PTA-Forum online
Lassa-Infektion

Fiebervirus aus Westafrika

09.05.2016  10:57 Uhr

Von Clara Wildenrath / Das Lassa-Fieber war bislang nur in ­wenigen westafrikanischen Ländern verbreitet. Nur selten brachte ein Reisender die Infektion mit nach Europa. Doch jetzt gab es erstmals einen Ansteckungsfall innerhalb Deutschlands.

Anfangs unterscheiden sich die Symptome kaum von einer gewöhnlichen Grippe: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Übelkeit und Husten. Auch viele Tropenkrankheiten beginnen ähnlich. Erst nach drei bis sieben Tagen kommen bei einer Infektion mit Lassa-Viren spezifischere Krankheitszeichen hinzu. Dazu zählen vor allem schmerzhafte Entzündungen im Rachen, vergrößerte Halslymphknoten und Schwellungen der Kehlkopfschleimhaut. Oft bildet sich ein fleckiger Hautauschlag mit kleinen, erhabenen Knötchen, der im Gesicht und an den Armen beginnt und sich über den ganzen Körper ausbreitet. Lebens­bedrohlich ist insbesondere die erhöhte Durchlässigkeit der Gefäßwände, die zu inneren Blutungen (Hämorrhagien) und zum Schockzustand führen kann. Äußerlich sichtbar werden die Kapillarblutungen meist durch dunkelrot-violette Hautflecken. Etwa 10 bis 20 Prozent der stationär behandelten Patienten sterben an den Folgen der Virus­erkrankung, meist an Organ- oder Kreislaufversagen.

Wie Ebola und Dengue gehört auch das Lassa-Fieber zu den viralen hämorrhagischen Fiebererkrankungen und ist meldepflichtig. Weit verbreitet ist das Lassa-Virus insbesondere in den westafrikanischen Ländern Benin, Sierra Leone, Guinea, Liberia, und Nigeria. Im Jahr 1969 wurde die Erkrankung in der Stadt Lassa im Nordosten Nigerias erstmals beschrieben und der Erreger isoliert. So erklärt sich der Name.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass sich in Westafrika jährlich 100 000 bis 300 000 Menschen mit dem Virus infizieren, die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht sogar von bis zu einer halben Million. Bei acht von zehn Betroffenen verläuft die Infektion aber völlig unauffällig oder führt nur zu leichten grippeähnlichen Beschwerden. Experten schätzen die Todesrate insgesamt auf 1 bis 2 Prozent.

Dass Lassa-Infektionen nach Europa eingeschleppt wurden, kam in den letzten Jahrzehnten sehr selten vor. Die meisten Fälle standen in Zusammenhang mit medizinischen Hilfseinsätzen im krisengeschüttelten Sierra Leone. In Deutschland waren bis vor kurzem nur fünf Erkrankungsfälle bekannt, darunter allerdings auch eine Studentin, die im Jahr 2000 nach einer Rucksacktour durch Westafrika am Lassa-Fieber starb. Im gleichen Jahr erlag ebenfalls ein in Deutschland behandelter Nigerianer den Folgen der Erkrankung. In den Jahren 1974, 1985 und 2006 hatten sich drei weitere Patienten – alle drei waren in Westafrika tätige Ärzte – nach einem jeweils mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt hierzulande wieder von der Infektion erholt.

Zu einem dritten Lassa-Todesfall kam es Ende Februar 2016 in Köln: Ein 46-jähriger US-Amerikaner, der in Togo als Krankenpfleger gearbeitet hatte, wurde mit der Diagnose Malaria in die Uniklinik eingeliefert. Der Mann starb wenige Stunden später an einem Multi­organversagen. Erst zwei Wochen später stand nach einer Blutuntersuchung fest, dass sich der Mann mit dem Lassa-Virus angesteckt hatte. Überraschend kam diese Diagnose für viele Experten auch deshalb, weil Togo bisher nicht als Infektionsgebiet galt.

Im Falle des Frankfurter Lassa-Patienten wurde seine Familie vorsorglich ebenfalls in die Uniklinik eingeliefert. Zwei weitere Personen, die mit dem Leichnam des in Köln verstorbenen US-Amerikaners Kontakt hatten, standen unter medizinischer Beobachtung. Eine weitere Lassa-Infektion wurde jedoch trotz einer anfangs fälschlicherweise positiv getesteten Blutprobe nicht nachgewiesen. Der Frankfurter Patient konnte inzwischen aus der Klinik entlassen werden.

Aktuell berichtet das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) über Lassa-Ausbrüche mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 50 Prozent in Nigeria und Benin sowie von zwei Fällen im bisher Lassa-freien Togo. Offensichtlich breitet sich das Virus zunehmend weiter aus. Das Ansteckungsrisiko für Touristen ist nach Einschätzung des ECDC sehr gering. Die Gefahr steigt jedoch bei Rucksackreisen in ländliche Gebiete sowie in der Trockenzeit von November bis Mai.

Hämorrhagische Fieber

Bei fast allen virusbedingten Fieber­erkrankungen, die mit Blutungen einhergehen, ähneln die Symptome im Anfangsstadium denen einer Grippe. Für die Diagnose ist ein Bluttest nötig. Deutlich häufiger als eine Lassa-Infektion bringen Fernreisende aus dem Urlaub beispielsweise Gelbfieber, Dengue- und Chikungunya-Fieber mit.

