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Nebenwirkungen am Auge

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27.04.2015
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Von Michael van den Heuvel / Rufen Arzneistoffe unerwünschte Effekte am Auge hervor, sollten die Patienten diese kennen. Denn nur dann können sie rasch reagieren und gegebenenfalls einen Facharzt aufsuchen. Deswegen ist es wichtig, dass PTA und Apotheker bei der Abgabe von Arzneimitteln auf mögliche Nebenwirkungen hinweisen.

Bei mehr als 70 Arzneistoffklassen sind Nebenwirkungen am Auge bekannt. Dabei können Arzneistoffe je nach ihren pharmakologischen und pharmakokinetischen Eigenschaften sehr unterschiedliche Effekte am Auge aus­lösen. Die Vielfalt der unerwünschten Wirkungen liegt begründet im komplexen Aufbau des Auges aus Hornhaut, Pupille, Linse, Glaskörper und der gut durchbluteten Netzhaut mit dem Sehnerv. Alle diese Strukturen können von Arzneistoffen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Vielfältige Nebenwirkungen

Besonders häufig führen Arzneithe­rapien zu trockenen Augen (Sicca-Syndrom), verursacht durch die verminderte Tränenproduktion sowie die veränderte Zusammensetzung des Tränenfilms. Beide Effekte können sowohl durch topisch als auch durch systemisch angewendete Arzneistoffe sowie durch Konservierungsmittel hervorgerufen werden. Röten sich die Augen, bilden sich Ödeme oder vermehrt Sekret, geht auch dies möglicherweise auf ein Medikament zurück. Daran sollten PTA oder Apotheker immer denken, wenn ein Patient über plötzlich rot entzündete Augen und Sehstörungen klagt. Manche Arzneistoffe erhöhen den Augeninnendruck, seltenere Nebenwirkungen sind Makula- oder Netzhautödeme beziehungsweise Schädigungen des Sehnervs.

Das sogenannte Stevens-Johnson-Syndrom ist eine allergische Reaktion auf Arzneimittel, kann aber auch Folge eines bakteriellen oder viralen Infekts sein. Manchmal entzündet sich auch die Bindehaut so stark, dass der Besuch beim Augenarzt erforderlich wird. In anderen Fällen verwächst das Lid mit dem Augapfel (Symblepharon). Auch Entzündungen der Hornhaut des Auges (Keratitis) werden mit Pharmakotherapien in Verbindung gebracht. Berichten Patienten über Sehstörungen oder andere Beschwerden, die das Auge betreffen, sollten ihnen PTA oder Apotheker raten, umgehend einen Augenarzt aufzusuchen. Häufig besteht ein Zusammenhang mit Arzneistoffen.

Konjunktivitis

Isotretionin ist ein gängiger Arzneistoff zur Behandlung schwerer Akne. Es ist bekannt, dass Patienten während einer Therapie mit Isotretinoin vielfach an trockenen Augen und Konjunktivitis leiden. In einer Studie verwendeten 4,3 Prozent dieser Patienten Augentropfen gegen Brennen, Juckreiz und Rötung. Im Vergleich dazu benötigten nur 0,7 Prozent in der Gruppe ohne Isotretinoin-Therapie entsprechende Ophthalmika.

Auch Augentropfen mit nicht steroidalen Antirheumatika führen häufig zu Reizungen, Schmerzen und zu brennenden Missempfindungen. Bei Ibuprofen- beziehungsweise Naproxen-haltigen Augentropfen berichteten Patienten vereinzelt über Sehstörungen.

Glucocorticoide und Statine

Ob Glucocorticoide schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu zählen die Wirkstärke, die Dosis, die Dauer und die Art der Anwendung (lokal oder topisch). Um Langzeitschäden wie ein Glaukom oder seltener eine Katarakt zu verhindern, sollten in Augennähe nur Glucocorticoide der Klasse I wie Hydrocortison, Prednisolon oder Dexamethason topisch angewendet werden. Langzeit-Therapien bei systemischen Erkrankungen erhöhen das Risiko einer Augeninfektion durch Bakterien, Viren oder Pilze sowie die Gefahr, dass sich die Linse- oder der Glaskörper trübt.

Antibiotika

Nach topischer Applikation eines Aminoglykosid-haltigen Präparats klagen 4 Prozent aller Patienten über Augenbrennen, Lidbeschwerden sowie allergische und toxische Reaktionen der Bindehaut. Während der systemischen Therapie mit Antibiotika sind verschwommenes Sehen und Doppel­bilder häufig. Nachweislich reichern sich Fluorchinolone im Auge besonders an und können Netzhautblutungen auslösen. Laut Literatur erhöht diese Arzneistoffgruppe das Risiko, dass sich die Netzhaut ablöst, um den Faktor 4,5. Wissenschaftler erklären sich diese Effekte vor allem durch den Einfluss der Arzneistoffe auf das Kollagen- und Bindegewebe des Glaskörpers.

