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Blau

Hommage an die Farbe der Sehnsucht

30.10.2013  10:04 Uhr

Von Annette Behr / Erst die strahlende Sommersonne verleiht jedem sonst kühlen Blau den leuchtenden voll­kommenen Glanz. Das gilt für das klare Himmelsblau ebenso wie für das tief dunkle Meeresblau. Keine andere Farbe weckt Träume und Sehnsüchte wie diese.

»Azzurro, so ist der Himmel für Verliebte, denn azzurro heißt blau. Azzurro, so ist die Welt für mich, wenn tief ich in die Augen Dir schau«, sang Adriano Celentano bereits 1968. Wochenlang stand dieses Lied nicht nur in Italien auf Platz eins der Hitlisten und auch heute noch bringt es als Stimmungs-Klassiker jedes Fest in Schwung.

Die einpräg­same Melo­die verknüpfte der coole Italiener einst lässig mit der Farbe Blau und gleichzeitig mit der italienischen Lebens- und Liebesfreude. »Mein Leben ist azzurro, wenn Du mich küsst«, verkürzte Celentano den Wunsch einer jeden Frau und eines jeden Mannes nach diesem heiteren Gemütszustand, diesem perfekten Gefühl. Vermutlich stellt sich dieses bei vielen Italienern schon morgens ein, wenn sie ins strahlende himmlische Blau blicken oder auf das Meer schauen. Jede Wasserfläche, auch die der Seen, spiegelt die Farbe des Himmels wider und erscheint in unterschiedlichsten Blautönen. Das Meer wie auch der azurblaue Himmel symbolisieren unendliche Weite, Ferne, Klarheit und Sehnsucht. Vermutlich aufgrund dieser Assoziationen beziehen sich Künstler, Dichter und Musiker vielfach auf diese Farbe. So schrieb beispielsweise Goethe in seiner Farbenlehre: »Blau. Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der nega­tiven Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick.«

Auch andere Dichter und Denker fühlten und fühlen sich angezogen und inspiriert, weil das wandelbare Blau bisweilen so unfassbar ist. Zu Zeiten der Romantik symbolisierte die »Blaue Blume« deren eigentliches Ziel: die Vereinigung von Natur, Mensch und Geist. Letztlich folgt daraus die Verwirk­lichung des eigenen Selbst. Ebenfalls aus dieser Epoche stammt der poetische Begriff der blauen Stunde, der Raum zwischen Dämmerung und Sonnenuntergang sowie der Übergang von nächtlicher Dunkelheit bis kurz vor Sonnenaufgang. Nur in dieser kurzen Phase zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit erscheint der Himmel in einem unvergleichlich bläulichen Licht.

Mit dem satten, klaren Meeres- oder dem eher flüchtigen Himmelsblau assoziieren die meisten einen schönen Sommer-, vielleicht sogar Urlaubstag. Kein Wunder also, dass 40 Prozent der Deutschen – laut einer Befragung des Institut Allensbach – Blau als ihre Lieblingsfarbe wählen. Neben azurblau, lichtblau, blaugrün oder eisblau verblassen alle anderen Farben. Kräftiges Blau steht für Klarheit, Bewusstheit, Unverfälschtes und Ordnung. Daraus folgern Psychologen, dass Menschen, deren Lieblingsfarbe dieses maritime Blau ist, emotional ausgeglichen sind, oder zumindest so wirken. Die Blau-Fans sollen als Charaktereigenschaften zudem Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Kontrollierbarkeit besitzen. Sie sollen sich demnach in ihren Bestrebungen hartnäckig bis stur verhalten. Weil sie auch sehr loyal und wenig sprunghaft sind, ist es angenehm, mit ihnen befreundet zu sein. Vielleicht liegt auch hier der Ursprung der Vermischung der Begriffe loyal und royal. Letzterer beschreibt den vielleicht perfektesten aller Blaunuancen: das Royal- beziehungsweise Königsblau. Es symbolisiert eine standfeste, zur Orientierung auffordernde Haltung. Das royale Blau ist die weiche Verfeinerung des ursprünglichen Ultramarin. Die Bezeichnung stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie über das Meer. Das Ultramarin der Maler ist Sammelbezeichnung für anorganische Pigmente, die auch aus dem Schmuckstein Lapis­lazuli gewonnen werden können. Das reine Gestein war in allerbester Qualität ausschließlich in Afghanistan zu finden. Der wertvolle Rohstoff gelangte auf dem Seeweg nach Europa. Charakteristisch ist hier wieder die Unverfälschtheit, weil Lichtresistenz.

Anziehendes Kultobjekt

Die Fertigkeit, mit Pflanzen Stoffe zu färben, hat in allen Kulturen eine unterschiedliche, meist lange Tradi­tion. Im Mittelalter existierte in deutschen Wäldern eine Staude, Waid genannt, aus der sich blaue Farbe gewinnen ließ. Der Herstellungsprozess war allerdings mühsam und etwas anrüchig, weil die Pflanze dazu mit Männer­urin versetzt werden musste. Die zu färbenden Stoffe verblieben einen Tag lang in dieser »chemischen« Farblauge, ehe sie getrocknet und dann weiter verarbeitet wurden. An diesem Tag waren die Färber quasi arbeitslos, sie konnten abwarten und sich anderen Dingen widmen. Aus dieser Zeit stammt der – auch heute noch gebräuchliche – Begriff des Blaumachens.

