PTA-Forum online
Arzneimittelfälschungen

Mit der Post nach Deutschland

26.10.2007  08:34 Uhr

Arzneimittelfälschungen

Mit der Post nach Deutschland

Daniel Rücker, Eschborn

Gefälschte Arzneimittel waren über Jahrzehnte ein Problem der Entwicklungsländer. Jetzt tauchen sie auch immer häufiger in Europa auf. Die Behörden schlagen deshalb Alarm und fordern mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung.

Viagra ohne Rezept, angeblich pflanzliche Diätmittel, die die Pfunde purzeln lassen, oder Propecia zum halben Preis – dubiose Internetapotheken versenden jeden Tag Millionen von Werbemails, um ihre Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen. Viele Menschen können der Verlockung nicht widerstehen. Sie wollen schöner, dünner oder potenter sein. Was sie nicht wissen: Viele ausländische Versender liefern keine echten Medikamente, sondern Fälschungen. Wer diese einnimmt, riskiert seine Gesundheit.

Das Internet ist heute das größte Einfallstor für gefälschte Arzneimittel. Anfang Oktober schlug das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Alarm. Die Zulassungsbehörde warnte vor »Libido Forte« und »Libido Extension«. Diese beiden Präparate werden als pflanzliche Potenzmittel angeboten, enthalten aber Abkömmlinge des Viagra-Wirkstoffes Sildenafil. Für ein Potenzmittel ist das sicher hilfreich. Wer die Medikamente einnimmt, kann von erheblichen Nebenwirkungen überrascht werden. BfArM-Chef Professor Dr. Reinhard Kurth appellierte deshalb an die Verbraucher, grundsätzlich keine Medikamente über unbekannte Internetapotheken zu bestellen. Das Risiko, auf dem Postweg gefälschte Produkte zu erhalten, sei sehr hoch.

Eine Untersuchung des Zentrallabors deutscher Apotheker (ZL) belegt, dass Fälschungen im Internet-Versandhandel eher die Regel als die Ausnahme sind. Die ZL-Experten bestellten bei 24 Internetapotheken das Haarwuchsmittel Propecia. Drei Viertel der Versender nahmen die Bestellung an. Die Hälfte lieferte auch aus, allerdings häufig nicht Propecia. Lediglich 4 Päckchen enthielten das Medikament. Achtmal wurde eine Fälschung verschickt.

Patienten können nicht unterscheiden

Professor Dr. Harald G. Schweim von der Universität Bonn sieht das Hauptproblem in der Legalisierung des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten im Jahr 2004. Quasi durch die Hintertür hat der legale Versand auch den illegalen hoffähig gemacht. Als Grund nennt Schweim: »Patienten können nicht unterscheiden, ob sich hinter einer Website eine seriöse oder eine unseriöse Versandapotheke verbirgt.« Den Beweis für diese Aussage liefert er gleich mit. Er hat die Website für eine fiktive FAKE-Apotheke konstruiert, sie ins Netz gestellt und abgewartet, was passiert. Das Resultat: Obwohl hinter der Website keine Apotheke stand, wollten zahlreiche Verbraucher Medikamente bestellen. Sie haben den Schwindel nicht erkannt und lediglich Glück gehabt, dass sie nicht auf einen Verbrecher reingefallen sind. Für Schweim war die Legalisierung des Versandhandels ein großer Fehler: »Wir geben die Arzneimittelsicherheit auf, gewinnen aber wenig.« Tatsächlich nutzen nur wenige Patienten den Versandhandel mit Arzneimitteln: Lediglich rund 1 Prozent der in Deutschland gekauften Medikamente werden auf diesem Weg bezogen.

Die wachsende Zahl von Arzneimittelfälschungen haben mittlerweile auch den Zoll und das Bundeskriminalamt (BKA) aufgeschreckt. Laut Zollstatistik der EU-Kommission wurden 2006 rund 2,7 Millionen gefälschte Medikamente in der EU beschlagnahmt. Fünfmal so viel wie im Vorjahr. Und in diesem Jahr setzt sich der Trend fort. Vor wenigen Tagen meldete der Zoll am Flughafen in Frankfurt eine deutliche Steigerung. In den ersten neun Monaten 2007 fanden die Beamten 2000 Fälschungen, dreimal so viel wie noch 2006.

Zum selben Ergebnis kommt eine Studie des BKA. Wie der Bonner Professor Schweim sehen auch die BKA-Experten das größte Problem darin, dass die Patienten nicht zwischen seriösen und unseriösen Versendern unterscheiden können. Deshalb regen sie an, über ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln nachzudenken. Deutschland sei das einzige Land in der Europäischen Union, in dem der Internet-Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt ist.

Das BKA unterstützt damit eine Initiative des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann. Dieser will ein Versandhandelsverbot über den Bundesrat durchsetzen. So sinnvoll dies wäre, eine Mehrheit ist ihm nicht sicher. Der Versandhandel wurde erst vor knapp vier Jahren erlaubt. Ein neuerliches Verbot würde die damalige Entscheidung als Fehler erscheinen lassen, und Fehler lassen sich Politiker nur ungern nachweisen. Auf der anderen Seite können sie schwerlich die Warnung des BKA übersehen.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
ruecker(at)govi.de