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Historisches

Der Henker als Heiler

24.08.2012  16:29 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Bis ins 19. Jahrhundert waren Scharfrichter bei jung und alt, bei arm und reich gefragte Heiler. Aufgrund ihres Berufes besaßen sie fundierte anatomisch- medizinische Kenntnisse.

Als im 13. Jahrhundert in den meisten Ländern Rechtsprechung und Strafvollzug getrennt wurden, stellten die Städte für den Vollzug Scharfrichter ein, Männer, die »mit der Schärfe des Schwertes« richteten. Später setzte sich der Name »Henker« durch, abgeleitet vom Ausdruck Henken für Hinrichtung. Der erste Scharfrichter wird im Augsburger Stadtrecht von 1276 erwähnt. Von Anfang an gehörten Scharfrichter zu den »unehrlichen Leuten«. Als Ehrlichkeit verstanden Bürger im Mittelalter und der frühen Neuzeit die Unbescholtenheit des Rufes (Leumund), die persönliche Ehre. Sie war für die soziale Stellung sowie das Ansehen des Standes von größter Bedeutung.

Dagegen führte die Zuordnung zu den »Unehrlichen« dazu, dass die Betroffenen aus der Gesellschaft ausgestoßen und von allen gemieden wurden. In die Kategorie der unehrlichen Leute gehörten neben den Scharfrichtern Schäfer, Müller, fahrendes Volk, Gassenkehrer, Abdecker und Totengräber. Mit ihnen wollte niemand etwas zu tun haben. So wurden Scharfrichter beispielsweise nicht in Zünfte aufgenommen und hatten keinen Zutritt zu Wirtshäusern. Die Kirche verweigerte ihnen das christliche Begräbnis, sie durften keine Priester werden und da die Unehrlichkeit vererbt wurde, blieb ihren Kindern meist nichts anderes übrig, als in eine andere Henkers-Familie einzuheiraten. Deshalb waren viele Henker-Dynastien miteinander verwandt. Allerdings gestaltete sich die soziale Ausgrenzung der Henker regional recht unterschiedlich. In manchen Gegenden führte schon die Berührung eines Scharfrichters bei ehrlichen Leuten zur sogenannten Befleckung. Damit galten sie selbst als unehrlich. Interessant ist, dass dies nicht auf diejenigen zutraf, die den Henker wegen einer medizinischen Behandlung aufsuchten.

Bizarrer Nebenerwerb

Im Mittelalter lebten die meisten Henker in ärmlichen Verhältnissen. Deshalb waren sie auf Nebeneinkünfte angewiesen: Sie beaufsichtigten die Bordelle, reinigten die Kloaken, bestatteten Selbstmörder, töteten streunende Hunde, vertrieben die Aussätzigen aus der Stadt und arbeiteten als Abdecker. In dieser Funktion waren sie für den Abtransport verendeter Tiere aus der Stadt verantwortlich, deren Kadaver sie verwerten durften. So gewannen die Henker beispielweise Hundefett, das sie als Salbe für entzündete Gelenke bei Mensch und Pferd verkauften.

Die meisten Einkünfte erzielten die Scharfrichter durch ihre Tätigkeit als Heiler. Wie kam es dazu? Als Henker waren sie auch für das Foltern zuständig, um den Gefangenen Schuldgeständnisse zu erpressen. Allerdings musste der Scharfrichter darauf achten, dass beim »peinlichen Verhör« keine tödlichen Verletzungen entstanden. Nach der Folter musste er die Schäden des Geschundenen behandeln, um ihn für die nächste Folter oder die Gerichtsverhandlung wieder so gut wie möglich fit zu machen. In der Regel versorgte und behandelte er Wunden, Verletzungen, Verbrennungen, Verrenkungen und Knochenbrüche. So erwarben sich die Henker im Laufe der Zeit umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Anatomie des Menschen und der Wundbehandlung. In einigen Städten durften sie sogar die Hingerichteten sezieren, was den Ärzten verboten war. So gestattete der Nürnberger Rat, dem seit dem Jahr 1578 tätigen Scharfrichter Franz Schmidt »… den enthaupteten cörper zu schneiden und, was ime zu seiner arznei dienstlich, davon zu nehmen…« Damit kannten viele Henker auch das Körperinnere des Menschen, die Form und Lage der Organe und waren studierten Ärzten auf dem Gebiet der inneren Medizin meist überlegen.

