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Influenza

Kinder unbedingt impfen lassen

28.10.2010  15:38 Uhr

Influenza

Kinder unbedingt impfen lassen

Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Zwei Altersgruppen liegen in der Krankenhaus-Statistik ganz vorn: Die Kleinsten und ältere Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen besonders häufig wegen Komplika­tionen infolge einer Influenza stationär behandelt werden.

Für Kinder bis zum Alter von sechs Jahren seien zwölf virale Infektionen pro Jahr vollkommen normal, sagte Dr. Lothar Maurer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Frankenthal, im Rahmen einer Pressekonferenz von Novartis Vaccines in Frankfurt am Main. Das Immunsystem von Kleinkindern ist gegen die Angriffe von Viren noch nicht ausreichend gewappnet. Je mehr Kontakte die Kleinen mit anderen Kindern haben, umso häufiger bekommen sie Schnupfen, Husten oder auch Durchfall.

Kinder sorgen dafür, dass sich Influenza­viren rasch ausbreiten, informierte der Facharzt weiter. Häufig gebe es vor der eigentlichen Grippewelle einen »Vorpeak«. Das sei der Zeitpunkt, an dem sich die ersten Klassenzimmer leeren, weil die Kinder die Grippe haben, so Maurer. »Zwei Wochen später kommt dann garantiert die Epidemie.«

 

Influenza verläuft bei Kindern anders als bei Erwachsenen. An Grippe erkrankte Kinder unter vier Jahren verweigern vor allem die Nahrung oder Getränke. Kommen Durchfall und Erbrechen hinzu, bringen die Eltern diese Symptome häufig zunächst gar nicht mit einer Influenza in Verbindung. Fieber und Schnupfen oder eine ­akute Bronchitis weisen hingegen eher darauf hin. Größere Kinder reagierten häufig nur mit Erkältungssymptomen, so der Kinderarzt.

 

Fast 85 Prozent der Kinder zeigen kaum typische Grippesymptome. Sie husten und niesen ein wenig und bleiben vielleicht ein, zwei Tage zu Hause. Dann besuchen sie wieder Schule, Kindergarten oder Hort. Da sie die Grippeviren jedoch länger ausscheiden als Erwachsene, auch dann noch, wenn sie selbst keine Krankheitszeichen mehr zeigen, verbreiten sie die Erreger äußerst effektiv. Kinder zu impfen, dämmt daher die Verbreitung der Grippe effizient ein.

 

Etwa bei 15 Prozent der Kinder verläuft eine Grippe-Infektion sehr schwer und führt zu Komplikationen. Diese Gruppe würde daher besonders von einer Impfung profitieren. »Von 100 000 Kindern unter fünf Jahren, die erkranken, landen circa 125 Kinder im Krankenhaus,« erklärte Maurer. Bei neueren, aggressiveren Virustypen gebe es regelmäßig Todesfälle, vor allem bei Kindern mit Herzfehlern oder Vorerkrankungen wie Asthma. Maurer geht dabei von einer hohen Dunkelziffer aus.

 

Einige Kinder erkranken sehr schwer

 

Auch wenn es nicht zum Schlimmsten kommt, ist mit Komplikationen zu rechnen, unter denen die Kinder teilweise lange zu leiden haben. Sehr häufig erkranken sie an einer Mittelohrentzündung, häufig an einer Lungenentzündung oder einer schweren Bronchitis. Seltener sind eine sehr schmerzhafte, häufig unbemerkte Muskelentzündung mit akutem Muskelzerfall, eine Herzmuskelentzündung oder eine Herzmuskelschwäche die Folge. »Je kleiner die Kinder sind, umso häufiger treten Komplikationen auf«, betonte Maurer. Aber auch gesunde Erwachsene seien dagegen nicht völlig gefeit. »Die Wahrscheinlichkeit einer schweren Komplikation ist weit höher als die eines Sechsers im Lotto«, betonte er.

Allerdings könne die Impfung nur etwa 50 Prozent der besonders gefährdeten Kinder unter fünf Jahren vor schweren Verläufen und Komplikationen schützen. Daher rät der Kinderarzt, die größeren Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen zu impfen, um die Jüngsten zu schützen. Für die Zukunft erhofft er sich Grippe-Impfstoffe, die spezieller auf verschiedene Altersgruppen zugeschnitten sind, wie es für Personen ab 65 Jahre heute schon der Fall ist (Fluad®). Auch auf die Erfahrungen mit Wirkverstärkern im Pandemieimpfstoff könne man bei der Entwicklung zurückgreifen.

