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Homöopathische Reiseapotheke

Kokkelskörner und Arsen

09.05.2016
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Von Ulrike Viegener / Auch wenn sie wissenschaftlich angezweifelt wird, so vertrauen doch immer mehr Menschen auf die Homöopathie. Jetzt, wo die Reisezeit beginnt, müssen PTA oder Apotheker oft die Frage beantworten, welche Mittel in eine homöopathische Reiseapotheke gehören.

Vor allem bei Kindern werden homöopathische Arzneimittel gerne angewendet, aber auch Erwachsene greifen selbst immer öfter zu den wunder­samen Gobuli, die aus Sicht eines ratio­nalen Naturwissenschaftlers eigentlich gar nicht wirken können. Bei der in der Homöopathie eingesetzten Potenzierung werden die Wirkstoffe so hoch verdünnt, dass sich »die Materie roher Arznei-Substanzen zuletzt gänzlich in ihr individuelles geist­artiges Wesen auflöst«. So hat es Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, um das Jahr 1800 formuliert. Ein Arzt, der sich den naturwissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet fühlt, schüttelt angesichts solcher Aussagen über die Homöopathie im besten Fall den Kopf. Und doch gibt es auch Schulmediziner, die für dieses Behandlungsprinzip offen sind – nicht zuletzt, weil viele Anwender gute Erfahrungen mit Globuli und anderen homöopathischen Formulierungen gemacht haben und darauf schwören.

Das Ähnlichkeitsprinzip »similia similibus curentur« – Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden – gilt auch für die homöopathische Reiseapotheke. In der Homöopathie kommen Wirkstoffe zum Einsatz, die unverdünnt ähnliche Symptome wie die zu behandelnde Krankheit verursachen. Diese Wirkstoffe werden entweder mit Milchzucker verrieben oder mit Ethanol verschüttelt und nach wiederholter Verdünnung in entsprechender Potenz als Globuli, Tabletten oder Tropfen verabreicht.

Homöopathika finden zwar weltweit Anwendung, das gewünschte Arzneimittel im Ausland schnell zu beschaffen, gestaltet sich jedoch oft schwierig. Deshalb sollten Urlauber bereits im Heimatland ihre homöopathische Reiseapotheke zusammenstellen. Dabei gilt es, Urlaubsziel, Reiseart und Reisedauer sowie den Gesundheitszustand der Reisenden zu berücksichtigen.

Reisekrankheit vorbeugen

Viele Menschen setzt bereits die Fahrt in den Urlaub unter Stress: Ihnen wird beim Autofahren vor allem auf kurvigen Strecken übel, und auch schon ein leichter Wellengang auf dem Schiff löst bei ihnen manchmal die typischen Beschwerden der Reisekrankheit aus. Schwindel, Schweißausbrüche, Ohrensausen und Erbrechen, das keine Erleichterung bringt, gehören zum Beschwerdebild der Reisekinetose, die wahrscheinlich durch widersprüchliche Sinnesreize provoziert wird.

Ganz ähnliche Symptome verursacht der Verzehr von Kokkelskörnern, den Früchten der in Südasien heimischen Schlingpfanze Anamirta cocculus. Deshalb setzen Homöopathen Cocculus gegen die Reisekrankheit ein, und auch gegen Jetlag soll dieses homöopathische Mittel wirksam sein. Erwachsene sollen als Einzeldosis fünf, Kinder drei Globuli (Cocculus D6 beziehungsweise D12) einnehmen. Laut der Carstens-Stiftung, die sich mit der wissenschaftlichen Erforschung komplemen­tärmedizinischer Methoden befasst, sollten diejenigen, denen auf Reisen leicht übel wird, bereits eine Stunde vor Reiseantritt zwei Einzeldosen in kurzem Abstand nehmen, während der Reise drei Einzeldosen in halbstün­digem Abstand und anschließend bei Bedarf noch einige Anwendungen im Abstand von jeweils einer Stunde.

Tipps für das Beratungsgespräch

Das Beratungsgespräch zur homöopathischen Reiseapotheke sollte folgende Punkte beinhalten:

  • Homöopathische Arzneimittel sollten eine Minute im Mund hin- und herbewegt und erst dann ­geschluckt werden.
  • Homöopathika lassen sich ­bedenkenlos mit synthetischen beziehungsweise pflanzlichen ­Arzneimitteln kombinieren.
  • Nach Anwendung eines homöopathischen Arzneimittels ist eine Erstverschlimmerung der ­Beschwerden möglich.
  • Tritt nach spätestens 48 Stunden keine Besserung ein, ist der Arzt­besuch unumgänglich.

Bei Jetlag und Kater

Auch die Brechnuss (Nux vomica) soll gegen Jetlag wirken. Die in tropischen Regionen heimische Pflanze wird auch als Strychnin-Baum bezeichnet, weil alle Pflanzenteilen das tödliche Nervengift Strychnin enthalten. Zusätzlich sind andere Inhaltsstoffe wie Brucin und Vomicin für die Homöopathie relevant. In Mengen ab 0,75 Gramm lösen Brechnüsse extreme Muskelkrämpfe und Lähmungserscheinungen aus, in potenzierter, homöopathischer Zubereitung dagegen soll die Brechnuss entspannend auf die Verdauungsorgane und das Nervensystem wirken. Das Homöo­pathikum Nux vomica kommt bei Magen-Darm-Problemen sowie bei stressbedingten Syndromen zum Einsatz. Auch bei einem Kater nach einem feuchtfröhlichen Abendprogramm – speziell das Problem mancher Geschäftsreisender – soll die Brechnuss helfen.

