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Prosopagnosie

Probleme mit Gesichtern

09.05.2016  10:57 Uhr

Von Manuela Kupfer / Prosopagnostiker können bekannte ­Gesichter nicht von fremden unterscheiden, manchmal nicht ­einmal die ihrer Familie oder Freunde. Eine Therapie gegen diese Wahrnehmungsstörung gibt es nicht. Doch die Betroffenen ­können Strategien entwickeln, mit dem Defizit zu leben.

Als soziale Wesen haben Menschen täglich miteinander zu tun – in der Familie, im Beruf, beim Einkaufen, in der Freizeit. Dabei ist es für das Zusammenleben von Bedeutung, Unbekannte von Bekannten zu unterscheiden und diese auch individuell zu erkennen. Jedes Gesicht ist einzigartig, durch bestimmte Merkmale in den Gesichts­zügen erkennen Menschen einander wieder. Diese Identifizierung des Gesichts erfolgt praktisch automatisch und innerhalb von Sekundenbruchteilen. Das halten die meisten Menschen für selbstverständlich. Diese bemerkenswerte Fähigkeit wird jedoch durch ein komplexes System an kognitiven und neuronalen Prozessen ermöglicht. Daran beteiligt sind zahlreiche Regionen im Gehirn. Der für die Gesichts­erkennung wichtigste Bereich, das ­sogenannte fusiforme Gesichts­areal, liegt im unteren Schläfenlappen.

Hirnschaden als Ursache

Ein Fehler in diesem System kann die Ursache einer Prosopagnosie sein. Mit dem Begriff Prosopagnosie (von griech. prosopon = Gesicht, agnosia = Nichterkennen) wird die deutlich verringerte Fähigkeit eines Menschen bezeichnet, Gesichter wiederzuerkennen oder sich neue Gesichter zu merken und diese mit einer Person zu verknüpfen. Dieses Unvermögen wird auch – wenn auch nicht ganz korrekt – Gesichtsblindheit genannt. Der deutsche Neurologe Joachim Bodamer beschrieb im Jahr 1947 die Prosopagnosie wissenschaftlich als definiertes Störungsbild und prägte damit den Begriff. Er schilderte ausführlich die Symptome dreier Patienten, die nach einer Hirnverletzung das medizinische Personal und zum Teil sogar ihre Verwandten nicht mehr am Gesicht erkennen konnten. Die Patienten litten an der erworbenen Form der Störung, die durch strukturelle Veränderungen in Hirnarealen entsteht, die für die Gesichtsverarbeitung zuständig sind. Eine solche Hirnschädigung kann die Folge ganz unterschiedlicher Ereignisse sein. Dazu zählen ein Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumor, Schlaganfall, Kreislaufstillstand, virale Enzephalitis, Epilepsie oder eine Operation in dem entsprechenden Bereich des Gehirns. Insgesamt entwickeln jedoch relativ wenige Menschen eine Prosopagnosie infolge einer Schädigung relevanter Hirnareale.

Seit 40 Jahren ist bekannt, dass die Gesichtsblindheit auch angeboren sein kann. Zunächst hielten Wissenschaftler das Phänomen für eine Ausnahme­erscheinung. Doch auf der Grundlage neuer Studien gehen Forscher davon aus, dass sich etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung keine Gesichter merken können. In Deutschland könnten demnach 2 Millionen Menschen an Prosopagnosie leiden. Andere Schätzungen gehen sogar von 2 bis 5 Prozent aus. Die Störung tritt unabhängig vom Geschlecht auf – Frauen sind gleichermaßen betroffen wie Männer. Auch kulturelle und ethnische Aspekte spielen keine Rolle. Das Phänomen scheint einem einfachen – autosomal dominanten – Vererbungsmuster zu folgen. In der Familie eines Gesichtsblinden findet sich meist in direkter Linie ein Verwandter mit dem gleichen Defizit. Vermutlich wird also die Unfähigkeit zur Gesichtserkennung durch eine Punktmutation in einem Gen (oder mehreren) hervorgerufen. Um welches Gen es sich handelt und was es codiert, ist noch unklar. Denn anders als bei Menschen mit der erworbenen Form lassen sich bei an erblich bedingter Prosopagnosie Erkrankten keine auffälligen Veränderungen in den entscheidenden Gehirn­arealen feststellen.

