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Rauchstopp

Start in ein Leben ohne Qualm

09.05.2016
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Von Nicole Schuster / Raucher wissen, wie sehr die Sucht ihrer Gesund­heit schadet. Dennoch greifen sie regelmäßig zur Zigarette. Aufzuhören fällt den meisten extrem schwer. Aussteiger müssen sehr konsequent handeln und Durchhalte­vermögen zeigen. Professionelle Hilfe, Medikamente und Verhaltensregeln können dabei helfen.

In Deutschland rauchen etwa 20 Mil­lionen Menschen. Mit jedem Zug inhalieren sie einen Giftcocktail aus Nicotin und weiteren Tausend anderen Substanzen, darunter vielen krebserregenden und hochgiftigen. Das bleibt nicht ohne Folgen: Primär leiden Lunge und Atemwege. Etwa 90 Prozent der Lungenkrebsfälle gehen auf Tabak­konsum zurück.

Rauchen ist zudem die wichtigste Ursache für die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Neben einem generell erhöhten Lungenkrebsrisiko müssen Raucher auch mit Schäden an anderen Organen rechnen, beispielsweise an den Augen, dem Zahnhalteapparat, dem Magen-Darmtrakt, den Knochen oder den Geschlechtsorganen rechnen. Außerdem erkranken sie öfter an Typ-2-Diabetes und chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erleiden doppelt so oft wie Nichtraucher einen Schlaganfall.

»Raucher verlieren durchschnittlich zehn Lebensjahre und viel Lebensqualität durch entstandene körperliche Schäden«, sagt Dr. Martina Pötschke-Langer, die Leiterin der Stabsstelle Krebs­prävention und des WHO-Kollabora­tions­zentrums für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg im Gespräch mit dem PTA-Forum. »Etwa die Hälfte stirbt an den Folgen.« In Deutschland sind das jährlich circa 121 000 Menschen, jeder Zweite im Alter zwischen 35 und 69 Jahren.

Raucher gefährden aber nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Das DKFZ geht davon aus, dass in Deutschland jährlich über 3300 Nichtraucher durch das Einatmen von Tabakrauch (Passivrauchen) sterben. Bei Kindern steigt das Risiko für akute und chronische Atemwegserkrankungen, wenn die Eltern rauchen. Bei Tabakinhalation in der Schwangerschaft drohen dem Ungeborenen Gesundheitsschäden und ein erhöhtes Risiko für Asthma und Allergien.

Das Belohnungszentrum

Trotz der massiven Gesundheitsgefahr, die von Zigaretten ausgeht, fällt es den meisten Rauchern schwer, aufzuhören. Denn sie sind sowohl körperlich als auch psychisch abhängig geworden. Das starke Verlangen zu rauchen, verschwindet erst nach einigen Zügen an der Zigarette. Betroffene fühlen sich körperlich unwohl, wenn sie länger nicht rauchen können und haben meist ständig einen Vorrat an Zigaretten griffbereit.

Für die körperliche Abhängigkeit ist das Nicotin verantwortlich. Es bindet im Gehirn an bestimmte Rezeptoren und stimuliert dadurch im Belohnungszentrum die Freisetzung von Dopa­min. Der Körper gewöhnt sich an die regelmäßige Zufuhr und fährt die Bildung von Nicotinrezeptoren hoch. Damit das Belohnungszentrum weiterhin aktiviert wird, sind immer größere Mengen Nicotin erforderlich. Bleibt der Nachschub aus, sind Entzugssymptome wie Nervosität, Reizbarkeit, Aggressivi­tät, Angst, schlechte bis depressive Stimmung, Schlafstörungen, verstärktes Hungergefühl oder Konzentrationsprobleme die Folge.

Die psychische Abhängigkeit äußert sich beispielsweise dadurch, dass Raucher bestimmte Alltagssituationen mit dem Griff zur Zigarette koppeln, etwa das Aufstehen, die Arbeitspause oder einen Kneipenbesuch. Raucher verbinden mit dem Tabakkonsum zudem positive Gefühle wie Entspannung, Stressreduktion und Genuss. Entzugssymptome wie allgemeines Unwohlsein, die auf den Rauchstopp folgen, lassen viele rückfällig werden.

Keine Dauerlösung

Wer sich das Rauchen abgewöhnen möchte, sollte abrupt aufhören. Das bestätigt eine aktuelle Studie von englischen Wissenschaftlern: Menschen, die die Zigarettenmenge stattdessen langsam reduzieren, werden schneller rückfällig. Um Entzugssymptome auf körperlicher Ebene abzumildern, helfen Nicotin-haltige Präparate in Form von Kaugummis, Lutsch­tabellen, Inhalatoren, Sprays oder Pflastern. Sie enthalten zwar Nicotin, dieses wird aber langsamer aufgenommen. Dadurch ist das Suchtpotenzial geringer. Die Dosierung richtet sich unter anderem nach der Menge an Zigaret­ten, die der Raucher zuvor täglich konsumiert hat.

Nicotinkaugummis gibt es in verschiedenen Stärken (2 mg und 4 mg) und Geschmacksrichtungen rezeptfrei in der Apotheke. Damit diese die Mund- und Magenschleimhaut nicht zu stark reizen, sollten sie langsam gekaut und der Kaugummi zwischendurch in der Wangentasche geparkt werden. Nicotin-Lutschtabletten sind ebenfalls in verschiedenen Stärken (1 mg, 2 mg und 4 mg) erhältlich. Sie zergehen im Mund. Beim Inhaler saugt der Anwender das Nicotin über ein Mundstück aus einer Patrone an, das Spray sprüht er sich direkt in den Mund.

