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Allergien

Gezieltere Diagnostik

28.10.2010  14:56 Uhr

Allergien

Gezieltere Diagnostik

Von Gudrun Heyn, Davos / In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl allergiekranker Kinder und Jugendlicher Besorgnis erregend zugenommen. Über 40 Prozent der 3- und 17-Jährigen ist allergisch sensibilisiert, und jedes vierte Kind erkrankt an Heuschnupfen, allergischem Asthma oder Neurodermitis. Allergien bedeuten oft ein schweres Schicksal, denn sie verlaufen in der Regel chronisch. Um Betroffenen besser helfen zu können, wird im schweizerischen Davos die Forschung intensiv vorangetrieben.

Die Zentrale des neuen Forschungsnetzwerkes ist das Christine Kühne Center for Allergy Research and Education (CK-Care). »Wir wollen allergische Erkrankungen wie Asthma und Neurodermitis besser verstehen und Möglichkeiten finden, wie wir die Heilung der Patienten voranbringen können«, sagte Dr. Roger Lauener von der Hochgebirgsklinik Davos und Leiter von CK-Care auf einer Veranstaltung in Davos. Das Forschungsspektrum reicht daher von der Diagnose bis zur Rehabilitation. »Aber auch die Vorsorge gehört zu den Forschungsschwerpunkten«, betonte Lauener. So werden unter anderem Umweltfaktoren genauer untersucht, die Allergien hervorrufen aber auch vor ihnen schützen können. Zudem wollen die Forscher in Fortbildungen ihr Wissen an fachlich Interessierte und an Betroffene weitergeben.

Vor einem Jahr hat die Kühne-Stiftung das Forschungsnetzwerk mit einer Spende von 20 Millionen Franken ins Leben gerufen. In dem Netzwerk arbeiten derzeit das Schwei­zerische Institut für Allergie- und Asthma­forschung, die Universitäts-Kinderklinik Zürich, die Hochgebirgsklinik Davos sowie die Technische Universität München zu­sammen. Schon seit Jahren untersuchen die einzelnen Netzwerkpartner intensiv die Ursachen und die immunologischen Grundlagen allergischer Erkrankungen. Die Experten der Hochgebirgsklinik Davos bringen zudem die Erfahrung aus mehr als 100 Jahren Behandlung von Patienten mit Lungen- und Hauterkrankungen mit ein. CK-Care bietet allen Beteiligten einen idealen Rahmen, ihre Erkenntnisse auszutauschen und die Forschung weiter voranzutreiben.

 

Schutz beginnt bei Schwangeren

 

Die Allergologen stellen hohe Ansprüche an ihre Forschung. Die Ergebnisse sollen möglichst auf die tägliche Praxis übertragbar sein, also den Patienten direkt nutzen. Ein Projekt befasst sich daher mit der Frage, welche Umweltbedingungen Kinder vor einer Allergie schützen können. »Schon vor Jahren haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Schulkinder, die auf einem Bauernhof groß geworden sind, weniger unter allergischen Reaktionen leiden«, sagte Lauener. Doch bislang war nicht klar, wann genau der Schutz aufgebaut wird.

 

Jetzt können die Allergologen nachweisen, dass der Erwerb dieses Schutzes bereits während der Schwangerschaft der Mutter beginnt. In verschiedenen internationalen Studien werden dazu die Daten von jeweils 500 Schwangeren aus Deutschland, England, Frankreich, Österreich und der Schweiz gesammelt. Ein Teil der Frauen lebt auf einem Bauerhof, die anderen in einer mehr oder weniger ländlichen Umgebung. Rund sieben Jahre haben die Forscher die Frauen und ihre inzwischen sechs Jahre alten Kinder wissenschaftlich begleitet. Während dieser Zeit haben sie Genanalysen durchgeführt, Umweltfaktoren dokumentiert und regelmäßig Blutproben untersucht.

