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Die Küchenzwiebel

Botanisches Multitalent

09.05.2016
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Von Gerhard Gensthaler / Jeder Deutsche verzehrt im Durchschnitt jährlich circa sieben Kilo Zwiebeln. Die Menschen schätzen diese alte Kulturpflanze seit vielen Jahrhunderten als wohlschmeckendes Gemüse und als Heilmittel.

Hinweise auf die Zwiebel als Heilmittel finden sich in allen Kulturkreisen. Wohl einer der ältesten Berichte in Keilschrift stammt aus der babylonischen Zeit vor mehr als 4000 Jahren: Dort steht, dass derjenige, der im Frühherbst eine Zwiebel isst, vor dem Winter keine Leibschmerzen bekommen wird.

Im alten Ägypten vor etwa 3500 Jahren sollten die Priester der Göttin Isis keine Zwiebeln essen, da diese als Zeichen der Erotik galten. Als Grabbeigaben und Götteropfer waren sie jedoch sehr beliebt. Der sizilianische Arzt Dioskurides, der in der Mitte des 1. Jahrhunderts in Rom lebte, empfahl die Zwiebel zur Appetitanregung sowie zur Reinigung und Erweichung des Bauches. Im mittelalterlichen »Macer floridus«, einem Standardwerk der Kräuterheilkunde von Odo Magdunensis, nannte der Autor Ende des 11. Jahrhunderts eine breite Palette unterschiedlicher Anwendungen: bei Ohrenschmerzen, Schnupfen, Zahnschmerzen und Geschwüren im Mund, ebenso bei Hämor­rhoiden, aber auch als Hautmittel und gegen die Pest. In der Volks­medizin fand die Zwiebel stets Verwendung als Hustenmittel, bei Blasenleiden und Impotenz.

Weit verzweigte Gattung

Die Zwiebel gehört zur Familie der Liliengewächse (Liliaceae) aus der Gattung Lauch (Allium). Die einkeimblättrige Gattung Allium umfasst neben der Küchenzwiebel viele weitere bedeutende Gemüse- und Gewürzpflanzen wie Knoblauch, Bärlauch und Schnittlauch.Da die Zwiebel in fast allen Kulturkreisen zu finden ist, lässt sich ihre Herkunft nicht ganz eindeutig zuordnen. Zentralasien scheint ihre Ursprungs­region zu sein. Von dort hat sie den ganzen Mittelmeerraum erobert. Römische Legionäre brachten sie in nördlichere Breiten. Bald entwickelte sich aus der lateinischen Bezeichnung »cepa« und ihrer Verkleinerungsform »cepula« das mittelhochdeutsche Wort »zwibolla«, von dem sich die heutige Bezeichnung ableitet. Die Zwiebel wird je nach Region auch Bollen, Zippeln, Zwaibeln oder Kloben genannt.

Zwar werden als Zwiebel allgemein die Speicherorgane verschiedener Pflanzenarten verstanden, doch ausschließlich Allium cepa L., die Küchenzwiebel, war Heilpflanze des Jahres 2015. Die Küchenzwiebel ist eine ausdauernde, mehrjährige Pflanze mit einer unterirdischen Zwiebel, die aus mehreren Häuten besteht. In diesen Zwiebelschalen speichert die Pflanze etliche Nährstoffe. Botaniker stufen das Speicherorgan als Schalenzwiebel ein, weil es aus Teilen normaler Laubblätter entsteht. Auf der Unterseite einer anfangs flachen Zwiebelscheibe entwickeln sich zunächst die Wurzeln der Pflanze und erst im zweiten Jahr die bekannte Zwiebelknolle. Im Verlauf der weiteren Entwicklung sterben die äußeren Blätter der unterirdischen Zwiebel ab, trocknen und bilden die braunen »Schalen«. Sie dienen der Zwiebel als Schutz. Der hohle, blaugrünliche Stängel bringt eine große, kugelige Scheindolde mit grünlich weißen oder violetten Einzelblüten hervor, die von Juni bis Juli blühen.

