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Beruf- und Beschreikräuter

Gegen die bösen Werke von Teufeln, Hexen und Dämonen

19.08.2011
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Von Ernst-Albert Meyer / Zu allen Zeiten suchten die Menschen in der Natur nach Mitteln, sich selbst, ihre Familie, Haus und Tiere vor Krankheit und Unglück zu schützen. Daher tragen viele Kräuter und Heilpflanzen volkstümliche Namen, die an ihre Verwendung gegen das böse Treiben von Geistern, Hexen, Zauberern und Teufeln erinnern.

Im Mittelalter war es das Ziel jedes gläubigen Menschen, sich durch ein gottgefälliges Leben ohne Sünden einen Platz im Himmel zu sichern. Der Ablasshandel blühte, denn jeder Sünder war zu Spenden bereit, um seine Seele vor dem Teufel zu retten. Die Menschen gaben Geld für Bettler, Arme und Kranke, Klöster und Kirchen und meinten, damit »Pluspunkte« für das Himmelreich zu sammeln.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, dass der Teufel ihnen überall auflauerte und sie äußerst trickreich in Versuchung führte. Je nachdem wie viel Macht der Teufel über sie gewonnen hatte, wartete auf sie nach dem Tod statt des Himmels das Fegefeuer oder die ewige Verdammnis in der Hölle. Daher wurden »Pfaffen« nicht müde, vor dem Teufel und seinen Verbündeten, den Zauberern und Hexen, zu warnen. Nach ihrer Ansicht waren diese für alles Unglück verantwortlich: Naturkatastrophen, Viehsterben, Krankheiten, Missgeburten, Unfruchtbarkeit, Impotenz, Missernten, Hungersnöte und ungeklärte Verbrechen. Außerdem verkündeten viele Vertreter der Kirche, es wäre das erklärte Ziel des Teufels, die Kirche und darüber hinaus die gesamte christliche Welt zu vernichten, um das Reich des Satans zu errichten.

Berufen und Beschreien

Diese Argumentation fiel bei den abergläubigen Menschen auf fruchtbaren Boden. Entsprechend stark fürchteten sie sich vor dem Satan, vor Zauberern und Hexen. So waren Mittel zum Gegenzauber sehr begehrt, und jeder war dankbar, wenn er von ihnen erfuhr. Mit sogenannten »Beruf- oder Beschreikräutern« versuchten die Menschen in vergangenen Zeiten, böse Mächte abzuwehren.

Als »Berufen« bezeichneten sie das Verzaubern oder Verhexen durch böse Geister, beispielsweise durch den »bösen Blick«. Vor allem Säuglinge galten als besonders gefährdet. Wenn ein Neugeborenes viel schrie, deuteten die Eltern das als sicheres Zeichen, dass das Kind verzaubert, also »beschrieen«, war. Mit Beschreikräutern versuchten die Mütter, diesen Zauber unwirksam zu machen. Dazu legten sie dem Säugling Kräuter wie das Scharfe ­Berufkraut (Erigeron acris) in die Wiege oder badeten es in einem verdünnten Sud aus Beschreikräutern.

Unabhängig von regionalen Unterschieden verwendeten sie dazu insbesondere stark duftende Kräuter oder Pflanzen, die beim Verbrennen einen kräftig riechenden Rauch entwickeln.

Vielseitiger Gegenzauber

So ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen aufgrund seines starken Geruchs den Knoblauch (Allium sativum) zur Abwehr des Bösen schätzten. Sie waren davon überzeugt, den Trägern von Knoblauchstücken könnten böse Geister nichts anhaben. Da Schwangere und Neugeborene zu jenen Zeiten als besonders anfällig für bösen Zauber galten, sollten Knoblauch und Petersilie unter dem Leinentuch von Wöchnerinnen gleichzeitig Mutter und Ungeborenes vor Hexerei schützen. Die Kinder erhielten ein Amulett aus Knoblauch, und auch Seeleute trugen ihn stets in einem Säckchen bei sich. Bei einem ­Todesfall wischten die Hinterbliebenen mit dem Kochwasser aus Knoblauch und Kürbisstängeln Tische und Stühle im ­Totenzimmer ab. Damit wollten sie verhindern, dass der Geist des Toten »sein Unwesen« treibt.

