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Beratung

Haarausfall bei Frauen

28.09.2010  20:46 Uhr

Beratung

Haarausfall bei Frauen

von Daniela Biermann

Wer plötzlich mehr Haare als sonst im Kamm, in der Bürste oder auf seiner Kleidung entdeckt, reagiert meist entsetzt. Viele befürchten, in kurzer Zeit könnten sogar kahle Stellen auf dem Kopf entstehen. Wenden sich Betroffene mit ihrem Problem an PTA oder Apotheker, ist die Beratung möglichst vertraulich durchzuführen. Gegen die verschiedenen Ursachen gibt es einige Therapien.

»Haare sind ein Schlüsselreiz, der kulturübergreifend den ersten Eindruck prägt«, sagte die Kölner Professorin Dr. Tanja Hoff auf einer Presseveranstaltung von Bayer Vital in Hamburg. Nicht so sehr die Frisur, sondern vielmehr der Zustand der Haare sei entscheidend, wie andere uns und wir uns selbst sehen. »Volles, kräftiges Haar verleiht einer Frau in unserer Gesellschaft Selbstbewusstsein, Attraktivität und Ausstrahlung«, berichtete die Psychologin. Das sei das Ergebnis einer Studie mit Tausenden von Frauen.

Mit den Haaren schwindet oft auch das Selbstvertrauen. Obwohl der Haarverlust meist in Phasen erfolgt, versetzt er manche Betroffene plötzlich in eine Krisensituation, schilderte die Gynäkologin Dr. Pia Baust aus ihrem Praxisalltag. »Diese Frauen kommen sogar als Notfall zu mir in die Sprechstunde.« Haarausfall (Alopezie) sei für die meisten Frauen ein großes Problem und belaste sie sehr. Arzt, Apotheker und PTA müssen die Sorgen der Betroffenen ernst nehmen. Vor allem massiver Haarverlust sei kein Fall für die Selbstmedikation, sondern erfordere den Arztbesuch, damit dieser die Ursache abklärt.

Haarige Zahlen

Jeder Mensch verliert täglich ein paar Haare. Denn das einzelne Haar hat nur eine Lebensdauer von zwei bis sechs Jahren. Daher lautet eine wichtige Frage: Ab wann ist ein Haarverlust krankhaft? Als normal gilt ein Verlust von weniger als 100 Haaren pro Tag. Das sieht bei dicken, dunklen, langen Haaren mehr aus als bei dünnen, blonden, kurzen. Von der Haarfarbe hängt auch die Gesamtzahl der Kopfhaare ab, sie liegt zwischen 80 000 und 150 000. Die wenigsten Haare haben Rothaarige, die meisten Blondinen. Erste Hinweise auf Alopezie geben kahle Stellen sowie ein Blick auf den Scheitel, der bei Haarausfall ausdünnt.

Übersicht der Haarausfallarten

Art des Haarausfalls Aussehen Mögliche Ursachen
Androgenetische Alopezie (AGA) Haarausfall betrifft Stirn-Haar-Grenze, Scheitelregion oder Schläfenregion (Geheimratsecken) durch Hormone getriggerte Veränderung, Schwere und zeitlicher Beginn sind genetisch determiniert
Diffuser Haarausfall Haarausfall betrifft mehr oder weniger den ganzen Kopf. Dabei dünnt das Haar relativ gleichmäßig aus. - bei der Frau nach der Geburt eines Kindes; postpubertär meist bei Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren
- zeitlich begrenzt aufgrund von Infekten, Diäten, umweltbedingten Schadstoffen
- anhaltend bei Mangelerscheinungen (Eisen, Zink, Folsäure, Vitamin B12), möglicherweise auch durch Stress
- Medikamente wie Zytostatika, Aromatase-Hemmer, Lipidsenker, Thyreostatika, Antikoagulanzien, H2-Blocker und tricyclische Antidepressiva.
Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) Haarausfall betrifft nur bestimmte meist kreisrunde Stellen der Kopfhaut. Die Haare fallen dort plötzlich und oft vollständig aus. Autoimmune Genese; eventuell bestehen Triggerfaktoren wie Stress, Infektionen, Systemerkankungen

Je nach Erscheinungsform und Ursache werden verschiedene Arten von Haarausfall unterschieden, zum Beispiel der diffuse und der kreisrunde Haarausfall, die hormonell und genetisch bedingte Alopezie oder auch medikamenteninduzierter Haarverlust, beispielweise infolge einer Chemotherapie. Die Behandlungsmöglichkeiten richten sich nach dem Auslöser, daher muss der Arzt zunächst eine sorgfältige Diagnose erstellen und prüfen, ob ein Eisenmangel, eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Pilzinfektion (Tinea capitis) besteht. Auch streng zurückgebundene Frisuren wie ein Pferdeschwanz können zu Haarausfall führen. Im schlimmsten Fall kann Haarverlust die Folge eines hormonproduzierenden Tumors sein.

