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Selbstmedikation bei Harninkontinenz

Konservative Maßnahmen als erster Schritt

19.08.2011
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Von Andrea Nicolas / Frauen leiden viel häufiger unter Harninkontinenz als Männer, zum Beispiel weil Geburten ihren Beckenboden überbeansprucht haben. Die »Blasenschwäche« ist noch immer eines der großen Tabuthemen und höchstens ein Drittel der Betroffenen sucht Rat beim Arzt oder in der Apotheke. PTA und Apotheker können zu diesem Thema einfühlsam beraten und viele Tipps geben.

Ärzte definieren die Harninkontinenz als unwillkürlichen und unfreiwilligen Harnverlust. Manchmal gehen nur wenige Tröpfchen Urin verloren, manchmal aber erhebliche Mengen. Zwar sind Frauen aller Altersgruppen betroffen, aber mit dem Alter steigt die Inzidenz deutlich. Insgesamt schätzen Fachleute die Zahl betroffenener Frauen und Männer in Deutschland auf mindestens vier Millionen. Harninkontinenz schränkt nicht nur die Lebensqualität ein, sondern kann langfristig zu Problemen in der Partnerschaft, sozialer Isolation oder sogar zu Depressionen führen.

Die Nieren produzieren täglich etwa 1,5 Liter Harn. Über die beiden Harnleiter gelangt dieser zunächst in die Harnblase, wo er gesammelt wird. Über die Harnröhre verlässt er schließlich den Harntrakt. Die Harnblase ist von einer Schicht glatter Muskulatur, dem Blasenmuskel oder Detrusor, umgeben. Am unteren Ausgang rund um die Harnröhre sitzen Schließmuskel, die Sphinkter. Im entleerten Zustand und während sich die Blase langsam füllt, ist der Blasenmuskel entspannt und der Schließmuskel angespannt, sodass die Blase dicht verschlossen bleibt. Nerven in der Blasenwand melden dem Gehirn ständig den Füllzustand. Erst wenn die Blase prall gefüllt ist, muss sie entleert werden. Dann entspannt der Betroffene bewusst die Schließmuskel, sodass sich der Blasenauslass öffnet und der Urin abfließt. Diesen Prozess unterstützt der Blasenmuskel, der sich gleichzeitig anspannt und so den Urin aus der Blase presst. Danach kehren sich die Verhältnisse von Spannung und Entspannung der Muskeln wieder um. Die gesamte Beckenbodenmuskulatur unterstützt noch zusätzlich den Verschlussmechanismus (siehe Grafik).

Inkontinenz unter Belastung

Mediziner unterscheiden je nach Ursache mehrere Formen der Harninkontinenz: Unter der sogenannten Belastungsinkontinenz leiden in Deutschland zwischen 22 und 40 Prozent der Patientinnen, unter Dranginkontinenz zwischen 10 und 16 Prozent, und bei 38 bis 67 Prozent liegt eine Mischform vor, die sogenannte Misch­inkontinenz.

Die Belastungsinkontinenz wurde früher auch »Stressinkontinenz« genannt. Das Wort Stress bezog sich dabei nicht auf eine psychische Belastung, sondern auf die physische Belastung des Blasenschließmuskels. Dieser Muskel beziehungsweise die gesamte Beckenbodenmuskulatur wurde über einen zu langen Zeitraum »gestresst« und funktionierte daher nur noch ein­geschränkt. Eine sehr starke Last für den Beckenboden ist Übergewicht, ganz gleich ob bei Frauen oder Männern. Auch Operationen im kleinen Becken oder Geburten ziehen die Beckenbodenmus­kulatur in Mitleidenschaft. Außerdem ­tragen die Wechseljahre zur nachlassenden Funktion bei: Wenn der ­Östrogenspiegel sinkt, wird der Becken­boden schlechter durchblutet.

Bei einer Belastungsinkontinenz verlieren Betroffene in dem Moment Urin, wenn sie sich körperlich anstrengen, also beim Heben oder Tragen schwerer Gegenstände, beim Sport oder beim Husten oder Niesen. Genau dann spannen sich die Bauchmuskeln an, und der Druck im Bauchraum und auf die Blase steigen. In vielen Fällen ist dann der äußere Druck höher als die Kraft des Blasenschließmuskels, worauf dieser sich öffnet und Urin durchlässt. Mediziner unterscheiden drei Schweregrade der Belastungsinkontinenz (siehe Tabelle).

