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Selbstmedikation bei Hämorrhoidalleiden

Beratung zu einem Tabuthema

28.10.2010  14:59 Uhr

Selbstmedikation bei Hämorrhoidalleiden

Beratung zu einem Tabuthema

Von Daniela Schierhorn / Obwohl nahezu kein Erwachsener von Hämorrhoidalbeschwerden verschont bleibt, haben viele Betroffene große Hemmungen, einen Arzt aufzusuchen. Fragen Patienten PTA oder Apotheker nach einem geeigneten Arzneimittel, müssen sie zum einen fachlich fundiert, aber auch besonders einfühlsam und diskret beraten werden.

Am Übergang in den After befindet sich unter der Enddarmschleimhaut ringförmig ein Geflecht aus Blutgefäßen. Verstärkt wird es durch ein Netz aus Bindegewebsfasern. Dieses System sorgt für den dichten Verschluss des Afters und wird als Schwellkörper (= Hämorrhoide) bezeichnet. Erst wenn sich die Blutgefäße ähnlich wie Krampfadern stark weiten, verursachen sie Beschwerden. In diesem Fall sprechen Mediziner von vergrößerten Hämorrhoiden beziehungsweise einem Hämorrhoidal­leiden.

Welche Faktoren sorgen dafür, dass sich Hämorrhoiden krankhaft erweitern? Eine besonders häufige Ursache ist ein erhöhter Druck in den Darmblutgefäßen, beispielsweise wenn der Patient wegen eines harten Stuhls beim Toilettengang regelmäßig mit den Bauchmuskeln zu stark presst. Auch bei Übergewichtigen wirkt ständig ein hoher Druck auf Darm und Gefäße ein. Deshalb leiden auch viele Schwangere unter Hämorrhoiden, da durch die wachsende Gebärmutter der Druck im Bauchraum steigt und das Bindegewebe infolge der hormonellen Umstellung gelockert ist. Bei Menschen mit einer angeborenen Bindegewebs­schwäche schwellen die Blutgefäße ebenfalls leichter an. Aber auch zu weicher, ungeformter Stuhl, zum Beispiel durch Laxantienmissbrauch, begünstigt die Entwicklung eines Hämor­rhoidalleidens.

 

Nimmt der Schwellkörper an Volumen zu, kann im Verlauf der Erkrankung das Netz aus Bindegewebsfasern die mit Blut gefüllten Hämorrhoiden nicht mehr halten. Die Hämorrhoiden senken sich ab, können in den Analkanal vorfallen und sogar aus dem Anus hervortreten. Dieser sichtbare Vorfall heißt Prolaps. Entsprechend ihrer Größe und nach dem Ausmaß des Prolaps teilen Mediziner Hämorrhoiden in vier Schweregrade ein (siehe Tabelle).

 

Blutspuren und Jucken

 

So lange Hämorrhoiden nicht beim Pressen durch den After heraus geschoben werden oder sich entzünden, verursachen sie keine Beschwerden. Dennoch entdecken die Patienten manchmal Blutspuren am Toilettenpapier oder hellrote Blutauf­lagerungen auf dem Stuhl. Diese Blutungen können einmalig auftreten oder aber sie wiederholen sich über einen längeren Zeitraum.

Einteilung der Schweregrade von Hämorrhoidalleiden

Stadium Beschreibung
Grad I Vergrößerte Schwellkörper, die äußerlich nicht sichtbar sind. Nur der Arzt kann sie mit dem Proktoskop erkennen. Wegen ihrer Blutungsneigung besitzen sie jedoch Krankheitswert.
Grad II Die Hämorrhoiden prolabieren beim Stuhlgang bis vor den Analkanal, ziehen sich anschließend jedoch spontan zurück.
Grad III Die Hämorrhoiden prolabieren beim Stuhlgang bis vor den Analkanal, die Knoten lassen sich per Hand zurückschieben.
Grad IV Die Hämorrhoiden prolabieren beim Stuhlgang bis vor den Analkanal, sie können nicht mehr zurückgeschoben werden.

Entzündet sich die Analschleimhaut und reagiert auf den Kontakt mit Stuhl oder Sekret gereizt, spüren die Betroffenen Beschwerden wie Jucken und Brennen. In vielen Fällen bemerken sie, dass die Analschleimhaut nässt. Sind die Hämorrhoiden schon recht groß, sondert die Schleimhaut Spuren von Sekret oder Stuhl ab. Wenn die Hämorrhoiden bereits in den Analkanal getreten sind, bemerken manche Patienten dort einen dumpfen Druck, ein Fremdkörpergefühl oder Schmerzen beim Stuhlgang sowie längerem Sitzen.

