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Dekubitus

Vom Druck befreien

08.05.2018  12:27 Uhr

Von Edith Schettler / Nach Schätzungen des Bundesverbandes Medizintechnologie e. V. (BVMed) sind in Deutschland rund 1,5 Millionen Patienten von einem Dekubitus betroffen. Neben dem persönlichen Leid bedeuten diese chronischen Wunden aber auch jährlich Kosten in Höhe von mindestens 2,5 Milliarden Euro im Gesundheitsbereich. Seit Jahren liegt der Fokus deshalb auf einer effektiven Prävention, für die eine Anzahl geeigneter Hilfsmittel bereit steht.

Das damalige Institut für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft (heute: Institut für Medizin- und Pflegewissenschaft) der Berliner Cha­rité führte in den Jahren 2001 bis 2003 erstmalig für die gesamte Bundes­republik eine Erhebung der Daten zum Auftreten von Dekubitalgeschwüren bei Patienten in Pflegeeinrichtungen und Kliniken durch. 

Die Forscher stellten fest, dass in Pflegeheimen für zwei Drittel der Bewohner ein Dekubitus­risiko vorlag, etwa ein Drittel der Dekubitus­patienten hatte sogar mehrere Druckgeschwüre. In Kliniken ­betrug das Risiko 40 Prozent, die Hälfte der bereits Betroffenen litt an mehreren Dekubituswunden. Gegenwärtig geht das Robert-Koch-Institut von ­einer Häufigkeit von 10 Prozent für Krankenhäuser, 30 Prozent für Pflegeheime und 20 Prozent in der häuslichen Pflege aus. Dabei handelt es sich um Schätzungen und Durchschnittswerte für das gesamte Bundesgebiet.

Der Dekubitus ist eine chronische Wunde, die durch lange anhaltenden Druck und/oder Scherkräfte auf eine Körperstelle entsteht. Ursache ist eine Mangeldurchblutung des Gewebes in Folge geschädigter Blutgefäße. Dadurch ist die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen erschwert, ebenso der Abtransport von Stoffwechselendprodukten. Die folgende Stoffwechsel­entgleisung führt letztlich dazu, dass die Zellen des betroffenen Areals absterben, es entsteht ein Ulcus. Da das lokale Defizit auch die Versorgung des Gewebes mit wundheilenden Faktoren wie Enzymen und Abwehrzellen ­erschwert, verläuft die Wundheilung verzögert und kann sich über Monate oder Jahre erstrecken.

Ein Dekubitalgeschwür kann innerhalb von Stunden entstehen und kündigt sich im ersten Stadium mit einer mit dem Finger nicht wegdrückbaren Rötung und einer Erwärmung des ­betroffenen Bereiches an. Spätestens jetzt muss die Körperstelle entlastet werden, damit die Durchblutung ­wieder ungestört erfolgt. Wird das ­versäumt, schreitet der Prozess fort. Eine Blaufärbung als Zeichen einer ­Ischämie kennzeichnet das zweite ­Stadium. Die Oberhaut löst sich blasen­förmig ab, es bildet sich eine Wunde. Diese vertieft sich im dritten Stadium, weil Hautschichten fortschreitend zerstört werden, bis im vierten Stadium auch die tiefer liegenden Gewebe ir­reparabel geschädigt sind und ab­sterben. Besonders betroffen sind alle Körperregionen, an denen wenig oder kein Fettgewebe zwischen Haut und Knochen vorhanden ist, so das Hinterhaupt, Schulterblätter, Kreuz- und Steißbein, Beckenkamm, Ellenbogen, Knöchel, Fersen und Zehen. Gut die Hälfte aller Dekubituswunden tritt am Kreuz- und Steißbein auf, ein weiteres Viertel an den Fersen.

