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Pharmazeutische Betreuung

Der Krebstherapie den Schrecken nehmen

28.10.2010  15:35 Uhr

Pharmazeutische Betreuung

Der Krebstherapie den Schrecken nehmen

Von Christina Hohmann, Lübeck / Die Diagnose Krebs ist ein Schock. Mit intensiver Betreuung können PTA oder Apotheker Betroffenen helfen, ihre Erkrankung und die komplexe Therapie besser zu verstehen und mit den Ängsten vor den Nebenwirkungen entspannter umzugehen.

»Obwohl die Diagnose Krebs nicht selten ist, stellt sie doch eine besondere emotionale Herausforderung dar«, sagte Dr. An­drea Liekweg von den Asklepios-Kliniken Hamburg auf dem ABDA-Wochenendworkshop »Patient und Pharmazeutische Betreuung« in Lübeck. Dies gilt vor allem für Apothekenkunden, die man gut kennt. Wenn ein Kunde das erste Mal seine Krebserkrankung anspricht, kann es sinnvoll sein, ihm ein Beratungsgespräch für einen speziell vereinbarten Termin anzubieten. Dies gibt beiden Gesprächspartnern die Gelegenheit, sich mental aber auch fachlich darauf vorzubereiten. Hierzu könnte zählen, dass PTA oder Apotheker die bisherige Medikation des Kunden noch einmal überprüfen, sich über die spezielle Tumorart und deren Behandlung informieren und Broschüren für den Patienten besorgen.

Zur Beratung steht eine Vielzahl von Bro­schüren zur Verfügung von wirkstoffbe­zoge­nen bis hin zu firmenunabhängigen Informationen. Als besonders hilfreich nannte Liekweg die blauen Ratgeber der Deutschen Krebshilfe, die unter www.krebshilfe.de/blaue-ratgeber.de bestellt oder heruntergeladen werden können. Auf der Website des Deutschen Krebsforschungszentrums unter www.dkfz.de findet sich ein Internetweg­weiser für Patienten mit dem Titel »Sicher surfen zum Thema Krebs«. Mit dessen Hilfe könnten sich die Patienten, die für sie relevanten Informationen aus seriösen Quellen beschaffen.

 

Die onkologischen Therapiekonzepte seien meist so komplex, dass Laien sie kaum verstehen könnten, so Liekweg. Im Fokus des Gesprächs sollten die Therapie und deren Nebenwirkungen stehen. Ein wichtiger Aspekt ist es, dem Patienten den eigenen Nutzen der Behandlung zu verdeutlichen und ihn auf mögliche Nebenwirkungen vorzubereiten. Dabei kann fachlich fundierte Information Sicherheit vermitteln, die Zufriedenheit, Lebensqualität und die Compliance deutlich erhöhen.

 

Konzepte gegen das Erbrechen

 

Ein Beispiel hierfür sei die Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen (Emesis), die sowohl bei der Chemo- als auch bei der Strahlentherapie auftreten können. Die Emesis stelle sich entweder innerhalb von 24 Stunden ein oder verzögert, bis zu fünf Tage nach der Behandlung, berichtete die Referentin. Beiden Formen ­lägen unterschiedliche Pathologiemechanismen zugrunde. Diese Nebenwirkung der onkologischen Therapie sei sehr gut untersucht und auch gut zu beherrschen. Häufig werde die Prophylaxe aber nicht richtig eingesetzt, kritisierte Liekweg. »Es gibt Leitlinien hierzu.« Ein entsprechendes Dokument können Interessierte unter www.mascc.org in deutscher Sprache aufrufen. Die verschiedenen Therapien verursachen in unterschiedlichem Ausmaß Brechreiz und Übelkeit, was Fachleute als emetogenes Potenzial bezeichnen. Bei einem Regime mit schwachem emetogenem Potenzial wird ausschließlich das künstliche Glucocorticoid Dexamethason vorbeugend eingesetzt. Bei mittlerem emetogenem Potenzial wird es mit 5-HT3-Antagonisten (»Setrone«) kombiniert, und bei hohem Potenzial die Medikation zusätzlich um Aprepitant, ein Neurokinin-1-Rezeptor-Antagonisten, erweitert.

