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Harnuntersuchung

Diagnose aus dem Urin

09.05.2017  11:50 Uhr

Von Isabel Weinert / Der Urin eines Menschen sagt viel über dessen Gesundheit und Lebensweise aus. Deshalb zählt die Untersuchung des Harns zu den ältesten und grundlegenden Diagnosemethoden in der Medizin. Neun Werte haben sich als Parameter für den Gesundheitszustand bewährt.

Pro Tag bildet ein gesunder Mensch – abhängig von der Trinkmenge – 500 bis 2000 ml Urin. Zwei- bis sechsmal täglich entleert er seine Blase, die dabei 200 bis 400 ml Harn abgibt. Deutlich geringere und deutlich größere Harnmengen sind physiologisch möglich, können jedoch unter anderem auch eine Niereninsuffizienz (verringerte Harnmenge) oder Diabetes (häufig viel Harn) anzeigen.

Normaler Urin ist je nach Trink­menge klar und stroh- bis bernsteingelb. Heller Harn lässt auf eine gute Trinkbilanz schließen, dunkler auf einen Mangel an Flüssigkeit. Trüber Urin tritt bei bevorzugt pflanzlicher Ernährung auf, aber auch durch im Harn enthaltenen Eiter sowie durch Zellen wie Leukozyten, Erythrozyten und Bakterien. Bleibt Urin länger stehen, wird er dunkler und meist trüb. Denn Salze, die im warmen Harn gelöst vorliegen, fallen aus, wenn dieser abkühlt. Anlass, den Arzt nachforschen zu lassen, geben neben einer deutlichen Trübung auffäl­lige Verfärbungen. Sie können, müssen aber keine pathologische Ursache haben, da auch manche Lebensmittel und Medikamente den Harn verfärben.

Frischer Urin riecht schwach aromatisch, allerdings unangenehm, sobald er eine Weile steht. Bakterien zersetzen ihn dann, und es entsteht Ammoniak. Darüber hinaus deutet Acetongeruch auf Diabetes hin: Die hohen Zuckerwerte führen zu einer Ketoacidose, in deren Rahmen viel Aceton anfällt, das Diabetiker mit der Atemluft und dem Urin ausscheiden.

Viele Patienten nutzen die Möglichkeit, zu Hause selbst mit Schnelltests bestimmte Erkrankungen zu überprüfen. Sei es, um eine Blasenentzündung frühzeitig zu erkennen oder um sich immer einmal wieder zu vergewissern, dass soweit »alles in Ordnung« ist – auch bei bestehendem Diabetes. Manche Tests erfassen gleich mehrere Parameter: Bilirubin, Erythrozyten, Glucose, Ketone, Leukozyten, Nitrit, Protein und Urobilinogen sowie den pH-Wert. Einzeltests prüfen auf Glucose, Ketone und das Eiweiß Albumin.

Bilirubin

Der Nachweis des Gallenfarbstoffs deutet auf Lebererkrankungen hin, beispielsweise auf Zirrhose, Gelbsucht oder den Verschluss der Gallenwege.

Erythrozyten

Die roten Blutkörperchen gelangen bei Erkrankungen der Nieren und der ableitenden Harnwege in den Urin, aber auch bei Harnsteinen oder im Zusammenhang mit Tumoren.

Glucose

Überschreiten die Blutzuckerwerte die sogenannte Nierenschwelle von etwa 160 mg/dl, können die Nieren Glucose nicht mehr zurückhalten, sie gelangt in den Harn. Der Glucosenachweis im Urin sagt allerdings nichts über die Höhe des Blutzuckers aus und auch nicht, wann der Wert zu hoch lag. Er eignet sich deshalb nicht als Grundlage für Diabetiker, um den Stoffwechsel exakt einzustellen.

Zudem ist der Glucosenachweis im Urin positiv, wenn Typ-2-Diabetiker SGLT-2-Hemmer einnehmen. Diesen Arzneistoffen liegt die Glucoseausscheidung als therapeutisches Prinzip zugrunde.

Ketone

Sie entstehen als Zwischenprodukte des Fettabbaus, also immer dann, wenn der Körper Fett verbrennen muss, um Energie zu gewinnen. Das ist bei hohen Blutzuckerwerten der Fall, aber auch beim Fasten oder einer Mangel­ernährung. Ketone im Urin zeigen Diabetikern einen akuten Notfall an – der Stoffwechsel übersäuert gefährlich (Ketoacidose).

Die Patienten können die Stoffwechselsituation normalisieren, indem sie den Blutzucker engmaschig kontrollieren, viel Wasser trinken und schnell wirksames Insulin gemäß den Vorgaben ihres Arztes spritzen. Oft müssen Diabetiker wegen einer Ketoacidose jedoch ein Krankenhaus aufsuchen.

