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Vaginalinfektionen

Störungen der Scheidenflora

30.10.2013
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Von Marion Hofmann-Aßmus / Milchsäurebakterien sind für eine intakte Vaginalflora von großer Bedeutung. Wird diese Flora gestört, können sich krankmachende Keime ausbreiten und Scheideninfektionen verursachen. Je langwieriger diese verlaufen, umso größer wird der Leidensdruck für die Frau.

Milchsäurebakterien beziehungsweise Lactobazillen spielen in verschiedenen Bereichen der Lebensmittelproduktion eine Rolle. Ohne sie gäbe es beispielsweise weder Joghurt, Dickmilch noch Käse. Aber sie sind auch im mensch­lichen Körper – in der Vagina und im Darm – unentbehrlich.

Allerdings handelt es sich dabei nicht um die gleichen Lactobazillen. Denn ebenso vielfältig wie ihre Aufgaben sind auch die Milchsäurebakterien, von denen man mittlerweile mehr als 120 verschiedene kennt. Für die weib­liche Vaginalflora bedeutsam sind insbesondere Lactobazillus (L.) crispatus, L. insers, L. gasseri und L. jensenii.

Multitalent Lactobazillus

Wichtigste Funktion der Milchsäurebakterien ist, das Wachstum krankmachender (pathogener) Keime zu behindern. Dieser Aufgabe kommen die verschiedenen Bazillen auf unterschiedliche Weise nach: Sie vergären den in der Vaginalflüssigkeit vorhandenen Zucker zu Milchsäure und sorgen so für ein saures Milieu in der Scheide. Indem sie den pH-Wert unter 4,5 halten, hindern sie viele andere Keime daran, sich zu vermehren. Einige Arten, zum Beispiel L. acidophilus, produzieren außerdem Wasserstoffperoxid (H2O2), welches insbesondere auf anaerobe Keime giftig wirkt, deren Stoffwechsel ohne Sauerstoff auskommt.

Andere Lactobazillen können Ko­aggregationsmoleküle mit pathogenen Erregern bilden und dadurch deren »Anheften« an die Vaginalwand verhindern. Als weiterer Schutzmechanismus dienen die von Lactobazillen abgesonderten Bakteriozine. Diese Substanzen wirken insbesondere toxisch auf grampositive Bakterien wie Bazillen oder Clostridien. Insgesamt besetzen die Lactobazillen alle Bereiche im Lebensraum »Vagina«, und machen dadurch die vaginalen Epithelzellen für andere Keime unzugänglich. Einige Fachleute sehen in den Lactobazillen aufgrund ihrer vielseitigen Eigenschaften bislang unterschätzte Multitalente, deren Bedeutung für die Gesunderhaltung der Frau gerade erst entdeckt wird.

Wichtig für eine gesunde Vaginalflora sind zum einen die »richtigen« Lactobazillen. Denn Forscher konnten beo­bachten, dass bestimmte Infektionen häufiger auftreten, wenn untypische Lactobazillen die Scheide besiedeln, die beispielsweise kein H2O2 bilden können. Frauen mit ständig wiederkehrenden Vaginalinfektionen können das Scheidenmilieu regenerieren, indem sie gezielt H2O2-bildende Lactobazillen in die Scheide einbringen.

Neben der Bakterienart ist auch ihre Anzahl bedeutsam. In einer gesunden Vaginalflora befinden sich 105 bis 108 Lactobazillen in einem Milliliter Scheidenflüssigkeit. Da Estrogene ihre Vermehrung beeinflussen, ist ihre Konzentration zyklusabhängig. Während und unmittelbar nach der Menstruation ist sie geringer und steigt unter Estrogeneinwirkung in der ersten Zyklushälfte wieder an.

In der Scheidenflora entwickelt sich ein biologisches Gleichgewicht, das individuell unterschiedlich zusammengesetzt ist. Selbst in einer gesunden Vaginalflora lassen sich fast immer auch potenziell pathogene Erreger nachweisen. Deswegen gilt eine Frau aber noch nicht als krank. Denn solange keine Beschwerden auftreten, hält die Flora die krankmachenden Keime in Schach.

So fanden Ärzte in Untersuchungen zum Beispiel bei bis zu 20 Prozent aller gesunden Frauen Streptokokken in der Scheide, bei über 70 Prozent Corynebakterien und selbst den gefürchteten Hefepilz Candida albicans wiesen sie bei bis zu 30 Prozent der Frauen nach. Tatsächlich lösen die Erreger jedoch nur dann Infektionen aus, wenn die Anzahl der Lactobazillen abnimmt. Erst wenn ihre Schutzfunktion nicht mehr ausreicht, können sich die pathogenen Erreger vermehren und eine Infektion auslösen.