Das Antibiotikum Telithromycin verschreiben Ärzte Patienten mit leichten bis mittelschweren Atemwegsinfekten. Der Arzneistoff verändert gelegentlich die Motorik des Auges, sodass die Patienten Schwierigkeiten haben, von der Fernsicht auf die Nahsicht zu wechseln, und auch Doppelbilder sehen. Das Antibiotikum Linezolid schädigt dagegen in manchen Fällen den Sehnerv dauerhaft bis zur Erblindung. Der Arzneistoff wird eingesetzt gegen schwere Haut- und Weichteilinfektionen sowie gegen Pneumonie. Die Therapie sollte nur stationär erfolgen.

Sehstörungen treten laut Literaturangaben bei Voriconazol etwa bei 30 Prozent der Patienten auf. Der Arzneistoff zur Behandlung potenziell lebensbedrohlicher Pilzinfektionen führt dosisabhängig zu einer erhöhten Lichtempfindlichkeit und zu Wahrnehmungs­störungen, beispielsweise zu Störungen des Farbsehens. Meist treten die Symptome rasch nach Gabe des Medikaments auf und verschwinden innerhalb einer Stunde wieder.

Schon seit Jahren ist bekannt, dass das Spektrum der Nebenwirkungen von Tuberkulostatika groß ist. Den Arzneistoff Ethambutol vertragen die Patienten im Allgemeinen zwar gut. Doch besteht die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs (Nervus opticus). Dieser kann sich bereits wenige Wochen nach Therapiebeginn entzünden. Als Risikofaktoren gelten die Dosis und die Therapiedauer. Zu Beginn können Betroffene die Farben im Rot-Grün-Bereich nicht mehr unterscheiden, ihr Gesichtsfeld ist eingeschränkt und ihre Sehkraft lässt nach. Der genaue Grund dieser Störungen ist noch unklar. Augenärzte raten, die Patienten engmaschig zu untersuchen, zu Therapiebeginn und dann möglichst einmal im Monat. Erfolgt die Ethambutol-Therapie nicht durchgängig, sondern mit Unterbrechungen, ist die Gefahr der unerwünschten Wirkungen etwas geringer. Auch während der Therapie mit Isoniacid (INH) und Streptomycin kann sich der Sehnerv entzünden.

Antiretrovirale Therapie

Wenige Wochen nach Beginn einer HIV-Therapie können die eingesetzten Arzneistoffe zu einer Aktivierung von Zytomegalie-Viren führen. Zwar lässt sich das Virus bei einem Großteil der Bevölkerung nachweisen, doch vermehren sich die Viren bei Gesunden meist nicht mehr. Ein wichtiger Risikofaktor für die neue Aktivierung ist eine hohe Last an HI-Viren zu Beginn der antiretroviralen Therapie. Mögliche Folgen sind Entzündungen der Netzhaut (CMV-Retinitis), der mittleren Augenhaut (Uveitis), Makulaödeme und Katarakte. Darüber hinaus verursachen manche Pharmaka spezifische Nebenwirkungen. Bei Atazanavir, einem Protease-Inhibitor (PI), können sich die Augen gelb verfärben, weil der Bilirubinstoffwechsel gestört ist. Bilirubin ist ein Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Nevirapin, ein Inhibitor der nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase (NNRTI), kann eine Entzündung der Bindehaut hervorrufen. Cidofovir, das AIDS-Patienten mit CMV-Retinitis verordnet wird, kann den Augeninnendruck stark senken. Auch Ganciclovir beziehungsweise Valganciclovir verschreiben Ärzte Patienten mit Immunschwäche/Immunsuppression und CMV-Retinitis gegen die Erblindungsgefahr. Durch beide Arzneistoffe können sich Makulaödeme bilden und die Netzhaut ablösen.

Bisphosphonate

Mögliche Folgen einer Therapie mit Bisphosphonaten zur Behandlung von Knochen- und Calciumstoffwechselkrankheiten sind einseitige Augenbeschwerden und Sehstörungen. Die intravenöse Gabe gilt im Vergleich zur oralen Pharmakotherapie als riskanter bezüglich der unerwünschten Wirkungen am Auge, die oft zeitlich verzögert auftreten. So kann es erst Wochen oder Monate nach der Therapie zu einer Konjunktivitis, Skleritis, Episkleritis, Uveitis oder sogar zu einer ausgedehnten Retinitis kommen. Die Krankheiten sind reversibel, bilden sich teilweise jedoch erst nach Therapieende zurück.

