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Yoga

Füße zum Küssen

30.10.2013  09:58 Uhr

Von Michaela Rose / Sie spielen zwar eine tragende Rolle in unserem Leben, trotzdem sind unsere Füße meist zwei kaum beachtete Nebendarsteller. Nur auf der Yogamatte nicht: Dort dürfen sie im Rampenlicht stehen.

Den meisten Redewendungen und Sprichwörtern liegen tiefe Einsichten zugrunde. Hier erfahren auch unsere Füße die richtige Wertschätzung. Selbstbewusste, unabhängige Menschen stehen »auf den eigenen Füßen«, andere leben »auf großem Fuß«, werden »auf dem falschen Fuß« erwischt. Dann bekommen wir schon mal kalte Füße und nehmen selbige unter den Arm. Vor unseren zehn Zehen liegt die ganze Welt und wir schreiten oder schlurfen, stöckeln oder stiefeln munter auf ihr umher. Trotzdem vergessen wir gerne, was am entgegengesetzten Körperende im Doppelpack für die Basis sorgt: unsere Füße. Schon alleine deshalb, weil kein anderer Körperteil von unseren Augen so weit entfernt ist. In unserem Blickfeld sind Füße allenfalls eine Randerscheinung.

Auch als Gesprächsthema taugen sie nicht so recht. Über Falten und Fettpölsterchen wird nonchalant geplaudert – aber über Hühneraugen und Hammerzehen? Eher peinlich. Füße sind eben nicht en vogue. Hin und wieder gönnen wir ihnen eine Pediküre nebst Fußbalsam und vielleicht Nagellack. Dann zwängen Frauen sie in atemberaubende High Heels, und so mancher Mann sie in schicke, spitze Schnürschuhe. Was sie zuweilen mit Schmerzen und Blasen ahnden. Denn im Grunde sind unsere Füße zwei kleine Diven. Selbst auf »normale« Schuhe stehen sie nicht, jedenfalls nicht dauerhaft. Permanent eingezwängt in Leisten und Fußbett verkümmert ihre Muskulatur und das wichtige Fußgewölbe erschlafft zur Hängepartie.

Die Krux: Stimmt diese wichtige Statik nicht, verändert sich der Fuß. Er wird gehöhlt, gespreizt oder gesenkt, der große Zeh gekrümmt oder das Sprunggelenk geknickt. Meist folgen Beschwerden und Schmerzen »auf dem Fuße«, manchmal sogar mit negativen Auswirkungen auf Knie, Hüftgelenke und Wirbelsäule. Nicht wenige leiden unter ihren Füßen. Doch selbst die ansonsten findige Fitness-Branche nimmt die Problemzone Fuß nur selten in den Fokus. Ein Kraftgerät für die Füße sucht man in den Studios vergeblich, zudem wird auch im Gym meist mit Sportschuhen trainiert. Dabei schafft erst das Ausziehen der Schuhe die Voraussetzung für das beste Kräftigungs-Workout der Fußmuskulatur. Denn unbeschuht unterstützt kein Fußbett das Gewölbe, sodass die Muskulatur selbst für die nötige Spannung sorgen muss.

Beim Yoga ist die Barfüßigkeit hingegen immer inklusive. Wer einmal im einbeinigen Baum stand, weiß wie anstrengend sich Gleichgewicht von den Zehen bis zur Ferse anfühlen kann. Wie wohltuend der hautnahe Kontakt mit dem Boden und die gedankliche Verwurzelung sind. Und warum ein bewusstes Auftreten den ganzen Körper aufrichtet. »Eine gute Körperhaltung beginnt bei den Füßen«, betont Mediziner und Yogalehrer Dr. Ronald Steiner (siehe Interview). »Damit wir auf diesem Fundament aufrecht stehen können, brauchen wir ein stabiles und federndes Fußgewölbe.«

Schließlich ruht die gesamte Last des Körpers auf diesen kleinen Kunstwerken, beim Gehen, Laufen und Springen sogar ein Vielfaches. Dafür verspannen über einhundert Bänder die insgesamt 26 Knochen und 33 Gelenke in jedem Fuß zu einem Längs- und Quergewölbe. Dank dieser Konstruktion stehen wir eigentlich auf nur drei Belastungspunkten – der Ferse und dem Groß- beziehungsweise Kleinzehenballen – und können Laufschritte ebenso wie harte Landungen über das Gewölbe abfedern.

