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Aphrodisiaka

Der Liebe auf die Sprünge helfen

28.10.2010
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Aphrodisiaka

Der Liebe auf die Sprünge helfen

Von Ernst-Albert Meyer / Die Lifestyle-Medikamente Viagra®, Cialis® oder Levitra® gegen erektile Dysfunktion sind moderne Nachfolger der Aphrodisiaka. Obwohl die meisten der traditionellen Mittel in klinischen Studien unwirksam waren, hat das ihrem Ruf nicht geschadet. Noch immer bieten unseriöse Hersteller vergleichbare Präparate an .

Der Versuch, mit Drogen, Getränken oder Speisen das Liebesverlangen zu stärken, ist so alt wie die Menschheit. Lange bevor Viagra & Co. den Markt beherrschten, war eine fast unüberschaubare Anzahl an Mitteln tierischer, pflanzlicher und mineralischer Herkunft als Aphrodisiaka in Gebrauch. Sie dienten unterschiedlichen Zwecken: Entweder versetzten sie die Opfer, meist Frauen, in einen halluzinogenen Zustand, der Hemmungen und Angstgefühle beseitigte.

So konnten Männer die Frauen wider­standslos sexuell missbrauchen und durch den Einfluss der Droge oft sogar die Erinnerung an das Geschehene verhin­dern. Oder die Aphrodisiaka dienten bevorzugt Männern zur Stärkung der sexuellen Potenz und Libido, denn die Impotenz des Mannes galt zu allen Zeiten als Schande. Wurde sie bekannt, war der Betreffende öffentlichem Spott preisge­geben. Kein Wunder, dass der Mann in der Hoffnung auf Hilfe alle erdenklichen Mittel ausprobierte. Beim erwachsenen Mann steuert das wichtigste männliche Sexual­hormon, das Testosteron, die Bildung und Reifung der Spermien in den Samenkanäl­chen der Hoden, Dihydrotestosteron fördert die Produktion der Prostata- und Samen­blasensekrete. Bei der Frau produzieren die Nebennierenrinden und die Eierstöcke ebenfalls Testosteron, allerdings in viel geringeren Mengen. Testosteron erhöht bei beiden Geschlechtern die Libido. Folgerichtig sollen Testosteron-Tabletten gegen sexuelle Störungen helfen.

 

Gele und Pflaster mit Testosteron

 

Der Internet-Handel mit diesen Präparaten hat in den letzten Jahren stark zugenommen, doch ist Testosteron nach oraler Aufnahme aufgrund des sofortigen Abbaus in der Leber (First-pass-Effekt) weitgehend unwirksam. Eine Alternative ist daher die transdermale Anwendung. Der Arzt kann inzwischen aus einer Reihe von Präparaten in Gel- oder Pflasterform auswählen und Patienten beider Geschlechter mit nachgewiesenem Testosteron-Mangel verordnen.

 

Für das Klimakterium virile, das bei Männern ab dem 40. Lebensjahr beginnt, sind ähnliche Symptome typisch wie für die Wechseljahre der Frau. Hinzu kommen Potenz- und Libido-Probleme. Werden diese durch einen erniedrigten Testosteron-Spiegel im Serum (unter 12 nmol/Liter) verursacht, ist eine Substitution sinnvoll (zum Beispiel mit Androtop®, Testogel®, Testopatch® für Männer oder Intrinsa® für Frauen mit beidseitiger Ovarektomie und Hysterektomie).

 

Bevor Forscher die Funktion des Testosterons erkannten, behalfen sich Männer und auch Frauen mit allem, was die Natur gegen ihr Problem bereitzuhalten schien. Der größte Teil der Aphrodisiaka bestand aus Stoffen, die vollkommen wirkungslos waren. Diese »magischen Liebesträncke« enthielten unter anderem männlichen Samen, Menstrualblut, Mäusedreck, Gehirn von Katze oder Esel, gepulverte Schamhaare oder Schweiß. Ein Gutachten der Leipziger Fakultät aus dem Jahre 1697 bescheinigte diesen »magischen Mitteln«, sie könnten die Liebe erzwingen.

 

Bereits sehr viel früher verurteilte der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. bis um 18 n. Chr.), der schon bei seinen Zeitgenossen als Fachmann in Liebesangelegenheiten galt, die Wirkungslosigkeit der magischen Mittel: »Wer seine Zuflucht nimmt zu thessalischem Zauber, der irrt sich .... Dauerhaft bleibt keine Liebe durch die Zauberkräuter Medeas, auch durch den Zauberspruch nicht, ...« Vor den Liebestränken warnte Ovid wegen der Vergiftungsgefahr: »Nutzlos sind für die Frau bleich machende Liebestränke. Liebestränke sind nur schädlich und treiben zur Wut.« Doch leider verhallten die Warnungen Ovids.

