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Orientierungshilfen für Blinde

Sicher unterwegs mit Sehbehinderung

27.04.2015
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Von Diana Haß / In Deutschland leben schätzungsweise 150 000 blinde und rund eine halbe Million sehbehinderte Menschen. Sie müssen sich statt auf ihre Augen auf andere Sinne verlassen. Dabei erleichtern ihnen Orientierungshilfen den Alltag.

Menschen sind optisch orientierte Wesen. Die meisten aller wichtigen Informationen nehmen wir über die Augen auf. Doch wie verändert sich das Leben, wenn das Sehvermögen sehr stark nachlässt oder sogar ganz ausfällt? Marisa Sommer weiß, wie das ist. Die 53-Jährige hat durch die Autoimmunkrankheit Uveitis schleichend ihr Augenlicht verloren. Seit rund 13 Jahren ist sie blind. »Es gibt aber fast nichts, von dem ich mich abhalten lasse, nur weil ich blind bin«, sagt Sommer. Sie geht in Kneipen und zum Essen, besucht Theaterveranstaltungen und macht Urlaub. Zusammen mit ihrem Freund fährt sie Motorrad. »Mobilität bringt einem Freiheit, Selbstbestimmtheit und Lebensfreude«, fährt Sommer, die sich im Kölner Blinden- und Sehbehindertenverein engagiert, fort. Dabei setzt sie auf zahlreiche Orientierungs- und Mobilitätshilfen.

Vor allem taktile und akustische Reize ermöglichen blinden Menschen die Orientierung. »Meine Hände sind quasi meine Augen«, sagt Sommer.

Geschärfte Sinne

Blinde ertasten weit mehr als nur Blinden­schrift, die es als sogenannte Relief- und als Punktschrift gibt. So ermöglicht ihr beispielsweise eine genau eingehaltene Ordnung, sich in einer bekannten Umgebung gut zurecht zu finden. Auch Gehör und Nase weisen den Weg. Sei es in die nächste Bäckerei, in den Blumenladen oder in eine Metzgerei. »Dünne Sohlen, damit man den Bodenbelag spürt, sind ebenfalls wichtig«, ergänzt Peter Dienhart. Der 50-Jährige erblindete infolge mehrerer Schlaganfälle. Ebenso wie Sommer hat er seine Sinne geschärft. Dass dieser Prozess sogar messbar ist, belegte ein Experiment des Neurophysikers Robert Trampel im Jahr 2010. Er wies nach, dass bei von Geburt an Blinden die Gehirnzellen, die normalerweise für die Verarbeitung von optischen Informa­tionen zuständig sind, aktiviert wurden, wenn sie taktile Informationen verarbeiteten.

Keine konkreten Zahlen

Statistisch erfasst wird die Zahl der Blinden und Sehbehinderten nicht, sondern lediglich die Zahl der Menschen mit Behinderungen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hat Schätzungen auf Basis einer Erhebung in der ehema­ligen DDR angestellt. Sicher ist indes: Mit dem Alter nimmt die Quote Blinder rasant zu. Ein Fünftel der blinden und sehbehinderten Menschen ist über 65, gut 40 Prozent sind älter als 80 Jahre.

Auch das Gehör liefert zahlreiche Informationen. Alleine genaues Hinhören verrät viel über die Umgebung. Beispielsweise reflektiert eine Toreinfahrt den Schall des Verkehrs anders als eine geschlossene Häuserzeile. Ein guter Orientierungssinn und ein gutes Gedächtnis erleichtern es Blinden, sich zurechtzufinden. Einige orientieren sich zudem mithilfe der sogenannten Klicksonar-Technik. Das Prinzip entspricht der Methode, mit der sich Fledermäuse oder Delphine zurechtfinden. Manche Menschen können sich mit dieser Technik ein recht genaues Bild von ihrer Um­gebung machen. Dabei senden sie mit kleinen Zungenklicks Schall aus und verarbeiten das Echo zu Informationen über ihre direkte Umgebung.

Der weiße Stock

Während die Klicksonar-Technik noch neu ist, wurde der Blindenlangstock bereits vor über 100 Jahren entwickelt. Nach wie vor ist er ein wichtiges Hilfsmittel. »Er ist das A und O, um mobil zu sein«, unterstreicht Sommer. Etwa bis auf Brusthöhe reicht der leichte, grundsätzlich weiße Stock mit einer Roll-Spitze am unteren Ende. »Auf Körperbreite ziehe ich den Stock von einer Seite zur anderen, während ich gehe«, demonstriert Sommer die sogenannte Pendel-Schleif-Technik, die die veraltete »Tipp-Technik« abgelöst hat. Hindernisse nehmen Blinde über den Stock wahr. Er dient gewissermaßen der Voraussicht. Allerdings bloß bis zur Taillenhöhe. »Wenn ein Fahrradlenker in den Gehweg hineinragt, dann läufst du dagegen«, so die schmerzhafte Erfahrung der blinden Frau. Immer wieder erleben Blinde solche und ähnliche Situationen.