Schärfe, die gut tut

Die Küchenzwiebel gedeiht am besten auf relativ stickstoffarmem trockenem Boden mit einem hohen Sandanteil. Der wirtschaftliche Anbau erfolgt meist zweijährig. Dabei säen die Bauern Zwiebelsamen aus oder greifen auf vorgezogene Steckzwiebeln zurück. Beim Gartenanbau wird empfohlen, meist Mitte Juni die frisch gebildeten oberirdischen Blütenschäfte umzutreten, damit alle Reservestoffe in der unterirdischen Zwiebel verbleiben. Die Ernte erfolgt im Spätsommer.

Als Heilmittel genutzt wird die unterirdische Zwiebel, Allii cepae bulbus, beziehungsweise deren frische oder getrocknete, dick und fleischig gewordene Blattscheiden und Blattansätze sowie deren Zubereitungen. Die Zwiebel enthält schwefelhaltige Verbindungen wie Alliin, Methylalliin, Propylalliin und Propenylsulfonsäure. Für das Tränen der Augen beim Schneiden einer Zwiebel ist Thiopropanalsulfoxid verantwortlich. Zusätzlich enthält die Zwiebel ätherische Öle, Vitamin C, Peptide, Flavonoide (Quercetin), Vitamine, Mineralstoffe (Kalium, Calcium, Phosphor, Eisen, Iod und Selen). Allicin bildet sich erst durch das Schneiden der Zwiebel aus Alliin. Es ist ein schwefelhaltiges, ätherisches Öl mit antibiotischen Eigenschaften.

Gasentwicklung im Darm

Der Energie liefernde Speicherstoff ist Inulin, ein Zucker aus der Gruppe der Fructane, und nicht die Stärke. Das Inulin verhindert bei großer Kälte sozu­sagen als »Frostschutzmittel«, dass die Zwiebel erfriert. Da das menschliche Verdauungssystem Fructane nicht enzymatisch spalten kann, gelangen sie unverdaut in den Dickdarm. Dort werden sie von den Darmbakterien verstoffwechselt. Dabei entsteht Gas, das zu Blähungen führt und aus dem Darm freigesetzt wird. Daher verursacht der reichliche Verzehr von Zwiebeln häufig Flatulenz.

In einem ergänzenden Bericht zu Allium cepa L, bulbus erwähnt die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde, die European Medicines Agency (EMA)/Herbal Medicinal Products (HMPC), 2011 zahlreiche In-vitro- und In-vivo-Studien an Ratten, Schweinen, Mäusen, Hunden und Kaninchen mit ätherischem Öl und verschiedenen Extrakten der Zwiebel. Alle haben bei traditioneller Anwendung von Zwiebeln verschiedene positive Effekte ergeben, zum Beispiel antimikrobielle bei Verwendung hoher Konzentrationen des ätherischen Öls.

Obwohl Kritiker die kleine Probandenzahl und eine genaue Beschreibung des Studiendesigns monieren, führte die Verwendung von rohen Zwiebeln oder von Zwiebelsaft in verschiedenen Fall- und klinischen Studien zu unterschiedlichen positiven Ergebnissen: Es zeigten sich anti­carcinogene und kardio­vaskuläre Wirkungen, eine Hemmung der Thrombozytenaggregation, antidiabetische Effekte durch Senkung der Blutzuckerwerte und die positive Beeinflussung altersbedingter Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Senkung des Cholesterolspiegels.

Volksmedizin

Bei Husten und einer beginnenden Erkältung setzt die Volksmedizin die Zwiebel schon sehr lange ein. Dabei ist für die Wirkung entscheidend, dass die Zwiebel zunächst zerkleinert wird, damit möglichst viele Wirkstoffe freigesetzt werden. Zur inneren Anwendung dienen außer den zerkleinerten Zwiebeln der Presssaft frischer Zwiebeln sowie andere Zubereitungen.

