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Kolumne

Ansichtskarten von der Krankenstation

05.06.2014  13:04 Uhr

Von Claudia Herwig / Krankenbett statt Sonnenliege: Leider weiß ich, wie es ist, im Urlaub krank zu werden – und dass eine gut gefüllte Reise­apotheke in manchen Fällen nicht ausreicht.

Es gibt Erfahrungen im Leben, auf die man verzichten kann. Dazu gehören nächtliche Wanderungen durch einen nebligen Wald, ein Besuch in einer überfüllten Sauna oder der erste Besuch beim Frauenarzt. Eines der schlimmsten »Darauf hätte ich verzichten können«-Erlebnisse widerfuhr mir im vergangenen Jahr in Singapur. Es haute mich um wie ein unerwarteter Lotto­gewinn. Nur, dass es weder etwas zu gewinnen noch Grund zur Freude gab.

Alles begann mit einer Entzündung im Hals. Ein leichtes Kratzen, Beschwerden beim Schlucken. Ganz klar: Ich hatte mir eine Erkältung eingefangen. Schließlich hatte ich mehrere Nächte in einem Zimmer mit Klimaanlage geschlafen. Und Klimaanlagen und ich sind noch nie Freunde gewesen. Wir beide gemeinsam in einem Raum, ein absolutes Fiasko. Als erfahrene PTA verordnete ich mir kurzerhand eine Tablette gegen den wunden Rachen. Doch die Halsschmerzen wurden trotz Medizin schlimmer. Noch am selben Tag folgten Schüttelfrost, Fieber und Gliederschmerzen. Ein paar Stunden später fand ich mich auf einem klapprigen Stuhl im Behandlungszimmer eines Krankenhauses wieder und starrte angsterfüllt auf den schneeweißen Mundschutz einer asiatischen Ärztin, die mir mit ihrer kleinen Taschenlampe in den Hals leuchtete.

Während ich in dem kleinen Zimmer ohne Fenster saß und weitere Tests über mich ergehen lassen musste, wurde mir mal wieder klar, dass ich in Sachen »Krank im Ausland« ein wahrer Profi bin. Als Achtjährige hatte ich im Irland-Urlaub die Röteln. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter stundenlang an der Seite meines Bettes saß, gemeinsam mit mir litt und mir alle paar Stunden meine juckenden Stellen einschmierte. Im Alter von zehn trat ich im Badeurlaub in einem Hotelpool – ja, in einem Pool – in einen Angelhaken. Zack, steckte er zwischen meinen Zehen fest und ließ sich aufgrund des Widerhakens nur noch durch spezielles Arztbesteck im Krankenhaus entfernen. In Thailand lag ich zwei Tage mit Fieber im Bett, in meinem einwöchigen Finnland-Urlaub ganze fünf. In Lissabon hatte ich eine Lebensmittelvergiftung und im Urlaub in Ägypten überkam mich der Fluch des Pharao. Ich bin so häufig im Urlaub krank, dass für mich eigentlich eine Sonderurlaubs­regelung gelten sollten: pro genommener Woche Urlaub zwei Tage Krankenausgleich. Aber erklären Sie das mal Ihrem Chef.

»Let me check on influenza«, sagte die zierliche Ärztin des Singapurer Krankenhauses in gebrochenem Englisch. Sie rammte mir ein Wattestäbchen von den Ausmaßen einer groben Stricknadel in die Nase. Inzwischen zeigte das Fieberthermometer 40 Grad Celsius, und ich hatte Gliederschmerzen, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde. Dann das Ergebnis: Keine Grippe, dafür Verdacht auf Dengue-Fieber – und der dringende Befehl, mich schleunigst wieder zurück ins Bett zu legen und in zwei Tagen wiederzukommen. So verließ ich – ebenfalls mit einem strahlendweißen Mundschutz im Gesicht – das Krankenhaus.

Falls Sie im Ausland mal krank werden sollten, beherzigen Sie unbedingt diesen gut gemeinten Tipp: Finger weg von Google! Sie glauben gar nicht, auf welche ominösen Krankheiten man im Internet stößt. Ginge es nach der Suchmaschine, hätte ich Singapur jedenfalls nicht lebend verlassen.

Zurück im Hotel hatte ich eine endlose Nacht vor mir. Endlos lang, endlos heiß, endlos anstrengend. Kurz: der endlos erscheinende Horror. Mitten in der Nacht machten sich schmerzhafte Pusteln auf meinen Händen und Füßen breit. Die Diagnose am nächsten Morgen im Krankenhaus: Hand-Fuß-Mund-Virus. Der Hinweis: Mundschutz und körperlichen Kontakt zu Menschen vermeiden. Der Befehl: Ausreiseverbot.

Ausreiseverbot?! Ich musste meinen Rückflug streichen, auf die Schnelle ein neues Hotel finden und meine Versicherung informieren. Und das alles vom Krankenbett aus, während sich die roten, schmerzhaften Blasen munter weiter auf Händen und Füßen ausbreiteten. Nun wusste ich, wie sich Sonnenbrand an den Fußsohlen anfühlen muss.

Der Horror unter der asiatischen Sonne dauerte noch weitere fünf Tage. Fünf Tage, an denen ich weder gehen noch stehen, schmerzfrei essen oder trinken konnte. Meine besten Freunde in dieser Zeit: Ansichtskarten für meine Verwandten und Freunde und der 40-Zoll-Flachbildfernseher des Hotelzimmers. Mit internationalem TV-Programm und Wendefunktion. Mein Fenster zur Außenwelt.

Glauben Sie übrigens nicht, dass der ganze Ärger vorbei ist, sobald man wieder Heimatboden unter den Füßen spürt. Dann geht es erst richtig los. Versicherung kontaktieren, Telefonate führen, Anträge ausfüllen und Briefe verfassen, den Arzt aufsuchen, Telefonate führen, Unterlagen sammeln, Hotels anschreiben, auf Antwort warten, Telefonate führen, Anträge ausfüllen … Krank sein im Ausland belastet nicht nur die Nerven, sondern auch den Geldbeutel. Dabei fällt mir ein: Vielleicht sollte ich tatsächlich einmal Lotto spielen. In bestimmten Lebens­lagen habe ich ja offensichtlich eine sehr hohe Trefferquote. /

Die Autorin

Claudia Herwig arbeitete nach ihrer Ausbildung zur PTA sieben Jahre in einer Apotheke in Frankfurt am Main. Nach ihrem Kunstpädagogik-Studium wechselte sie zur Online-Redaktion des Magazins »Glamour« in München und ist dort heute als Redakteurin verantwortlich für die Ressorts Liebe und Lifestyle.