Straßenbau, stark gefährdet sind, ihr Gehör zu überlasten, schreiben die Berufsgenossenschaften vor, dass sie auf jeden Fall einen adäquaten Hörschutz tragen. Neben Lärm können Infekte wie Mumps, Masern, Borreliose oder Herpes zu Schwerhörigkeit führen. Ebenso rufen einige Arzneistoffe bleibende Schallempfindungsschäden hervor, zum Beispiel Antibiotika wie Streptomycin, Erythromycin, Diuretika wie Furosemid und Analgetika wie ASS. Die Ototoxizität hängt allerdings von der Einnahmedauer und der Dosis des Medikamentes ab.

Bereits Babys testen

Seit Anfang 2009 übernehmen die Krankenkassen die Kosten für das Neugeborenen-Hörscreening, damit angeborene Hörschäden bereits beim Säugling wenige Tage nach der Geburt erkannt werden. Auch bei den folgenden U-Vorsorgeuntersuchungen prüft der Arzt immer das Gehör des heranwachsenden Kindes. Bei Erwachsenen erstatten die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für prophylaktische Hörtests zur Früherkennung von Krankheiten dagegen nicht. Nur die Berufsgenossenschaften zahlen bei beruflicher Lärmbelastung die Vorsorge-Hörtests. Wer allerdings den Verdacht hat, dass er nicht mehr gut hört, kann beim Ohrenarzt oder Hörakustiker sein Hörvermögen testen lassen.

Die Auswahl an Hörgeräten ist inzwischen so groß, dass jeder Hörgeschädigte das passende finden kann. Der technische Fortschritt ermöglicht die Herstellung sehr kleiner Geräte, die kaum noch im Ohr auffallen, oder Modelle, die beispielsweise in den Brillenbügel integriert sind.

Mit Schwerhörigen umgehen

Hörgeschädigte verstehen häufig nur Wortfetzen – vorwiegend die Silben, auf denen die Betonung der Wörter liegt. Besonders schwierig wird das akustische Verständnis, wenn der Gesprächspartner nuschelt, sehr leise oder extrem schnell redet. Den Hörgeschädigten anzuschreien, ist die falsche Taktik, denn Schwerhörige empfinden zu lautes-Reden oft als schmerzhaft. Zudem ist Anschreien taktlos und für den Schwerhörigen peinlich.

Wie also ist es richtig? Wie können PTA und Apotheker schwerhörige Patienten oder Kunden erkennen? Typisch für Hörgeschädigte ist beispielsweise, dass sie den Kopf nach vorne strecken, wenn der Gesprächspartner ihnen etwas erklärt. Manche drehen auch das Ohr, mit dem sie besser hören können, ihrem Gegenüber zu. Am besten verstehen Hörgeschädigte, wenn man sich ihnen beim Sprechen zuwendet, etwas langsamer als üblich spricht und dabei klar und deutlich artikuliert. Das setzt voraus, dass man den Mund beim Sprechen richtig öffnet und die Worte visuell gut erkennbar mit den Lippen formt.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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