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Mut statt Wut

Plädoyer für eine neue Medizin

09.05.2016  10:57 Uhr
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Von Christiane Berg, Hamburg / Die moderne Medizin ist zunehmend von Technisierung geprägt. Der »gesundheitswirtschaftliche Overkill«, so Experten, verschlingt Unsummen, macht jedoch den Einzelnen keineswegs gesünder. »Die Lösung liegt in der ganzheitlichen, also Körper, Seele und Geist umfassenden Betrachtung von Gesundheit und Krankheit«, sagt der Mediziner und Anthroposoph Professor Volker Fintelmann. PTA-Forum fragte nach.

PTA-Forum: Herr Professor Fintelmann, als Arzt für innere Medizin und Gastroenterologe sind Sie auch Autor zahlreicher anthroposophischer Pub­likationen und unter anderem Gründungs- und Vorstandsmitglied der Carus-Akademie in Hamburg. Die anthroposophisch ausgerichtete Fortbildungs- und Begegnungsstätte wendet sich an Menschen, insbesondere an Apotheker, Ärzte, PTA und MTA, die sich für die Möglichkeiten der ganzheitlichen Heilkunst interessieren. Was ist die Triebfeder Ihres Engagements?

Fintelmann: Ein tieferes inneres Anliegen unserer Arbeit ist es, dazu beizutragen, dass der Mensch im Einzelnen und die Medizin im Ganzen wieder Zugang zu den geistig-seelischen Aspekten des Menschseins gewinnt. Die Kommerzialisierung der Medizin hat dazu geführt, dass der Mensch heute nur noch als materielles Objekt und chemisch-physikalischer Automat und nicht als energetisches Geschöpf und Individuum betrachtet wird, das seelisch-geistig und somit körperlich aus dem Gleichgewicht geraten ist und – um zu gesunden – wieder ganzheitlich in Balance gebracht werden muss.

PTA-Forum: Mit Blick auf die Entwicklung der derzeitigen Medizin sprechen Sie von einer »tiefen Katastrophe«…

Fintelmann: Ja, ich erlebe diese Entwicklung als fatal und auch als eine gewisse Verachtung des Menschen. Gesundheit respektive Krankheit ist zur Ware geworden. Dabei ist es zutiefst unethisch und unchristlich, am kranken Menschen verdienen zu wollen und sich allein von Gewinnstreben und Profitmaximierung leiten zu lassen. Mehr und mehr von Politik, Krankenkassen, Gesundheitswirtschaftlern und Investoren dominiert ist die Medizin des 20. Jahrhunderts seelenlos geworden. Der Blick auf den Menschen in seiner Kostbarkeit und Einzigartigkeit ist verloren gegangen. Der mit ökonomischen Zwängen verbundene Verlust an Menschlichkeit und Autonomie macht nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte und Pflegeberufe, die zunehmend an den Rand ihrer psychischen und physischen Grenzen gelangen, verzweifelt und wütend.

PTA-Forum: In Ihren Vorträgen und Seminaren sprechen Sie nicht nur von der Krise der modernen Medizin, sondern auch von der Sinnkrise des gegenwärtigen Menschen als Grund dafür, dass individuelle und kollektive Burn-out-Syndrome um sich greifen. Was ist es, was den modernen Menschen erschöpft?

Fintelmann: Burn-out ist im doppelten Sinne als »Zeitkrankheit« zu betrachten. Sie ist zum einen als Zivilisa­tionskrankheit einer auf Status und Profit und somit auf Leistungsdruck und Wettbewerb ausgerichteten westlichen Welt zu verstehen, die den Blick für das große Ganze verloren hat. Sie kommt zum anderen als körperliche Erkrankung zum Ausdruck, die auf den Mangel an Zeit des Einzelnen für sich selbst zurückzuführen ist. Ob Arbeitsverdichtung oder mangelnde Autonomie in der Lebensplanung beziehungsweise am Arbeitsplatz: Der Mensch hat keine Muße mehr zur Besinnung und leidet somit zunehmend unter dem Verlust der Sinnhaftigkeit.

PTA-Forum: Was meinen Sie mit Sinnhaftigkeit?

Fintelmann: In jedem von uns existiert ein Tiefenbewusstsein, wofür wir in diesem Leben angetreten sind und welche Aufgaben wir uns vorgenommen haben, durch die wir uns nicht nur selbst fortentwickeln, sondern durch die wir auch unseren Beitrag zum Weltengang leisten – im Großen wie im Kleinen. Kann der Mensch diesen zutiefst menschlichen Ansprüchen an sich selbst angesichts äußerer Zwänge und Anforderungen nicht mehr gerecht werden, so brennt er aus und empfindet schließlich nur noch see­lische und körperliche Leere.