Drang zur falschen Zeit

Bei der Dranginkontinenz meldet sich die Blase, obwohl sie noch gar nicht ganz gefüllt ist. Die Betroffenen leiden ständig unter dem Gefühl, Wasser lassen zu müssen, und können dem vermeintlichen »Druck« oft nicht mehr standhalten, sodass sie Urin verlieren, bevor sie die Toilette erreichen. Um das zu verhindern, suchen sie ständig die Toilette auf, obwohl sie nur geringe Harnmengen entleeren können. Die sehr leichte Form der Dranginkontinenz bezeichnen Experten als Reizblase. Hierbei suchen die Patientinnen zwar auch ständig die Toilette auf, sie können den Drang, Wasser zu lassen, aber noch kon­trollieren.

Schweregrade der Belastungsinkontinenz

Grad Harnabgang
1 beim Husten, Lachen oder Niesen
2 bei abrupten Körperbewegungen, beim Aufstehen oder Hinsetzen
3 bei leichten Bewegungen oder sogar im Liegen

In den meisten Fällen verursacht ein überaktiver Blasenmuskel die Dranginkontinenz. Er zieht sich bereits bei gering gefüllter Blase zusammen und drückt Urin durch den Schließmuskel. Mit der Zeit ist die Harnblase dann nicht mehr in der Lage, normale Urinmengen zu speichern.

Nicht immer finden Ärzte den Grund für die Überaktivität. Möglicherweise ist der Blasenmuskel einer vermehrten Reiz­anflutung ausgesetzt und kontrahiert sich deshalb zu früh. Auch Harnwegsinfektionen können zu erhöhtem Harndrang mit unkontrolliertem Urinverlust führen. Des Weiteren begünstigen eine Prostatavergrößerung oder eine neurologische Erkrankung wie Multiple Sklerose die Übererregbarkeit.

Neben den zwei häufigsten Inkontinenzformen und deren Mischform sind manche Patienten an seltenen Sonderformen erkrankt. Zum Beispiel kann Harn über Urinfisteln also die Harnröhre umgehende Wege, die Blase verlassen. Die sogenannte Überlaufinkontinenz ist manchmal die Folge einer Medikamenteneinnahme. Insbesondere zentral wirksame Arzneimittel wie Antidepressiva, Neuroleptika und Sedativa lähmen den Blasenmuskel. Dann verspüren die Betroffenen zwar starken Harndrang, können die Blase aber nicht entleeren, weil die Muskulatur versagt. Aus der überfüllten Blase geht schließlich unfreiwillig Urin ab.

Abklären und aufklären

Wenden sich Betroffene an PTA oder Apotheker und geben sie zu verstehen, dass sie ihre Schwierigkeiten zunächst selbst behandeln möchten, können sie in speziellen Fragebögen und Protokollen mehrere Tage lang ihre Trinkmengen sowie die Art und das Ausmaß der Symptome notieren. Häufig wird es notwendig sein, den Kunden einen Facharztbesuch zu empfehlen, denn für die richtige Therapie ist es entscheidend, Form und Ursache der Inkontinenz zu kennen. Nur der Gynäkologe und/oder Urologe kann die ­Diagnose stellen. Danach richten sich auch konservative Maßnahmen wie Physiotherapie.

Zur Behandlung der Belastungsinkon­tinenz werden in Therapieleitlinien zwei Maßnahmen mit höchster wissenschaft­licher Evidenzstufe empfohlen: die Beckenbodengymnastik und die Gewichtsreduktion.

Muskeln trainieren, Gewicht senken

Beckenbodengymnastik eignet sich für Betroffene jeden Alters und Geschlechts. Wichtig ist, dass zunächst qualifizierte Physiotherapeuten den Patienten die Übungen erklären (Therapeutenliste siehe Kasten). Ziel des Trainings ist es, den gesamten Muskelapparat des Becken­bodens zu kräftigen und so den Blasenschließmuskel zu stärken. Viele Menschen wissen nicht, dass sie auch die Muskeln ihrer Harnblase trainieren und damit kon­trollieren können. Allerdings brauchen sie dazu Geduld und Ausdauer. Oft tritt eine Besserung erst nach sechs Monaten Training ein. Dennoch lohnt sich die Mühe: Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Mehrheit der Patienten mit dem Behandlungserfolg sehr zufrieden ist.

