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Alzheimer-Demenz

Rechtzeitig geistigen Abbau bremsen

28.09.2010  20:00 Uhr

Alzheimer-Demenz

Rechtzeitig geistigen Abbau bremsen

von Brigitte M. Gensthaler

Je früher eine Alzheimer-Demenz erkannt wird, umso besser sind die Chancen, den schleichenden Gedächtnisverlust für eine gewisse Zeit aufzuhalten. Dabei gilt es, die ersten Warnzeichen richtig zu deuten, die auf eine beginnende Demenz hinweisen.

Mit dem Lebensalter steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken: Etwa 10 bis 20 Prozent der 80-jährigen Menschen und etwa jeder Dritte über 90 ist betroffen. Derzeit leben in Deutschland circa 1,2 Millionen Patienten. Nach Schätzungen wird sich diese Zahl bis 2050 voraussichtlich verdoppeln, berichtete der Neurologe Dr. Andrej M. Pauls, München, bei einem von Novartis Pharma unterstützten Grünwalder Gespräch in München. Schon heute sei die Demenz der häufigste Grund für die Einweisung eines älteren Menschen in ein Altersheim.

Der Arzt plädierte für eine möglichst frühe Erkennung der Hirnerkrankung. Denn mit einem Paket aus medikamentösen und allgemeinen Maßnahmen kann man den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und das Fortschreiten häufig für einige Monate hinauszögern. Dies spart nicht nur Kosten, sondern entlastet vor allem die Patienten, Familien und Pflegepersonen.

Die Zukunft planen

Die Demenz-Diagnose ist ein Schock für alle Beteiligten. Wird sie frühzeitig gestellt, gibt dies dem Patienten aber Zeit, persönliche Angelegenheiten zu regeln. Auch wenn es schwer fällt: Viele Menschen sind froh, wenn sie über Versicherungen, Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht und Testament selbst entscheiden können. PTA oder Apotheker können Stammkunden hierbei einfühlsam begleiten und zum Beispiel auf Regelungen und Vordrucke für die Patientenverfügung hinweisen.

Erste Zeichen einer Demenz sind vor allem Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, des Erinnerungsvermögens und der räumlichen Orientierung. Hinzu kommt, dass der Patient in seinen Alltagsaktivitäten beeinträchtigt ist. Diese Symptome müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen und sich verschlechtern, bevor der Arzt die Diagnose einer Alzheimer-Demenz stellen kann.

Wichtig: Das langsame Nachlassen der Gedächtnisleistung in hohem Alter ist keine Demenz. »Gutartig« sei die Altersvergesslichkeit dann, wenn der Senior die Einbußen durch Training ausgleichen kann, erklärte Pauls.

Bei der Alzheimer-Demenz ist der Krankheitsprozess im Gehirn schon lange fortgeschritten, bevor die Patienten sich auffällig benehmen, ihr Gedächtnis verlieren oder sich ihre Persönlichkeit verändert.

Sieben Warnzeichen

Das amerikanische National Institute on Aging (NIA) hat sieben Warnzeichen formuliert, die den Patienten und seine Angehörigen hellhörig

  • wiederholt immer wieder die gleiche Frage,
  • erzählt immer wieder, meist Wort für Wort, die selbe kurze Geschichte,
  • vergisst alltägliche Tätigkeiten und weiß zum Beispiel nicht mehr, wie man kocht oder Karten spielt, obwohl er dies früher gerne und oft getan hat,
  • verliert den sicheren Umgang mit Geld, Rechnungen und Überweisungen,
  • verirrt sich in der häuslichen Umgebung oder verlegt Gegenstände an ungewöhnlichen Orten (unabsichtliches Verstecken),
  • vernachlässigt sein Äußeres, vergisst zu baden und trägt immer die gleiche Kleidung, behauptet aber, er habe sich gewaschen und die Kleider seien sauber,
  • antwortet auf Fragen, indem er die ihm gestellte Frage wiederholt.

 

Wer mehrere dieser Symptome bei einem Angehörigen beobachtet, sollte gemeinsam mit ihm einen spezialisierten Arzt aufsuchen, empfehlen die Experten des NIA. Das bedeute aber nicht, dass in jedem Fall Alzheimer-Demenz vorliegt.

Pauls unterstrich, wie wichtig die frühen Symptome für das Erkennen einer Demenz sind. »Veränderungen im Verhalten, zum Beispiel zielloses Herumwandern, Angst und Agitiertheit, fallen den Angehörigen oft auf.« Ebenso bemerken diese sofort, wenn der Patient nicht mehr telefonieren, die Fernbedienung des Fernsehers bedienen oder Geld wechseln kann. Veränderungen wie Reizbarkeit werden als Vorboten meist nicht erkannt.

Sichere Diagnose

Zur Diagnose verwendet der Arzt standardisierte Tests, um die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu beurteilen. Sogenannte bildgebende Verfahren wie die Kernspintomografie oder Positronen-Emissions-Tomografie können Veränderungen im Gehirn sichtbar machen und damit die Diagnose unterstützen.