Vor allem Hochbegabte

Bei Menschen mit angeborener Gesichtsblindheit ist das komplexe Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen gestört. Unbeeinträchtigt ist die Funktion der Augen, der Reizweiterleitung zum Gehirn und der Wahrnehmung grundlegender Merkmale wie Farben oder Formen. Prosopagnostiker sehen deutlich alle Facetten eines Gesichts wie Augen, Nase und Mund. Zudem können sie beurteilen, ob es männlich oder weiblich ist und ebenso entscheiden, ob sie es für attraktiv halten und welche Emotionen im Gesicht zum Ausdruck kommen. Das Defizit liegt einzig und allein im Nichtwiedererkennen. Prosopagnostiker leiden weder an Vergesslichkeit, noch an einer Konzentrations- oder gar psychischen Störung. Ihre kognitiven Fähigkeiten liegen üblicherweise im Normalbereich, in manchen Studien fand sich unter Hochbegabten sogar ein überraschend großer Anteil an gesichtsblinden Personen von 10 bis 15 Prozent.

Schwierige Diagnose

Warum manche Wissenschaftler den Anteil der Prosopagnostiker auf 2,5 Prozent und andere auf bis zu 5 Prozent schätzen, hat unterschiedliche Gründe. Vor allem existiert noch kein etabliertes Testverfahren speziell für Proso­pagnosie. Die Diagnose erfolgt ausschließlich anhand der vorliegenden Symptome. Je undeutlicher diese sind, umso schwieriger ist die Diagnose. Hinzu kommt, dass noch nicht alle Ärzte die angeborene Form kennen. Daher verwechseln sie die Symptome mit einer autistischen Störung. Zum anderen wird eine angeborene Prosopagnosie vermutlich auch deshalb nicht festgestellt, weil viele Betroffene sich ihrer Störung gar nicht bewusst sind, da sie von klein auf Kompensationsmethoden entwickelten.

Trotz einer gewissen Heterogenität der Symptome nennen Experten einige für Prosopagnosie typische Merkmale:

  • Beginn in der Kindheit, Bewusstwerden meist erst später im Leben,
  • Gesicht hat kaum Erkennungswert,
  • Identifizierung von Personen anhand spezifischer Merkmale,
  • Probleme hauptsächlich bei flüchtigen Bekannten; bei guten Bekannten nur, wenn sie sich schlagartig verändert haben oder in ungewohntem Zusammenhang angetroffen werden,
  • Blickkontakt nicht notwendig,
  • Einstufung einer unbekannten Person als bekannt oder
  • bekannte Person löst kein oder zu schwaches Bekanntheitsgefühl aus.

Die Unfähigkeit, bekannte Gesichter zu erkennen, bleibt ein Leben lang bestehen. Denn eine Therapie der Störung existiert nicht. Die Betroffenen können jedoch Strategien entwickeln, die ihnen das Leben erleichtern. So orientieren sie sich beispielsweise an konkreten, möglichst unveränderbaren Merkmalen einer Person. Augenabstand, Haaransatz oder Ohren­form sowie eine markante Nase, eine Zahnlücke oder buschige Augenbrauen sind günstige Orientierungspunkte. Gang, Stimme, Haltung, Mimik, Gestik und Statur, die Frisur oder besondere Merkmale wie ein Leberfleck, eine Brille oder Narben erleichtern ebenfalls die individuelle Erkennung. Für Prosopa­gnostiker kann es sinnvoll sein, diese Fähigkeiten bewusst zu trainieren, zum Beispiel unter Anleitung eines Neuropsychologen. Dieses Training kann ihnen helfen, sich trotz Gesichtsblindheit in der sozialen Umgebung zurechtzufinden.

Außerdem laufen Versuche, die ­Gesichtserkennung durch Gaben bestimmter Arzneisubstanzen zu ver­bessern. So gibt es Hinweise, dass die Inhalation von Oxytocin, das auch als Hormon der Nähe bezeichnet wird, die Verarbeitung von Gesichtern im ­Gehirn verbessert.

Tipps für den Alltag

Im Allgemeinen kommen Menschen mit angeborener Prosopagnosie im Alltag gut zurecht und fallen erst in besonderen Situationen auf, beispielsweise wenn sie einem bekannten Menschen in ungewohnter Umgebung unerwartet begegnen. Im Unterschied dazu bereitet die Störung Kindern mehr Probleme. 50 Prozent des Nachwuchses von Prosopagnostikern haben selbst Schwierigkeiten mit der Gesichtserkennung. Für diese Kinder ist es schwierig, im alltäglichen Umgang nicht als desinteressiert und arrogant zu gelten. Da sie in der Regel Blickkontakt scheuen, kann dies zu sozialer Ausgrenzung führen. Daher sollten die ­Eltern die Erzieher, Betreuer beziehungsweise Lehrer über die Störung informieren, damit diese frühzeitig gegensteuern und auch Tipps geben können. Zum Beispiel, wie die richtigen Strategien dabei helfen, sich ein anderes Kind lieber über die Form seiner Ohren als über die Farbe seiner Jacke zu merken. /