Besonders wichtig ist das gesunde Scheidenmilieu bei Schwangeren. Bei Frauen mit einer gestörten Scheidenflora in der frühen Schwangerschaft ist im Vergleich zu Schwangeren mit gesunder Flora das Risiko einer Früh­geburt um 50 Prozent erhöht.

Gestörte Flora

Die individuelle Scheidenflora, die der Frau keine Beschwerden bereitet, bezeichnet der Fachmann als »Eubiose«. Demgegenüber steht die »Dysbiose« für eine krankhaft veränderte Scheidenflora. Charakteristisch für die Dysbiose ist das veränderte Milieu: Das betrifft nicht unbedingt die Art der Mikroorganismen, sondern vor allem deren Mengenverhältnis zueinander. Lactobazillen sind zwar noch vorhanden, jedoch in zu geringer Anzahl, während sich andere Keime stark vermehrt haben.

Eine Ursache für die verringerte Zahl an Lactobazillen kann die Einnahme von Antibiotika sein. Daher sollten PTA und Apotheker Frauen, die zu Scheideninfektionen neigen, daran erinnern, nach einer Antibiotikatherapie neben der Darmflora auch das vaginale Milieu wiederherzustellen. Dafür stehen vaginal applizierbare Milchsäurebakterien-Präparate zur Verfügung. Das Wachstum noch vorhandener Lactobazillen lässt sich durch die Gabe von Vaginal-Zäpfchen mit pH-senkender Milch­säure unterstützen. Abraten sollten PTA und Apotheker dagegen von Hausmitteln wie »Joghurt-Tampons«, da Joghurt nicht unbedingt die in der Scheide gewünschten Lactobazillen enthält.

Bakterielle Vaginose

Die bakterielle Vaginose ist ein typisches Beispiel für eine gestörte Vaginalflora. Dabei gewinnen (anaerobe) Bakterien die Oberhand, die zum Teil natürlicherweise in der Scheide vorkommen oder beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Gleichzeitig fällt insbesondere die Zahl der H2O2-bildenden Lactobazillen stark ab und der pH-Wert steigt an. In etwa 40 Prozent der Fälle handelt es sich bei den krankmachenden Bakterien um Gardnerellen (Gardnerella vaginalis), möglich ist auch eine Infektion mit Hämophilus-Keimen oder Mykoplasmen.

Als charakteristische Anzeichen bemerkt die Frau einen homogenen, grau-wässrigen Ausfluss mit fischigem Geruch. Häufig verursacht die bakterielle Vaginose keine weiteren Symptome. Da es sich nicht um eine Entzündung handelt, sind Juckreiz und Hautreizungen im äußeren Scheidenbereich oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr selten.

Ungefährlich ist eine Vaginose jedoch nicht, da sie aufgrund der fehlenden Schutzfunktion der Lactobazillen das Risiko für gynäkologische Infektionen wie Entzündungen der Eileiter oder der Gebärmutterhalsschleimhaut erhöht. Zudem gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einer gestörten Vaginalflora und der erhöhten Ansteckungsgefahr mit dem HI-Virus. So beobachteten Wissenschaftler, dass sich sogar Frauen mit einer moderaten Vaginose eher mit dem Virus infizieren als gesunde Frauen. Bei Schwangeren erhöht die Erkrankung das Risiko für Komplikationen und Frühgeburten. Sie sollten daher selbst dann behandelt werden, wenn keine Beschwerden auftreten.

Vaginosen können spontan ausheilen, doch das Rückfallrisiko ist mit bis zu 70 Prozent sehr hoch. Für die Rückfälle wird ein Biofilm verantwortlich gemacht, der vorwiegend aus Gardnerellen besteht. Dieser Film schützt die enthaltenen Bakterien vor der Wirkung des Antibiotikums und führt zu einer erneuten Erkrankung.

Standardtherapie bei einer bakteriellen Vaginose ist das Antibiotikum Metronidazol, das die Betroffene oral einnehmen oder intravaginal applizieren kann. Die intravaginale Anwendung erwies sich in einer Untersuchung als gleich wirksam, aber verträglicher und wurde von den Frauen besser akzeptiert. Als Alternativen gelten Clinda­mycin oder Nifuratel. Auch Schwangere können Metronidazol oder Clindamycin oral oder intravaginal anwenden. Zum Wiederaufbau der Vaginalflora ist eine intravaginale Verabreichung von Präparaten mit Lactobazillen, Milchsäure oder Ascorbinsäure zu empfehlen.

