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Großer Einsatz für Madeiras Flora

09.05.2016  10:57 Uhr

Von Annette van Gessel / Blühende Hibiskusbäume an den Straßen und eine duftende Blütenvielfalt so weit das Auge reicht: Diese Bilder werden viele Madeira-Urlauber mit der »Blumen­insel« verbinden. Diese große Vielfalt möglichst lange zu erhalten, ist eines der Ziele von Dr. Adolf Schön, Leiter des Orchideengartens in Funchal, Madeira.

Gleich zu Beginn seiner Führung durch den Orchideengarten, mit dem offiziellen Namen Orquidario Madeira, beantwortet Schön die erste Frage der Besucher: Wie kam es dazu, dass ein Deutscher den Orchideengarten leitet? Den Garten hat der Wissenschaftler von seiner Tante übernommen. Die Gymnastiklehrerin mit umfangreichen Botanikkenntnissen übersiedelte um das Jahr 1920 nach Madeira und trat in die Dienste der aus Schottland stammenden Familie Reids, die bereits seit 1862 auf Madeira lebte. Das Familienoberhaupt Wilhelm Reids hatte mit dem Anbau und Verkauf von Madeiraweinen an die europäischen Königshäuser ein Vermögen gemacht. Doch dann trieb ihn ein folgenschwerer Fehler in den Bankrott: Im Jahr 1925 hatte er noch während der Rezession in Funchal eine Bank gegründet, musste diese jedoch bereits nach zwei Jahren schließen. Zudem hatte er kurz nach dem 1. Weltkrieg das von ihm geführte Reids-Palace-Hotel aus finanziellen Gründen verkaufen müssen. »Dieses Hotel war 1914 weltbekannt«, erzählt Schön. »Seinen berühmten Namen trägt es noch heute.«

Da der vormals superreiche Rieds seiner Angestellten keinen Lohn mehr zahlen konnte, vermachte er Marta Schön den botanischen Garten und den Orchideengarten in Funchal. Den botanischen Garten hat Marta Schön noch während ihrer Lebzeit der Hauptstadt Madeiras überlassen. Den Orchideengarten leitet seit ihrem Tod der Neffe Adolf. Dessen Engagement reicht allerdings weit über die Gartenführungen hinaus und erstreckt sich auf Klimatologie, Geografie und Geologie. Sein Fachwissen über die Botanik Madeiras hat – nicht über­trieben – enzyklopädische Ausmaße.

Alte Arten erneut ansiedeln

»Leider haben wir viele endemische Pflanzen hier auf Madeira verloren. Dennoch versuchen wir, verdrängte Pflanzenarten soweit wie möglich wieder hier anzusiedeln«, informiert Schön. Aktuell soll die Eberesche Madeiras auf der Grundlage der Mikrovermehrung wieder heimisch werden. Hierzu besteht eine Kooperation mit der Universität in Oulu, Nordfinnland. »In diesem Jahr sollen in einer ersten Aktion 200 Bäumchen gepflanzt werden.« Darüber hinaus bestehen enge Kontakte mit englischen und deutschen Kollegen. Alle überlegen gemeinsam, welche Möglichkeiten es zur Vermehrung weiterer Pflanzen gibt, die auf Madeira erneut angesiedelt werden sollen.

»Die Einwohner Madeiras sind besonders stolz auf ihre Lorbeerwälder«, so Schön. »Der Lorbeerbaum ist ein Teil der uralten Flora Europas, die auch Paläoflora oder Flora der paläolitischen Zeit genannt wird.« Ein Großteil der Flora Europas, schätzungsweise 86 Prozent, wurde durch die Eismassen der letzten großen Eiszeit, also vor circa 180000 bis 200000 Jahren vernichtet. »Damals war sogar das Mittelmeer zugefroren«, informiert Schön. Allerdings blieb in den Gebieten, die nicht vom Eis bedeckt waren, die ursprüngliche Flora erhalten. Das betraf Madeira, die kanarischen Inseln, die Kapverdischen Inseln und die Azoren. Auf diesen Inseln beziehungsweise Inselgruppen, die auch Makaronesien genannt werden, existiert noch immer eine besondere botanische Welt.

Die Lorbeerwälder

Nach wie vor sind die Lorbeerwälder eine Besonderheit Madeiras. Sie sind mit einer Fläche von circa 15 000 ha noch immer die größten der Erde, wurden im Jahr 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und gehören seit 2002 zu den geschützten Wäldern Europas.

»Leider haben fünf große Brandstiftungen in den letzten sechs Jahren etwa 140 Quadratkilometer Lorbeerwald vernichtet«, berichtet Schön und prangert die Brände als kriminelle Aktionen an. Sie hätten zum Ziel, neues Bauland zu gewinnen, um dieses für touristische Zwecke zu nutzen. Theoretisch ist drei Viertel Madeiras absolut geschützt und darf nicht bebaut werden. Doch nach der Zerstörung eines Waldstücks durch Feuer sieht die Situation anders aus, und die Behörden geben das betroffene Areal nach einiger Zeit zur Bebauung frei.