Da Henker bis in die Neuzeit als Ärzte und Apotheker tätig waren, führten sie bisweilen die Asklepiosschlange im Wappen. Ihre Tätigkeiten als Heiler wurden von der Obrigkeit offiziell anerkannt. Viele Henker nahmen auch kleine chirurgische Eingriffe vor. Sie genossen einen so guten Ruf, dass zu ihren Patienten nicht nur arme Leute zählten, sondern auch Bauern, Handwerksmeister, Akademiker, Geistliche und Ratsherren. Und was die Behandlungskosten anging, so verlangte der Henker nur einen Bruchteil des Honorars, das ein studierter Arzt für eine Konsultation nahm. Aufgrund ihrer Kenntnisse als Abdecker waren manche Henker auch als Tierärzte tätig. Der Ulmer Henker Johannes Deigendesch verfasste im Jahr 1716 sogar ein Lehrbuch über Veterinärmedizin, das aufgrund der großen Nachfrage mehrfach aufgelegt wurde. Beim »nassen Husten« der Pferde empfahl Deigendesch darin Fenchelsamen, Lorbeer und weißen Ahorn.

Der Henker als Apotheker

In den Augen des einfachen Volkes umgab den Henker eine Aura des Geheimnisvollen, des Magischen und des Grauenvollen. Daraus leitete sich der weit verbreitete Glaube ab, Leichenteile – vor allem von Hingerichteten – wirkten heilend und brächten Glück. Also erhielt der Henker dafür gutes Geld. So sollte das Blut eines Enthaupteten gegen Fallsucht (Epilepsie) helfen, die Haut eines Hingerichteten gegen Gicht und Schamhaare gegen Unfruchtbarkeit. Außerdem galt die Hand eines Hingerichteten als Glücksbringer und garantierte den Segen im Pferdestall. Wer den Daumen eines Diebes besaß, tätigte fortan gute Geschäfte. Menschenfett (Armsünderfett) wurde in vielen Arzneimitteln – besonders Salben – verarbeitet und von den Henkern an die Apotheken verkauft, »weil davon vielen Menschen Hülff geschehen kann.«

Der Scharfrichter Johannes Seitz aus Kaufbeuren schrieb seine Erfahrungen im Jahr 1715 im „Buch der Medicie« nieder. Rund 500 Rezepturen sollten gegen vielerlei Krankheiten helfen. Als Bestandteile seiner Arzneien zählte Seitz neben Pflanzenteilen Gewürze wie Ingwer, Muskat, Nelken, Pfeffer und Senf auf. Auch verarbeitete er Quecksilber, Antimon, Schwefel, Bolus alba und rubra in seinen Medikamenten. Selbst im 18. Jahrhundert vertrauten noch viele Kranke auf magische, aber vollkommen wirkungslose Mittel. So empfahl beispielsweise Seitz in seinem Buch die Herzen von Störchen, das Hirn von Hasen, die Leber von Hund und Ziege, gepulverte Schnecken, Regenwürmer, Kot, Harn und Blut von den verschiedensten Tieren sowie Katzenohren, Frauenmilch, Ohrenschmalz und Zähne von Toten.

Es leuchtet ein, dass die medizinische und pharmazeutische Tätigkeit der Henker den studierten Ärzten und Apothekern ein Dorn im Auge war. Die Medici beanspruchten die Ausübung medizinischer Tätigkeiten für sich allein, die Apotheker die Herstellung und Abgabe von Arzneimitteln. Ärzte und Apotheker versuchten daher immer wieder, ihre Mitmenschen von der fachlichen Inkompetenz der Henker zu überzeugen – doch zumeist ohne Erfolg.

Wie hart die Auseinandersetzung zwischen Ärzten und Henkern geführt wurde, zeigt ein Brief des Chirurgen Christian Ernst Vogel in Königslutter an Herzog August-Wilhelm. Nachdem der Chirurg auf seine Verdienste als Militärarzt hingewiesen hatte, bemerkte er voller Bitterkeit »… weiln die Nahrung merentheils dadurch mir entzogen wird, dass allhier Schinder (Henker), Weiber, Kuh- und andere Hirten sowohl innerlich als äußerliche Curen verrichten und die Patienten betrogen.«

Dabei hatten viele Städte eine Regelung getroffen, nach der die Henker die äußere Medizin (Chirurgie, Wundbehandlung) praktizieren durften und den Ärzten die innere Medizin vorbehalten blieb. Doch da viele Bürger mit dem Henker auch bei inneren Krankheiten gute Erfahrungen gemacht hatten, übten die Henker weiterhin »das innerliche und äußere Curieren« aus.