Blindenleitsysteme

Die städtische Welt steckt voller Hindernisse für Blinde, die Sehende oft kaum wahrnehmen. Vielerorts enthält sie allerdings auch zahlreiche Hinweise, beispielsweise Blindenleitsysteme, die es blinden Menschen erleichtern sollen, möglichst selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Diese Systeme sprechen den Tast- oder den Gehörsinn an. Damit Blinde und Sehbehinderte die Systeme richtig deuten und nutzen können, werden sie zunächst von sogenannten Mobilitäts- und Orientierungstrainern unterrichtet. Sehende erkennen Blindenleitsysteme im Boden an ihrer hellen Farbe und sollten darauf achten, sie nicht zu blockieren.

Die Muster in den Bodenbelägen geben wichtige Orientierungshilfen. So weisen Längsrillen beispielsweise die Richtung – zu einem Ausgang oder zu einer sicheren Straßenüberführung. Kreise warnen vor Gefahren. Vierecke im Bodenbelag markieren eine Kreuzung. Auch die Deutsche Bahn setzt Blindenleitsysteme ein. Auf den Bahnhöfen warnen Bodenplatten vor dem Abgrund. Fahrpläne können sich Blinde ansagen lassen, an Treppenläufen ist markiert, zu welchem Gleis sie führen. In den Städten machen Ampeln mit einem akustischen Signal auf sich aufmerksam. »Tackern« heißt das Geräusch, das übrigens auch Notknöpfe oder elektronische Fahrplanansagen aussenden. »Am Ampelschalter gibt es in der Regel unten einen Pfeil, der die Richtung zeigt und eine Vibrations­fläche«, erläutert Sommer. Vibriert die Fläche, bedeutet das: Die Ampel ist grün. Blinde freuen sich meist auch über die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen. Ein kleines »Brauchen Sie Hilfe?« schadet keinem.

Technische Hilfsmittel

Auch die Liste technischer Hilfsmittel für Sehbehinderte und Blinde ist lang. Im Handel gibt es unter anderem sprechende Waagen oder Uhren. Eine große Erleichterung ist für viele die Voice-Over-Funktion an Smartphones oder ein sogenannter Screenreader für Computer. Über die breite Produkt­palette informieren die örtlichen Blinden- und Sehbehindertenvereine. Zu den Hilfsmitteln gehören auch sogenannte Farb­erkennungs­geräte, deren Kosten in der Regel die Krankenkassen übernehmen. Sobald das Gerät an einen Gegenstand gehalten wird, ertönt aus einem Lautsprecher dessen Farbe. »Das Gerät ist teilweise besser als die Augen eines Sehenden«, sagt Sommer, die schon bei zahlreichen Kleidungskäufen die Verkäuferinnen mit ihrem Farberkennungsgerät verblüffte. Sommer nutzt das Gerät aber nicht nur, um sich passend anzuziehen, sondern sortiert auch ihre Wäsche mit seiner Hilfe. »Schließlich will ich ja nicht weiß und rot zusammen waschen«, sagt sie. Punkte auf der Waschmaschine helfen ihr, die richtige Einstellung zu finden – ebenso wie Punkte auf Herd- und Backofenknöpfen oder auf der Heizung. Es gibt viele Möglichkeiten, die häusliche Umgebung blindengerecht anzupassen.

Blindenführhunde

Wesentlich folgenschwerer als die Entscheidung für eine technische Orientierungshilfe ist die für einen Blindenführhund. Schließlich handelt es sich um ein lebendiges Wesen. »Der Hund ist kein Autopilot«, warnt auch Sabine Häcker, Tierärztin und zuständig für den Bereich Führhunde beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV). Der DBSV bietet meist einmal jährlich eine viertägige Informationsveranstaltung für Blinde und ihre Angehörigen an, die sich für einen Führhund interessieren. Erfahrene Führhundhalter und Trainer informieren dann über das Für und Wider. Allein die Dauer der Veranstaltung macht schon klar, dass Vieles zu bedenken ist. »Der Hund hat eigene Bedürfnisse und stellt Anforderungen – und zwar an die ganze Familie«, erläutert die Fachfrau. Neben der Arbeit, die der Hund täglich und – wie Fachleute versichern – mit Freude erledigt, braucht er Freilauf, Freizeit und Pflege. »Er benötigt Zuwendung und Pflege wie ein Kleinkind«, so Häcker. Darin gleicht er jedem Familienhund.

Wertvoller Helfer

Dennoch ist ein Blindenführhund sonst nicht mit diesem zu vergleichen. Das zeigt schon der Preis, der in der Regel deutlich über 20 000 Euro liegt. Rund 200 bis 300 Blindenführhunde – so schätzt der DBSV – werden jährlich vermittelt. Die Hunde gelten als »Hilfsmittel«, dessen Kosten die Krankenkasse übernimmt.