Beim letzten Ebola-Ausbruch in Westafrika, bei dem fast die Hälfte der Erkrankten starb, steckten sich vereinzelt auch medizinische Mitarbeiter aus Europa und den USA an. Obwohl die WHO die Epidemie im Januar für beendet erklärt hatte, werden in einigen westafrikanischen Ländern weiterhin Neuerkrankungen registriert.

Eine ursächliche Therapie gegen virale hämorrhagische Fieber gibt es bislang nicht. Gegen Gelbfieber können sich Reisende impfen lassen. In einigen besonders betroffenen Ländern ist seit Kurzem auch ein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber erhältlich. Andere Impfungen, zum Beispiel gegen das Ebola-Virus, befinden sich noch in der Erprobungsphase.

Bisher Vermutungen

Noch überraschender war die Tatsache, dass der Erkrankte das Virus offenbar noch nach seinem Tod weiterverbreitet hatte. Mitte März wurde ein 47-jähriger Mann mit einer bestätigten Lassa-Infektion in die Isolierstation des Uniklinikums Frankfurt am Main aufgenommen. Nach einer Meldung der Deutschen Presseagentur handelte es sich dabei um einen Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens, der die Leiche des verstorbenen US-Amerikaners für die Überführung vorbereitete. Zu diesem Zeitpunkt war die Lassa-Infektion des Toten noch nicht bekannt gewesen. Offenbar hatte sich der Frankfurter beim Kontakt mit dem Leichnam angesteckt.

Auf welchem Weg das Virus dabei übertragen wurde, darüber spekulieren Experten noch. »Ein einfacher Hautkontakt reicht sicher nicht«, sagte der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk. Als mögliche Eintrittswege des Erregers in den Körper nannte er die Bindehaut der Augen oder den Mund. Seines Wissens sei dies weltweit auch die erste Ansteckung außerhalb Afrikas. Das RKI berichtet allerdings von einem Verdachtsfall im Jahr 2000: Damals soll sich eine Pflegerin bei der erkrankten Studentin in Deutschland infiziert haben, ohne jedoch selbst Symptome zu entwickeln.

Nagetier als Überträger

Das natürliche Reservoir des Virus ist die afrikanische Vielzitzenmaus (Mastomys natalensis). Das Nagetier lebt zwar auf dem gesamten afrikanischen Kontinent südlich der Sahara, ist aber nur in Westafrika mit dem Lassa-Virus infiziert. Die Tiere erkranken selbst nicht, scheiden jedoch lebenslang hohe Konzentrationen des Erregers aus, vor allem mit dem Urin und Kot. Menschen stecken sich meist über verunreinigte Nahrungsmittel an. Doch das Virus gelangt auch über verletzte Haut oder über die intakte Schleimhaut der Atemwege in den Körper. Die Inkubationszeit beträgt drei bis 21 Tage.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nach Auskunft des RKI erst nach dem Ausbruch der Erkrankung möglich. In den ersten Fiebertagen kann vermutlich nur eine größere Menge Blut zu einer Ansteckung führen. Erst nach einer Woche ist die Viruslast so hoch, dass auch andere Körperflüssigkeiten wie Speichel und Urin infek­tiös sind. Allerdings können Genesene nach dem Abklingen der Symptome noch wochenlang Erreger mit dem Urin ausscheiden.

Diagnostiziert wird das Lassa-Fieber durch den Nachweis von Erbmaterial des Virus oder spezifischen Antikörpern im Blut. Dazu sind in Deutschland nur wenige Speziallabors der höchsten biologischen Sicherheitsstufe vier in der Lage. Wegen der als hoch eingeschätzten Seuchengefahr müssen Lassa-Patienten strikt isoliert und in ein spezialisiertes Behandlungszentrum mit besonderen baulichen und personellen Voraussetzungen verlegt werden – wie das in der Frankfurter Universitätsklinik der Fall ist.

Nur Symptomlinderung

Spezifische Medikamente zur Therapie des Lassa-Fiebers gibt es bislang nicht; die Therapie beschränkt sich deshalb in erster Linie auf die Linderung der Symptome. Das einzige Arzneimittel mit einer nachgewiesenen Wirksamkeit ist die antivirale Substanz Ribavirin. In der Frühphase der Erkrankung eingesetzt, kann sie die Sterblichkeit bei einem schweren Krankheitsverlauf erheblich senken. Ein Impfstoff steht nicht zur Verfügung. Die wichtigsten Maßnahmen gegen eine weitere Verbreitung sind daher die Isolation des Patienten und die Identifizierung und Beobachtung von Kontaktpersonen. Nach engem Kontakt mit einem Erkrankten empfiehlt das RKI zusätzlich die medikamentöse Prophylaxe mit Ribavirin und die stationäre Aufnahme.

Tipps für die Reise

Experten empfehlen, in westafrikanischen Ländern sollten Rucksacktouristen ihre eigenen Lebensmittel sicher verpacken, um sie vor Mäusen und Ratten zu schützen. Treten während oder bis zu drei Wochen nach einer Reise in ein westafrikanisches Land Fieber und andere grippeähnliche Symptome auf, könnte es sich immer auch um eine Lassa-Infektion handeln. Das gilt selbst dann, wenn Labordiagnosen bereits eine andere Tropenerkrankung wie Malaria, Gelb- oder Denguefieber er­geben hatten, betont das ECDC. /