PTA-Forum online
Bettnässen

Feuchtes Problem im Kinderzimmer

30.10.2013  09:30 Uhr

Von Ursula Sellerberg / In Deutschland ist Bettnässen nach ­Asthma die häufigste Gesundheitsstörung von Kindern. ­Obwohl für Scham kein Grund vorliegt, wird Bettnässen noch immer ­tabuisiert.

Weltweit leiden etwa 16 Prozent der Fünfjährigen, 2,5 Prozent der Zehnjährigen und immerhin noch 1 bis 2 Prozent der Jugendlichen unter nächtlichem Bettnässen (Enuresis nocturna). Gelegentliches Einnässen ist bei Kindern unter fünf Jahren ganz normal. Wie lange es dauert, bis das Kind endgültig nachts nicht mehr ins Bett macht, schwankt individuell stark. Von primärer Enuresis sprechen Fachleute, wenn die längste trockene Phase eines Über-Fünfjährigen-Kindes keine sechs Monate dauerte, das Kind also noch nie dauerhaft trocken gewesen ist. Diese Art des Bettnässens tritt wesentlich häufiger auf als die sekundäre Enuresis. Damit meinen Mediziner, dass das Kind nach mehr als sechs »trockenen« Monaten erneut mit dem Bettnässen beginnt.

Macht ein Kind einmal ins Bett, etwa nach einem Umzug, ist das noch keine Enuresis. Eine Enuresis nocturna ist das wiederholte, unwillkürliche Einnässen ab einem Alter von fünf Jahren mindestens ein- bis zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten. Den Schweregrad der Erkrankung teilen Mediziner nach Häufigkeit, Harnmenge und subjektiver Beeinträchtigung des Kindes ein. Enuresis ist definiert als eine normale vollständige Blasenentleerung am falschen Platz oder zur falschen Zeit. Experten grenzen davon die Harninkontinenz ab, bei der durch eine Blasendysfunktion ungewollt Harn abgeht. Ein Facharzt muss andere Ursachen, etwa organische Grunderkrankungen, abklären.

Babys lernen nach und nach, ihre Blase zu kontrollieren. Bei Neugeborenen entleert sich die ballonartige Blase unkontrolliert, sobald sie voll ist – in der Regel etwa 30 Milliliter und dies alle ein bis zwei Stunden. Nach und nach pinkeln Babys seltener, dafür aber größere Mengen. Ältere Kleinkinder nehmen den Harndrang bewusst wahr und lernen, ihn zu kontrollieren. Bis das perfekt funktioniert, dauert es etwa zwei bis vier Jahre.

Antidiuretisches Hormon

Vor allem die Eltern fragen sich, warum ihr Kind ein Bettnässer ist. Verantwortlich sind vermutlich hauptsächlich Reife­verzögerungen verschiedener Ge­hirn­areale, die anatomisch eng beieinander liegen. Bei Kindern und Jugend­lichen, die ins Bett machen, ist der Blutspiegel des antidiuretischen Hormons (ADH, auch Vasopressin) oft zu gering. Physiologisch schüttet die Hypophyse im Normalfall nachts mehr ADH aus als tagsüber. Dann wird nachts weniger, aber dafür konzentrierterer Harn gebildet wird. Das bemerken Gesunde an Farbe und Geruch des Morgenurins. Bei vielen Kindern ist dieser Tag-Nacht-Rhythmus der Hypophyse noch nicht voll ausgereift. Ein ADH-Mangel führt nachts zu einer überfüllten Blase, die sich im Tiefschlaf unkontrolliert entleeren kann.

Wer hilft weiter?

Auf der Homepage der Deutschen Kontinenz Gesellschaft können Eltern eine Info­broschüre »Einnässen beim Kind« als pdf herunterladen. Diese enthält unter anderem eine Checkliste, mit der sie sich auf den Arztbesuch vorbereiten können.

Sekundäres Bettnässen kann die Folge einer emotionalen Störung sein. Als Auslöser kommen beispielsweise die Trennung der Eltern, ein Schulwechsel oder die Geburt eines Geschwisterchens in Frage. Lange Zeit vermuteten Experten, eine pedantische Sauberkeitserziehung löse das Bettnässen aus. Das muss heute nur noch bei Laien als Begründung herhalten.

Kinder, die ins Bett machen, leiden selbst darunter, und ihr Selbstwertgefühl ist dadurch beeinträchtigt. Sie sind häufiger traurig, verärgert, oder schämen sich; oft versuchen sie, das Problem zu verheimlichen. Das hat soziale Folgen: Bettnässende Kinder trauen sich nicht, bei Freunden zu übernachten oder verzichten aus Scham auf die Teilnahme am Schulausflug. Die Eltern belastet das Problem ihres Kindes ebenfalls, nicht nur durch die zusätzliche Hausarbeit. Einige Eltern schämen sich für das Einnässen ihres Kindes und halten es fälschlicherweise für einen Erziehungsfehler.

Nur die Diagnose eines Arztes kann die Ursachen des Bettnässens klären und so organische Erkrankungen erkennen beziehungsweise ausschließen. Dazu gehört neben einer Untersuchung des Harns auch eine Ultraschalluntersuchung der Harnwege und Nieren. Psychologische Abklärung und Verlaufsbeobachtung erfolgen teilweise stationär. Erfasst werden dabei unter anderem die Häufigkeit des Wasser­lassens und die Urinmenge in einem 24-Stunden-Miktionsprotokoll. Eine angeborene Missbildung des Harntrakts oder chronische Entzündungszustände muss der Arzt gezielt behandeln. Ansonsten kann die Fehlbildung im Verlauf von Jahren die Nieren zerstören.