 

Wichtig bei der Prophylaxe von Erbrechen sei, dem Patienten klar zu machen, dass er die Medikamente einnehmen muss, bevor ihm schlecht wird. Dies würde in manchen Fällen falsch vermittelt und mache die Prophylaxe natürlich wirkungslos. Durch eine korrekt durchgeführte Vorbeugung und intensive Aufklärung der Patienten ließen sich Übelkeit und Erbrechen gut kontrollieren. In eigenen Untersuchungen hätten sich etwa 70 Prozent der intensiv betreuten Patienten in dem gesamten Therapiezyklus nicht einmal übergeben, berichtete Liekweg.

 

Schmerzhafte Mundentzündungen

 

Ein erhebliches Problem für die Patienten stellt auch die Mukositis dar, die infolge der Chemo- und Strahlentherapie auftreten kann. Darunter versteht man Entzündungen und Defekte der Schleimhäute vor allem in Mund und Rachen. »Wer schon einmal eine Aphte im Mund hatte, weiß, wie schmerzhaft so eine kleine Läsion ist«, sagte die Referentin. »Manche Krebspatienten haben den ganzen Mund voll.« Als Folge können sich Infektionen mit Pilzen, Bakterien oder Viren auf der Schleimhaut ausbreiten. Bei starker Ausprägung können die Beschwerden dazu führen, dass der Patient die Therapie abbricht, entweder weil er die Schmerzen nicht mehr aushält oder weil er so stark körperlich abbaut. Ob ein Patient Schleimhautentzündungen entwickelt, hängt zum einen von der Art der Therapie ab, die angewandt wird, zum anderen aber auch von seiner Mundhygiene und möglichen weiteren Erkrankungen wie Diabetes.

Um Mukositis vorzubeugen, ist es hilfreich, vor Beginn der Krebstherapie zum Zahnarzt zu gehen und eine Zahnsanierung vornehmen zu lassen. Denn verborgene Eiterherde im Mund begünstigen Entzündungen und Infektionen. Deshalb schlug Liekweg vor, den Kunden immer zu fragen: »Waren Sie denn schon beim Zahnarzt?« Eine weitere vorbeugende Maßnahme sei, während der Chemotherapie Eiswürfel zu lutschen, berichtete die Referentin. Durch die Kälte verengen sich die kleinen Blutgefäße, was den Blutfluss zu den Schleimhautzellen mindert, sodass diese weniger Zytostatika aufnehmen. Die Eiswürfel sollten kurz angetaut und mundgerecht abgerundet sein und können einfach aus Wasser, Kamillentee oder Ananassaft bestehen.

 

Auch nach der Therapie ist eine gute Zahnpflege entscheidend. Patienten sollten mit einer weichen Zahnbürste mehrmals täglich gründlich putzen, und Gebissträger ihre Gebisse besonders sorgfältig reinigen. Eine ganz wichtige Maßnahme sei das Spülen der Mundhöhle. Dabei dürfen die Patienten keine alkoholhaltigen Mundwässer benutzen, stattdessen einfach Wasser zum Ausspülen verwenden. Als Alternative könnten auch frisch aufgebrühte, dann abgekühlte Kräutertees wie Kamillen- oder Salbeitee zum Spülen angewendet werden. Außerdem seien viele teure, komplexe Rezepturen im Handel, deren Nutzen nicht durch Studien belegt ist.

Über die Ernährung ließe sich das Risiko, Schleimhaut­entzündungen zu entwickeln, ein wenig senken. So seien weiche Speisen zu bevorzugen, während scharf gewürzte, gesalzene und sehr heiße zu meiden sind. Ihren Alkohol- und Nikotinkonsum sollten die Erkrankten in dieser Zeit ebenfalls einschränken, um die Schleimhaut nicht unnötig zu reizen.

 

Sollten dennoch Beschwerden auftreten, helfen schmerzlindernde und lokalanästhesierende Mittel. Ein verschreibungsfähiges Präparat ist Tantum® verde, eine Mundspülung mit dem Inhaltsstoff Benzyd­amin. Sie lindere den Schmerz und hemme das Wachstum von Pilzen und Bakterien, erklärte die Referentin. Von Nachteil sei, dass die Lösung Alkohol enthält, weshalb sie bei Aphten stark brennen kann. Eine Alternative hierzu stelle ein alkoholfreies Benzydamin-Mundgel dar. Sie kann unter folgender Quelle nachgelesen werden: Keiner, D., et al., Alkoholfreies Benzyd­amin-Mundspülgel – Herstellung und klinische Empfehlungen bei oraler Mukositis, Krankenhauspharmazie 2008; 29(3): Seiten 90-96. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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