Interferone

Grundsätzlich gilt, vor einer Therapie mit Interferonen die Augen der Patienten zu untersuchen und die Kontrollen während der Behandlung fortzusetzen. Regelmäßige Termine beim Augenarzt sind vor allem bei Menschen mit Diabetes und zu hohem Blutdruck erforderlich. Bei diesen Patienten ist das Risiko einer Schädigung der Netzhaut (Retinopathie) besonders groß.

Auch Tumornekrosefaktor(TNF)- alpha-Inhibitoren führen mitunter zu Sehstörungen und einer Bindehautentzündung. Diese Arzneistoffe setzen Ärzte bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Wirbelsäulen-, Gelenk- oder Hauterkrankungen ein. Die wichtigsten Vertreter sind Adalimumab, Certolizumab, Etanercept, Golimumab und Infliximab. In wenigen Fällen tritt eine Entzündung des Sehnervs auf, meist nach der dritten oder vierten Infusion. Dann setzen Ärzte den TNF-alpha-Inhibitor generell ab. Leiden Patienten an Uveitis, kann es ausreichen, den Inhibitor zu wechseln.

PDE-5-Inhibitoren

Ursprünglich war die erektionsför­dernde Wirkung von Sildenafil ein Zufallsbefund. Inzwischen haben Phos­pho­diesterase(PDE)-5-Inhibitoren einen festen Platz in der Therapie der erektilen Dysfunktion. Die Arzneistoffe Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil verursachen häufig Sehstörungen: So verändern sie das Farbsehen des Blau-Grün-Spektrums und erhöhen die Lichtempfindlichkeit. Denn sie hemmen nicht nur das Enzym PDE-5, sondern auch PDE-6 in den Stäbchen und Zapfen der Retina. Bei Sildenafil ist dies häufiger der Fall als bei Vardenafil oder Tadalafil. Laut Literatur verschlechtert sich das Sehvermögen sehr selten ganz plötzlich. Dann jedoch wird der Sehnerv aufgrund schlechter, arterieller Durchblutung irreversibel geschädigt. Daher muss der Betroffene sofort den Facharzt aufsuchen.

Prophylaxe

Um den erhöhten Augeninnendruck von Glaukompatienten zu senken, verordnen Ärzte Alpha-2-Agonisten, Betablocker, Carboanhydrase-Hemmer, Sym­pathomimetika, Parasympathomimetika oder Prostaglandine. Diese Pharmaka führen mitunter zu Reizungen und trockenen Augen. Fast jeder dritte Glaukom-Patient leidet am sogenannten »Sicca-Syndrom«. Schon zu Therapiebeginn sollten PTA oder Apotheker den Patienten raten, mit ihrem Augenarzt zu besprechen, ob sie konservierungsmittelfreie Augentropfen oder Tränenersatzmittel anwenden dürfen, um das unangenehme Gefühl des Sicca-Syndroms zu verhindern. /

Glossar

Episkleritis Entzündung des lockeren Bindegewebe zwischen Sklera und Bindehaut (Episklera)

Konjunk­tivitis Entzündung der Bindehaut (Konjunktiva)

Retinitis Entzündung der Netzhaut (Retina)

Skleritis Entzündung der Lederhaut (Sklera)

Uveitis Entzündung der mittleren Augenhaut, umfasst Aderhaut und Iris (Uvea)

Buchtipp

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen,
eine organbezogene Übersicht
Professor Dr. Egid Strehl, Professor Dr. Hartmut Morck
Govi-Verlag, 2014, 29,90 Euro,
ISBN: 978-3-7741-1232-2

Patienten mit mehreren Erkrankungen bekommen eine Vielzahl von Arzneimitteln verordnet und nehmen teilweise zusätzlich Mittel zur Selbstmedikation ein. Treten dann Nebenwirkungen auf, schildern die Patienten ihrem Arzt oder Apotheker meist organspezifische Symptome.

Dieses Buch strukturiert die unerwünschten Arzneimittelwirkungen erstmals nach Organen. Zu jedem Organsystem nennen die Autoren wichtige Charakteristika unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Die Tabellen ordnen die Nebenwirkungen nach Wirkstoffen oder Arzneimittelgruppen. Ebenfalls tabellarisch werden Häufigkeit und Schweregrad von unerwünschten Arzneimittelwirkungen erfasst.