Akute Harnwegsinfekte sind – entgegen der Laienmeinung – nur selten der Grund der Enuresis. Harnwegs­infekte äußern sich bei kleinen Kindern oft durch unspezifische Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Reizbarkeit. Bei älteren Kindern macht sich der Harnwegsinfekt durch Brennen beim Wasserlassen, vermehrten Harndrang oder einseitige Bauchschmerzen bemerkbar. Häufig färben Blutbeimengungen den Urin rot oder rosa.

Geduld und Wissen

Bei der Behandlung stehen Geduld und Verständnis für das Kind an oberster Stelle. Kein Kind macht absichtlich ins Bett, deshalb sind Vorwürfe oder Strafen fehl am Platz. Die Eltern müssen das Kind stattdessen motivieren, aktiv an der Lösung seines Problems mitzuarbeiten. Hilfreich ist auch eine Aufklärung der Eltern über die komplexe physiologische Regulation des Harnlassens und über mögliche Ursachen des Bettnässens. Die Therapie muss auf das betroffene Kind maßgeschneidert werden. Bei parallel auftretenden Beschwerden – beispielsweise wenn die Enuresis tagsüber auftritt, sich das Kind gleichzeitig einkotet oder auffällig verhält – müssen die Eltern in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.

War das Kind noch nie trocken, können einfache Maßnahmen helfen. Am häufigsten machen Kinder im ersten Drittel der Nacht ins Bett und eher in tiefen Schlafphasen als in Traumphasen. Daher können die Eltern ihr Kind in der ersten Tiefschafphase etwa um Mitternacht wecken und auf die Toilette schicken. Wichtig ist dabei, dass es ganz wach wird. Das Wecken soll den Körper darauf programmieren, bei einer vollen Blase von alleine wach zu werden. Allerdings wird das nächtliche Wecken kontrovers diskutiert.

Behandelt wird das Bettnässen auch mit der apparativen Verhaltenstherapie (AVT). Der erste Schritt: Die Kinder tragen in einen Sonne-Wolken-Kalender ihre trockenen und nassen Nächte ein. Hilfreich ist ebenfalls eine Klingelmatte oder -hose. Sobald diese Alarmanlage mit dem ersten Tropfen Harn in Kontakt kommt, ertönt ein lästiges Klingeln. Das Kind wacht dadurch im Moment des Einnässens oder kurz danach auf und geht zur Toilette. Der Fühler ist in der Lage, zwischen Harn und Schweiß zu unterscheiden. Der Alarm setzt vermutlich ein komplexes Lernprogramm im Gehirn in Gang, bei dem das Kind ein konditioniertes Vermeidungsverhalten entwickelt. Klingelmatte oder -hose müssen die Kinder meist zwei bis vier Monate tragen.

Letzte Option Medikamente

Desmopressin ähnelt strukturell dem körpereigenen Hormon ADH. Es sorgt dafür, dass die Nieren verstärkt Wasser rückresorbieren und weniger Endharn bilden. Zugelassen ist Desmopressin unter anderem zur Behandlung der primären Enuresis nocturna im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes, zum Beispiel bei Versagen anderer nicht-medikamentöser Maßnahmen, bei Indikation für eine medikamentöse Therapie oder wenn nächtlicher ADH-Mangel die Enuresis verursacht.

Die richtige Dosierung muss der Arzt individuell über etwa vier Wochen finden. Initial müssen die Kinder 0,2 Milligramm Desmopressinacetat vor dem Schlafengehen einnehmen. Falls das Kind nicht ausreichend darauf anspricht, wird die Dosis auf bis zu 0,4 Milligramm gesteigert. Ist die richtige Dosis gefunden, wird die Therapie vier bis acht Wochen mit der geringsten noch wirksamen Arzneistoffmenge fortgesetzt. Auslassversuche lohnen sich ab der zwölften Woche. Neben Tabletten ist der Wirkstoff auch als Nasen­spray verfügbar.

Desmopressin beeinflusst den Flüssigkeitshaushalt des Kindes. Da als Nebenwirkung eine Hyponaträmie mit Wasservergiftung auftreten kann, sollten PTA und Apotheker im Beratungsgespräch die Eltern darauf hinweisen, dass das Kind – außer bei quälendem Durst – mindestens eine Stunde vor der Gabe und acht Stunden danach nichts trinken sollte. Während der Behandlung sollten die Kinder generell nicht zu viel trinken. Außerdem sollten die Eltern wissen, dass es gefährlich sein kann, wenn ihr Kind beim Schwimmen viel Wasser schluckt. Sammelt sich zu viel Flüssigkeit im Körper an, treten verschiedene Symptome wie Kopfschmerzen, Gewichtszunahme, Krämpfe oder Koma auf. Verliert das Kind Wasser durch Erbrechen oder Durchfall, sollte die Desmopressintherapie unterbrochen werden, bis der Flüssigkeitshaushalt des Kindes wieder in Balance ist.

Praktische Tipps

Viele Behandlungsansätze führen in Sackgassen. Dazu zählt zum Beispiel das Blasentraining, das nur bei Inkontinenz mit Blasendysfunktion hilft. Beim Bettnässen ist die Blasenfunktion aber in Ordnung. Auch Sitzbäder, Einreiben der Oberschenkel mit Johanniskrautöl oder des Bauchs mit Salben sind sinnlos.

Die Beratung der Eltern gehört nicht zu den klassischen Aufgabe von PTA oder Apotheker. Aber ein einfühlsames Gespräch und mancher praktische Tipp in der Apotheke kann viele Eltern entlasten. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
ursula.sellerberg(at)yahoo.de