PTA-Forum online
Borderline

Ein Leben an der Grenze

09.05.2017  11:50 Uhr

Von Katrin und Tim Schüler / Nicht jeder Selbstmordversuch oder jede selbst verletzende Handlung ist auf eine psychische ­Störung oder Erkrankung zurückzuführen. Allerdings trifft dies auf einen Großteil zu. Einen wichtigen Stellenwert in diesem Symptom­komplex nimmt die Borderline-Persönlichkeitsstörung ein. Die meisten Menschen wissen oft nur bruchstückhaft und nicht exakt, was diese Erkrankung ausmacht.

»Ich brauche große sterile Pflaster! Bitte schnell, es blutet immer noch!« wendet sich die aufgebrachte, junge Frau an die PTA. Diese ist von der heftigen Forderung zunächst etwas irritiert, entscheidet sich aber schnell, die Situation in Ruhe zu betrachten. Sie lässt sich zuerst die Wunde zeigen, damit sie passendes Verbandsmaterial empfehlen kann. Auf ihren linken Unterarm drückt die Frau ein blutgetränktes Küchen­tuch, das sie vermutlich hastig um den Unterarm geschlungen hat. Nachdem die Kundin auf Bitten der PTA das Tuch abnimmt, werden mehrere tiefe Schnittwunden am Handgelenk sichtbar. Mit einem mulmigen Gefühl überreicht sie ihr das passende Verbandsmaterial und beide versorgen die Wunde direkt in der Apotheke.

Als die junge Frau die Apotheke verlässt, fragt sich die PTA, ob sie diese nicht besser zum Arzt geschickt hätte. Die Wunden waren relativ tief und sahen so aus, als hätte die Frau versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Möglicherweise müsste auch ihr Tetanusschutz überprüft werden. Die PTA hat sich von der Hektik der Kundin anstecken lassen. Diese wollte die Apotheke offensichtlich möglichst schnell wieder verlassen. Doch im Gespräch mit dem Arzt hätte dieser die psychische Verfassung der Frau besser einschätzen und ihr weitere Hilfe vermitteln können.

Auffällig werden Patienten meist über ihr selbstverletzendes Verhalten ohne explizite Suizidabsicht. Viele setzen die Autoaggression als inadäquates Mittel zur Stressreduktion ein, zum Beispiel, um das Gefühl der inneren Leere zu überbrücken und »sich wieder selbst zu spüren«. Aber auch die Unfähigkeit, stabile soziale Beziehungen aufzubauen und zu führen und ständig wechselnde Emotionen sind weitere markante Zeichen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Suche nach den Auslösern

Wie Persönlichkeitsstörungen entstehen, haben Wissenschaftler noch nicht eindeutig geklärt. Sie nehmen ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren an, zum Beispiel genetische Varia­tionen, da diese häufig mit dem Neurotransmittersystem des Gehirns in Verbindung stehen. Weiterhin findet man bei manchen Erkrankten morphologische und funktionelle Auffälligkeiten in bestimmten Hirnarealen, wie der Amygdala, dem Hippocampus oder dem frontalen Kortex. Doch spielen auch soziale Einflussfaktoren und Erfahrungen in der Kindheit eine wichtige Rolle. Dazu zählen ganz wesentlich die Erfahrung körperlicher Gewalt und vor allem sexueller Missbrauch. Leidet ein Verwandter ersten Grades an der Persönlichkeitsstörung, steigt das Risiko für die Angehörigen, selbst an Borderline zu erkranken, um den Faktor 10.

Gesicherte Zahlen zur Zahl der Erkrankten gibt es nicht, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich sehr hoch. Laut Veröffentlichungen sollen bis zu 2 Prozent der Bevölkerung betroffen sein, wobei vor allem ab dem 45. Lebensjahr deutlich weniger Menschen neu erkranken, Zwar sollen Frauen häufiger betroffen sein, jedoch ist das nicht eindeutig belegt.