Klassiker bei »Magen/Darm«

Okoubaka ist der homöopathische Klassiker zur Behandlung von Magen-Darm-Beschwerden. Besonders bei Reisen in ferne Länder wird der Verdauungstrakt häufig mit allerlei Ungewohntem konfrontiert und reagiert daher irritiert. Hinzu kommt eine mögliche Keimbelastung von Lebensmitteln und Trinkwasser. Vor allem in Regionen mit anderen Essgewohnheiten, unzureichenden Hygienebedingungen und/oder heißem Klima sollte deshalb Okoubaka in keiner Reise­apotheke fehlen.

Das Arzneimittel wird aus der Rinde des im westafrikanischen Urwald beheimateten Okoubaka-Baums gewonnen, deren entgiftende Wirkung in der regionalen Volks­medizin seit Jahrhunderten genutzt wird. Homöopathen empfehlen Okoubaka in unterschied­lichen Potenzierungen, sowohl zur Thera­pie als auch zur Prophylaxe von Magen-Darm-Erkrankungen. Zur Akut­behandlung soll die Einnahme in ein- beziehungsweise zweistündigem Ab­stand erfolgen, anschließend wird auf zwei- bis dreimal täglich 5 Globuli Okoubaka D3 reduziert.

Montezumas Rache

Bei wässrigen Durchfällen, wie sie für die Reisediarrhö – Montezumas Rache – typisch sind, setzt die Homöopathie auf Arsen (Arsenicum album). Die Beschwerden nach akuter Arsenvergiftung und bei durch Bakterientoxine verursachter Reisediarrhö weisen große Ähnlichkeiten auf, was den Einsatz von Weißarsenik, Arsen-III-oxid, in dieser Indikation begründet. Die akute Arsenvergiftung führt zu starker Übelkeit mit Erbrechen, Bauchschmerzen und blutigem Durchfall mit massiven Elek­trolyt-, Protein- und Wasserverlusten. Frieren und Erschöpfung bis hin zum Kollaps zählen ebenfalls zu den Hauptsymptomen.

Bei Sonnenallergie

Aber nicht nur Magen und Darm sind auf Reisen ungewohnten Belastungen ausgesetzt. Die starke Sonneneinstrahlung in vielen Urlaubsländern macht der Haut zu schaffen und hat Verbrennungen und Allergien zur Folge. Gegen Sonnenbrand und andere Verbrennungen ist Cantharis Lytta – die Spanische Fliege – das wichtigste Homöopathikum. Die Männchen dieses Insekts aus der Familie der Ölkäfer sondern bei Gefahr ein übelriechendes Sekret ab, das auf menschlicher Haut zur Blasenbildung führt. Im antiken Griechenland wurde das Gift der Spanischen Fliege zur Vollstreckung von Todesurteilen verwendet, denn bei oraler Aufnahme führt es zu lebensbedrohlichen Ent­zündungsreaktionen und letztlich zu Nierenversagen. Abgesehen von Haut­erkrankungen, die mit der Bildung von Blasen einhergehen, wenden Homöopathen Cantharis auch bei Blasenentzündungen an. Die gebräuchlichen Poten­zen liegen zwischen D6 und D12, in geringerer Potenz ist das Mittel wegen der starken Toxizität verschreibungspflichtig.

Bei Sonnenallergien ebenso wie bei Insektenstichen ist in der Homöopathie die Honigbiene – Apis mellifica – das Mittel der Wahl. Dabei wird nicht das isolierte Bienengift verwendet, sondern das ganze Insekt dient als Basis des Homöopathikums. Leitsymptome sind Schwellung und Rötung von Haut oder Schleimhäuten sowie brennende Schmerzen, wobei Kälte bei allen diesen Beschwerden Linderung bringt. Al­lergische Reaktionen sind die Domäne von Apis mellifica, aber auch bei verschiedenen anderen entzündlichen Erkrankungen kommt dieses Homöo­pathikum zum Einsatz. Im Urlaub ist Apis mellifica nicht nur ein probates Mittel bei Sonnenallergien, sondern auch einen Versuch wert nach Quallenkontakt oder bei Anzeichen einer Halsentzündung. Menschen mit bestehender Bienengift-Allergie dürfen das Homöopathikum allerdings nur in Potenzen ab D30 anwenden.

Die Tollkirsche – Atropa belladonna – wird in der Homöopathie bei akuten Entzündungen und Infektionen eingesetzt. Leitsymptome sind Hitzegefühl, Pochen und Schwellung, wobei plötzlich auftretende starke Beschwerden typisch sind. Anwendungsgebiete sind grippale Infekte, Mittelohrentzündung, Bindehautentzündung sowie Sonnenbrand und Sonnenstich.

Sollten Eltern noch unsicher bei der Behandlung mit Einzelmitteln sein, können sie auch Komplexmittel mit ge­eigneten Wirkstoffkombinationen mit auf die Reise nehmen. Solche Komplex­mittel bieten sich nicht zuletzt bei Kindern an. Zur Behandlung von Insekten­stichen eignet sich zum Beispiel ein Gel auf der Basis von Echinacea pallida, Ledum palustre, Urtica urens und Hamamelis virginiana (wie in Insectolin® Gel).

Die Wundheilung fördern

Arnica montana sollte schließlich als das klassische Wundheilmittel in keiner homöopathischen Reiseapotheke fehlen. Die krautige Pflanze trägt auch den schönen deutschen Namen Bergwohlverleih und wächst in den Alpen, im Bayrischen Wald sowie im Erzgebirge. Die wundheilende und blutstillende Wirkung des Wurzelstocks ist bereits seit dem Mittelalter bekannt. Als Homöopathikum kommt Arnica montana bei offenen Verletzungen ebenso zum Einsatz wie bei Prellungen, Zerrungen und Stauchungen, die in der Regel zu ausgeprägten Gewebetraumata mit Blutergüssen führen. /