Ein weises Urteil fällte Friedrich der Große (1712 bis 1786), König von Preußen, als sich Berliner Wundärzte bei ihm über die Scharfrichter beschwerten: »Wenn aber unter den Chirurgen Ignoranten seind, das Publikum darunter nicht leiden kann, sondern jene sich gefallen lassen müssen, dass sich jemand lieber durch einen Scharfrichter kurieren und helfen lasse, als ihnen zu gefallen lahm und ein Krüppel bleibe. Und also sollen sich die Chirurgi nur alle recht geschickt machen und habilitieren, so werden die Kuren der Scharfrichter von selbsten und ohne Verbot aufhören.«

Henker machen Karriere

Einige Henker machten als Heiler Karriere und gelangten sogar zu höchsten Ehren. Wegen seiner chirurgischen Fähigkeiten ernannte König Friedrich I. von Preußen (1657 bis 1713) den ehemaligen Scharfrichter Coblenz zu seinem Hof- und Leibmedicus. Der Trierer Kurfürst Klemens Wenzeslaus erklärte im Jahr 1769 in einer Verordnung den Scharfrichtersohn und »medicinae practicus« Johann Bickler von Mörsdorf und seine Familie für »ehrlich«. Jedem, der dies nicht akzeptierte, drohte er Strafe an – ein für damalige Zeiten einmaliger Vorgang.

Mit der Humanisierung des Strafvollzugs im 17. und 18. Jahrhundert nahmen auch die Hinrichtungen ab. In der Konsequenz wurden Gefangene nur noch selten gefoltert und im 18. Jahrhundert schafften viele deutsche Staaten die Folter offiziell ganz ab, zum Beispiel Preußen im Jahr 1754. Damit büßten viele Henker ihre Haupteinnahmequelle ein. So klagte der Helmstedter Henker Johann Conrad Scheermesser im Jahr 1748, als ihm das »Curieren von Menschen« untersagt worden war: »… dass ihm viele Vorrechte im Laufe der Zeit verloren gegangen sind und er nicht mehr weiß, zu dem das Justifizieren der armen Sünder sehr selten geworden, wovon er seine Familie recht ernähren soll.«

Also versuchten viele Henker, wenn auch im 18. Jahrhundert meist verboten, von der medizinischen Tätigkeit zu leben. Als schließlich im Laufe des 18. Jahrhunderts der Rechtsstatus der Unehrlichkeit aufgehoben wurde, konnten Henker und ihre Söhne legal in Berufe wie Bader und Wundärzte wechseln. Friedrich der Große gestattete 1744 den Henkern die offizielle Behandlung von Brüchen, Geschwüren und Wunden, wenn sie ein Examen ablegten. Einige Henkerssöhne studierten Medizin oder Pharmazie. Und in mancher heutigen Ärzte-Dynastie steht am Anfang der Ahnentafel wahrscheinlich ein Scharfrichter. Zum Abschluss eine überlieferte Anekdote: Als Kaiser Napoleon den berühmten Pariser Henker Charles Henri Samson (1739 bis 1806) fragte, ob er denn nach 3000 Hinrichtungen noch ruhig schlafen könne, antwortete dieser: »Wenn Kaiser, Könige und Diktatoren ruhig schlafen können, warum soll’s nicht auch der Henker können?« /

Das Rezept eines Henkers

Gegen die Pest empfahl der Henker Seitz folgendes Rezept: »Fange eine Kröte im März, hänge sie auf und trockne sie. Wenn die Pest den Menschen anfällt, nimm die Kröte, lege sie eine Stunde in Essig, danach binde sie auf die Beulen (Pestbeulen), lasse sie eine Stunde oder zwei liegen, danach nimm sie ab und wirf sie in fließendes Wasser. Du musst sie aber vor dem Aufbinden aufschneiden. Dazu ein Glas voll Angelika-, Meisterwurz- oder Baldrianwasser, dazu eine halbe Quintel Tiriaz und eine Quintel Angelikapulver (1 Quintel circa 4 Gramm). Das zusammen warmgemacht und drei Morgen hintereinander getrunken, so ist der Mensch genesen.«

E-Mail-Adresse des Verfassers

MedWiss-Meyer(at)t-online.de

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