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Sekundäre Pflanzenstoffe

Gelb ist gesund

28.09.2010  20:20 Uhr

Sekundäre Pflanzenstoffe

Gelb ist gesund

von Maria Pues

Von ihrer Farbe leitet sich der Name der Flavonoide ursprünglich ab, denn das lateinische Wort flavus bedeutet gelb. Inzwischen weiß man, dass ihr Farbspektrum weitaus abwechslungsreicher ist. Viele Pflanzenfarbstoffe lassen zudem nicht nur die Blüten intensiv leuchten, sondern dienen der Gesundheit der Pflanzen – und auch der des Menschen.

»An apple a day keeps the doctor away«, sagten die Engländer bereits vor über 150 Jahren. Die Empfehlung wurde vor einigen Jahren nach oben korrigiert: Zu »five a day« rät derzeit die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Allerdings sollte sich die Zahl fünf nicht allein auf Äpfel beschränken, sondern sich aus den verschiedenen Obst- und Gemüsesorten möglichst abwechslungsreich zusammensetzen. Auch Nüsse, Hülsenfrüchte und Getreide dürfen in der Ernährung nicht fehlen.

Die Gruppe der Flavonoide umfasst derzeit rund 6500 Vertreter. Sie lässt sich wiederum in verschiedene Untergruppen einteilen (siehe Tabelle). Wo und wie sie im Körper resorbiert und metabolisiert werden, hängt einerseits von ihrem chemischen Grundkörper ab. Andererseits spielen dabei die verschiedenen Zucker – meist Glucose oder Rhamnose –, mit denen viele Flavonoide konjugiert sind, eine wichtige Rolle. Darüber hinaus kennt man seit einigen Jahren Polymere aus mehreren Flavonoidgrundkörpern. Diese werden als Proanthocyanidine bezeichnet. Je nach Ernährungsweise nehmen die Deutschen circa 50 bis 200 mg Flavonoide pro Tag mit der Nahrung zu sich, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Fast-Food-Fans dürften dabei eher am unteren Ende der Skala angesiedelt sein, abwechslungsreich ernährte Vegetarier sicher am oberen.

Gruppeneinteilung der Flavonoide (Beispiele)

Verbindung Farbe/Eigenschaft Vorkommen Beispiel
Flavone hellgelb Paprika Luteolin
Flavonole hellgelb Zwiebeln Quercetin
Flavanole adstringierend Rotwein, Äpfel Catechin
Flavanone bitter Orangen Hesperidin
Isoflavone (Phytoestrogene) gelblich Sojabohnen Genistein
Anthocyane rot-blau-schwarz Brombeeren, schwarze Johannisbeeren, Auberginen, Blutorangen, blaue Trauben Malvidin
Proanthocyanidine (polymere Flavanole) adstringierend/gerbstoffartig Äpfel, Rotwein, dunkle Schokolade, Trauben, Tee, Französische Meereskiefer, Cranberries, Buchweizen Prodelphinidine, Procyanidine (z. B. Pycnogenol), Propelargonidine

Seit rund 20 Jahren beschäftigen sich nicht nur Botaniker mit den Eigenschaften dieser Pflanzenfarbstoffe – angesichts der großen Zahl der Substanzen eine eher kurze Zeitspanne. Welchen Nutzen sie der jeweiligen Pflanze bringen, ist zum Teil erforscht: Sie schützen diese zum Beispiel vor Fraßfeinden oder vor UV-Strahlung, oder sie regulieren das Wachstum. Über die Wirkungen im menschlichen Körper sind erst wenige Erkenntnisse wissenschaftlich abgesichert. Die Beobachtungen aus dem Reagenzglas oder dem Tierversuch lassen sich meist nicht so ohne weiteres auf den menschlichen Organismus übertragen. Das liegt unter anderem daran, dass bei In-Vitro-Versuchen deutlich höhere Konzentrationen eingesetzt werden als durch die Ernährung im menschlichen Körper erreicht werden können.

Mögliche Flavonoid-Effekte auf die Gesundheit

laut DGE-Ernährungsbericht 2008

  • vorbeugend bei bestimmten
    Krebsarten
  • vorbeugend bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • antibiotisch
  • antioxidativ
  • antithrombotisch
  • blutdrucksenkend
  • entzündungshemmend
  • immunmodulierend
  • neuroprotektiv (unter anderem positiver Einfluss auf kognitive Fähigkeiten) 

Vielversprechende Wirkungen

Dennoch sprechen gute Gründe für den gesundheitlichen Nutzen der Flavonoide. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sie unter anderem dazu beitragen, das Risiko für bestimmte Erkrankungen zu vermindern. In Fall-Kontroll-Studien verringerten Flavonoide beispielsweise in Äpfeln oder grünem Tee das Risiko für Brustkrebs. Die Teilnehmerinnen aßen entweder den zitierten »apple a day« oder tranken eine halbe Tasse grünen Tee. Auch das Risiko für Dickdarmkrebs wurde gesenkt, was eine prospektive Studie bestätigte.

Ebenso können Herz und Kreislauf von den Pflanzenfarbstoffen profitieren. So zeigten Studien, dass Flavanole und Procyanidine die Blutgefäße erweiterten und moderat erhöhten Blutdruck senkten. Eine andere Studie ergab die Hemmung der Thrombozytenaggregation. Diese Studien wurden mit Quercetin beziehungsweise Quercetin-Verbindungen durchgeführt. Auch andere Untersuchungen lassen auf einen Herz-Kreislauf-Schutz durch Flavonoide schließen.

Ob Flavonoide ebenfalls Gehirn und Nerven schützen oder deren Leistungsfähigkeit erhöhen, bedarf weiterer Klärung. Erste Hinweise auf eine neuroprotektive Wirkung lieferten Untersuchungen an Zellkulturen sowie Tierversuche, die inzwischen durch epidemiologische Daten gestützt werden. Darüber hinaus vermuten Wissenschaftler einen entzündungshemmenden Effekt. In-Vitro-Studien weisen in diese Richtung. Zudem sanken bei Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, verschiedene Entzündungswerte.

Drei Beispiele für Flavonoide in der Apotheke

  • Heidelbeer-Anthocyanoside gibt es als traditionell angewendetes Arzneimittel zur Vorbeugung von Nachtblindheit (zum Beispiel in Difrarel® 100)
  • Zur Vorbeugung von rezidivierenden Harnwegsinfekten gibt es Preiselbeer- oder Cranberry-Saft, vorzugsweise als konzentrierten Muttersaft (zum Beispiel von Vitagarten oder Ocean Spray). Er schmeckt recht herb.
  • Ein Extrakt aus der Französischen Meereskiefer ist ein Beispiel für flavonoidhaltige Nahrungsergänzungsmittel, die unter anderem positive Wirkungen auf die Blutgefäße entfalten sollen (zum Beispiel in Bio-Blutdruck). 

Über mögliche unerwünschte Wirkungen ist noch wenig bekannt. So sind einige Flavonoide potente Hemmstoffe der Cytochrom-P-450-abhängigen Monooxygenasen, einem System, über das auch zahlreiche Arzneistoffe metabolisiert werden. Inzwischen kennen auch zahlreiche Laien die Wechselwirkung zwischen Grapefruitsaft und Nifedipin: Der Saft hemmt den Nifedipin-Abbau und verstärkt damit dessen blutdrucksenkenden Effekt.

E-Mail der Verfasserin:
Maria.Pues(at)t-online.de