 

Ähnliche Beschwerden verursachen allerdings auch andere Erkrankungen, zum Beispiel perianale Thrombosen, Analekzeme, -mykosen, -fissuren, -fisteln oder -abszesse. Sogar ein Analkarzinom kann vergleichbare Symptome hervorrufen. Nur ein Arzt kann daher sicher unterscheiden, ob es sich um ein Hämorrhoidalleiden oder eine andere Krankheit handelt.

 

Arztbesuch anraten

 

Verlangt ein Kunde ein Hämorrhoidenmittel, müssen PTA oder Apotheker abklären, ob er die Beschwerden selbst behandeln darf oder einen Arzt aufsuchen sollte. Treten die Symptome erstmalig auf, muss immer ein Arzt eine Diagnose stellen. Das gilt auch, wenn ein Patient schon über Wochen oder Monate leidet oder die Beschwerden oft zurückkehren. Auch bei Schwangeren und Stillenden ist die Selbstmedikation ohne vorherige ärztliche Untersuchung abzulehnen (siehe Kasten).

Fragen, um die Grenzen der Selbstmedikation zu erkennen

Geeignete Fragen an den Patienten Grenzen der Selbstmedikation
Für wen ist das Arzneimittel bestimmt? Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende
Welche akuten Beschwerden haben Sie? Blut im oder auf dem Stuhl, Blutungen im Analbereich, Schmerzen beim Stuhlgang und im Analbereich, Fremdkörpergefühl im Analkanal, Inkontinenz
Seit wann haben Sie diese Beschwerden? Chronische oder rezidivierende Beschwerden, erstmalige Beschwerden
Nehmen Sie regelmäßig Arzneimittel ein? Wenn ja, welche? Verdacht auf Laxantienmissbrauch

Der Arztbesuch ist außerdem bei folgenden Symptomen unumgänglich: Wenn der Patient von Sekretabsonderungen oder Stuhlspuren in der Unterhose berichtet, über Schmerzen im Analbereich und tastbare Veränderungen am After klagt. Akuter Schmerz kann beispielsweise auf eine Analthrombose hindeuten, Fieber auf einen Abszess. Bei Blutungen im Analbereich sowie Blut auf oder im Stuhl muss ein Arzt abklären, ob ein Analkarzinom vorliegt.

 

Proktologika lindern Symptome

 

Ist dagegen die Diagnose »Hämorrhoiden« eindeutig und die Selbstmedikation möglich, stehen verschiedene Proktologika zur Auswahl. Um falschen Vorstellungen der Patienten vorzubeugen: Proktologika können vergrößerte Hämorrhoiden nicht verkleinern, sie wirken rein symptomatisch. Das Spektrum der in Frage kommenden Wirkstoffe ist begrenzt, und es gibt keine Evidenz dafür, dass ein topisches Mittel dem anderen überlegen ist. Am besten suchen PTA oder Apotheker für den Patienten ein Präparat aus, das gezielt dessen Hauptbeschwerden lindert und ein möglichst geringes Nebenwirkungsspektrum aufweist.

Wenn vor allem Jucken und Schmerzen den Betroffenen quälen, eignen sich topische Zubereitungen mit den Lokalanästhetika Lidocain, Quinisocain oder Polidocanol. Die Substanzen wirken innerhalb von Minuten. Wegen ihrer Sensibilisierungsgefahr ist ihre Anwendung allerdings auf wenige Tage zu begrenzen. Lidocain ist das Mittel der ersten Wahl, weil seine Sensibilisierungsrate im Vergleich mit den beiden anderen Wirkstoffen am geringsten ist.

 

Schmerzt, brennt und nässt die Analschleimhaut, eignen sich eher Adstringentien. Zubereitungen mit Extrakten aus Hamamelisblättern und -rinde wirken adstringierend, blutstillend, entzündungshemmend und antioxidativ. Der Gehalt an Hamamelisdroge oder -extrakt sollte entsprechend der Empfehlung der Aufbereitungsmonographie in halbfesten Zubereitungen 5 bis 10 Prozent betragen, in Zäpfchen 0,1 bis 1 Gramm pro Einzeldosis. Auch Bismutsalze und Zinkoxid stillen Blutungen, binden Flüssigkeit und hemmen Entzündungen. Sie bilden mit den Eiweißen der Schleimhaut eine Barriere, die das Eindringen von Krankheitserregern erschwert. Sensibilisierungen sind als Nebenwirkungen seltener als bei den Lokalanästhetika.

 

Zusätzlich kann der Patient zweimal täglich Sitzbäder von etwa 15 bis 20 Minuten Dauer durchführen – zum Beispiel mit Kamillenblüten, Eichenrinde beziehungsweise Kamillenextrakt oder Pulver aus synthetischen Gerbstoffen.

 

Bei Abgabe aller Proktologika sollten PTA oder Apotheker betonen, dass der Patient den Arzt aufsuchen muss, wenn sich die Beschwerden nicht innerhalb einer Woche merkbar bessern oder sich sogar noch verstärken.