Im Verlauf der Erkrankung bessern sich die Symptome zwar meist, dennoch bleibt langfristig eine starke Einschränkung besonders in sozialen Bezügen bestehen. Die überwiegende Zahl der Patienten berichtet während des Krankheitsverlaufs von größeren Episoden der Autoaggression und vor allem auch von Suizidversuchen. In den ersten 15 Krankheitsjahren versuchen schätzungsweise bis zu 10 Prozent der Borderline-Patienten, sich das Leben zu nehmen. Damit ist diese Persönlichkeitsstörung neben den Depressionen für einen wesentlichen Teil der Suizide in Deutschland verantwortlich. Besonders wenn sich die Erkrankten nach einem gescheiterten Selbstmordversuch nicht von ihrem Vorhaben distanzieren können, besteht auch weiterhin höchste Gefahr.

In diesem Zusammenhang ist zudem wichtig zu wissen, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig von weiteren physischen und psychischen Störungen begleitet wird. Beispiele sind depressive und psychosomatische Erkrankungen, Substanzabhängigkeiten oder auch Schmerzsyndrome, Bluthochdruck, Diabetes sowie Übergewicht.

Geeignete Diagnostik

Ärzte diagnostizieren psychische Störungen prinzipiell nach einem ähnlichen Muster. An erster Stelle steht das Gespräch mit dem Patienten. Zum Erarbeiten einer Verdachtsdiagnose fragt der Arzt mit kurzen Screeningbögen die Krankheitssymptome bestimmter psychischer Erkrankungen spezifisch ab. Danach erstellt er an Hand standardisierter Erfassungsbögen einen umfassenden psychopathologischen Befund, der alle Aspekte der individuellen psychischen Situation des Patienten erfasst. Die Symptome ordnet er anschließend nach der in Deutschland geltenden ICD-10-Klassifikation spezifischen Erkrankungen zu. Die ICD-Kriterien dienen besonders in der Psychiatrie als Diagnosegrundlage. In den USA und in deutschen Universitätskliniken wird darüber hinaus noch die sogenannte DSM-V-Klassifikation angewandt, die ähnlich aufgebaut ist, aber von vielen Fachleuten als moderner angesehen wird. Um organische Ursachen für die Symptome – allen voran neurologische oder onkologische Erkrankungen – auszuschließen, dient eine erweiterte Diagnostik mit Labordaten, apparative Methoden oder Bildgebungsverfahren.

Therapieansätze

An erster Stelle in der Therapie einer Borderline-Persönlichkeitsstörung steht die Psychotherapie – meist im Rahmen einer mehrwöchigen stationären Behandlung. Im Sinne der Verhaltenstherapie trainieren die Erkrankten, sich selbst besser einzuschätzen und erlernen stressreduzierende Verhaltensweisen sowie Problemlösestrategien, mit denen sie sich selbst nicht schaden. Darüber hinaus versuchen die Therapeuten die Empathiefähigkeit der Patienten zu verbessern. Zudem werden sie in der Therapie in gesundheitsfördernden Maßnahmen wie sportlichen Aktivitäten bestärkt. Sie sollen ihre sozialen Bindungen pflegen und auf einen gere­gelten Tagesablauf beziehungsweise Schlafrhythmus achten.

Typische Symptome

Unter einer Persönlichkeitsstörung verstehen Fachärzte eine Persönlichkeitsstruktur, die von der Norm abweicht, sich in charakteristischen, unflexiblen Verhaltensweisen äußert, welche wiederum Leidensdruck verursachen. Bei der Borderline-Erkrankung ordnen sie die Hauptsymptome in drei Gruppen:

  • Affektregulationsstörungen: wechselhafte, unregulierbare Emotionen bei unpassenden Auslösern,
  • Verhaltensauffälligkeiten: impulsives oder selbstverletzendes Verhalten bis zur Suizidalität und
  • Probleme in sozialen Beziehungen: instabile Partnerschaften, radikale oder paranoide Gedanken, Gefühle der inneren Leere, Bedrohlichkeitswahrnehmung der eigenen Gefühle oder Iden­titätsstörungen.