Mit zunehmendem Alter des Patienten entsteht ein Dekubitus häufiger, wobei der Pflegezustand eine wichtige Rolle spielt. Mangelernährung, aber auch Adipositas und eine schlechte Hautpflege begünstigen den Prozess ebenso wie eine geringe Immun­kompetenz des Patienten. Patienten mit Stoffwechselstörungen wie Diabetes sind aufgrund von Neuropathien und von Veränderungen an den kleinen Blutgefäßen besonders gefährdet. Sie nehmen den Schmerz bei ständigem Druck auf eine Stelle zu spät wahr und verändern ihre Lage nicht frühzeitig ­genug für eine Druckentlastung. Auch durch medizinische Behandlungen wie beispielsweise Sonden, Schienen oder nicht fachgerecht angelegte Verbände kann ein Dekubitus entstehen.

Richtig vorbeugen

Eine vollwertige Ernährung, ausreichende Flüssigkeitsversorgung sowie eine gute Hautpflege sind die Basis für einen Schutz des Patienten vor einem Dekubitus. Ebenso wichtig sind Bewegungsübungen und eine bestmögliche Mobilisierung des Patienten. Regel­mäßige Umlagerungen nach einem festen Plan führen zu einer turnus­mäßigen Entlastung aller gefährdeten Körperregionen. Dabei sollte die Auf­lagefläche immer so groß wie möglich sein, denn das Dekubitusrisiko verhält sich indirekt proportional zur Druck­fläche.

Zu weiche Unterlagen immobilisieren den Patienten, weil selbstständige Lageveränderungen auf einer weichen Matratze zu viel Kraft kosten. Schaumstoffmatratzen mit einem nicht zu straff gespannten Laken eignen sich am besten. Wasserdichte Kranken­unterlagen sollten wegen der Gefahr der Faltenbildung und des Schwitzens für gefährdete Patienten nicht zum Einsatz kommen. Besser geeignet sind waschbare Inkontinenz-Matratzenbezüge. Lagerungshilfen wie Keile und Rollen können die Auflagefläche ­vergrößern oder die Lageposition des Patienten stabilisieren. Sie müssen ­jedoch korrekt positioniert sein, damit sie nicht selbst zum Dekubitusrisiko werden. Besonders gefährlich sind Reiß- oder Klettverschlüsse der Schutzbezüge, weil sie auf kleiner Fläche ­hohen Druck erzeugen. Die Füllung ­dieser Lagerungskissen besteht meist aus Schaumstoffflocken und Polystyrol-Kügelchen (zum Beispiel eka-LPT®-Lagerungskissen).

Anatomisch geformte Fersen- und Ellenbogenpolster (zum Beispiel Lück Fersenschützer) helfen, Druckstellen im Fersen- und Ellenbogenbereich zu verhindern. Sie bestehen aus anti­bakteriellen Materialien und redu­zieren Feuchtigkeit und Auflagedruck. Eine Oberschicht aus Polyester leitet die Feuchtigkeit in die unterste Schicht ab, die diese speichert. Zwischen diesen beiden Schichten befindet sich eine Weichlagerungszone aus Polyetherschaum oder Hohlfasern, die der Druckverteilung dient. Für bereits ­offene Stellen sind die Polster nicht ­geeignet.

Die lange Zeit genutzten Wasser­kissen sollten nicht mehr zum Einsatz kommen, da nachgewiesenermaßen der Auflagedruck im Vergleich zu anderen Unterlagen höher ist. Luft- und Schaumgummiringe zur Hohllagerung können leicht verrutschen und in falscher Lage Druck erzeugen, sie sollten deshalb ebenfalls keine Verwendung mehr finden. Auch synthetische Felle gelten als unwirksam, weil sie keine Druckentlastung bewirken. Ebenso ­obsolet sind Einreibungen mit Franzbranntwein oder anderen durchblutungsfördernden Zubereitungen, weil sie die Haut reizen und austrocknen sowie Allergien verursachen können.

