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Zöliakie

Votum für langes Stillen

25.10.2007
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Zöliakie

Votum für langes Stillen

Gudrun Heyn, Basel

Die einzige Therapie für Zöliakie-Patienten ist derzeit die strikte lebenslange Diät. Nur mit Hilfe einer glutenfreien Ernährung lassen sich ihr chronisch entzündeter Darm beruhigen und Spätkomplikationen verhindern. Bei den Erkenntnissen über eine wirksame Vorsorge sind die Wissenschaftler einen Schritt weiter: Studien zeigen, dass das Erkrankungsrisiko sehr viel geringer ist, wenn Säuglinge in der Stillzeit geringe Mengen Gluten erhalten.

Ab dem vierten Lebensmonat geben viele Eltern ihrem Baby die erste Beikost. Langsam möchten sie die Kleinen von der Milch auf feste Nahrung umstellen. Besonders vorsichtig sind dabei Mütter und Väter zöliakiegefährdeter Kinder. Sie wissen, dass sie die falsche Ernährung in dieser wichtigen Übergangsphase die Erkrankung mit auf den Weg bringt. Doch wer sich derzeit im Internet über diese Zusammenhänge informieren will, liest widersprüchliche Aussagen. Der Grund ist das Umdenken der Ernährungsexperten hinsichtlich der Vorsorgeempfehlungen zur Zöliakie.

Bislang lautete ihr fachlicher Rat, Säuglingen im ersten Lebensjahr kein Gluten zu geben. »Untersuchungen aus Schweden zeigen nun, dass geringe Mengen Gluten im Babybrei vor der Zöliakie schützen können, wenn sie gegen Ende der Stillzeit als Beikost zugefüttert werden«, sagte Professor Dr. Klaus-Peter Zimmer vom Universitätsklinikum Gießen auf einer Fachveranstaltung des Instituts Danone für Ernährung.

Auf glutenhaltige Nahrungsmittel reagiert das Immunsystem von Zöliakie-Patienten mit starken Abwehrreaktionen, vor allem auf das in Weizen, Roggen und Gerste vorkommende Kleberprotein.

Auswirkungen auf den Darm

Von der Entzündung besonders betroffen ist die Dünndarmschleimhaut, die sich im Lauf der Erkrankung erheblich verändert: Schleimhautgebundene Verdauungsenzyme gehen verloren, und auch die Zotten, die die Darmoberfläche vergrößern, bilden sich zurück. In der Folge werden die meisten Nährstoffe, Mineralien und Vitamine nicht mehr resorbiert. Vor der Entwicklung der glutenfreien Ernährung starben an den Folgen der Zöliakie rund 60 Prozent der Erkrankten.

Etwa ein Viertel aller Menschen tragen Gene, die für das Auftreten der Zöliakie mit verantwortlich sind. Doch nicht jeder Mensch, der HLA DQ2 oder HLA DQ8 positiv ist, entwickelt die Erkrankung. Nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung erkrankt tatsächlich an der Zöliakie. Dies ergaben serologische Reihenuntersuchungen in den USA. Heute ist bekannt, dass neben der erblichen Veranlagung noch zusätzliche Auslöser notwendig sind, damit die chronische Darmerkrankung ausbricht. So können beispielsweise Infektionen mit Adeno- oder Rotaviren den Entzündungsprozess starten. Einmal in Gang gesetzt verstärken sich die Immunprozesse von selbst und kommen erst dann zum Stillstand, wenn die Patienten mit einer strikten Ernährungstherapie gegensteuern.