Bei diesen oralen Formen gelangt das Nicotin über die Mundschleimhaut schnell ins Blut, sodass die Wirkung nach 15 bis 30 Minuten eintritt. Ein Nicotinpflaster gibt – morgens auf die Haut geklebt – den Tag über gleichmäßig den Suchtstoff ab und muss täglich erneuert werden. Die Wirkung ist eine halbe bis ganze Stunde nach dem Aufbringen zu erwarten. Bei den Pflastern sind drei Stärken im Handel.

Einige Raucher profitieren am meisten von der Kombination verschiedener Präparate: in der Regel eines Nicotin-Pflasters mit einem schneller wirk­samen Mittel. Die Behandlung sollte dann aber nur in Absprache mit dem Arzt geschehen.

Allerdings ergab eine US-ameri­kanische Studie, dass Nicotinersatzpräparate nicht ausreichen, um Raucher dauerhaft zu entwöhnen: Die Rückfallrate unter denjenigen, die Nicotinersatzpräparate anwendeten, war genauso groß wie in einer Vergleichsgruppe, die darauf verzichteten. Zudem gibt Pötschke-Langer zu bedenken: »Die Präparate enthalten ja zwangsläufig Nicotin. Der Stoff ist zwar weniger giftig als andere Inhaltsstoffe des Tabakrauchs, wirkt aber möglicherweise auch krebserregend. Nicotinhaltige Präparate sollten daher nur eine Übergangslösung sein und nicht dauerhaft angewendet werden.«

So erleichtern auch nicht Nicotin-haltige Medikamente den Rauchstopp. Hier sind in Deutschland die verschreibungspflichtigen Wirkstoffe Bupropion und Vareniclin zugelassen. Die Arzneimittel erfordern eine ärztliche Überwachung und bringen verschiedene, darunter auch schwere Nebenwirkungen mit sich.

Hilfe für die Psyche

Die psychische Abhängigkeit ist in der Regel schwerer zu überwinden als die körperliche. Manchmal dauert es Jahre, bis das Verlangen nach einer Zigarette – ausgelöst durch bestimmte Handlungen oder Situationen – verschwindet. »Wichtig ist hier Konsequenz«, weiß Pötschke-Langer. Das bedeutet: »Alle Rauchutensilien entsorgen, frühere Rauchplätze meiden beziehungsweise umgestalten, alltägliche Routineab­läufe ändern und typische Rauchsituationen ersetzen.« 

Menschen oder Umgebungen, die zum Rückfall animieren könnten, sollten die Betroffenen meiden und sich stattdessen mit Personen umgeben, die den Rauchstopp unterstützen. Damit die Hände etwas zu tun haben, können Alternativen wie die Beschäftigung mit einem Igelball helfen. Wird das Verlangen zu rauchen sehr groß, sollten sich Betroffene ablenken, zum Beispiel Sport treiben oder sich mit vertrauten Nichtrauchern treffen. Gegen Nervosität und Anspannung helfen Entspannungsübungen.Eine Sorge vieler Raucher ist, dass sie durch den Rauchstopp zunehmen. Um das zu verhindern, sind Kalorienreduktion und ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse zu empfehlen.

Professionelle Hilfe

Betroffene, vor allem jene, die schon einmal oder mehrfach rückfällig geworden sind, sollten sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt. Doch auch andere Anlaufstellen bieten Hilfe. Eine Datenbank mit entsprechenden Adressen stellt das DKFZ unter www.anbieter-raucherberatung.de zur Verfügung.

»Als ideal erweist sich oft eine medikamentöse Behandlung kombiniert mit einer psychotherapeutischen Betreuung«, so die Expertin. Eine solche Tabak­entwöhnungstherapie verringert die Gefahr, dass die psychische und physische Abhängigkeit zu einem Rückfall führen.

Stärkste Motivation

Der Weg zum Nichtraucher mag zwar hart sein, doch die Zahlen machen Mut: »Etwa die Hälfte all jener, die versuchen, aufzuhören, schaffen es auch«, erzählt Pötschke-Langer. Erfolge ver­buchen vor allem Menschen jenseits der 60, bei denen sich erste Gesundheitsschäden bemerkbar machen. »Die Angst um die Gesundheit ist die wichtigste Motivation, mit dem Rauchen aufzuhören«, weiß die Expertin.

Wer den Ausstieg beginnt, wird zudem schnell mit ersten positiven Effekten belohnt und merkt zum Beispiel, dass er schon nach 48 Stunden wieder besser riechen und schmecken kann. Allmählich sinkt auch das Risiko für Folge­erkrankungen.

Da Rauchen die Gesundheit extrem gefährdet, kommt der Prävention große Bedeutung zu. »Die Maßnahme, die bisher zum stärksten Rückgang geführt hat, ist die Erhöhung der Tabaksteuer«, sagt die Expertin. Auch sogenannte Schockbilder auf Zigarettenpackungen würden das Suchtmittel weniger schmackhaft machen. Um aber gerade junge Menschen vom Rauchen abzuhalten, sei es vor allem wichtig, die oft aggressive Werbung, beispielsweise auf Plakaten, zu verbieten. Sie lassen Rauchen nach wie vor cool erscheinen. Damit mehr Jugendliche die Finger von den Zigaretten lassen, kann es helfen, sie in der Schule über die Folgen aufzuklären und mit der Klasse an Aktionen wie dem bundesweiten Wettbewerb »Be smart – don’t start« teilzunehmen. Auch nichtrauchende Vorbilder unter den Bezugspersonen sind wichtig.

E-Zigaretten, die bei vielen Jugendlichen beliebt sind, sind übrigens keine Alternative. »Sie enthalten zwar kein Nicotin, dafür aber zahlreiche andere gesundheitsschädigende Stoffe«, erklärt Pötschke-Langer. /