Leider raten viel zu wenige Ärzte übergewichtigen Patienten zu einer Gewichtsreduktion. Studien haben jedoch gezeigt, dass die Inkontinenzepisoden von Patientinnen, die nur 8 Prozent an Gewicht verloren, auf die Hälfte sanken. PTA oder Apotheker sollten sich nicht scheuen, diesen Zusammenhang anzusprechen.

Den Lebensstil anpassen

Zur Therapie der Dranginkontinenz können die Betroffenen ebenfalls zunächst konservative Maßnahmen ausprobieren, das heißt ihren Lebensstil verändern. Sie sollten

  • ihre tägliche Trinkmenge um 25 Prozent senken,
  • diese Trinkmenge möglichst gleichmäßig über den Tag verteilen,
  • mindestens 2 Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr trinken,
  • Reizstoffe wie Nikotin oder scharfe Gewürze wie Pfeffer und Chili generell meiden und
  • eine Obstipation unbedingt behandeln.

 

Wichtig ist außerdem, den Patientinnen davon abzuraten, normale Slipeinlagen oder Menstruationsbinden zu verwenden. Für Harninkontinenz wurden spezielle, dem Schweregrad angepasste Einlagen entwickelt, die den Urin aufsaugen und geruchsneutral einschließen. Die verschiedenen Produkte sind unauffällig und bleiben von den Mitmenschen unbemerkt.

Arzneimittel alle rezeptpflichtig

Wenn konservative Maßnahmen allein nicht ausreichen, wird der Arzt zusätzlich Medikamente verordnen. Alle zur Verfügung stehenden Arzneistoffe sind verschreibungspflichtig. Zur Behandlung der Belastungsinkontinenz ist der Arzneistoff Duloxetin zugelassen, ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, der ursprünglich als Antidepressivum entwickelt wurde. Weil Duloxetin die Neurotransmitterkonzentration im synaptischen Spalt der Nervenzellen steigert, erhöht er so auch die Kontraktilität des Blasenschließmuskels. Der Schließmuskel um die Harnröhre zieht sich wieder stärker zusammen und hält dem Druck der Blase stand, sodass kein Urin mehr unfreiwillig abgeht. Aufgrund der Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Schlafstörungen und Müdigkeit ist die Compliance der Patienten oft nicht gut.

Auch Anticholinergika, zum Beispiel Oxybutynin, Darifenacin oder Trospiumchlorid, sind hochwirksame Arzneistoffe zur Behandlung der Dranginkontinenz oder einer hyperaktiven Blase. Die Substanzen besetzen die Acetylcholin-Rezeptoren an der Blasenmuskulatur. Dadurch wird die übermäßige Kontraktionsfähigkeit der Muskulatur gehemmt und das Fassungsvermögen der Blase erhöht. Doch auch bei den Anticholinergika sind Nebenwirkungen häufig. Dazu zählen Mundtrockenheit, Übelkeit, Obstipation, Herzrasen (Tachykardie), verschwommenes Sehen (Akkommodationsstörungen) und die Erhöhung des Augeninnendrucks.

Frauen mit Belastungsinkontinenz nach der Menopause verschreibt der Gynäkologe bevorzugt Östrogene als Vaginalzäpfchen, -tabletten oder -creme. Die Hormonpräparate verbessern lokal die Durchblutung und damit die Reaktion der Schließmuskeln um die Harnröhre. Bei älteren Patientinnen genügt oft schon, das Produkt zwei- bis dreimal pro Woche anzuwenden.

Formen der Mischinkontinenz behandeln die Ärzte durch Kombination verschiedener Therapieansätze. Helfen weder konservative noch medikamentöse Maßnahmen, bleibt der Frau oder dem Mann die Operation. /

Interessante Links

Deutschen Kontinenz Gesellschaft e. V.:

Download der Formulare für Toiletten- und Trinkprotokoll

Bundesweite Therapeutenliste der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie, Proktologie im Deutschen Verband für Physiotherapie ZVK e. V.

Berufsverband der Deutschen Urologen e. V. und Deutsche Gesellschaft für Urologie

Inkontinenz Selbsthilfe e. V.

E-Mail-Adresse der Verfasserin

Elinus(at)gmx.de