Auf Madeira wachsen drei Lorbeer­arten: Laurus azorica, Laurus nobilis und Laurus novo canariensis. Obwohl der Name Lauras azoricus den Eindruck erweckt, diese Art stamme von den Azoren, gehört diese Art doch zu den endemischen Pflanzen auf Madeira. Die Lorbeerwälder sind zu 50 Prozent für die gesamte Wasserversorgung der Insel verantwortlich, denn beim Vertikalfall schlägt sich der Nebel auf den Lorbeerblättern nieder, kondensiert dort, und das Wasser gelangt in den Boden. Die etwa 2200 km Wasserkanäle Madeiras, die Levadas, transportieren das Wasser bis zu den kleinen Städten und Dörfern. Allerdings macht sich auch auf Madeira der Klimawandel bemerkbar. »Vor 40 Jahren hat es bisweilen drei Wochen lang Tag und Nacht nonstop geregnet. Früher war es hier zu allen Jahreszeiten etwas kühler, im Winter und im Sommer. Jetzt liegen die Temperaturen im Winter um circa 3 Grad Celsius höher. Im Sommer haben wir uns längst von den früheren angenehmen Temperaturen verabschiedet, die zwischen 18 und 25 Grad Celsius lagen. An klaren Tagen steigen die Temperaturen heute hingegen auf 26, 28, 30, 32 Grad Celsius«, berichtet Schön.

Engländer als Importeure

Ein weiteres Projekt besteht darin zu verhindern, dass sich ausländische Pflanzen auf Madeira weiter ausbreiten und die endemische Flora verdrängen. Als Beispiel nannte Schön die Eukalyptusbäume und merkt dazu an: »Die Engländer waren hier die Schlimmsten.« Sie brachten auf ihren Schiffen unter anderem verschiedene Eukalyptusarten aus Australien mit, ließen jedoch auf dem Seeweg rund um Kap Horn einige dieser Eukalyptusbäume auf ihren Stationen zurück, also auch auf Madeira. »Für uns sind alle diese eingeschleppten Arten wie Eukalyptus, Akazien, Mimosen und der Liguster eine Plage.« Diese Arten hätten den Bestand der Lorbeerbäume reduziert. »Jetzt schneiden wir die invasiven Arten aus dem Lorbeerwald heraus, ansonsten ist es zu spät«, berichtet Schön. 

Invasive Pflanzen testen

Um zu verhindern, dass sich weitere ausländische Pflanzen auf Madeira ausbreiten, wurde im Orchideengarten ein Testareal eingerichtet. Hier simuliert Schön die Wachstumsbedingungen im Lorbeerwald mit 50 Prozent Schatten und testet so ausländische Pflanzen. »Eingepflanzt in Töpfe oder in die Erde erhalten diese Pflanzen keine Pflege und nur im äußersten Notfall Wasser«, erzählt der Wissenschaftler. Stellt sich eine Pflanze als invasiv heraus, wird ihre Einfuhr verboten. Das gilt ebenfalls, wenn die »fremde« Pflanze sehr viel schneller wächst und wesentlich größer wird als endemische Pflanzen. Wie sich das Klima Madeiras auf das Wachstum und die Lebensdauer nicht endemischer Pflanzen auswirkt, zeigte Schön an mehreren Beispielen.

»Normalerweise leben Hibiskuspflanzen 15 bis 20 Jahre. Doch hier existieren Exemplare, die vor 150 Jahren nach Madeira gebracht wurden«, so Schön und weist die Besucher auf einen 18 Meter hohen Hibiskusbaum hin. Wäre dieser nicht beschnitten worden, wäre er heute vielleicht 30 Meter groß, vermutet der Wissenschaftler. Ein weiterer Baum, der noch heute im Garten wächst und gedeiht, stammt aus Peru: ein Zuckerapfelbaum, Cherimoya, auch Annona cherimola genannt, der 1752 angepflanzt wurde. Die Früchte, die Annonas, sind zum Teil auch in Deutschland im Handel, allerdings selten. Mit der medizinischen Wirkung dieser Früchte befasst sich das Medical Institute der John Hopkins Universität in Baltimore, im US-Staat Maryland, seit mehr als 90 Jahren. Ein Ergebnis: Die enthaltenen Antioxidantien wirken vorbeugend gegen Asthma sowie Krebs, so Schön. 

Seltene Orchideen

Doch Schöns Obsession gilt den Orchideen. Der Orchideengarten beherbergt nicht nur eine immense Zahl unterschiedlicher Arten, Schön setzt sich auch für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Exemplare ein. Außerdem ist sein Orchideengarten die Anlaufstelle für erkrankte Arten, die er »heilen« soll. So wächst in seinem Garten ein Exemplar der schwarzen Orchidee aus dem obersten Teil Amazoniens. Leider ist die Pflanze von Viren befallen und daher schwer krank. »Ich kann die Pflanze nicht retten«, erklärt Schön mit Bedauern. Er habe die Orchidee halbiert und die andere Hälfte Kollegen in London geschickt. Aber auch dort sind die Blüten steril, sodass sich die Pflanze nicht weiter vermehren kann.

Doch zum Glück kann Schön auch auf Erfolge zurückblicken. Nicht immer geben Orchideenpflanzen ihre Krankheit an die Nachkommen weiter. Also testet Schön die DNA der zweiten Generation mit der PCR-Methode auf mögliche Defekte. PCR steht für Polymerase-Kettenreaktion und ist eine Methode, die Erbsubstanz in vitro zu vervielfältigen. Ist eine gesunde Pflanze dabei, wird auch diese weitervermehrt und die Folgegeneration erneut mit der PCR-Methode untersucht. Nur gesunde Exemplare aus der zweiten Generation dürfen die »Krankenstation« verlassen und werden dann anderen Gärten oder Institutionen zur weiteren Vermehrung zur Verfügung gestellt. Auf solche Erfolge ist Schön besonders stolz. /