Mitunter beeinflussen auch Arznei­mittel den Krankheitsverlauf positiv. Allerdings ist in Deutschland kein Arznei­mittel für die Indikation Persönlichkeitsstörung zugelassen. Im Off- Label-Use setzen Ärzte atypische Neuro­­lep­tika wie Aripiprazol oder Olanzapin und Stimmungsstabilisa­toren allen voran Antiepileptika wie Lamotrigin, Topiramat oder Valproinsäure ein. Antidepressiva, klassische Neuroleptika und MAO-Inhibitoren verordnen sie hingegen eher selten, da deren Wirkung für diese Indikation vermutlich ausbleibt. Ebenso meiden sie Substanzen mit Abhängigkeitspoten­zial genauso wie eine Polypharmazie.

Eine effektive Heilung lässt sich mit den derzeitigen Therapieoptionen leider nicht erzielen, dafür sind auch die Kenntnisse zur Krankheitsentstehung noch zu ungenau. Oberstes Ziel der Behandlung ist daher, die Symptome und den Leidensdruck zu verringern. Allerdings ist die Rate der Therapieabbrüche bei Borderline-Patienten mit knapp 50 Prozent sehr hoch.

Verwechslungsgefahr

Häufig verwechseln Laien die Borderline-Persönlichkeitsstörung mit der Bipolaren Störung. Beide sind jedoch völlig unterschiedliche Erkrankungen. Die Bipolare Störung betrifft vor allem den Affekt, also das emotionale Empfinden. Depressive Episoden wechseln sich dabei in unterschiedlichen Abständen mit neutralen und manischen (eupho­rischen) Stimmungszuständen ab. Vor allem in depressiven Phasen besteht die Gefahr der Suizidalität, aber auch in manischen Phasen legen manche Patienten lebensgefährliches Verhalten an den Tag, indem sie beispielsweise mit dem Auto überhöhte Geschwindigkeiten fahren. Darüber hinaus führen manische Phasen zu einem leidenschaftlichen Tatendrang, wie Kaufrausch, Hypersexualität oder totaler Selbstüberschätzung – mit den damit verbundenen sozialen und ökonomischen Folgen. Besonders in den manischen Phasen erschwert die mangelnde Krankheitseinsicht der Patienten die Behandlung. Zur Therapie verordnen Ärzte stimmungsstabilisierende Arzneimittel wie Lithiumpräparate, Antikonvulsiva (Carbamazepin, Valproin, Lamo­trigin) und Neuroleptika (im Akutfall zum Beispiel Haloperidol), aber eher selten Antidepressiva. Unterstützend wird die Psychotherapie eingesetzt.

Die Akutsituation

Sollte im Beratungsgespräch in der Apotheke der Verdacht auf eine psychische Erkrankung entstehen, sollten PTA oder Apotheker bei ungefährlichen Selbstverletzungen oder Verhaltens­auffälligkeiten stets zum Besuch des (Haus-)Arztes raten. Als Anhaltspunkt für eine sofortige ärztliche Betreuung – auch gegen den Willen des Patienten – gilt eine mögliche Eigengefährdung, aus Juristensicht vor allem bezüglich Leib, Leben, Freiheit, Ehre und Eigentum. Beispiele dafür sind Selbstmordabsichten oder größere Autoaggres­sionen. Jedoch ist auch eine drohende Gefährdung Dritter ein wichtiger Indikator für sofortiges Handeln.

Die wichtigsten ersten Schritte in einer Akutsituation in der Apotheke sind, den Kontakt zum Rettungsdienst herzustellen und die aktuelle Situation möglichst zu deeskalieren. Eine gewisse psychische und auch physische Distanz zum Erkrankten hilft, die Situation bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu stabilisieren. Die Helfenden sollten stets so handeln, dass sie sich nie selbst gefährden.

Am besten ist es, im Apothekenteam die Aufgaben zu verteilen, wie den Rettungsdienst anzurufen und – falls nötig – Wunden notfallmäßig zu versorgen. Über das weitere Vorgehen entscheidet dann der Notarzt beziehungsweise der behandelnde Arzt im Krankenhaus. Damit alle im Akutfall richtig handeln, sollten in einer Teambesprechung vorab die allgemeinen Maßnahmen in einer solchen Situation geklärt werden. /