 

Salbe oder Zäpfchen

 

Proktologika sind in Form von Salben, Suppositorien, Einmaltuben und Hämotamps im Handel. Zur Applikation können PTA oder Apotheker dem Patienten viele gute Tipps geben: Topische Zubereitungen sollte er mehrmals täglich äußerlich auf die betreffenden Hautbezirke auftragen, vor allem nach jedem Stuhlgang. Hat der Hersteller der Salbe ein Applikationsrohr beigefügt, sollte der Patient das Präparate am bestens zweimal täglich, morgens und abends vorzugsweise nach dem Stuhlgang rektal applizieren. Das Einführen des Röhrchens sollte ohne Druck auf die Tube erfolgen. Beim Herausziehen muss der Patient jedoch gleichmäßig auf die Tube drücken. So entsteht kontinuierlich ein Salbenstrang im Analkanal. Besser als Applikationsrohre mit nur einer Öffnung am Ende sind Röhrchen mit seitlichen Öffnungen. Sie verteilen die Salbe gleichmäßiger. Nach der Benutzung soll der Patient das Applikationsrohr aufgeschraubt lassen und es lediglich von außen reinigen. Nur wenn er die Salbe längere Zeit nicht benutzt, ist das Röhrchen abzuschrauben und mit warmem Wasser zu waschen.

 

Hämorrhoidalzäpfchen darf der Patient nicht so tief einführen, wie er es von anderen Suppositorien gewöhnt ist. Das Ende des Zäpfchens sollte er immer noch mit der Fingerkuppe ertasten können, damit es auch an der richtigen Stelle wirkt. Zäpfchen mit Mulleinlage oder Mullstreifen, sogenannte Hämotamps, sind besser geeignet als normale Zäpfchen, denn der Mullstreifen fixiert das Zäpfchen im optimalen Bereich. So wird der Wirkstoff über mehrere Stunden kontinuierlich am Ort der Erkrankung freigesetzt. Am Sitz des Mullstreifens erkennt der Patient, ob der Hämotamp noch korrekt liegt.

 

Viele allgemeine Maßnahmen eignen sich zur unterstützenden Behandlung von Hämorrhoiden, wenngleich evidenzbasierte Studien zu ihrer Wirksamkeit oft fehlen. In jedem Fall ist es wichtig, dass der Patient regelmäßig Stuhlgang hat und dieser stets weich, aber durchaus geformt ist, damit übermäßiges Pressen entfällt. Bei Hämorrhoiden ersten Grades reicht es oft schon aus, die Ernährung umzustellen, damit die Hämorrhoiden abheilen. Der Patient muss sich lediglich ballaststoffreich ernähren und ausreichend trinken. Durch Studien ist gut belegt, dass Ballaststoffe den Stuhlgang regulieren: Sie verminderten alle Hämorrhoidal-Symptome um 47 Prozent und Blutungen um 50 Prozent.

 

Auch auf ausreichende Bewegung sollte der Betroffene achten und Übergewichtige ihr Körpergewicht verringern. Schwangere mit Hämorrhoiden dürfen keine zu schweren Lasten heben, um den Druck auf den Beckenboden nicht zusätzlich zu erhöhen. Zum Abschluss des Beratungsgesprächs können PTA oder Apotheker dem Patienten noch Hinweise zur Analhygiene geben: Sie sollten jedem Stuhldrang nachgeben und sich dafür Zeit nehmen, zu starkes Pressen aber unterlassen. Da Stuhlreste die empfindliche Haut reizen, sollten sie die Analregion mit lauwarmem Wasser ohne Zusätze von Seife oder Waschlotion waschen und anschließend mit weichem Papier vorsichtig trocknen.

 

Veröden, abschnüren, operieren

 

Wenn die Hämorrhoiden zu groß werden, vorfallen oder immer wiederkehren, setzt der Arzt schließlich andere Therapien ein. Beim Veröden (Sklerosierung) injiziert er eine Zink-Alkohol- oder Chininhydrochlorid-Lösung in das geschwollene Blutgefäß, sodass es abstirbt. Bei der Gummiband­ligatur wird die vergrößerte Hämorrhoide mit einem Gummiring abgebunden, um die weitere Blutzufuhr zu stoppen. Innerhalb weniger Tage fällt die Hämorrhoide ab. Die Erfolge beider Methoden sind sehr unterschiedlich: Bei der Sklerosierung bilden sich bei etwa 75 Prozent der Patienten innerhalb von vier Jahren die Hämorrhoiden neu, bei der Gummibandligatur nur bei 25 Prozent. Hämorrhoiden dritten und vierten Grades können nur operativ entfernt werden. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

d.schierhorn(at)abda.aponet.de