PTA-Forum: Nun sind es ja gerade die heilenden und helfenden, also die medizinischen und pharmazeutischen Berufe, die permanent für andere da sind und dabei ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse verdrängen müssen. Wie lässt sich das Burn-out verhindern, der Teufelskreis durchbrechen?

Fintelmann: Alle Menschen und gerade die, die in helfenden und heilenden Berufen tätig sind, müssen sich stets bewusst sein, dass der Kern des menschlichen Ich ein geistiger Kern ist. Und dass dieser geistige Kern gesehen werden will. Auch wenn es derzeit nicht zeitgemäß erscheint, so führt doch kein Weg daran vorbei: Regelmäßige Kontemplation, Einkehr und Stille sind unumgänglich, um nicht in den Sog der Sinnkrise und des Burn-out-Syndroms zu gelangen. Jeder Mensch muss trotz allen Lärms und aller Hetze regelmäßig Zwiesprache mit seiner inne­ren Welt halten. Jeder Mensch braucht immer wieder Zeit, um sich im wahrsten Sinne des Wortes zu »besinnen« und bei Kräften zu bleiben. Hier ist Selbstliebe, aber auch Selbstverantwortung und entsprechende Bewusstseinsarbeit gefragt. Wer bin ich? Was tue ich? Warum mache ich das? Ist es das, was ich wirklich will?

PTA-Forum: Leichter gesagt als getan. Wie lässt sich das im Alltag umsetzen?

Fintelmann: Es hilft, sich klar zu machen: »Der Mensch lebt nicht von Brot allein«. Mit anderen Worten: Wir alle brauchen nicht nur körperliche, sondern auch geistige Nahrung. Nicht zufällig kommen in der anthroposophischen Medizin neben medikamentösen und psychotherapeutischen Maßnahmen auch künstlerische Therapien, Sprach- und Musiktherapie, Malen und Plastizieren oder aber Biografie- und Literatur­arbeit und hier unter anderem auch das Studium großer Weisheits­lehren und philosophischer Schriften zum Einsatz. Schwere akute Krankheiten und Unfälle sind als Einbrüche in die bisherige Lebensstrategie zu betrachten und rufen zu einer entsprechenden Bilanzierung auf. Es geht darum, Antwort auf die Frage zu finden, was mir die akuten Beschwerden sagen wollen. »Der Körper ist wie eine Leinwand, auf die sich die Seele projiziert – und umgekehrt.« Das müssen wir immer wieder auch unserem Patienten vermitteln. Nur durch Vermittlung dieser Botschaft, nur durch Empathie und Einfühlungsvermögen, Intuition und Respekt können wir ihm bei der Bewältigung von Krankheit wirklich effektiv zur Seite stehen.

PTA-Forum: Hier beißt sich die Katze erneut in den Schwanz. Denn dazu bedarf es intensiver Gespräche, für die es wiederum in der Arztpraxis und in der Apotheke an Zeit mangelt. Wie können Apotheker, Ärzte, PTA und MTA hier dennoch bestehen?

Fintelmann: Hier ist Mut statt Wut gefordert: Mut dahingehend, dass wir nicht zuletzt uns selbst gegenüber jederzeit Rechenschaft über unsere Motivation und somit Folgerichtigkeit unseres Denkens, Fühlens und Handelns ablegen können. Nur durch die Geist­losigkeit unserer Zeit, das heißt die völlige Negierung einer geistigen Wirklichkeit, kann der Mensch so, wie im Moment, ohne jegliches Verantwortungsgefühl dem anderen und sich selbst gegenüber leben. Auch eine neue Medizin wird sich nur entwickeln können, wenn sich die in der Medizin tätigen Menschen ändern und sich wieder als Diener und Helfer im Rahmen der Suche des kranken Menschen nach Heilung verstehen. Es ist verhängnisvoll, Medizin als gewinnträchtige Basis für ertragreiche Geschäftsmodelle zu begreifen. Heilkunde und -kunst ist Dienst am Menschen, der sowohl der anderen als auch der eigenen Gesundheit und Wahrhaftigkeit verpflichtet ist. Nur wenn es gelingt, dieser Maxime wieder Akzeptanz zu verschaffen, wird es gelingen, auch die Medizin aus der Krise zu führen. /

Weiterführende Literatur

Intuitive Medizin – Anthroposophische Medizin in der Praxis, Volker Fintelmann, Hippokrates/Thieme Verlag, Stuttgart 2007, in circa zwei Monaten Neuerscheinung, Haug/Thieme Verlag, Stuttgart 2016

Zu bestellen bei der Service-Hotline des Govi-Verlags telefonisch unter 06196 928-250, per Fax-259 oder per E-Mail an service@govi.de

Medizin am Scheideweg, Volker Fintelmann, Mayer Verlag, Stuttgart (nur noch antiquarisch)