PTA-Forum online
Parodontitis

Mundhygiene in der Schwangerschaft

28.09.2010  19:56 Uhr

Parodontitis

Mundhygiene in der Schwangerschaft

von Gudrun Heyn

Möglicherweise erhöht Parodontitis das Risiko für eine Frühgeburt. Daher sollten PTA oder Apotheker Schwangere auf die besondere Bedeutung einer guten Mundhygiene aufmerksam machen.

In Deutschland kommen etwa 10 Prozent aller Babys vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Für die Eltern ist dies eine große Belastung, denn nicht nur in der Klinik benötigen Frühchen eine intensive Pflege und viel Aufmerksamkeit. Auch zuhause prägt die Sorge um mögliche Folgeschäden und die gesundheitliche Entwicklung den Umgang mit den Kleinen. Inzwischen sind zahlreiche Faktoren bekannt, die das Risiko einer Frühgeburt erhöhen. Als Ursache gelten vor allem das höhere Alter der Mutter bei einer Erstgeburt, Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Drogenkonsum oder genitale Pilzinfektionen. Einige Untersuchungen weisen auch auf einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und dem Auftreten einer Frühgeburt oder der Geburt eines untergewichtigen Kindes hin. In einer Fallkontrollstudie mit 124 Frauen konnte das Team um Professor Dr. Steve Offenbacher von der University of North Carolina zeigen, dass diejenigen Frauen, die ihre Kinder zu früh oder untergewichtig auf die Welt brachten, deutlich schwerer von Parodontalerkrankungen betroffen waren als Mütter, deren Babys mit normalem Geburtsgewicht zum errechneten Termin das Licht der Welt erblickten.

Auch Professor Dr. Marjorie Jeffcoat von der University of Alabama und Kollegen kamen in einer Untersuchung mit mehr als 1300 Schwangeren zu einem vergleichbaren Ergebnis. Bis 8-fach häufiger kam es zu einer Frühgeburt, wenn die Mutter in der frühen Schwangerschaft bereits unter Parodontitis litt oder sich eine Parodontalerkankung im Verlauf der neun Monate immer weiter verschlechterte.

Längerer Krankenhausaufenthalt

Eine weitere Arbeit von Offenbacher ergab, dass Babys von Müttern mit Parodontitis nach der Geburt doppelt so häufig der Intensivpflege bedurften und dreimal so häufig erst nach mehr als sieben Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Zudem konnte er in Tierversuchen zeigen, dass Stoffwechselprodukte von zahnfleischschädlichen Bakterien das Wachstum und die Gewichtszunahme der Tierembryos beeinträchtigten.

Zu den schädlichen Bakterien zählt auch der Keim Porphyromonas gingivalis. Dieser besiedelt innerhalb weniger Stunden frisch gereinigte Zahnoberflächen, vor allem Nischen und raue Stellen. Zunächst verursacht er eine Zahnfleischentzündung, eine Gingivitis. Dabei rötet sich das Zahnfleisch der Betroffenen, schwillt an und blutet bei der kleinsten Berührung. Auch anhaltender Mundgeruch ist ein deutliches Warnzeichen.

Wenn es den Bakterien gelingt, am Zahnfleischsaum auf Dauer einen Biofilm (Plaques) zu bilden, entsteht eine Parodontitis. Die entzündliche Erkrankung betrifft dann den gesamten Zahnhalteapparat, also Zahnfleisch (Gingiva), Wurzelhaut und Kieferknochen. Durch die Bakterientoxine und den Entzündungsprozess werden zunächst die Zahnhälse freigelegt, und tiefe Zahnfleischtaschen entstehen. Dann kommt es zum Abbau von Bindegewebe und Knochen, und die Zähne verlieren ihren sicheren Halt.