 

Die Federführung der Studien liegt in Davos. Noch sind sie nicht abgeschlossen. »Doch bereits heute können wir sagen, dass nicht die frühkindliche Stimulation mit Allergenen, sondern vor allem der Kontakt der Mutter mit Stalltieren die Kinder vor Neurodermitis schützt«, informierte Lauener. So reduzierte sich das Erkrankungsrisiko im ersten Lebensjahr von 12 auf 7 Prozent und im zweiten von 20 auf 14 Prozent. Außerdem wirkte sich positiv aus, wenn Katzen im Haushalt der Schwangeren lebten. Doch der Schutz kommt nur dann zustande, wenn das Kind bestimmte Gene besitzt, beispielsweise eine Variante des Toll-Like-Rezeptors 2. Alle anderen Kinder profitieren nicht von Katzen oder Kühen in der direkten Umgebung der Mutter. Der Allergieexperte rät Schwangeren daher abzuwarten. Noch reiche der Wissensstand nicht aus, um werdenden Müttern das »Schmusen« mit einer Katze zu empfehlen. Doch möglicherweise ist bald die Zeit vorbei, in der generell Familien mit ­Allergikern geraten wird, sämtliche Haustiere abzuschaffen und gar nicht erst ­anzuschaffen.

 

Präzise Diagnostik verbessert Therapie

 

»In der Medizin müssen wir lernen, die Vorsorge und auch die Behandlungen individuell an die Menschen anzupassen«, so Lauener. Einen wichtigen Beitrag dazu liefere die Forschung zur innovativen Diagnostik des CK-Care. In der Praxis sei bislang die Diagnostik oft noch sehr ungenau. Viele Allergologen und Dermatologen führen einen Haut-Provokationstest durch, indem sie Extrakte aus natürlichen Allergenquellen auf die Haut auftragen. Testen sie damit einen kleinen Heuschnupfen- oder Asthmapatienten, kann dieses Kind positiv auf eine Vielzahl von Naturstoffen ansprechen, zum Beispiel gleichzeitig auf Birken- und Erlenpollen, Hasel- und Erdnüsse sowie mehrere Obstsorten. Tatsächlich reagiert das Immunsystem jedoch nur auf wenige Moleküle mit der Bildung von Antikörpern.

»Mithilfe der komponentenbasierten Diag­nostik können wir diese Moleküle heute bestimmen«, informierte Lauener. Nur eine winzige Blutprobe ist dafür nötig. Die neue Methode mithilfe eines Mikrochips wurde im Wesentlichen von der Forschergruppe um Professor Dr. Johannes Ring an der TU München entwickelt. Mit ihrer Hilfe kann beispielsweise bei einem Patienten mit einer Birkenpollenallergie erkannt werden, ob er auf das Hauptallergen Bet v1 reagiert. Erst dann sei auch eine Immuntherapie sehr erfolgversprechend, so der Leiter von CK-Care.

 

Reagiert der Patient jedoch nur auf Nebenallergene, so sind die zu erwartenden Nebenwirkungen dieser Behandlung größer als der mögliche Erfolg. Außerdem können die Mediziner mit der neuen Methode eine Kreuzreaktion feststellen. So binden Antikörper gegen das Birkenpollenallergen Bet v1 auch an strukturell ähnliche Moleküle wie das Cor a1 in der Haselnuss. Daher reagieren die Patienten bei dem Hauttest ebenfalls positiv auf Haselnüsse, eine Desensibilisierung gegen Haselnüsse bliebe allerdings erfolglos.

 

Doch die neue Methodik verbessert nicht nur die Therapieentscheidung, auch können Patienten und Eltern betroffener Kinder sehr viel besser beraten werden. Der Facharzt kann nun genau bestimmen, ob beispielsweise Erdnüsse schwere Reaktionen hervorrufen und wann der Patient sie daher besser meidet. Mit einem Mikrochip gelingt die komponentenbasierte Diag­nostik schnell und unkompliziert. Dieser steht verschiedenen Unikliniken und der Hochgebirgsklinik Davos bereits zur Verfügung. /

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