Auf der Yogamatte lernen wir den Stand noch einmal neu – und stellen dabei fest, dass es gar nicht so einfach ist, richtig zu stehen und die Balance zu finden. Denn dafür müssen wir unsere beiden Nebendarsteller erst einmal zu Hauptakteuren machen und ihnen die nötige Aufmerksamkeit schenken: Sie mit den Außenkanten parallel zueinander ausrichten, das Gewicht gleichmäßig auf Fersen, Groß- und Kleinzehenballen verteilen, die Fußinnenkante vom Boden lösen, die Zehen erst anheben und dann weit gespreizt wieder ablegen. Dabei spüren, wie sich die Fußgewölbe aufrichten und der gesamte Körper dadurch nach oben strebt. So nehmen wir im wahrsten Sinne einen festen Standpunkt ein – den wir im Übrigen auch über den Mattenrand hinaus mitnehmen können, um unsere Meinung mit Standfestigkeit und Haltung zu vertreten.

Unbestritten: Unsere Füße spielen eine tragende Rolle für den großen und selbstbewussten Auftritt – nicht nur beim Yoga, aber auch dort. Wer sich beim Üben nicht die Fuß-Blöße geben will, mutet seinen Mattennachbarn keine ungepflegten Exemplare zu. In manchen Yogaschulen gibt es spezielle Fußwaschbecken, andernfalls kann ein Fuß-Spray Müffelgeruch vertreiben. Und gegen unschöne Hornhaut oder rissige Fersen gibt es passende Produkte, zum Beispiel von Hansaplast foot expert.

Schließlich sind gepflegte Füße auch gesündere Füße. Und darauf stehen wir – auf Füße zum Küssen.

Füße sind das Fundament

Sowohl als Sport- und Rehabilitationsmediziner am Universitätsklinikum Ulm als auch als einer der prominen­testen Yogalehrer in Deutschland sorgt Dr. Ronald Steiner für ein stabiles Fundament bei Patienten und Yogaschülern, weitere Informationen unter www.ashtangayoga.info

Rose: Warum sind die Füße so immens wichtig für die Körperhaltung?

Steiner: Sie bilden wie bei einem Haus das Fundament – ist das nicht korrekt, kann das ganze Haus nicht gerade stehen. Verliert das Fußgewölbe den Halt, knickt das Fersenbein nach innen ein. Dadurch stimmt die Beinstatik nicht, das Knie wird verdreht und ungünstig belastet. Kniebeschwerden werden oft durch Fußfehlstellungen verursacht. Ebenso wie Rückenprobleme, wenn die Beinlänge sich durch einseitige Fehlhaltungen verkürzt und das Becken schief steht.

Rose: Und Yoga hilft dagegen?

Steiner: Natürlich, denn die meisten Fehlstellungen lassen sich durch gezieltes Üben und Geduld mindern oder beheben. Auf die achtsame und korrekte Ausführung kommt es jedoch an. So wird Yoga zu einem probaten Mittel bei Beschwerden oder zur Prävention. Dass wir ohne Schuhe üben, ist eine wich­tige Voraussetzung, denn nur barfuß können wir die Muskeln des Fußgewölbes überhaupt trainieren, zudem haben wir die optische Kontrolle für die korrekte Ausrichtung.

Rose: Worauf sollte man bei Fußfehlstellungen achten?

Steiner: Zunächst auf die richtige Platzierung der Füße – die Knie sollten immer in Richtung der Zehen zeigen und beispielsweise nicht nach innen fallen. Achtet man konsequent darauf, wird die Beinmuskulatur kräftiger und die Beinstatik verbessert sich. Bei allen Übungen sollte zudem das Fußgewölbe über die Belastungspunkte von Ferse, Groß- und Kleinzehenballen aktiviert werden. Außerdem bringt Achtsamkeit für die Füße mehr Qualität in die Praxis, da uns ohne Hinschauen und Spüren oft nicht bewusst ist, was wir mit unseren Füßen tun. /

Über die Autorin

Michaela Rose hat sich als Diplom-Sportlehrerin und Journalistin auf Sport, Fitness und Yoga spezialisiert und schreibt über »bewegte« Themen, nachzulesen auch im Internet unter www.sportjournalistin.de. Die Yogamatte ist für die Berlinerin eine Wahlheimat: Quer durch alle Yoga­stile übt sie sich als Krieger, Krähe und Co. – und hat dabei ihre Füße immer im Fokus.