Jeder Blindenführhund hat ein aufwendiges, rund einjähriges Training absolviert, das in Deutschland Führhundschulen durchführen. Deren Zahl schätzt Häcker auf etwa 50. Die Qualifizierung der Trainer und die Art der Ausbildung sind in Deutschland bisher nicht eindeutig geregelt. Wer eine gute Schule sucht, sollte sich deshalb ausführlich informieren und unter Umständen eine längere Wartezeit in Kauf nehmen. Mindestens ein Jahr alt sind die angehenden Blindenführhunde, wenn ihre Ausbildung beginnt. Unabhängig von der Rasse müssen einige Voraussetzungen jedoch stimmen: Die Schulterhöhe eines Blindenführhundes sollte mindestens 50 Zentimeter betragen. So kann er gut das Geschirr tragen, in dem er später seine Arbeit verrichtet, und ist auf »Handhöhe« des Menschen. Häufig arbeiten Labrador Retriever, Golden Retriever, Riesenschnauzer, Schäferhunde, Königspudel aber auch Mischlinge im Dienst eines Sehbehinderten. Wer als Blindenführhund in Frage kommen soll, muss zudem kerngesund sowie lern- und leistungsfreudig sein und sich durch ein freundliches Wesen auszeichnen.

Während ihrer Ausbildung lernen die Hunde durch positive Bestätigung rund 40 bis 70 Kommandos. Sie können »rechts«, »links«, »voran« unterscheiden, suchen den Weg zu einer Ampel, finden Türen, Bankautomaten, Briefkästen, Supermarktkassen, Treppen, die auf- oder abwärts führen, und warnen vor allem vor Hindernissen. Bis zu 10 000 Wiederholungen – so heißt es in einem Informationsfilm des DBSV – sind notwendig, bis ein Hund sicher und zuverlässig ein bestimmtes Kommando beherrscht.

Besondere Herausforderung für den Hund: Er muss für den Sehbehinderten quasi »mitdenken«. Auch bei Hindernissen wie Schranken, die der Hund selbst mühelos passieren könnte, muss er ausweichen und einen Weg finden, der für sein Frauchen oder Herrchen sicher ist. Tauchen unvorhersehbare Gefahren auf, muss der Hund gegen ein Kommando verstoßen können. »Intelligenter Ungehorsam« heißt diese Verhaltensweise. Sie wird beispielsweise dann notwendig, wenn ein Blinder den Hund anweist, vorwärts zu gehen, sich dort aber ein Hindernis befindet.

Gutes Gespann

Dass jemand in einem solchen Fall seinem Hund im wahrsten Wortsinn »blind vertrauen muss«, zeigt die Tiefe und Besonderheit der Beziehung zur sogenannten »tierischen Mobilitäts­hilfe«. Diese Bindung muss langsam wachsen und stetig gepflegt werden. »Grundsätzlich ist natürlich erst einmal wichtig, dass die Chemie zwischen Mensch und Hund überhaupt stimmt. Bei meinem ehemaligen Führhund Paul und mir war das in der ersten Sekunde klar«, unterstreicht auch Sommer. Wenn die Chemie stimmt, üben Mensch und Hund mithilfe des Hundetrainers ihre gemeinsame Mobilität. Der Mensch lernt Kommandos zu geben, zu loben und das Verhalten des Hundes richtig zu deuten. Durch das Geschirr, in dem der Hund während seiner »Arbeitszeit« ist, spürt der Mensch sofort jede Richtungsänderung. Am Ende der Eingewöhnungs- und Lernphase legen Mensch und Hund die sogenannte Gespannprüfung ab.

Im Gespann hat ein Blindenführhund übrigens andere Rechte als seine Artgenossen. Er muss vor Geschäften nicht »draußen warten«, darf selbstverständlich Arztpraxen und Apotheken betreten und – unentgeltlich – in Bussen, Bahnen und im Passagierraum eines Flugzeugs mitfahren beziehungsweise -fliegen Zu den besonderen Befugnissen eines Blindenführhundes kommen aber auch besondere Bedürfnisse. So sollte niemand einen Hund im Gespann ansprechen, streicheln oder sonst irgendwie ablenken. »Der Hund ist hochkonzentriert. Wenn er abgelenkt wird, kann das den Blinden oder Sehbehinderten in Gefahr bringen«, sagt Sommer. Ausgleich für diese anstrengende Arbeit gibt es aber auch: In ihrer Freizeit sind Blindenführhunde vom Leinenzwang befreit. Dann können sie nach Herzenslust toben. /

Weiterführende Informationen im Internet

www.anderes-sehen.de

Eine Initiative, die blinde Kinder fördert, ist »Anderes Sehen e. V.«. Die Organisation hat – nach eigenen Angaben – inzwischen weitgehend durchgesetzt, dass blinde Kinder schon in den ersten fünf Lebensjahren mit Klicksonar, Blindenstockgebrauch und Punktschriftangebot gefördert werden.

www.dbsv.org

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Situation von Blinden und Sehbehinderten in allen Lebensbereichen zu verbessern. Er ist der Dachverband der Selbsthilfevereine und hat seinen Sitz in Berlin. Über den DBSV gelangt man auch zu speziellen Interessengruppen oder zu örtlichen Vereinen.

www.blindenfuehrhundhalter.dbsv.org

Wer erwägt, Blindenführhundhalter zu werden, kann sich in einem Internetportal des DBSV informieren. Dort werden unter anderem Fragen an eine Führhundschule erläutert und zudem gibt es dort das Hörmagazin »Wir Führhundhalter«.