Symptome nicht immer eindeutig

Typische Symptome der Zöliakie sind ein aufgetriebener Bauch, Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Bei Kindern bleibt außerdem das Wachstum zurück. Doch nur 10 bis 40 Prozent der Erkrankten zeigen die klassischen Beschwerden. »Zöliakie zählt daher zu den zehn häufigsten Krankheiten, die von Ärzten übersehen werden«, sagte Zimmer. Manche Patienten haben kaum Darmsymptome. Als untypische Krankheitszeichen der Zöliakie können Eisenmangelanämie, Zahnschmelzdefekte, Ausschlag auf der Mundschleimhaut aber auch neurologische Symptome wie Verwirrtheit oder Epilepsie auftreten. Dabei ist die Zöliakie nicht auf den Darmtrakt beschränkt. Fast alle anderen Organe können mit betroffen sein wie Haut, Leber, Gehirn, Bauchspeicheldrüse und Herz.

Durch lebenslange strikte Diät können Zöliakie-Patienten alle akuten und späten Komplikationen verhindern. Mit zunehmender Krankheitsdauer steigt jedoch noch immer das Risiko für Begleiterkrankungen, zum Beispiel Osteoporose, Darmkrebs oder T-Zell-Lymphome. »Häufig lässt die Compliance nach, wenn die Betroffenen das Erwachsenenalter erreichen«, sagte Zimmer. Viele haben vergessen, wie schwer sie als Kinder unter den Symptomen der Zöliakie gelitten haben. Außerdem übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im Gegensatz zu Österreich oder Frankreich nicht die Kosten der Diät. Dabei kostet die glutenfreie Ernährung durchschnittlich etwa 200 Euro im Monat.

Empfehlenswert sind alle Nahrungsmittel, die aus Kastanienmehl, Buchweizen, Mais, Hirse, Reis, Soja und Sesam hergestellt werden. Absolut verboten sind glutenhaltige Produkte, in erster Linie Nahrungsmittel aus Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Grünkern und Dinkel wie Brot, Brötchen, Nudeln, Kekse, Kuchen, Pizza und Bier. Aber auch in Lippenstiften und Zahnpasta können Gluten oder Glutenspuren enthalten sein.

Glutengaben zur Vorsorge

Ausgerechnet eine glutenhaltige Kost scheint nun der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zöliakie-Vorsorge zu sein. »Diese gelingt jedoch nur, wenn dabei bestimmte Bedingungen eingehalten werden«, sagte Zimmer. So ist die Phase zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat eines Säuglings besonders entscheidend: Zu dieser Zeit ist die Leihimmunität, die die Kleinen von der Mutter mitbekommen haben, auf dem Tiefpunkt angelangt, und das körpereigene Immunsystem übernimmt erst langsam die Abwehrfunktion. Werden die Kinder in dieser Phase überhaupt nicht mehr gestillt, steigt das Risiko immens, an Zöliakie zu erkranken, sobald sie glutenhaltigen Babybrei erhalten. Dies zeigen Beobachtungen aus den 80er-Jahren in Schweden.

Die schwedischen Ernährungswissenschaftler haben daher umgedacht. Sie empfehlen, nur bei gleichzeitigem Stillen mit der Zufütterung einer Beikost zu beginnen, die kleine Mengen Gluten enthält. Außerdem werden die Mütter angehalten, möglichst lange zu stillen. Die Ergebnisse geben den schwedischen Forschern recht: Die Inzidenz für Zöliakie ließ sich so deutlich senken. Als besonders positiv erwies sich, wenn die Eltern erst ab dem sechsten Lebensmonat Getreideprodukte in den Ernährungsplan aufnahmen.

Derzeit werden die schwedischen Untersuchungsergebnisse in einer großen europaweiten Studie überprüft. In diese Studie aufgenommen wurden mehr als 1000 Mütter, die ein genetisches Risiko für Zöliakie aufweisen. Zusätzlich zur Muttermilch erhalten ihre Babys ab dem fünften Lebensmonat eine glutenhaltige Kost. »In Deutschland will man erst die Ergebnisse dieser Studie abwarten, bevor eine endgültige Empfehlung zur Zöliakie-Prophylaxe ausgesprochen wird«, informierte Zimmer.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
gheyn(at)gmx.de