Das exotische Indigo aus Indien verhalf einem Kleidungsstück zu späterem Weltruhm. Der deutsche Auswanderer und Textilhändler Levi Strauss fertigte Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika robuste Latzhosen aus Zeltplanen an. Später nutzte er dafür einen extrem haltbaren Stoff: den »Sereg de Nîmes« aus Frankreich, in den USA schlicht Denim genannt. Strauss färbte diesen mit Indigo und fertigte daraus Arbeitshosen. Diese erhielten durch Kupfernieten an den Nähten zusätzliche Stabilität. Das war die Geburtsstunde der klassischen Blue Jeans. Zum Kultobjekt avancierte das Beinkleid durch die Hollywoodrebellen James Dean und Marlon Brando. Jugendliche in aller Welt eiferten ihren coolen Filmhelden mittels der modernen Blue Jeans nach. Bis heute verbindet dieser Stoff Generationen. Das Tragen des trendigen Materials symbolisiert eine entspannte, bisweilen betont lässige Haltung zum Leben.

Blaublütig

Im Gegensatz zu ihrer häufig adeligen, hochwohlgeborenen Herrschaft arbeitete das »einfache« Volk auf den Feldern oder als Handwerker. Diese Menschen waren stets Luft und Sonne ausgesetzt, wodurch sich ihre Haut intensiv braun färbte. Hingegen mussten die Adeligen und Reichen derlei primitive Arbeiten nicht verrichten. Als sichtbares Zeichen ihres Standes galt damals ihre blasse, weiße Haut, die sie mit Sonnenschirmen zu schützen wussten. Aus dieser Zeit stammt der Begriff »vornehme Blässe«. Weil die Adern dieser Menschen bläulich durch ihre helle Haut schimmerten, nahm das einfache Volk an, die feine Gesellschaft hätte nicht rotes, sondern blaues Blut. Eine Fehleinschätzung, wie wir wissen. Auch die Wert- und Statusvorstellung hat sich seither verändert und sogar ins Gegenteil verkehrt.

Wenn jemand durch größere Mengen Alkohol nicht mehr Herr seiner Sinne ist, lautet allgemein das Urteil: »Der ist blau.« Wer aus diesem Zustand eine regelmäßige Gewohnheit macht, dessen Gesichtshaut verändert sich mit der Zeit. Bei häufig alkoholisierten Menschen färbt sich vor allem die Nase bläulich-rot. So mancher klagt nicht nur am Tag nach einem übermäßigen Alkoholkonsum über einen dicken Kopf, sondern auch über »den Blues«. Diese Beschreibung eines relativ unangenehmen Gefühlszustands leitet sich vom Englischen »I’ve got the blues« ab. Auch die Aussage »I feel blue« steht für eine traurige oder abgeschwächt melancholische Stimmung.

Blue Eyes

Die besten Chancen beim Flirten haben Männer mit blauen Augen! Das jedenfalls fanden britische Wissenschaftler in einer Studie heraus, in der sie die Wirkung der Augenfarbe auf Frauen untersuchten. Demnach stehen helle Augen besonders hoch im Kurs. Vor den grünen Augen mit 33 Prozent liegen allerdings die blauen mit 46 Prozent auf der Attraktivitätsskala an erster Stelle.

Ich stehe mit meiner Vorliebe also nicht allein. Schon meine Mutter schwärmte einst für die hellblauen Augen von Hardy Krüger. Der mittlerweile 85-jährige Schauspieler und Weltenbummler ist inzwischen zwar gealtert, seine lichtblauen Augen haben jedoch nichts an Frische und Ausstrahlung verloren. In die tiefblauen Augen von Paul Newman haben sich vermutlich mehrere Generationen von Frauen verliebt. Angeblich hat Elton John den Augen des legendären Hollywood-Schauspielers Newman seinen Hit »Blue Eyes« gewidmet.

In den blauen Augen eines Mannes entdecken Frauen sowohl Kühle und Sehnsucht als auch tiefes Urvertrauen. Manchmal wird ihr Traum wahr und sie gewinnen den Mann mit den tiefgründigen Augen für ein ganzes Leben, dann wieder bleibt er unerfüllt. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse um die blaue (Augen-)Farbe: Grenzenlose Hoffnung und Euphorie gepaart mit der Option des Scheiterns und damit der Enttäuschung. Ähnlich muss auch Annette Humpe empfunden haben, als sie im Jahr 1980 den Popsong »Blaue Augen« schrieb und sang: »Deine blauen Augen machen mich so sentimental …, wenn ich dich so anseh, wird mir alles andere egal, total egal!« /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
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