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Ohrenschmerzen

Antibiotika oft nicht erforderlich

24.08.2012
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Von Ursula Sellerberg / Ohrenschmerzen sind häufig so heftig, dass die Betroffenen sie ohne Arzneimittel kaum ertragen. Ob sie die Erkrankung selbst behandeln dürfen, hängt von der Ursache der Beschwerden ab.

Das Ohr besteht aus drei Abschnitten: Das äußere Ohr umfasst die Ohrmuschel und den Gehörgang bis zum Trommelfell. Im luftgefüllten Mittelohr übertragen drei winzige Knöchelchen die Schallwellen zum inneren Ohr. Das Innenohr übersetzt diese Wellen dann in Informationen, die zum Gehirn weitergeleitet werden. Das Mittelohr ist mit dem hinteren Rachenraum durch die Eustachische Röhre verbunden. Durch sie können Flüssigkeit und Schleim aus dem Mittelohr abfließen. Sammeln sich die Sekrete hingegen im Mittelohr, ist das Hören behindert.

In relativ kurzer Zeit werden Ohrenschmerzen schier unerträglich und lassen meist auch nachts nicht nach. Sie treten zum Teil als Symptom einer Erkältung auf, etwa wenn Halsschmerzen in die Ohren ausstrahlen. Im Verlauf eines Schnupfens schwillt die Nasenschleimhaut manchmal so stark an, dass das Sekret aus dem Mittelohr nicht mehr abfließen kann und auf das Trommelfell drückt. Auch Druckschwankungen, beispielsweise beim Fliegen oder beim Tauchen, können Ohrenschmerzen verursachen. Je nach Alter des Patienten betrifft die Entzündung unterschiedliche Bereiche und wird durch andere Faktoren ausgelöst:

  • Säuglinge und Kleinkinder: akute Mittelohrentzündung, Fremdkörper im äußeren Gehörgang oder Entzündungen der Ohrspeicheldrüse
  • Jugendliche: Gehörgangentzündung, vor allem im Sommer wegen einer Infektion beim Schwimmen, Mandelentzündung, Wachsen der Weisheitszähne, Verletzungen, Fremdkörper im äußeren Gehörgang
  • Erwachsene: Gehörgangentzündung, Veränderungen des Kiefergelenks, Neuralgien, Paukenerguss, kariöse Backenzähne
  • Ältere Erwachsene: Furunkel im Gehörgang, Herpesinfektionen, Zahnschäden, Kieferentzündungen, Tumore

 

Grundsätzlich sollten PTA oder Apotheker Patienten mit Ohrenschmerzen raten, einen Arzt aufzusuchen. Das gilt besonders für Kinder. Denn obwohl eine Mittelohrentzündung meist von alleine wieder abheilt, kann nur der Arzt andere Ursachen ausschließen. Wer die Therapie zu spät beginnt oder die Entzündung falsch behandelt, riskiert bleibende Schäden.

Otitis externa

Ist der äußere Gehörgang gerötet und geschwollen, deutet das auf eine Gehörgangentzündung (Otitis externa) hin – eine der häufigsten Ursachen für Ohrenschmerzen. Zumeist lösen Bakterien die Infektion aus. Vermehrt sind Menschen betroffen, die ein Hörgerät tragen. Bei einer Gehörgangentzündung schmerzt das Ohr, vor allem bei Berührung oder wenn am Ohrläppchen gezogen wird. Mitunter hört der Patient schlechter, bei einigen Patienten sondert das Ohr Flüssigkeit ab. Die Bezeichnung Bade-Otitis ist entstanden, weil Schwimmer häufig an Otitis externa erkranken. Durch den Kontakt mit Wasser weicht die Haut des Gehörgangs auf. Dann können Bakterien leichter eindringen und zu einer Infektion führen. Bade-Otitis lässt sich oft durch das Tragen einer Badekappe vermeiden. Taucher können Infekten mit säurehaltigen Ohrentropfen vorbeugen, beispielsweise mit Essigsäure-Ohrentropfen (NRF 16.2).

Verletzungen des Trommelfells führen zu starken, plötzlich auftretenden Ohrenschmerzen. Weitere Symptome sind Schwindel, Hörverlust oder Ohrgeräusche. Oft sondert das Ohr Blut oder Flüssigkeit ab.

Systemische Schmerzmittel helfen gegen starke Ohrenschmerzen oft nicht ausreichend. Speziell für diese Indikation zugelassen sind die Ohrentropfen Otalgan® (enthält Phenazon und Procain) und Otodolor® (rezeptpflichtig, enthält Lidocain). Einige verschreibungspflichtige Ohrentropfen mit Antibiotika und Glucocorticoiden verringern die Entzündung. Als antibiotische Wirkstoffe werden häufig Ciprofloxacin, Bacitracin und Polymyxin eingesetzt, zum Teil in Kombination mit Glucocorticoiden. Hat der Arzt eine Pilzinfektion im Ohr diagnostiziert, kann er zum Beispiel Ölige Clotrimazol-Ohrentropfen (NRF 16.4) verordnen. Wer häufiger an Gehörgangentzündungen erkrankt, kann Präparate wie Auridrop® und Gelobacin® vorbeugend anwenden.