 

Lust am Rande des Todes

 

Viele berauschende und angeblich Potenz fördernde Aphrodisiaka forderten aufgrund der ungenauen Dosierung ihrer hochwirksamen Inhaltsstoffe und ihrer Toxizität zahlreiche Todesopfer. Meist gab »Mann« der Auserwählten, deren Liebe er gewinnen wollte, unbemerkt das Mittel ein. Dieses wurde in den Wein gemischt oder in Speisen versteckt. Mancher, der mit Speise oder Trank Liebe erringen wollte, wurde auf diese Weise zum Mörder.

 

Besonders gefährlich sind Potenz steigernde Aphrodisiaka, die Spanische Fliegen (Lytta vesicatoria oder Canthariden) enthalten. Diese Käfer leben im mittleren und südlichen Europa auf Bäumen und fallen wegen ihrer glänzend grünen, blau schillernden Farbe und ihres unangenehmen Geruchs auf. Spanische Fliegen enthalten zwischen 0,3 und 2,5 Prozent Cantharidin, ein Zellgift, mit dem sie Feinde abwehren. Auf der Haut erzeugt die Substanz Blasen und Entzündungen. Als Droge wurden die getrockneten Käfer verwendet. Eingenommen reizt das Cantharidin das Urogenitalsystem verbunden mit schmerzhafter Blasenentleerung und führt zu schweren Nierenschäden. Außerdem erweitert es die Gefäße und verstärkt damit die Durchblutung und Erregungsfähigkeit der Geschlechtsorgane, was seine häufige Verwendung in Aphrodisiaka erklärt. Für den Menschen liegt die letale Dosis nach peroraler Aufnahme bei etwa 0,5 Milligramm Cantharidin pro Kilogramm Körpergewicht. So mancher Mörder verabreichte seinem Opfer bewusst einen Canthariden-«Liebestrank«. Da zwischen der Einnahme und dem Tod durch Nierenversagen Wochen liegen, war der Täter dann oft schon über alle Berge.

In Deutschland sind Sexualtonika mit Canthariden verboten, im Ausland jedoch oft ohne Verschreibung erhältlich. Ob als Mitbringsel aus dem Urlaub oder per Internet erworben – die Gesundheitsrisiken sind erheblich.

 

Mit Alkaloiden auf Männerfang

 

Gebräuchliche Pflanzen für die Herstellung berauschender Liebestränke sind in der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae) zu finden. Besonders Stechapfel, Bilsenkraut, Tollkirsche und Alraune waren Bestandteile narkotisch wirkender Aphrodisiaka. Diese Pflanzen enthalten Tropan-Alkaloide mit parasympatholytischen Eigenschaften. Sie erregen das Zentralnervensystem und wirken halluzinogen.

 

Im Liebes- und Fruchtbarkeitszauber der alten Kulturen des Mittelmeerraumes und des Orients spielte die Alraune (Man-dragora officinarum) eine große Rolle. Ägypter, Juden und Perser schätzten ihre geheimnisvollen Zauberkräfte, um Liebe zu erwecken und die Unfruchtbarkeit zu heilen. Die Früchte des Stechapfels (Datura stramonium) fanden als weinhaltiger Auszug oder als Pulver Verwendung. Der Stechapfel, dessen betäubende Wirkung die der Alraune noch übertrifft, galt im Mittelalter als »teuflisches Mittel in den Händen von Bordellbesitzern, heruntergekommenen Dirnen, von Lüstlingen und frechen Mädchenverführern.« Und manche allein stehende Frau versuchte wegen des im Mittelalter herrschenden Männermangels, mit einem solchen Liebestrank einen Mann »einzufangen.«

 

Harmlos und bis heute populär sind die Liebesmittel aus der Volksmedizin: bestimmte Obst- und Gemüsearten, Pilze, Gewürze und tierische Produkte. Alte Kochbücher sind voll mit Hinweisen aus »Amors Küche«. Schon Ovid empfahl eine Kost aus Eiern, Zwiebeln, grünem Gemüse, Honig und Pinienkernen. Rhabarber fördere die Lüsternheit der Männer, heißt es in einem alten Kochbuch. Giacomo Casanova (1725 bis 1798) schwor auf eine Gulaschsuppe mit viel Paprika als Stärkungsmittel nach einer Liebesnacht.