Leukozyten

Weiße Blutkörperchen zeigen entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege und der Nieren an. In der Regel fällt dann auch der Nitritnachweis positiv aus, weil Bakterien am Werk sind. Leukozyten im Urin ohne den Nachweis einer bakteriellen Infektion können auf eine Urogenitaltuberku­lose, einen Tumor oder eine chronische Pyelonephritis hinweisen.

Nitrit

Im Stoffwechsel einiger Bakterien fällt Nitrit an. Dazu gehören auch Escherichia Coli als häufigste Erreger von Harnwegsinfekten. Verwendet der Patient den ersten Morgenurin, lassen sich 90 Prozent der bakteriell bedingten Harnwegsinfekte über den posi­tiven Nitritnachweis diagnostizieren.

pH-Wert

Der normale Urin-pH liegt bei etwa 6,0, ist also leicht sauer. Der Norm­bereich variiert zwischen 4,8 und 7,6. Bakterielle Infektionen, aber auch pflanzliche Nahrung verschieben den pH-Wert nach oben, also in den alka­lischen Bereich. Bei unbehandeltem oder schlecht eingestelltem Diabetes, beim Fasten oder bei bevorzugt tierischer Ernährung sinkt der pH-Wert.

Protein

Eiweiß taucht im Urin normalerweise nicht in nennenswerter Konzentration auf. Der Test überprüft die Menge an Albumin, das kleinste im Körper vorkommende Eiweiß. Ein positives Ergebnis gilt als unspezifischer Marker für Nierenerkrankungen. Um die Nierenfunktion von Menschen zu überprüfen, deren Risiko einer Nierenschädigung erhöht ist wie Diabetiker und Hyper­toniker, eignen sich nur spezielle Albumintests.

Urobilinogen

Ein positives Ergebnis spricht dafür, dass die Leber nicht richtig arbeitet oder überfordert ist. Sind die Gallengänge komplett verschlossen, fehlt Urobilinogen im Harn vollständig.

Auf die Probe kommt es an

Nur aus sauberen Urinproben lassen sich zuverlässige Ergebnisse ableiten. Um solch einen Urin zuhause zu gewinnen, müssen Frauen vorab mit Wasser die Schamlippen, Männer die Eichel säubern. Anschließend dürfen sie nur den sogenannten Mittelstrahlurin sammeln. Dazu geben sie den ersten Harnstrahl in die Toilette ab – Frauen am besten mit gespreizten Schamlippen – und erst den Folgeharn in einen frischen Urinbecher, bis dieser etwa halbvoll ist. Der restliche Harn landet dann wieder in der Toilette. Den Sammelbecher sofort gut verschließen und die Urinprobe schnellstmöglich entweder zuhause selbst testen oder zum Arzt bringen.

Der Tester taucht den Streifen kurz in die Urinprobe, zieht ihn heraus und streicht ihn am Gefäßrand ab. Nach der in der Packungsbeilage­ angegebenen Zeit vergleicht er die Felder des Teststreifens mit den Musterfeldern. Ausgewertete Teststreifen gehören in den Müll, unbenutzte ausschließlich in das dafür vorgesehene Röhrchen. Die Testfelder dürfen nicht mit den Fingern berührt werden.

24 Stunden sammeln

Der Sammelurin von 24 Stunden eignet sich vor allem für quantitative Unter­suchungen, etwa auf Albumin oder auf Kreatinin. In diesem Fall muss der Pa­tient den ersten Morgenurin ablassen und anschließend über 24 Stunden seinen­ gesamten Urin sammeln, einschließlich des Morgenurins am nächsten Tag. Den Urin fängt er mit einem Urinbecher unter den oben genannten hygienischen Bedingungen auf und füllt ihn dann in ein Sammelgefäß um, das er vom Arzt erhalten hat. Das Sammel­gefäß muss er während der gesamten Zeit kühl aufbewahren. Nach den 24 Stunden liest der Patient an der Milliliter-Einteilung des Gefäßes ab, wie viel Urin zusammengekommen ist. Dann mischt er den Urin im fest verschraubten Sammelgefäß durch vorsichtiges Schwenken und gießt ihn anschließend bis zur obersten Markierung in einen verschließbaren Urinbecher. Den Rest des Urins aus dem Sammel­gefäß schüttet er in die Toilette und reinigt das Gefäß mit warmem Wasser. Die Probe und das gereinigte Gefäß gibt er dem Arzt zurück, ebenso einen Zettel, auf dem er die Gesamtharnmenge aus 24 Stunden notiert hat. /

Fehlerhafte Probe

Falsche Ergebnisse können entstehen durch:

  • Infekte,
  • starke körperliche Belastung/intensiven Sport,
  • Periode der Frau,
  • Fehler bei der Entnahme oder zu langes Stehenlassen,
  • warmen Ort zur Aufbewahrung,
  • Vitamin C in größerer Menge. Es behindert die Oxidationsreaktion der Testfelder auf Blut und Glucose. Das führt zu falsch-negativen Ergebnissen. Tests mit einer Vitamin-C-Ent­störung minimieren dieses Risiko.