Bei Kindern häufig

Die akute Mittelohrentzündung (Otitis media acuta) ist eine der häufigsten Erkrankungen bei Kindern, vor allem im Alter zwischen einem halben Jahr und drei Jahren. Die heftigen Beschwerden setzen plötzlich ein, heilen andererseits aber auch schnell ab. Bevor sie an einer Mittelohrentzündung erkranken, waren die Kinder meist erkältet. Dann klagen sie trotz abheilender Erkältung auf einmal über Kopf- oder Bauchschmerzen, quengeln ständig und haben keinen Appetit. Eltern kennen das Problem: Meist beginnen die Ohrenschmerzen abends oder nachts.

Ein Besuch beim Notarzt ist nur selten nötig, denn normalerweise besteht keine akute Gefahr. Um die Zeit bis zum Arztbesuch zu überbrücken, können die Eltern die Schmerzen ihres Kindes mit einem entzündungshemmenden Analgetikum lindern. Gegen Schmerzen und Fieber helfen nicht-steroidale Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen als Zäpfchen oder Saft. Das Analgetikum lindert die Beschwerden, beschleunigt aber nicht die Heilung. Im Beratungsgespräch sollten PTA oder Apotheker unbedingt auf die Dosierung hinweisen, die bei Kindern vom Körpergewicht abhängt. Acetylsalicylsäure sollten fiebernde Kinder wegen der Gefahr des Reye-Syndroms nicht erhalten.

Wann zum Arzt?

PTA oder Apotheker sollten bei folgenden Symptomen einer Mittelohrentzündung zu einem (erneuten) Arztbesuch raten:

  • Keine deutliche Besserung (trotz ärztlicher Behandlung) nach zwei bis drei Tagen
  • Zunahme der Schmerzen
  • Erhöhter Ausfluss aus dem Ohr
  • Schwellung oder Schmerzen hinter der Ohrmuschel
  • Lähmung von Gesichtsmuskeln (verzerrte Mimik)
  • Anhaltendes Erbrechen und Übelkeit
  • Anhaltendes Fieber über 39 °C
  • Nackensteifigkeit
  • Krampfanfälle
  • Bewusstseinsstörungen

Eine akute Mittelohrentzündung heilt in der Regel nach zwei bis drei Tagen von selbst aus. Falls die Eltern keinen Arzt aufsuchen, sollten sie den Krankheitsverlauf aufmerksam beobachten, da in manchen Fällen die Behandlung mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln notwendig wird.

Etwa 60 Prozent der Mittelohrentzündungen werden durch Bakterien verursacht, die restlichen durch Viren. Daher wird der Arzt kritisch prüfen, ob er dem Kind bei einer akuten Mittelohrentzündung ein Antibiotikum verordnet. Antibiotika verringern zumeist Komplikationen, wirken aber nur verzögert und indirekt auf die Symptome wie Fieber oder Schmerzen. Auf die Verordnung eines Antibiotikum verzichtet der Arzt meist dann, wenn die Entzündung unkompliziert verläuft und er mit den Eltern gut zusammenarbeiten kann. Das bedeutet unter anderem, dass die Eltern mit dem Kind erneut den Arzt aufsuchen, sollten sich die Beschwerden innerhalb von 24 bis 48 Stunden nicht gebessert haben. Eine weitere Alternative: Der Arzt stellt ein Rezept für ein Antibiotikum aus und bittet die Eltern, es erst einzulösen, wenn sich der Zustand ihres Kindes verschlechtert.

Bei jeder Abgabe eines Antibiotikums sollten PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch auf die ausreichend lange Einnahmedauer hinweisen. Und noch ein Rat: Drei bis vier Wochen nach dem Verschwinden der Symptome sollten die Eltern vom Arzt den Heilungsverlauf kontrollieren und einen Hörtest machen lassen.

Ohren richtig sauber halten

Zu viel Ohrenschmalz kann den Gehörgang verschließen und dann Schmerzen verursachen. Eine Reinigung muss allerdings sehr vorsichtig erfolgen, um mecha­nische Verletzungen und damit Entzündungsgefahren zu vermei­den – Wattestäbchen, Haarnadeln oder andere Utensilien sind dazu nicht geeignet. /

Ohrentropfen richtig anwenden

Zum Beratungsgespräch gehört auch ein Hinweis darauf, wie der Patient die Ohrentropfen richtig anwendet. Grundsätzlich sollten Ohrentropfen vor der Applikation in der Hand angewärmt werden, denn kalte Tropfen verursachen weitere Schmerzen. Beim Einträufeln sollte der Kopf für einige Minuten auf der Seite liegen oder seitlich geneigt sein. Bei Erwachsenen sollte die Ohrmuschel zum Einträufeln nach hinten und oben gezogen werden, um die Krümmung des Gehörgangs auszugleichen. Wegen der anderen anatomischen Verhältnisse bei Kindern die Ohrmuschel stattdessen nach hinten und unten ziehen. Nach dem Einträufeln den Gehörgang locker mit Watte verschließen. Dieser Wattepropf darf aber nicht zu fest sein, damit sich keine feuchte Kammer bildet. Wie bei Augentropfen ist die Aufbrauchfrist bei flüssigen und halbfesten Zubereitungen laut Europäischem Arzneibuch auf vier Wochen begrenzt. Wichtig zu wissen: Ohrentropfen dürfen nur bei intaktem Trommelfell angewendet werden. Das kann der Patient mit dem Valsalva-Test selbst überprüfen: Nase zuhalten und wie beim Schnäuzen blasen. Ist das Trommelfell verletzt, hört man dann ein zischendes Geräusch.

E-Mail-Adresse der Verfasserin

ursula.sellerberg(at)yahoo.de