Einfluss der Hormone

Häufig ist Haarausfall durch normale Hormonschwankungen bedingt, wie sie während Pubertät, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahren auftreten. Denn das Sexualhormon Estrogen schützt die Haarwurzel, indem es seine Wachstumsphase verlängert. Gegenspieler ist das Dihydrotestosteron (DHT). Estrogen und Testosteron gelangen auf dem Blutweg zur Haarwurzel. Das Testosteron wird dort mithilfe des Enzyms Aromatase ebenfalls in Estrogen und mittels 5-alfa-Reduktase in DHT umgewandelt.

Während der Schwangerschaft steigt der Estrogenwert im Blut an, was vor Haarverlust schützt. Nach der Geburt sinkt der Wert rapide, was zu vermehrtem Ausfall während der Stillzeit führen kann. In und nach den Wechseljahren nimmt die Estrogen-Produktion in den Eierstöcken stark ab, sodass der DHT-Einfluss auf das Haar überwiegen kann. In welchem Ausmaß dies geschieht, ist meist erblich bedingt. »Typisches Zeichen für erblich bedingten, hormonellen Haarausfall ist, dass sich die Haare im Scheitelbereich lichten«, erklärte Silke Niemann, Wissenschaftliche Referentin von Bayer Vital.

Fragen für das Beratungsgespräch

    • Wann ist Ihnen aufgefallen, dass Sie vermehrt Haare verlieren?
    • Fallen Ihnen täglich mehr als 100 Haare aus?
    • Beschränkt sich der Haarverlust auf bestimmte Stellen?
    • Haben auch andere Mitglieder Ihrer Familie Haarausfall?
    • Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? Beispielsweise gegen eine Schilddrüsenunterfunktion?
    • Waren Sie vor kurzem krank?
    • Machen Sie zurzeit eine Diät?
    • Haben Sie Ihre Haare kürzlich gefärbt oder färben lassen?
    • Üben Sie häufig Zug auf die Haare aus, zum Beispiel indem Sie diese zu einem Zopf binden?

Orale und lokale Therapien

Für jüngere Frauen kommen in solchen Fällen Kontrazeptiva mit antiandrogener Komponente in Betracht, zum Beispiel mit Dienogest oder Cyproteronacetat. Manche Antibabypille ist sogar für die Indikation androgenetische Alopezie zugelassen (wie Diane35® und Neo-Eunomin®). Der 5-alfa-Reduktasehemmer Finasterid erhielt nur eine Zulassung für Männer. Bei Mineralstoffmangel können Eisen, Iod, Zink und B-Vitamine helfen. Eine Alternative ist das Nahrungsergänzungsmittel Priorin®, das Hirseextrakt, Vitamin B5 (Pantothensäure) und die Aminosäure L-Cystin enthält. In einer placebokontrollierten Studie mit 40 Patientinnen steigerte Priorin den Anteil der Haare in der Wachstumsphase von unter 80 auf über 85 Prozent. Der Hersteller empfiehlt eine dreimonatige Kur mit täglich drei Kapseln (morgens zwei, abends eine Kapsel). Um bleibende Erfolge zu erzielen, sollte die Frau anschließend einmal täglich eine Kapsel weiter einnehmen.

Für die lokale Therapie stehen Haarwässer zur Verfügung. Rezeptfrei erhältlich sind Präparate mit Minoxidil und Alfatradiol. Minoxidil (Regaine® für Frauen) wird zweimal täglich auf die Kopfhaut aufgetragen (jeweils maximal 1 Milliliter). Über welchen Mechanismus Minoxidil das Haarwachstum beeinflusst, ist unbekannt. Manche Ärzte verordnen ihren Patientinnen Estrogen-haltige Haarwässer, am häufigsten mit Estradiol, 17-β-Estradiol oder Estradiolbenzoat. Als Fertigarzneimittel sind Lösungen mit dem Estrogen-Derivat Alfatradiol (Ell-cranell® oder Pantostin®, 3 Milliliter einmal täglich) erhältlich.

»Viele Frauen hoffen auf eine schnelle Lösung«, berichtete Apothekerin Dr. Ursula Hagedorn in Hamburg. »Das funktioniert aber nicht.« Keine der genannten Behandlungen hilft kurzfristig. Der Erfolg ist erst nach Monaten sichtbar, wenn sich die Haarwurzeln regeneriert haben.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
biermann(at)govi.de