Wirksam entlasten

Sobald die Pflegeperson trotz aller ­Vorsicht erste Anzeichen für einen ­Dekubitus bemerkt, muss die betrof­fene Region konsequent vom Druck entlastet werden. Schaumstoffmatratzen mit herausnehmbaren Würfeln sind punktelastisch und stabil, beispielsweise die Polyform® AD-Würfelmatratze. Offenporig geschäumtes ­Polyurethan sorgt für Atmungs­aktivität, die konische Form der Würfel dient ebenfalls der Belüftung. Die Lück Rhombo Care® prevent besteht aus ­nebeneinandergestellten weichen Schaumstoffzylindern, die sich ebenfalls einzeln entnehmen lassen. Zusätzlich zur normalen Matratzenform gibt es wannenförmige Produkte (zum ­Beispiel ADL Decusan®) und für Rollstuhlfahrer Würfelkissen (so Vario® Würfelsitzkissen mit Inko-Bezug). Der Patient kann an verschiedenen Stellen durch einfaches Herausnehmen einzelner Würfel hohl gelagert werden. Ein Nachteil der Würfelmatratzen ist der hohe Aufwand für die Pflegekraft, die den Patienten jedes Mal umbetten muss.

Eine Alternative stellen Hybrid­matratzen und -sitzkissen dar. Sie ­bestehen aus mehreren Schaumluftzellen mit einem Kern aus Polyurethanschaum und einer luftundurchlässigen Außenfolie. Durch ein Ventilsystem sind die Kammern miteinander verbunden, Rückschlagventile ermöglichen eine Entlüftung bei Belastung durch das Körpergewicht und eine Belüftung der Zelle nach Entlastung (beispiels­weise Atmos Air®). So sind ständig ­andere Körperregionen vom Druck entlastet. Voraussetzung dafür ist allerdings eine ausreichende Beweglichkeit des Pa­tienten.

Weichlagerungssysteme basieren auf dem Wirkprinzip der Vergrößerung der Auflagefläche des Körpers. Der ­Patient sinkt mit seinem Körper gewissermaßen in die Matratze ein, die sich seinen Körperformen anpasst. Damit vergrößert sich die Auflagefläche, der Auflagedruck nimmt ab. Studien haben gezeigt, dass diese Art der Lagerung die Feinmotorik des Patienten verlangsamt. Die Matratzen bieten bei Bewegung nicht genügend Halt für den ­Pa­tienten. Eine Verbesserung des Weichlagerungsprinzips stellen Unterlagen dar, die aus miteinander verbundenen elastischen Stoffbahnen bestehen, die mit Kunstfasern und kleinen aufgeschäumten Polystyrolkugeln gefüllt sind (wie Isuro med® DE 110). Jede Bewegung des Patienten ändert die ­Kugelverteilung und fördert Mikrolagerungen. Das Ausweichen der Kugeln in alle Richtungen bewirkt, dass sich die Schicht gleichmäßig an den Körper ­anschmiegt. So verringert sich der ­Gegendruck an der Hautoberfläche.

Dynamische Systeme zur Stimu­lation von Mikrobewegungen sind komplett unterfederte Matratzen. Die spezielle Konstruktion des Rahmens ­erzeugt eine ständige sanfte Schwingung, die den Patienten gezielt zu eigenständigen Bewegungen stimuliert. So verlagert sich der Druck auf die gefährdeten oder betroffenen Hautpartien regelmäßig, und zudem verbessert sich die Mikrozirkulation.

Wechseldruck-Matratzen wie AirOne® plus eignen sich sowohl für die Pro­phylaxe als auch zur Behandlung des Dekubitus in allen Schwere­graden. Die Matratze besteht aus mehreren Luftkammern, die abwechselnd von einem Kompressor mit Luft gefüllt und ­wieder entleert werden. Die Perioden der Be- und Entlastung können in­dividuell ­reguliert werden, was dem Effekt des manuellen Umlagerns des Patienten auf einer herkömmlichen Unterlage nahekommt. Besonders nutzen diese Systeme komplett im­mobilen Patienten. Wesentliche Nachteile sind das ­Betriebsgeräusch des Kompressors und die Abhängigkeit vom Netzstrom.

Die meisten dieser Produkte sind im Hilfsmittelverzeichnis als Hilfsmittel gegen Dekubitus (Produktgruppe 11) aufgeführt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten allerdings erst, wenn bereits ein Dekubitus im ­Stadium 1 besteht. Wegen des hohen Aufwandes für den Service und eine 24-Stunden-Be­treuung der aktiven ­Medizinprodukte ­haben die meisten Apotheken jedoch keine Lieferberech­tigung. /

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