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Neu auf dem Markt

Doppelpack an Innovationen

08.05.2018  12:27 Uhr

Von Sven Siebenand / Seit Mitte April sind zwei weitere neue Arzneistoffe im deutschen Handel. Vor allem der bei Schizo­phrenie eingesetzte Wirkstoff Cariprazin (Reagila® Hartkapseln, Recordati Pharma) dürfte für öffentliche Apotheken interessant sein. Der zweite Neuling, Burosumab (Crysvita® Injektionslösung, Kyowa Kirin), ist das erste Mittel zur Behandlung der seltenen Erkrankung X-chromosomale Hypophosphatämie (XLH).

Kennzeichen der Erbkrankheit XLH sind niedrige Phosphatspiegel im Blut. Phosphat ist für den Aufbau von Knochen und Zähnen sowie für das Aufrechterhalten von deren Festigkeit wichtig. Daher können Betroffene Rachitis und andere Deformationen der Knochen sowie Wachstumsprobleme entwickeln. Ursache der XLH ist der im Übermaß gebildete Fibroblasten-Wachstumsfaktor FGF23, wodurch verstärkt Phosphat über die Nieren ausgeschie­den wird und keine physiologischen Serum-Phosphatwerte aufrechterhalten werden können. 

Der Antikörper Burosumab blockiert FGF23, was die Serum-Phosphatwerte erhöht. Zugelassen ist das neue Präparat zur Behandlung von Kindern ab einem Jahr und Jugendlichen in der Skelettwachstumsphase mit XLH und röntgenologischem Nachweis einer Knochenerkrankung.

 

Crysvita wird unter die Haut gespritzt. Applikationsstellen können Arm, Bauch, Gesäß oder Oberschenkel sein. Die empfohlene Dosis beträgt einmal 0,4 mg/kg Körpergewicht zu Beginn der Behandlung und danach 0,8 mg/kg alle zwei Wochen. Die Dosis wird entsprechend den Phosphat­spiegeln im Blut des Patienten angepasst. Die Höchstdosis beträgt 90 mg alle zwei Wochen.

 

Sehr häufige Nebenwirkungen des Medikaments sind zum Beispiel Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Schmerzen in Armen und Beinen, Ausschlag, Zahnschmerzen und -abszesse, Muskelschmerzen und Schwindelgefühl. Wichtig für die Beratung in der Apotheke: Während der Behandlung mit Crysvita dürfen keine Phosphat- und Vitamin-D-Präparate zum Einnehmen angewendet werden. Diese Mittel müssen Patienten eine Woche vor Behandlungsbeginn absetzen. Bei Patienten mit hohen Phosphatspiegeln im Blut oder bei solchen mit schwerer Nierenerkrankung ist das neue Präparat tabu.

 

Die Anwendung von Burosumab während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Bei stillenden Frauen ist zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Antikörper-Behandlung verzichtet werden soll.

 

Crysvita ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius zu lagern.

 

Neue Option bei Schizophrenie

Schizophrenie ist eine psychische Erkrankung mit Symptomen wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Cariprazin ist ein neues Antipsychotikum zur Behandlung von Schizophrenie bei Erwachsenen. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 1,5 mg einmal täglich. Die Dosis kann in 1,5-mg-Intervallen bis auf eine Höchstdosis von 6 mg täglich erhöht werden. Da es eine gewisse Zeit dauern kann, bis sich die Wirkungen des Arzneimittels bemerkbar machen, sollten Patienten nach Beginn der Behandlung oder Änderung der Dosis mehrere Wochen lang überwacht werden.

Der Wirkmechanismus von Cariprazin ist nicht vollständig bekannt. Es wird vermutet, dass der therapeutische Effekt über eine Kombination aus einer agonistischen Aktivität an bestimmten Dopamin- und Serotonin-Rezeptoren und einer antagonistischen Aktivität an anderen Serotonin- und Histamin-H1-Rezeptoren vermittelt wird. Aufgrund seines Profils bei der Modulation der Dopamin-Neurotransmission insbesondere über D3-Rezeptoren soll Cariprazin die negativen Symptome einer Schizophrenie wie Antriebsmangel und sozialen Rückzug besser lindern als die bislang verfügbaren Neuroleptika.

 

Sehr häufige Nebenwirkungen von Cariprazin sind ein konstanter Bewegungsdrang (Akathisie) und Parkinsonismus. Häufig traten zum Beispiel Schlafstörungen, Gewichtszunahme, verschwommenes Sehen, Hypertonie sowie gastrointestinale Beschwerden auf. Bei Patienten mit schwerer Leber- und/oder Niereninsuffizienz wird Cariprazin nicht empfohlen.

 

PTA und Apotheker sollten bedenken, dass der neue Wirkstoff nicht mit starken oder mäßigen CYP3A4-Inhibitoren oder -Induktoren kombiniert werden darf. Auch der Konsum von Grapefruitsaft sollte vermieden werden.

Frauen im gebärfähigen Alter muss mitgeteilt werden, dass sie eine Schwangerschaft während der Behandlung mit Reagila vermeiden müssen. Patientinnen müssen während der Behandlung sowie mindestens zehn Wochen nach der letzten Dosis Cariprazin äußerst zuverlässige Verhütungsmethoden anwenden. Derzeit ist nicht bekannt, ob Cariprazin die Wirksamkeit systemisch wirkender hormoneller Kontrazeptiva möglicherweise herabsetzt. Frauen, die diese anwenden, müssen daher zusätzlich eine Barrieremethode verwenden. Die Anwendung von Reagila während der Schwangerschaft wird nicht empfohlen. Das Stillen sollten Mütter während der Behandlung mit Cariprazin unterbrechen. /