 

Viele große Männer glaubten an die Potenz stärkende Wirkung von Sellerie. Vor ihren Schäferstündchen mit König Ludwig XV. versuchte sich Madame von Pompadour (1721 bis 1764) mit einer dreifachen Portion Vanille und Ambra in Schokolade, mit Trüffeln und Selleriesuppe in erotische Stimmung zu versetzen. Aber auch scharf gewürzte Ragouts aus Stier-, Hirsch- und Hengsthoden standen auf der Speisekarte dieser berühmten Mätresse.

 

Früher war Petersilie als Liebesmittel so beliebt, dass sogar die Straßen, in denen sich die Freudenhäuser befanden, die Bezeichnung »Petersiliengassen« erhielten. Den Kalmus (Acorus calamus) bezeichneten schon die Griechen und Römer als »Liebespflanze«. Im 16. Jahrhundert gelangte Acorus calamus vom Hof in Konstantinopel in die Gärten der Vornehmen und Reichen Mitteleuropas. Die aromatische Wurzel war damals ein begehrtes Aphrodisiakum und ein fürstliches Geschenk in Form von Liebestränken, -konfekt und -likören.

 

Teure Austern liefern Zink

 

Die Reichen und Mächtigen im alten Rom schlürften auf ihren Festen außerdem kostspielige Austern. Casanova soll jeden Morgen 50 Austern verspeist haben, und auch die französischen Könige verschlangen beim abendlichen Liebesmahl mit ihren Mätressen Unmengen dieser edlen Muscheln. Der Ruf der Austern ist nicht unbegründet, denn sie sind mit 50 Milligramm Zink-Ionen in 100 Gramm das zinkreichste Nahrungsmittel. Schon leichter Zinkmangel beeinträchtigt die Sexualfunktion des Mannes und die Fruchtbarkeit der Frau. Fehlt dem männlichen Organismus Zink, sinken der Testosteron-Spiegel im Blut, die Anzahl der Spermien, die Menge des Ejakulates, die Fertilität und die Potenz des Mannes.

 

Krankheiten, die zu Zink-Defiziten führen wie chronische Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, Lebererkrankungen und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, sind deshalb häufig mit sexuellen Störungen verbunden. In Studien mit männ-lichen Dialyse-Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz erwies sich die Zinksubstitution als gut wirksam. Rund 65 Prozent der Studienteilnehmer wiesen unter anderem erniedrigte Testosteron-Spiegel, verminderte Spermienzahl und verringerte Potenz und Libido auf. Sie erhielten mindestens 6 Monate lang Zink-Präparate peroral oder über das Dialysat. Danach hatten sich die Laborwerte normalisiert, und bei den Probanden verbesserten sich Libido und Potenz.

 

Aphrodisiaka aus der Apotheke

 

Die modernen »Aphrodisiaka« führt die Rote Liste in der Untergruppe der Urologika als »Mittel gegen erektile Dysfunktion«. Vertreter dieser Gruppe sind nur eine Hand voll Einzelstoffe: Alprostadil (Caverject®, Muse®, Viridal®), Sildenafil (Vigra®), Tadalafil (Cialis®), Vardenafil (Levitra®) und Yohimbinhydrochlorid (Yocon-Glenwood®, Yohimbin Spiegel®). Klinische Studien belegen die Wirksamkeit dieser verschreibungspflichtigen Arzneimittel. Allerdings müssen die Patienten die Kosten dieser Medikamente selbst tragen, weil die gesetzlichen Krankenkassen die sogenannten Lifestyle-Medikamente nach der Arzneimittelrichtlinie nicht erstatten dürfen.

 

Ohne ärztliche Verordnung können PTA und Apotheker die ebenfalls in der Roten Liste aufgeführten homöopathischen Präparate abgeben, zum Beispiel den homöopathischen Wirkstoff Damiana (Cefagil®) bei sexueller Schwäche. Damiana (Turnera diffusa) ist ein aromatisch duftender Strauch aus Mittel- und Südamerika. Ebenfalls gegen sexuelle Schwäche der Männer setzen Homöopathen Agnus castus ein. Das Mittel wird aus den Früchten des Mönchspfeffers oder Keuschlamms (Vitex agnus-castus) hergestellt. Acidum phosphoricum (Phosphorsäure) empfiehlt die Homöopathie bei geistiger, körperlicher und sexueller Schwäche und Erschöpfung. Eine gute Empfehlung in der Selbstmedikation ist die Kombination aus Acidum phosphoricum, Damiana und Agnus castus, die als Komplexmittel unter dem Namen Virilis-Gastreu® S R41 im Handel ist. Ebenfalls geeignet ist die Kombination aus Agnus castus und Pikrinsäure im homöopathischen Komplexmittel Viragil®/

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