Auch Baldrian (Valeriana officinalis) galt wegen seines unangenehmen Geruchs als gut geeignet, den Teufel auszuräuchern und Hexen zu vertreiben. Hatte die Bäuerin Schwierigkeiten bei der Butterherstellung, flocht sie einen Kranz aus Baldrian und goss den »behexten« Rahm hindurch. In einigen Gegenden nutzten die Menschen ein Baldrianbündel an der Zimmerdecke zu einem ganz anderen Zweck: Bewegte sich das Bündel, wenn eine Person den Raum betrat, dann war diese mit Sicherheit eine Hexe oder ein ­Hexer.

Kräuter für das verhexte Vieh

Die Bauern versuchten mit allen nur erdenklichen Mitteln, Krankheiten von ihrem wertvollsten Besitz, den Tieren, fernzuhalten. Erkrankte das Vieh oder gaben die Kühe keine Milch mehr, so konnten nur Zauberer und Hexen ihre Hände im Spiel haben. Die teure Wunderwurzel Alraune (Mandragora officinalis) galt zu jenen Zeiten als sicherer Schutz gegen das Verhexen des Viehs. Die gleiche Wirkung sprachen die Bauern auch dem Ehrenpreis (Veronica officinalis) zu.

Zudem sollte verhexten Tieren auch ein Rezept aus dem sechsten und siebenten Buch Mose helfen: »Wenn ein Stück Vieh verhext ist, so brenne man Fünffingerkraut (Potentilla reptans), schwarzen Kümmel, Totenbein und Holz, das vom fließenden Wasser ausgeworfen ist, zu Pulver, und gibt davon einem Pferde in Essig zwei Lot, einem Rind ein Lot.« Ein Lot entspricht etwa 30 Gramm.

Mit Büscheln aus Baldrian und Dost (Origanum vulgare) im Viehstall schützte der Bauer seine Tiere vor bösen Mächten. Weit verbreitet war der Aberglaube, dass Hexen durch ihre Zauberkraft die Kühe aus der Ferne melken konnten. Um das zu verhindern, pflegten die Dorfbewohner am St.-Andreas-Tag (30. November) Kreuze aus Knoblauch zu flechten und an Türen und Fenstern aufzuhängen.

Stallburschen konnten die Pferde vor dem Verhexen schützen, indem sie den Hafer vor der Fütterung mit einem Haselnussstab umrührten. Mit Ruten aus Lindenzweigen schlugen die Bauern bereits behexte Kühe, die keine Milch mehr gaben. Durch die Schläge sollten auch die Hexen vertrieben werden.

Schutz von Haus, Hof und Leben

Selbstverständlich wollten die Menschen nicht nur ihre Tiere, sondern auch Haus und Familie vor bösen Geistern schützen. Vielerorts vergruben daher die Bauleute den Allermannsharnisch (Allium victorialis), auch Bergknoblauch genannt, oder die Blüte des Aronstabs (Arum maculatum) unter der Schwelle der Eingangstüre, um dem Bösen den Zutritt zum Haus zu verwehren. Allermannsharnisch wäre dem Teufel angeblich so verhasst, dass die Pflanze ihn auch direkt vertreiben konnte, so berichtet eine Sage: Als der Leibhaftige einmal ein junges Mädchen entführen wollte, streckte sie dem Bösewicht direkt die Pflanze entgegen. Da enteilte der ­Teufel mit den Worten: »Allermannsharnisch, du böses Kraut, hast mir meine Braut geraubt.«

In Norddeutschland wurde beim Hausbau zum Schutz vor bösen Geistern ein Wacholderstrauch (Juniperus communis) unter den Grundstein gelegt. Auch der Beifuß (Artemisia vulgaris) sollte ein ganzes Jahr gegen Verzauberung und böse Mächte helfen. Und über den Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis) schrieb der Arzt Leonhart Fuchs (1501 bis 1561) in seinem berühmten Kräuterbuch: »Dieses Kraut haben die alten / abergläubischen Teutschen / Gauchheil darum geheißen / dass sie geglaubet / wo mans am Eingang des Vorhofs aufhänge / dass es allerlei Gauch und Gespenst vertreibe.«

Außerdem sollten Eschen (Fraxinus excelsior) in der Nähe des Hauses das Anwesen und seine Bewohner vor bösen Geistern schützen. Denn wer Eschenzweige in der Hand trug, dem konnten Hexen und Zauberer nichts anhaben. Das Beschreikraut Berg-Ziest (Stachys recta) sollte bei »beschrieenen« (verhexten) Kindern den »bösen Blick« unwirksam machen.