Aerobe Vaginitis

Die aerobe Vaginitis ist noch relativ unbekannt und wurde erst vor wenigen Jahren beschrieben. Dabei handelt es sich wie bei der bakteriellen Vaginose um eine Störung der Vaginalflora. Doch im Gegensatz zur bakteriellen Vaginose geht die aerobe Vaginitis mit einer Entzündung der Scheide einher und verursacht Rötungen und Schmerzen, beispielsweise beim Geschlechtsverkehr. Als aerob wird sie bezeichnet, da die Verursacher Keime sind, die für ihren Stoffwechsel Sauerstoff benötigen, zum Beispiel B-Streptokokken.

Weitverbreitete Irrtümer

Frauen, die wiederholt unter Pilzinfektionen leiden, glauben oft, dass sie sich an Türklinken oder auf fremden Toiletten ständig neu anstecken. Diese Angst können PTA und Apotheker ihnen nehmen. Vielmehr ist der Pilz in ihrer Scheide »heimisch« und führt aufgrund einer lokalen Abwehrschwäche immer wieder zu Infektionen.

Wegwaschen lässt sich ein Pilz leider nicht. Im Gegenteil: Zu viel Intimhygiene mit Wasser und Seife strapaziert die Haut nur zusätzlich und begünstigt sogar die Verbreitung krank­machender Keime. Daher sollten PTA und Apotheker den Frauen eine geeignete Intimwaschlotion empfehlen.

Juckreiz ist zwar ein wichtiges und typisches Zeichen für eine Pilzinfektion, doch tritt er auch bei vielen anderen Erkrankungen auf. Nur 30 bis 50 Prozent der Frauen, die sich selbst gegen einen Pilz behandeln, liegen mit der Diagnose richtig.

Bei einer aeroben Vaginitis erscheint der Ausfluss gelblich-grün und riecht im Gegensatz zur bakteriellen Vaginose nicht fischig. Der pH-Wert ist ebenfalls erhöht (> 5,2) und die Zahl der Lactobazillen stark verringert. Da diese Erkrankung noch nicht sehr bekannt ist, wird sie häufig mit der bakteriellen Infektion verwechselt. So wurde bei einer Untersuchung festgestellt, dass nur 27 bis 39 Prozent der untersuchten Frauen mit einem erhöhten pH-Wert tatsächlich an einer bakteriellen Vaginose litten. Daraus schlossen die Autoren, dass die aerobe Vaginitis für einen beträchtlichen Anteil vaginaler Störungen verantwortlich ist. Mischinfektionen sind ebenfalls möglich.

Für die Behandlung fehlt ein einheitliches Schema. Metronidazol scheint ungeeignet, besser helfen Kanamycin, lokale Cephalosporine, Antiseptika (wie PVP-Jod) oder Corticosteroide. Das erneute Wachstum der Lactobazillen sollte wie nach einer Antibiotikatherapie unterstützt werden.

Pilzinfektionen

Fast jede Frau erkrankt vor der Menopause einmal an einer vaginalen Pilzinfektion. Heftiger Juckreiz, Brennen und vermehrter Ausfluss gelten als typische Anzeichen. In vielen Fällen verläuft die Erkrankung harmlos und lässt sich mit lokalen Antimykotika problemlos bekämpfen. Anders sieht es bei Frauen aus, bei denen die Symptome häufiger als viermal im Jahr und in Einzelfällen sogar jeden Monat auftreten. Mediziner bezeichnen diese Krankheit als chronisch rezidivierende Vaginalcandidose. Die Ursache der Erkrankung ist bislang nicht geklärt. Als Hauptverursacher gilt – wie auch bei der akuten Pilzinfektion – der Hefepilz Candida albicans.

Die betroffenen Frauen müssen dauerhaft Medikamente einnehmen. Meist werden sie mit einem Fluconazol-haltigen Präparat behandelt. Doch vielleicht gibt es in absehbarer Zeit einen Lichtblick: Forscher haben die wichtigsten krankmachenden Faktoren von Candida albicans isoliert und dagegen einen Impfstoff entwickelt. Er wird derzeit in Studien getestet. /

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