Die traditionelle Heilkunde verwendet seit Langem einen Zwiebelsud gegen Erkältungen, Heiserkeit und Husten (siehe Kasten). Zwiebelzubereitungen bei Appetitlosigkeit einzusetzen, leitet sich aus vielen Berichten und Beobachtungen der Volksmedizin ab.

Traditionelle Hausmittel

Zwiebelsirup nach Künzle

Die Vorschrift stammt von Pfarrer Johann Künzle (1857–1945), einem Schweizer Priester und Naturarzt. Ein Pfund Zwiebeln wird geschält, dann in dünne Scheiben geschnitten und in einem Topf zugedeckt ohne Wasser erhitzt. Anschließend ein Pfund Honig hineinrühren und alles unter gleichmäßigem Rühren köcheln lassen, bis die Zwiebeln zu einem Brei verkocht sind. In Flaschen abgefüllt und dicht verschlossen hält sich dieser Sirup ein halbes Jahr. Bei Husten und Erkältung sollen Betroffene stündlich einen Esslöffel einnehmen.

Zwiebelsäckchen bei ­Ohrenschmerzen

Eine Zwiebel wird fein gewürfelt, in ein etwa ohrengroßes Tuch eingeschlagen und in einem dichten Plastiksäckchen im Wasserbad auf Körperwärme erwärmt. Das warme Zwiebelpäckchen anschließend auf das schmerzende Ohr legen.

Auch topische Anwendungen sind gebräuchlich, beispielsweise Fluidextrakte in Gelform zur Narbenbehandlung. Bei Insektenstichen lindert eine aufgeschnittene Zwiebel den Juckreiz, wenn die betroffene Stelle damit eingerieben wird.

Als mittlere Tagesdosis gelten 50 g frische Zwiebeln oder 20 g getrocknete Droge. Zwar ist zu beachten, dass bei längerer Anwendung von Zwiebelzubereitungen der Inhaltsstoff Diphenylamin die Nieren schädigen könnte. Dessen maximale tägliche Dosis darf nicht über 0,035 g liegen. Die Gefahr ist jedoch relativ gering, denn das entspricht einer Tagesmenge von 100 g Droge!

Wechselwirkungen mit anderen Phytopharmaka oder synthetischen Arzneimitteln sind nicht bekannt. Vereinzelt berichteten Anwender über allergische Reaktionen wie Rhinokonjunktivitis und Kontaktdermatitis.

Homöopathischer Einsatz

Die Homöopathie schätzt Allium cepa entsprechend ihrer tränenreizenden Wirkung gegen Fließschnupfen mit einem scharfen, wund machenden Nasensekret und häufigem Niesen, tränenden Augen und rauer Stimme. Weitere Anwendungsgebiete sind Infektionen im Hals- und Brustbereich oder Darmprobleme. In der Regel setzen Homöopathen die Potenzen D6 bis D12 ein. Beim ersten Auftreten der Beschwerden sollen die Patienten alle 30 Minuten drei Globuli in einer der genannten Potenzen nehmen. Diese Dosierung wird bis zu zwei Stunden fortgeführt, kann aber auch bis zur Besserung der Symptome fortgesetzt werden. Allium cepa eignet sich auch für Schwangere, wenn sich eine Erkältung oder ein Schnupfen anbahnt.

Zur Herstellung der Urtinktur schreibt das HAB 2010: Es werden frische Zwiebeln von Allium cepa L. zerkleinert und etwa 18 Stunden in einem geschlossenen Gefäß stehen gelassen. Anschließend wird daraus die Urtinktur hergestellt, eine hellgelbe bis rotgelbe Flüssigkeit mit einem kräftigen Geruch nach Speisezwiebeln, die vor Licht geschützt aufbewahrt werden muss. Die Prüfung auf Identität erfolgt mithilfe eines Dünnschichtchromatogramms. /