Eine Alzheimer-Demenz kann man bis heute nicht heilen. Aber man kann den fortschreitenden Verfall des Gehirns und die damit verbundenen Beeinträchtigungen im Alltag verlangsamen oder mildern. Körperlich aktive und geistige rege Menschen halten ihr Gehirn länger fit. Man weiß heute, dass eine gute Bildung und anspruchsvolle geistige Aktivität vor dem Verfall teilweise schützen; zumindest kann ein gebildeter Mensch die Abbauprozesse geistig länger kompensieren.

Einsamkeit fördert Abbau

Wer alleine lebt und kaum mit anderen Menschen spricht, ist stärker gefährdet. Dies gilt auch für Menschen, die einen dementen Partner pflegen. Daher sollten PTA oder Apotheker die Patienten und ihre Angehörigen ermuntern, regelmäßig andere Menschen einzuladen oder zu besuchen und sich nicht selbst zu isolieren. Selbsthilfegruppen für Patienten und ihre Angehörigen bieten Kontakte und Hilfe an.

Aus Untersuchungen ist bekannt, dass viele ältere und alte Patienten unterernährt sind. Vor allem demente Patienten, die für sich selbst sorgen müssen, essen und trinken meist zu wenig, weil sie es vergessen oder weil sie nicht mehr wissen, wie sie Gemüse oder Fleisch zubereiten sollen. »In der Alzheimer-Demenz ist das Körpergewicht ein Marker, wie gut es dem Patienten geht«, informierte Pauls.

Antidementiva hoch dosieren

Neben den allgemeinen Maßnahmen können spezielle Medikamente das Fortschreiten der Demenz bei vielen Menschen für Monate aufhalten. Zu den Antidementiva gehören Acetylcholinesterase-Hemmstoffe wie Donepezil, Rivastigmin und Galantamin, die für die leichte bis mittelschwere Form der Demenz zugelassen sind. Als einziger Wirkstoff ist Memantine auch für schwer demente Menschen zugelassen.

Den Arzneistoff Rivastigmin gibt es auch als Tropfen und transdermales therapeutisches System (TTS). Diese Arzneiformen eignen sich zum Beispiel für Menschen, die kaum oder nicht mehr schlucken können. Mit einem TTS kann man sehr gleichmäßige Plasmaspiegel des Wirkstoffs erzielen; dies nützt Patienten, die auf stark schwankende Wirkspiegel mit Magen-Darm-Störungen reagieren.

Problematisch sei jedoch, dass die meisten Alzheimer-Patienten überhaupt keine spezifischen Medikamente erhalten, kritisierte Privatdozent Dr. Klaus-Christian Steinwachs, Nürnberg, bei der Veranstaltung. Zudem werde die Behandlung mit Antidementiva oft zu früh abgebrochen, weil sich vermeintlich kein Erfolg zeigt. Außerdem halten viele Ärzte – und auch Patienten – die Dosis aus Angst vor Nebenwirkungen so niedrig, dass keine Wirkung eintreten könne, sagte der Neurologe.

Um einen echten Nutzen zu erzielen, müssten die Patienten die Acetylcholinesterase-Hemmstoffe in der höchsten verträglichen Dosis erhalten. Doch auch dann dürfe man die Erwartungen nicht zu hoch stecken: »Eine Therapie ist erfolgreich, wenn die Fähigkeiten des Patienten gleich bleiben.« Eine Verbesserung sei nicht zu erwarten.

Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung

Welche Veränderungen der Zellen führen zur Alzheimer-Erkrankung, welche Moleküle sind daran beteiligt und wie lassen sich diese beeinflussen? Auf solche Fragen versuchen Forscher weltweit eine Antwort zu finden. Exzellente wissenschaftliche Forschung im Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit und andere Demenzerkrankungen zu fördern, ist das Ziel der gemeinnützigen Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung (www.breuerstiftung.de). Seit 2006 vergibt sie einmal jährlich den mit 100 000 Euro hoch dotierten Alzheimer-Forschungspreis. Darüber hinaus fördert die Stiftung vielfältige Projekte, die dazu beitragen sollen, das Leben der Erkrankten und ihrer Familienangehörigen zu erleichtern.

Gegründet wurde die Stiftung im Jahr 2000 von dem Unternehmer Hans Breuer. Seine Familie machte selbst leidvolle Erfahrungen mit der Alzheimer-Krankheit, die letztlich die Persönlichkeit des Patienten zerstört. Sowohl die Belastungen im Umgang mit dieser Krankheit als auch das Gefühl, ihr machtlos ausgeliefert zu sein, haben Hans Breuer und seine Familie dazu veranlasst, sich im Kampf gegen Alzheimer und andere Demenzkrankheiten intensiv zu engagieren. In den letzten zehn Jahren unterstützte die Stiftung bereits 20 Projekte mit einem Gesamtbetrag von mehr als 1 Million Euro. Dazu zählen sowohl wissenschaftliche Forschungsvorhaben als auch Projekte aus der Betroffenenhilfe.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de