Bakterielle Toxine im Blut

Bei einer schweren Parodontitis setzen die Bakterien massenhaft schädliche Stoffwechselprodukte frei. So gelangen auch Lipopolysaccharide (LPS) in den Blutkreislauf der Betroffenen, bei Schwangeren in die Plazenta. Tierversuche zeigen, dass die LPS je nach Konzentration das Wachstum der Ungeborenen hemmen und Missbildungen auslösen können.

Überall dort, wo die schädlichen Stoffwechselprodukte Überhand nehmen, wehrt sich der Körper. Er setzt entzündungsfördernde Botenstoffe wie TNF-alpha und Prostaglandine wie Prostaglandin E2 (PGE2) in dem betroffenen Gewebe frei. Auch diese Substanzen gelangen in den Blutkreislauf. Daher sind sie nicht nur im Speichel, sondern auch im Fruchtwasser von Schwangeren mit Parodontitis enthalten. Für die Kleinen ist dies nicht ungefährlich, denn ab einer gewissen Konzentration beeinflussen TNF-alpha und PGE2 deutlich den Verlauf einer Schwangerschaft. Beispielsweise wird das Sulproston, ein PGE2, seit Jahren zur Einleitung künstlicher Wehen eingesetzt.

Gefahr vom Alter unabhängig

Normalerweise erhöht sich mit dem Lebensalter das Risiko für eine Parodontitis. Doch nicht nur ältere Schwangere sind gefährdet, ebenso sehr junge Frauen. Es bewahrheitet sich also die alte Volksweisheit: Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn. Heute kennt man den Grund. In der Schwangerschaft sorgen Hormone dafür, dass sich die Gefäße erweitern und die Durchblutung zunimmt. Auch das Zahnfleisch verändert sich, denn die Gingiva besitzt Rezeptoren für Estrogen und Progesteron. Unter dem hormonellen Einfluss werden die Gefäße durchlässiger, und manchmal wuchert das Bindegewebe sogar. Außerdem bremst Progesteron die Immunantworten des Körpers. Daher können Bakterien sehr viel leichter in das parodontale Gewebe von werdenden Müttern eindringen und sich dort bestens vermehren.

Trotz der vorliegenden Beobachtungen ist die Parodontitis als Ursache von Frühgeburten noch nicht eindeutig wissenschaftlich belegt. So gibt es auch Studien, in denen kein Zusammenhang zwischen vorzeitigen Wehen und einer Parodontalerkrankung nachweisbar war. Dennoch sollten PTA oder Apotheker jeder Schwangeren, aber auch jeder Frau mit Kinderwunsch zu einer gründlichen Mundhygiene raten. Nur so können die Frauen schädliche Bakterien gut in Schach halten und mögliche Folgeschäden verhindern.

Intensive Mundhygiene

Für die schwangerschaftsgerechte Mundpflege benötigen die Frauen Zahnbürsten mit weichen Borsten und kleinem Bürstenkopf, um den Zahnfleischrand besonders gründlich reinigen zu können. Außerdem sollten sie mindestens einmal am Tag mit Interdentalbürsten oder Zahnseide die Zahnzwischenräume von anhaftenden Nahrungsresten befreien. Für die Reinigung der Zähne eignen sich vor allem fluoridhaltige Zahnpasten mit antibakteriellen Zusätzen. Während das Fluorid den Zahnschmelz stärkt, bremsen die antibakteriellen Zusätze das Wachstum der gefährlichen Plaque wirkungsvoll aus. Manchmal möchten Schwangere mit Brechreiz lieber auf Zahncreme und Zahnbürste verzichten. Diesen Frauen können PTA oder Apotheker als Alternative eine antiseptische Mundspüllösung empfehlen.

Durch gute Zahnpflege und Mundhygiene können Schwangere den Verlust ihrer Zähne sicher vermeiden. Möglicherweise verringern sie dadurch auch das Risiko für eine Frühgeburt oder die Geburt eines untergewichtigen Kindes.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
g.heyn(at)gmx.de