Die Iren verabreichten nach Überlieferungen »verhexten« Kindern und Kranken Fingerhut (Digitalis purpurea) als Mittel gegen den bösen Blick – ein Rezept, das sicher oft zu Vergiftungen und zum Tode führte. Wegen ihres »Brenneffektes« schrieben die Menschen der Brennnessel (Urtica dioica) die Kraft zu, Hexen und allen bösen Zauber fernzuhalten. Auch das Heidekraut (Calluna vulgaris) war als Mittel gegen das »Berufen« berühmt.

Wer sich dauerhaft vor Hexen schützen wollte, ließ eine Mistelbeere (Viscum album) in Silber fassen und trug sie an einer Kette am Hals. Gegen »angezauberte« Krankheiten wie Krämpfe, Fallsucht (Epilepsie), Gicht und Fieber wendeten die Menschen ebenfalls die Mistel an.

Vertreibung des Teufels

Viele Pflanzen dienten damals zur direkten Abwehr des Teufels, denn ihn fürchteten die Menschen ganz besonders als Urheber allen Übels. Der Arzt und Botaniker Adam Lonicerus (1528 bis 1586) empfahl dazu in seinem Kräuterbuch die Engelwurz (Angelica archangelica): »Angelicam bey sich getragen / wird wider Zauberey / und sonst andere Teuffelsgespenst gerühmt.« Die Kombination aus Dost (Wilder Majoran, Origanum vulgare) und Dorant (wahrscheinlich Frauenflachs, Kleines Löwenmaul, Linaria vulgaris) galt als besonders starkes Mittel zur Teufelsabwehr. »Dorant und weiße Heid’ tun dem Teufel viel Leid!«, sagten die Westfalen damals.

Außerdem versuchten die Menschen mit den Wurzeln des Gemeinen Teufelsabbisses (Succisa pratensis), den Teufel zu bannen. Allerdings mussten sie die Pflanze unbedingt um Mitternacht vor dem Johannistag (24. Juni) ernten, weil bis zu diesem Tag der Wurzelstock noch nicht zerstört war. Nach damaliger Auffassung zerbaß der Teufel die für ihn gefährlichen Wurzeln, denn der Wurzelstock sieht im Herbst wie abgebissen aus.

Doch auch angeblich vom Teufel Besessenen konnte geholfen werden. In allen christlichen Ländern des Mittelalters besaß die Weinraute (Ruta graveolens) den Ruf, sicher den Teufel austreiben zu können. Dabei wurde die Pflanze innerlich und äußerlich in Form von Bädern und Räucherungen angewendet.

Die Kraft des Johanniskrauts

Besonders verhasst sollte dem Satan das Johanniskraut (Hypericum perforatum) sein. Deshalb heißt die Pflanze in manchen Gegenden auch Teufelsbanner oder Teufelsflucht. Der in Dresden und Zwickau tätige Apotheker Johann Georg Schmidt (1660 bis 1722) beschrieb 1705 in seiner »Chemnitzer Rockenphilosophie« diese Wirkung des Johanniskrauts: »Sanct Johanniskraut ist von so großer Kraft / den Teufel und Hexen zu vertreiben / dahero auch der Teufel aus Boßheit / dieses Krautes Blätter mit Nadeln durchsticht.« Jeder Betrachter der Blätter kennt diese anatomische Besonderheit des Johanniskrautes: Die Blätter erscheinen von den Öldrüsen wie punktiert, also wie mit Nadeln durchstochen.

Laut einer alten saarländischen Volkssage setzte sich ein vom liebeshungrigen Teufel gejagtes Mädchen in seiner Not am Waldrand auf ein Johanniskraut, und so konnte ihr der Satan nichts anhaben. Rasend vor Wut durchlöcherte der enttäuschte Höllenfürst die Blätter des Johanniskrauts mit Nadelstichen.

Einige der genannten Beruf- und Beschreikräuter haben sicher bei so mancher Krankheit geholfen. Doch bei der Heilwirkung ist es gewiss nicht mit dem Teufel zugegangen. /

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