 

Grippeviren befallen nicht nur die Epithelzellen des Lungen- und Bronchialgewebes, auch die Endothelzellen der Arterien gehören zu ihren Zielen. Die Influenzaviren dringen in die betreffenden Zellen ein und sorgen dafür, dass die Zellen die Virus-Erbinformation zunächst vermehren und dann freisetzen. Letztlich werden die Wirtszellen dabei zerstört. Über den Blutstrom können die Influenzaviren sich anschließend im Körper verteilen und so sämtliche Organe erreichen. »Die Grippe ist damit ein systemischer Infekt«, hob Dr. Peter Lehmann, Facharzt für Innere Medizin und Anästhesie, Gräfelfing, hervor.

 

Viren befallen die Gefäße

 

Das Herz- und Kreislauf-System nimmt dabei auf zwei Wegen Schaden – einem langsamen und einem schnellen. Beide verstärken sich gegenseitig. Zunächst die langsame Entwicklung: Ist das Herz-Kreislauf-System schon belastet, zum Beispiel durch Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder zu hohe Blutfettwerte, kommt es über einen längeren Zeitraum zur Schädigung der Gefäßinnenwand, des Endothels. Diese kleidet das Blutgefäß nicht nur aus, sondern sorgt im Bedarfsfall auch für die Freisetzung gefäßerweiternden Stickoxids (NO). Ein vorgeschädigtes Endothel verliert diese Fähigkeit mehr und mehr. Zudem bilden sich einerseits vermehrt Adhäsionsmoleküle, und andererseits steigt die Aktivität der Thrombozyten. Die Adhäsionsmoleküle sorgen dafür, dass Makrophagen in die Gefäßwand einwandern. Zusammen mit LDL entstehen Schaumzellen, vor allem werden jedoch Zytokine, Botenstoffe des  Entzündungsgeschehens, freigesetzt. Langsam aber zuverlässig schreitet die Schädigung von Herz und Gefäßen fort. Die Gefahr von Thrombenbildung und ­Plaqueruptur steigt. Dieser Prozess ist unabhängig von Influenzaviren.

 

Risiko für Herzinfarkt sinkt

 

Nun die schnelle Entwicklung: Haben sich Grippeviren an das Gefäß-Endothel angeheftet, treiben diese die weitere Schädigung von Herz und Gefäßen in rasanter Weise voran. Jetzt werden zusätzlich Entzündungsmediatoren freigesetzt, die sich im vorgeschädigten Gefäßsystem besonders fatal auswirken. Bei Patienten auf der Intensivstation habe er einen regelrechten »Zytokinsturm« beobachtet, berichtete Lehmann. Dass Influenza das Risiko für einen Myokardinfarkt um den Faktor fünf erhöht, wird vor dem Hintergrund dieser Abläufe nur zu verständlich. Auch werde deutlich, dass besonders Herz-Kreislauf-Patienten von einer Schutzimpfung profitieren. »Das Risiko für einen Herzinfarkt lässt sich durch eine Impfung um 50 Prozent senken«, sagte Lehmann.

Tierversuch belegt Immunsuppression

Warum es bei kleinen Kindern so ­häufig zu Komplikationen und ­Superinfektionen kommt, macht ein Tierversuch deutlich. Er zeigte, wie sehr Influenzaviren das Immunsystem schädigen und damit anderen Erregern Tür und Tor öffnen. Wissenschaftler infizierten gesunde Mäuse mit Pneumokokken, die Erreger der Lungenentzündung. Unbehandelt starben 10 bis 20 Prozent der Tiere. In einem zweiten Versuch haben sie die Mäuse zunächst mit Influenzaviren und nach einer Woche mit derselben Menge an Pneumokokken wie im ­ersten Durchlauf infiziert. Diesen ­Versuch überlebte keine Maus. 

Als beste Zeit für eine Impfung gelten die Monate Oktober und November. Angst vor einer Influenza muss zu dieser Zeit noch niemand haben. Die »echte« Grippe tritt hierzulande meist erst im Februar verstärkt auf. Bis dahin hat der Körper auch ausreichend Zeit, nach der Impfung den vollständigen Schutz aufzubauen. Durchschnittlich benötigt er dazu zwei Wochen. /

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